Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Holzminden-Bodenwerder | Patrozinium: Maria, Gangolf | KO: Braunschweigische KO von 1709

Orts- und Kirchengeschichte

1082 übergab Hzg. Otto von Northeim dem von ihm gegründeten Benediktinerkloster St. Blasii in Northeim ein Landgut in loco qui Amelungesbrunnen dicitur, das zwischen 1103 und 1107 im Tausch gegen eine Hufe in Bovenden wieder in den Besitz seines Sohnes Siegfried III. von Boyneburg kam. Dessen Sohn Siegfried I. von Boyneburg/Homburg († 1144 als letzter männlicher Nachkomme der Northeimer Gf.) stiftete um 1129 das Kloster Amelungsborn, das 1135 durch Mönche aus dem niederrheinischen Kloster Altenkamp besiedelt wurde und durch seine Filiationsgründungen eine erhebliche Bedeutung für die deutsche Ostkolonisation erlangte. Um 1145 wurde die Klosterkirche geweiht. Ende des 13. Jh. lebten in Amelungsborn rund 140 Mönche und Laienbrüder. Schon in vorref. Zeit wurden die Pfarrkirchen von Golmbach und Stadtoldendorf dem Kloster inkorporiert.

Kloster, Ansicht von Norden, 1652, Merian

Kloster, Ansicht von Norden, 1652, Merian

Durch die Visitatoren des Schmalkaldischen Bundes wurde im Oktober 1542 der Konventual und Kellermeister Heinrich Hartmann (später P. in Stadtoldendorf) als luth. Klosterprediger installiert.1 Zu diesem Zeitpunkt hielten sich noch zwölf Mönche und drei Laienbrüder dort auf. Die Reformation wurde aber erst 1568 unter Hzg. Julius endgültig bestätigt. Erster ev. Abt war Andreas Steinhauer (1555 zum Abt gewählt, † 1588), unter dessen Leitung das Kloster mit einer Lateinschule verbunden wurde. Der jeweilige Prior wurde Direktor der Schule, die Lehrer waren Konventualen. Die für das Kloster zuständige Pfarrstelle befand sich im Klosterdorf Negenborn. Abt und Konvent des Klosters wurden dort an der Präsentation eines neuen Pfarrers beteiligt.2
Mit Erlass der Klosterordnung von 1655 wurde der jeweilige GSup. des braunschweigischen Weserdistrikts in Holzminden zum Abt des Klosters ernannt. 1760 wurde die Klosterschule mit der Stadtschule in Holzminden vereinigt, deren Direktor den Titel eines Priors von Amelungsborn erhielt. Die Abtswürde wurde jeweils an einen höheren Geistlichen verliehen. Der korporative Charakter des Klosters war um 1810 erloschen, wenn gleich die Abtswürde als Ehrentitel für hochrangige Geistliche weiter Bestand hatte. Da das Besetzungsrecht zwischen der Staatsregierung und der braunschweigischen Landeskirche umstritten war, blieb der Abtsstuhl ab 1912 vakant. Durch den Gebietstausch infolge des Salzgitter-Gesetzes wurde Amelungsborn mit dem 1. Oktober 1942 in die hannoversche Landeskirche umgegliedert. Der Loccumer Vertrag (1955) regelte die Kompetenzfragen zwischen Staat und Kirche und ermöglichte die Verleihung der Abtswürde an Oberlandeskirchenrat Christhard Mahrenholz, der einen neuen Konvent berief und die Familiaritas als Laienbruderschaft begründete.

Kirche, Ansicht von Nordosten, 1983

Kirche, Ansicht von Nordosten, 1983

Amelungsborn war seit der Reformation Pfarrsitz mit Filial in Negenborn und dem dorthin eingepfarrten Holenberg. 1583 wurde der Sitz nach Negenborn verlegt und dort ein Pfarrhaus errichtet.3 Eine eigene KG entstand in Amelungsborn erst wieder am 1. Januar 2006 durch die Vereinigung der ehemaligen Kirchen- und Patronatsgemeinden des Klosters, Negenborn und Golmbach, mit den aufgehobenen früher zu Golmbach gehörigen KapGb Lütgenade und Reileifzen zur neuen KG Amelungsborn.4 GD finden im Sommer in der Klosterkirche in Amelungsborn, im Winter in der St.-Gangolf-Kirche in Golmbach statt. – Eine Partnerschaft besteht mit der luth. KG in Pinki/Lettland.

Umfang

Die Ortschaften Negenborn, Holenberg, Golmbach, Warbsen, Lütgenade, und Reileifzen.

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Wallensen der Diözese Hildesheim. – Nach der Reformation blieb das Kloster mit seinen Außendörfern Negenborn und Holenberg zunächst außerhalb der Insp.-Ordnung und wurde unmittelbar dem GSup. in Holzminden unterstellt. 1837 wurde die Klosterpfarre Negenborn in die Insp. Bevern eingegliedert, die 1881 mit der Stadt-Suptur. Holzminden-Bevern vereinigt wurde; später nur noch Insp. (1924: KK) Holzminden (ab 1. Januar 1999 KK Holzminden-Bodenwerder, zu dem seit ihrer Neuerrichtung 2006 auch die KG Amelungsborn gehört).

Kirchenbau
Kirche, Grundriss, 1907

Kirche, Grundriss, 1907

Dreischiffige flachgedeckte Basilika mit Querhaus und ursprünglich dreiapsidalem Chor (1144/58). Zwischen 1355 und 1363 Neubau des gotischen Umgangschors mit geradem Ostschluss; zugleich Erhöhung und Einwölbung des Querhauses. 1717 Umbau der Westfront. 1849 Erneuerung des südlichen Seitenschiffs und Einbau einer romanisierten Orgelempore. Weite Teile der Kirche wurden am 8. Mai 1945 zerstört. Wiederaufbau 1954/59.

Fenster

Das ehemalige Ostfenster (um 1360, Teil eines ursprünglich zwölfteiligen Zyklus) mit Szenen aus dem Marienleben und dem Leben Jesu wurde 1945 zerstört. Von einem Fenster mit der Wurzel Jesse (ursprünglich im nördlichen Querhaus, um 1360) wurden 1838 Reste zur Sicherung vor Zerstörung ausgebaut und in das herzogliche Schloss in Blankenburg verbracht, kamen von dort 1945 auf die Marienburg und wurden vom Haus Hannover dem Kloster zurückgegeben (seit 1966 im rechten Seitenfenster des Chorraums). 1958 erhielt die Kirche ein neues Ostfenster von Werner Brenneisen (Hannover) mit der Lebensgeschichte Jesu in 48 Bildern.

Turm

Auf der Vierung ein mehrfach erneuerter, zuletzt barocker Dachreiter (1684) mit Kupferverkleidung, der 2007 wegen Bauschäden abgetragen wurde. Neubauaufbau der Turmspitze im Februar 2016.

Grablege

Die Kirche diente lange Zeit als Grablege für Ordensangehörige und weltliche Personen. Beigesetzt wurde dort u. a. Rikeza, Schwester des Piastenherzogs Boleslaw des Langen (in erster Ehe verheiratet mit Kg. Alfons VII. von Kastilien, in zweiter Ehe mit dem Gf. Albert II. von Everstein, † 1182).5
Siehe auch die Kirche bzw. Kapelle in Negenborn, Golmbach, Lütgenade und Reileifzen.

Ausstattung

Zwei schlichte Blockaltäre in Schiff und Chor. Der ehemalige barocke Hochaltar von 1724 (Stiftung des Hzg. von Braunschweig) wurde um 1835 abgebaut und kam als Leihgabe in die Franziskanerkirche in Vechta. – Achteckige, kelchförmige Sandsteintaufe im Renaissancestil (1592).6 – Dreisitziger Levitenstuhl aus rotem Solling-Sandstein für Priester, Diakon und Subdiakon (zweite Hälfte 14. Jh.). – Mehrere Grabmäler, u. a. Tumba des Gf. Hermann von Everstein († 1350) und seiner Frau Adelheid zur Lippe im südlichen Chorseitenschiff; Grabplatte für Abt Andreas Steinhower im südlichen Seitenschiff.

Orgel, nach 1970

Orgel, nach 1970

Orgel

1970 Neubau durch die Berliner Orgelbauwerkstatt Karl Schuke, 23 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen.

Geläut

Drei LG, I: es (Marienglocke, Bronze, Gj. 1962, Friedrich Wilhelm Schilling, Heidelberg); II: f (Johannesglocke, Bronze, Friedrich Wilhelm Schilling, Heidelberg), III: (Michaelisglocke, Bronze, Gj. 1970, Friedrich Wilhelm Schilling, Heidelberg). – Früherer Bestand: Über das vorref. Geläut liegen keine näheren Angaben vor. Vermutlich wurde eine ältere Glocke 1680 bei einem Brand des Dachreiters beschädigt. 1706 und 1722 lieferte Christian Ludwig Meyer (Braunschweig) zwei neue LG7, die möglicherweise während der französischen Okkupation nach 1806 verloren gingen. Eine 1840 neu gegossene LG wurde 1917 zu Rüstungszwecken abgegeben, eine zweite von 1868 wurde 1945 beschädigt und 1963 durch das jetzige Geläut von Friedrich Wilhelm Schilling ersetzt.8

Friedhof

An der Warbsener Straße in Golmbach (Eigentum der KG). Der Klosterfriedhof in Amelungsborn ist Eigentum des Klosters Amelungsborn.

Landeskirchliches Archiv Hannover

D 11 (Kloster Amelungsborn).

Literatur

A: Steinacker, BKD Kr. Holzminden, S. 110-148; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 131-133; Heutger, Konvente, S. 73-77; Kleinau, Ortsverzeichnis Land Braunschweig I, S. 21.
B: Herbert Caspers: Amelungsborn. Die baugeschichtliche Entwicklung der zisterziensischen Klosterkirche unter besonderer Berücksichtigung des romanischen Chores (Diss.), Hannover 1985; Nicolaus C. Heutger: zisterziensischen Ordensgeschichte, Hildesheim 1968; Nicolaus C. Heutger: 850 Jahre Kloster Amelungsborn, in: Berthold Ostermann und Dieter Schrader (Hg.): Beiträge aus dem Kloster Amelungsborn, [Amelungsborn 1985], S. 69-76; Nicolaus C. Heutger.: Das Kloster Amelungsborn: Werden – Wachsen – Wirken, [Hannover 2000]; Christhard Mahrenholz: Das Kloster Amelungsborn im Spiegel der niedersächsischen Kirchengeschichte, in: JGNK 62 (1964), S. 5-28; Herbert Wenckenbach: Der Wiederaufbau der Klosterkirche nach der Zerstörung im April 1945, in: Berthold Ostermann und Dieter Schrader (Hg.): Beiträge aus dem Kloster Amelungsborn, [Amelungsborn 1985], S. 81-90.


Fußnoten

  1. Kayser, Kirchenvisitationen, S. 45-48.
  2. LkAH, N 48 II, Nr. 741 (Vermerk des Altabts C. Mahrenholz, 27.05.1979).
  3. Kleinau, Ortsverzeichnis Land Braunschweig I, S. 21.
  4. KABl. 2006, S. 9 f.
  5. Heutger, Kloster Amelungsborn, S. 80.
  6. Mathies, Taufbecken, S. 113.
  7. Pfeifer, Glockengießergeschlechter, S. 64 F.
  8. LkAH, N 48 II, Nr. 575.