Sprengel Ostfriesland-Ems, KK Norden | Patrozinium: Bartholomäus | KO: Ostfriesische KO von 1716

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Orts- und Kirchengeschichte

Über die Gründung des Ortes liegen keine Nachrichten vor; jedenfalls ist die Siedlung vor der Jahrtausendwende entstanden. In der zweiten Hälfte des 14. Jh. ließ sich in Dornum das Häuptlingsgeschlecht Attena nieder und gründete die drei Burgen Norderburg, Osterburg und Westerburg. Alle drei gelangten im 15. Jh. in den Besitz der Familie Kankena. Zuletzt fiel 1481 die Westerburg gegen den Verzicht auf die Friedeburg an die Brüder Hero Mauritz und Hicko Mauritz Kankena, denen zugleich durch die Gfn. Theda von Ostfriesland die Herrlichkeit Dornum mit den Ksp. Dornum und Resterhafe verliehen wurde. Die Norderburg, die 1554 im Erbgang in den Besitz der von Closter kam, wurde später Hauptsitz und durch den Landdrosten Haro Joachim von Closter zum Schloss ausgebaut. Nach dem Tod des Haro Joachim von Closter (1728) war das Gut im Besitz verschiedener Familien, bis 1798 der Gf. Schönburg, dann des Geheimen Kriegsrats Peter Friedrich Hoffbauer in Minden. Er verkaufte die Herrlichkeit Dornum 1821 an den hannoverschen Minister Ernst Herbert Gf. zu Münster.1 Bereits 1817 war sie der Jurisdiktion des Amts Berum unterstellt worden. 1859 wurde sie dem Amt einverleibt (ab 1869 Amt Norden). Das Gut wurde in den 1930er Jahren aufgeteilt.

Kirche, Ansicht von Südwesten, Foto: Effner, Dornum, vor 1957

Kirche, Ansicht von Südwesten, Foto: Effner, Dornum, vor 1957

Die an der Südseite des historischen Ortskerns gelegene Kirche, entstanden als Tochterkirche von Resterhafe2, stammt aus der zweiten Hälfte des 13. Jh. Um 1420 wird sie im Bremer Dekanatsverzeichnis (Stader Copiar) mit Dornum VIII grossos erstmals erwähnt.3 Sie unterstand der Sendgerichtsbarkeit der Kirche in Ochtersum. Möglicherweise wurde sie gegründet, als die Mutterkirche in Resterhafe einem der Klöster inkorporiert wurde. Bereits 1392/94 ist Petrus de Schada plebanus in Dornheiym in der Erfurter Universitätsmatrikel nachgewiesen. Der humanistische, gebildete Ulrich von Dornum († 1536), ein Sohn des Häuptlings Sibet Attena, wandte sich schon 1519 der reformatorischen Bewegung zu (zunächst unter dem Einfluss der Wittenberger Reformation) und organisierte 1526 das Oldersumer Religionsgespräch. Nach 1529 tendierte er zunehmend zu calvinistischen Ideen. Nach Angaben des Kirchenbuchs wurde 1534 Lambertus Vitingk erster luth. Oberprediger. Bemerkenswert ist unter den P. der Pietist Andreas Achilles, der, an der Universität Leipzig mit Lehr- und Predigtverbot belegt, nach kurzzeitiger Tätigkeit als Pfarrer in Halberstadt 1695 nach Dornum berufen wurde. Auf seinen Wunsch hin erhielt er 1703 seinen Abschied und zog sich in das Waisenhaus in Halle zurück, wo er 1721 starb.4 In seiner Dornumer Zeit veröffentlichte er die Betrachtungen von der Gnade Gottes durch den Glauben (Halle 1701). Auch zwei spätere P. der Gemeinde sind als Autoren theologischer Schriften hervorgetreten: Egidius Conrad Vieth (amt. ab 1796 als zweiter P., 1803–1811 als erster P.) veröffentlichte eine Lebensgeschichte des heilige Bonifatius (1804); Rudolf Christian Gittermann (amt. 1813/17–1825) gab eine Predigtsammlung, ein Buch über die Gleichnisse Jesu (1803), eine Kurze Erdbeschreibung von Deutschland (1817) sowie eine Kleine Geschichte von Ostfriesland für die Schule und das Haus (1823) heraus.5
Während der NS-Zeit stand ein Teil des KV der DC-Bewegung nahe und unterstützte deren besondere GD-Veranstaltungen.6 Trotz Zuzugs von kath. Heimatvertriebenen und dem Ausbau der ehemaligen Volksschule zu einer kath. Kapelle (1950) blieb die ländlich strukturierte Gemeinde auch nach dem Zweiten Weltkrieg von einer großen konfessionellen Geschlossenheit mit einem Anteil von 95 Prozent Lutheranern noch Anfang der 1990er Jahre. Die Gemeindearbeit wurde 1964 durch die Gründung eines Kirchenchors belebt. Seit 1981 besteht auch ein Posaunenchor. Die Trägerschaft über den gemeindeeigenen KiGa wurde 2010 von der KG an das Diakonische Werk des KK Norden abgegeben.

Kirche, Ansicht von Nordosten, 1948

Kirche, Ansicht von Nordosten, 1948

Historisch bedeutend ist das wohl schon Ende des 15. Jh. errichtete, denkmalgeschützte Pfarrhaus I (sogenannte Alte Pastorei), das früher vermutlich zu einem Dornumer Vorwerk gehörte und als sogenanntes Steinhaus des ehemaligen Klosterguts diente. Es wurde Ende des 19. Jh. um einen Konfirmandensaal erweitert, seit den 1960er Jahren nur noch als Gemeindehaus genutzt und ab 1985 saniert. Das zweite Pfarrhaus aus dem 17. Jh. wurde bei Aufhebung der zweiten Pfarre 1888 in ein Pfarrwitwenhaus umgewandelt, zuletzt als Küsterwohnung genutzt und in den 1960er Jahren abgebrochen. Um 1965 entstand ein Pfarrhaus-Neubau.
Schon in der zweiten Hälfte des 19. Jh. gab es mehrfach Bemühungen um eine Vereinigung der Pfarre in Dornum mit der wiederholt vakanten Pfarrstelle des benachbarten Resterhafe, die gleichfalls der Herrlichkeit Dornum unterstand.7 Seit dem 1. Januar 1973 sind beide pfarramtlich verbunden.8

Pfarrstellen

I: Vorref. – II: 1554, ab 1875 dauervakant, 1. Januar 1888 aufgehoben.

Umfang

Der Flecken Dornum, die Dörfer Dornumergrode, Dornumersiel sowie Groß und Klein Kiphausen.

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat des bremischen Domscholasters (Sedes Westochtersum). – Die Herrlichkeit Dornum wurde 1617 bzw. 1631 dem luth. Coetus in Norden zugewiesen und unterstand ab 1643 unmittelbar dem luth. Konsistorium in Aurich. Nach der Insp.-Ordnung von 1766 war Dornum zunächst nicht in das System der Insp. einbezogen, wurde aber 1869 mit der 3. luth. Insp. zu einer Bezirkssynode verbunden. Mit der neuen Kirchenverfassung wurden die Herrlichkeiten aufgehoben und Dornum mit dem 1. April 1925 in den 3. luth. KK (Norden) eingegliedert.9

Patronat

Erste Pfarrstelle: Die Besitzer der Herrlichkeit Dornum, Familien Attena (1350–1420), Kankena (1420–1554), von Closter (1554–1728), von Wallbrunn (1728–1752), von Üxkyll-Gyllenband (1752–1792), Gf. von Schönburg (1792–1795), Hoffbauer (1795–1821), Gf. und Fürsten von Münster-Derneburg (ab 1821). Das Patronat ist wohl mit der Aufsiedelung des Guts erloschen.

Kirchenbau

Backsteinsaalkirche auf Bruchsteinfundament (1270/90) mit geradem Ostschluss, errichtet auf einer Kirchenwarft. Das Schiff wurde um 1750 um ein Joch verkürzt. Im Westen entstand zugleich ein Vorbau, der früher als Leichenhalle diente. Innen ersetzt ein hölzernes Tonnengewölbe das ursprünglich dreijochige Rippengewölbe. Zweigeschossige Emporen an der Westseite (Orgel) und Nordseite (mit Herrschaftsprieche des Häuptlingsgeschlechts Closter-Kankena, vor 1700). Renovierung der Kirche 1957–59 und 1992–95. Bei der letzten größeren Renovierung wurde 1995 der Haupteingang von der Nordseite in den Westen verlegt.

Grablege

Unter der Kirche befinden sich mehrere ein- und mehrstellige Grüfte des 16.–18. Jh. Die letzte Beisetzung war die des Haro Joachim von Closter, † 1728). Die Grüfte wurden im Zweiten Weltkrieg vorübergehen beräumt und als Luftschutzkeller genutzt. Beim Rücktransport nach dem Krieg wurden die Särge teilweise beschädigt. Zu weiteren Schäden kam es beim Einbau einer Heizungsanlage in den 1970er Jahren. 2010–12 wurden Gruftanlage und Särge saniert.

Turm

Dachreiter auf dem östlichen Dachfirst des Kirchenschiffs. Freistehendes Glockenhaus im Norden der Kirche, errichtet Ende des 13. Jh. An dessen Westseite befindet sich ein Denkmal für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs (eingeweiht 30. August 1959) nach Entwurf von Regierungsbaudirektor Müller-Stüler (Dortmund).

Ausstattung

Dreigeschossiger, barocker Altar der Bildhauerfamilie Cröpelin aus Esens, Stiftung von Haro Joachim von Closter, dem letzten männlichen Vertreter seines Geschlechts (1683, der vorherige Altar kam in die Kirche zu Roggenstede). Auf der Predella die Einsetzung des Abendmahls; im Hauptbild die Kreuzigung (zeitgenössische Kopie eines Bildes von Anthonys van Dyck), darüber die Auferstehung, ganz oben in einem ovalen Medaillon Christi Himmelfahrt. Die beiden oberen Bilder werden von Figuren der vier Evangelisten flankiert. Bekrönt wird der Altar durch das Wappen der von Kankena-Closter. – Frühbarocke Kanzel (um 1660). Auf den Kanzelfeldern die vier Evangelisten und Paulus. Weitere Apostelfiguren (Petrus, Andreas und Johannes) auf der Pforte zum Kanzelaufgang und auf dem prunkvollen Schalldeckel (Thomas, Jakobus der Jüngere, Judas Thaddäus, Philippus, Bartholomäus, Jakobus der Ältere, Simon Zelotes, Matthäus). In der Mitte des Schalldeckels pyramidenförmige Bekrönung aus Knorpelwerk mit den Wappen der von Kankena-Closter und von Fränking. Die Kanzel wurde ebenfalls durch die Bildhauer Cröpelin (Vater und Sohn) in Esens geschaffen und von Gerhard III. von Closter (1625–1678) und seiner Frau Dorothea Magdalene, geb. von Fränking gestiftet. – Gotische Sandsteintaufe westfälischen Typus, entstanden um 1270/80. Messing-Taufschale 1967 von Friedrich Marby (Hannover). – In der Kirche befinden sich die Grabdenkmäler des Häuptlings Gerhard II. von Closter († 1594, früher im Chor, 1995 an den jetzigen Standort verlegt) des Hicko von Dornum († 1554)10 und des Hero Closter zu Dornum und Petkum († 1568).11 Weitere Grabdenkmäler, v. a. der Familien von Closter und Kankena, im Vorraum der Kirche.

Orgel

Eine Orgel kam um 1530 aus dem aufgelösten Benediktinerkloster Marienkamp nach Dornum und wurde an der Südseite der Kirche aufgestellt.12 Von diesem Instrument sind sechs Reg. erhalten. Aufgrund fehlender Quellen ist die weitere Entwicklung unklar. 1701/11 nahm Gerhard von Holy (Aurich) mit älterem Material einen Um- bzw. Neubau vor; 32 III/P (HW, BW, RP), mechanische Traktur, Schleifladen. 1764 Reparatur durch Hinrich Just Müller (Wittmund). 1836 Erneuerung der Klaviaturen durch Johann Gottfried Rohlfs (Esens). 1883/84 Änderung der Disposition durch Johann Dipenbrock (Norden). 1917 Ablieferung der Prospektpfeifen (1932 ersetzt). 1937 Restaurierung und Wiederherstellung der früheren Disposition durch die Firma Emil Hammer (Hannover). 1999 erneute Restaurierung durch Jürgen Ahrend (Leer-Loga). Die Orgel in Dornum ist die zweitgrößte historische Orgel Ostfrieslands und eine der größten Dorforgeln Norddeutschlands. Seit 1952 unter Denkmalschutz.13

Geläut

Drei LG, I: d’ (Bronze, Gj. 1647, Claudius Voillo aus Lothringen); II: f’ (Johanna, Bronze, um 1200, gilt als älteste Glocke Ostfrieslands); III: a’ (Bronze, um 1300). Unter denkmalpflegerischen und klanglichen Aspekten gilt das Gesamtgeläut als besonders wertvoll.

Friedhof

Bei der Kirche. Eigentum der KG.

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 5 Nr. 733–734 (Spec. Landeskons.); A 6 Nr. 1770–1774 (Pfarrbestallungsakten); A 8 (CB); A 12 d (GSuptur. Aurich); D 82 (EphA Norden).

Literatur

A: Diederichs-Gottschalk, Schriftaltäre, S. 108–127; Kaufmann, Orgeln Ostfrieslands, S. 91–93; Meinz, Sakralbau Ostfriesland, S. 125 f.; Mithoff, Kunstdenkmale VII, S. 50–54; Müller-Jürgens, Vasa sacra, S. 54 f.; Vogel u. a., Orgeln Niedersachsen, S. 196 f.
B: 750 Jahre alte Herrlichkeit Dornum, o. O. [1952]; Walter Kaufmann: Die Orgel zu Dornum und ihr Erbauer, in: Ostfriesland. Zeitschrift der Ostfriesischen Landschaft und der Heimatvereine 1/1953, S. 19–21; Paul Otten: Die Bartholomäuskirche zu Dornum, [München/Berlin 1968]; Paul Otten: Dornum in Vergangenheit und Gegenwart, Norden 1989; Hermann Rector: Die Kirchen von Dornum und Resterhafe, [München, Berlin o. O.]; Regina Ströbl, Dana Vick und Andreas Ströbl: Die Häuptlingsgruft in Dornum oder Wer hat in Dornum die Burgen gebaut?, in: Archäologie in Niedersachsen 16 (2013), S. 123–126; Karl-Heinz Wiechers: Verkauf der Herrlichkeit Dornum an den Grafen zu Münster, in: Ostfreesland. Kalender für Ostfriesland 1996, S. 233–240.


Fußnoten

  1. Wiechers, S. 233–240.
  2. Salomon, Geschichte Harlingerland, S. 36.
  3. Hodenberg, Stader Copiar, S. 53.
  4. Reershemius, Predigerdenkmal, S. 240.
  5. Reershemius, Predigerdenkmal Nachtrag, S. 18 f.
  6. LkAH, L 5i, Nr. 12 (Bericht über die Kirchenvisitation vom 14.06.1936).
  7. LkAH, D 82, Spec. Dornum Fasz. 1/1.
  8. KABl. 1973, S. 10.
  9. KABl. 1925, S. 28.
  10. Stracke, Bildnisgrabmale, S. 56.
  11. Stracke, Bildnisgrabmale, S. 78.
  12. Vogel u. a., Orgeln Niedersachsen, S. 196; Kaufmann, S. 19.
  13. KABl. 1952, S. 160; LkAH, B 1 A, Nr. 4587 (Verzeichnis der Denkmalsorgeln der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers, Stand 01.10.1958).