Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Göttingen | Patrozinium: Martin von Tours | KO: Calenberger KO von 1569

Orts- und Kirchengeschichte

Der Flecken Adelebsen wird als Etheleueshuson in einer Urkunde Ottos III. vom 10. August 990 über eine Schenkung an seine Schwester Sophia als designierte Äbtissin des Reichsstifts Gandersheim erstmals genannt.1 Um 1230 übersiedelten die Herren von Wibbecke nach dort und nannten sich seit 1233 von Adelebsen. Durch Dreiteilung des Besitzes entstand 1436 eine Ganerbenburg (bis 1751). Die Siedlung entwickelte sich im 13./14. Jh. zum Flecken, dem 1394 das Weichbildsrecht bestätigt wurde. Die Herren von Adelebsen blieben zunächst weitgehend unabhängig von einer übergeordneten Landesherrschaft, wurden jedoch 1347 durch die Welfen mit dem Gericht to deme assche (für die Ortschaften Barterode, Güntersen, Eberhausen sowie die später wüst gefallenen Dörfer Bernhereshusun und Thetingehusen) belehnt. Ihren Eigenbesitz trugen sie 1449 den Lgf. von Hessen auf. Doch fiel auch hier die Lehnshoheit 1503 den Welfen (Fsm. Braunschweig) zu. Die Gerichtsbarkeit lag bis ins 19. Jh. bei den adeligen Grundherren. Mit der Aufhebung der Patrimonialgerichtsbarkeit 1852 wurde Adelebsen Sitz eines Amtes, das 1859 aufgelöst und auf die Ämter Göttingen, Müden und Uslar aufgeteilt wurde.

Kirche, Ansicht von Südwesten

Kirche, Ansicht von Südwesten

Ob am Ort vor dem Bau der Burg im 13. Jh. bereits eine Kapelle oder Kirche bestand, ist unklar. Es ist jedoch anzunehmen, dass die Kirche, für die 1262 erstmals ein plebanus belegt ist2, eine Gründung der Herren von Wibbecke/Adelebsen war. Ihre Lage außerhalb des historischen Ortskerns auf halber Höhe des Burgbergs verweist auf enge Beziehungen zur Burg. Als Geistliche erscheinen 1271 Henricus plebanus de Adeluessen3, 1314 Hermannus plebanus in Adoleveszen4 und 1334/37 her Cort de kerchern to Adeleuessen.5 Unter dem Grundvermögen der Kirche war ein Meiergut zu fünf Hufen in Barterode (Lehen der Mainzer Kirche) der Hauptbesitz. Weitere Stiftungen sorgten im Laufe des 15. Jh. für eine wesentliche Vermehrung des Kirchenvermögens, so dass die Gemeinde außer dem Pfarrer (Kirchherrn) noch sechs weitere Geistliche unterhalten konnte. Conrad Kornegel († vor 1458) war 1419 mit dem Heilig-Geist-Altar in der Pfarrkirche von Adelebsen belehnt.6 1437 stifteten Albrecht von Bernßen, ein Verwandter der von Adelebsen, und seine Frau Alheit eine Frühmesse in der Kirche zu Adelebsen, die den Kaplanen Kornegel und Johann von dem Garden übertragen wurde.7 1438 schenkten beide mit Zustimmung der von Adelebsen als Patronatsherren dem Frühmessenaltar den Zehnten zu Wibbecke als Seelgerät.8 Neben den beiden Frühmessenkaplanen versahen drei Vikare für die Altäre der Heiligen Katharina, Petrus und Antonius ihren Dienst in der Kirche. Zudem unterstand der Parochie in Adelebsen der Inhaber der Kapellenpfründe in Reindeshagen (Liebfrauen-Kapelle, 1455 erstmals erwähnt, heute Ruine). Am 10. März 1477 gab der Knappe Bertold von Adelebsen bekannt, dass er Hermann Rosener, Pfarrer in Adelebsen, wiederkäuflich eine Rente verkauft habe.9 Rosener/Rösener († 1502) wird im Kopialbuch des Georgs-Kalands zu Göttingen noch im Juni 1485 als Inhaber der Pfarrpfründe zu Adelebsen erwähnt.10 Für das späte 15. Jh. ist der Adelebser Kaland nachgewiesen, der wohl nach Einführung der Reformation aufgehoben wurde. Seine Entstehung hängt möglicherweise mit den durch den Pfarrer und die fünf Messpriester in der Pfarrkirche gefeierten Memorien zu den Neumondterminen zusammen.
Beim Ausgang des Mittelalters umfasste die Parochie etwa 400 bis 450 Glieder, deren soziale Zusammensetzung – bedingt durch die Stellung von Adelebsen als größerer Adelssitz sowie administratives und wirtschaftliches Zentrum – eher städtischen Charakter hatte. Die Reformation hielt erst um 1550 Einzug. Die Haltung Bodos VI. von Adelebsen (1519-1580), der als Statthalter und enger Berater Erich II. von Calenberg nahe stand, war wohl zunächst eher abwartend. Noch 1542 verweigerten die Adelebser der Visitationskommission ihre Unterstützung. Einen sicheren Beleg für die Hinwendung der Gemeinde zum luth. Bekenntnis findet sich erst 1564 als Hans, Bodo, Crain und Greif Ahrend von Adelebsen den Prediger M. Jeremias Meyer mit der zuvor vakanten Pfarre in Adelebsen belehnten.11 Letztendlich wurde die Reformation im Ort aber von den Burgherren vorangetrieben und durchgesetzt. Zu einer Auseinandersetzung mit den Patronatsherren kam es 1646 wegen der Verweigerung der Vorlage der Kirchenrechnungen bei der Visitation durch GSup. Justus Gisenius. Hintergrund war vermutlich die Entziehung von Kirchenland durch die von Adelebsen. Durch landesherrliche Vermittlung wurde der Konflikt beigelegt und 1652 eine erneute Visitation durchgeführt. Auch im 18. Jh. kam es wiederholt zu Differenzen zwischen KG und Gut um Landbesitz und andere Gerechtigkeiten. Ein Pfarrwittum wurde erst nach 1707 errichtet.

Kirche, Blick zum Altar, um 1953

Kirche, Blick zum Altar, um 1953

Haupterwerb in der Gemeinde war noch bis ins 19. Jh. die Leinweberei, ab 1837 auch die Baumwollfabrikation. Ihr Rückgang infolge zunehmender Konkurrenz aus industrieller Herstellung führte in der zweiten Hälfte des 19. Jh. zu einer vermehrten Auswanderung von Gemeindegliedern. Erst der Beginn des Basaltabbaus auf der Bramburg und an der Grefenburg sowie die wirtschaftliche Belebung nach der Eröffnung der Bahnstrecke Göttingen–Bodenfelde (August 1910) führten zu einem Zuzug von Arbeitern. 1906 wurde ein ev. Arbeiterverein gegründet, dessen Vorsitz 1907 P. Mahrenholz (amt. 1893-1933) übernahm. Als diakonische Einrichtung hatte Gertrud von Alvensleben 1889 das Alma-Louisen-Stift (Kinder-, Alten- und Pflegeheim) gegründet und dem Henriettenstift in Hannover übereignet. 1901-1906 bestand eine von P. Mahrenholz gegründete Privatschule, die begabte Volksschüler auf den Übergang zum Gymnasium vorbereiten sollte.
Sowohl P. Christian Mahrenholz als auch sein Nachfolger P. Meyer (amt. 1934-1951) waren in der NS-Zeit Mitglieder der BK. Anfangs war die Haltung der Partei und ihres Ortsgruppenleiters sehr kirchenfreundlich. Der Pfarrer wurde auf seine Bitte hin 1934 Ortsgruppenleiter der NSV. Doch war die Haltung, als er das Amt 1937 wieder abgab, deutlich feindseliger geworden. Der Jungmädchenverein wurde 1933 in den BDM überführt. Dagegen wurden die Frauenhilfe und verschiedene einzelne Frauenveranstaltungen durchgehend weitergeführt. Die ev. Schule wurde um 1935 in aller Stille in eine Gemeinschaftsschule umgewandelt.
Den Zweiten Weltkrieg überstand die Kirche weitgehend unbeschädigt. Ende der 1960er Jahre wurde das ungünstig gelegene alte Pfarrhaus (Bj. 1709/11) verkauft und 1967/68 durch einen Neubau ersetzt. 1971/72 erhielt die wachsende Mittelpunktgemeinde mit damals etwa 3.200 Einwohnern den ersten KiGa, der 1988 in einem zweiten Bauabschnitt um ein Gemeindehaus ergänzt wurde. Seit dem 1. Januar 1977 bildeten die KG Adelebsen, Barterode und Erbsen eine Arbeitsgemeinschaft zu Planung und Koordinierung in den Bereichen KiGa, Kinderspielkreise und Schwesternstationen. 1995 ging die bisherige Schwesternstation in der unter Beteiligung der Diakonischen Arbeitsgemeinschaft Adelebsen und Umgebung (Träger des Alten- und Pflegeheims Alma-Luisen-Stift) sowie des Gemeindepflegedienstes gegründeten Diakoniestation auf.

Umfang

Der Flecken Adelebsen mit den Siedlungen Bramburg und Karlslust sowie Forsthaus Alte Kirche (1924).

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Nörten (Sedes Dransfeld12) der Erzdiözese Mainz. – 1588 zur neu gebildeten Insp. Hardegsen. 1647/48 zur Insp. Göttingen, 1802 Insp. (1924: KK) Göttingen I (mit Sitz an St. Johannis). 1. November 1924 in den KK Göttingen II umgegliedert und bei der Neuordnung der Göttinger Aufsichtsbezirke ab 1. April 1937 zum KK Göttingen-Nord. Seit 1. Januar 2001 KK Göttingen.

Patronat

Die Herren, ab 1903 Freiherren, von Adelebsen (persönliches Patronat). Vermutlich bestand das Patronat schon seit dem Mittelalter. Die erste Pfarrstellenbesetzung durch die von Adelebsen ist 1564 nachweisbar. 1594 wurde das Patronat durch die herzogliche Regierung bestätigt. Seit der Stiftung des Familienfideikomisses 1856 wurde das Patronatsrecht durch den jeweiligen Majoratsherrn ausgeübt. Mit dem Aussterben der Familie im Mannesstamm (1957) ist es erloschen. Eine abschließende Regelung (Benutzung von Prieche und Grabkammer sowie der Sarggruft unter dem Chor) erfolgte durch Vertrag zwischen dem KV mit der Erbengemeinschaft Stiftung Burg Adelebsen vom 28. Mai 1966.13

Kirchenbau

Einschiffiger Saalbau über unregelmäßigem Grundriss. Die Grundanlage der im Kern frühgotischen Hallenkirche entstand im 13. Jh. Instandsetzungen um 1650 und 1689. 1965/66 und 1990/91 Innen- und Außenrenovierung.

Turm

Der ursprüngliche Bau besaß einen Glockenturm, der nicht auf einem eigenen Fundament stand, sondern auf den Mauern des Kirchenschiffs lastete. Wegen statischer Probleme wurde die Kirche ab 1790 umfassend saniert und umgebaut. Der neue Turm mit Fachwerkobergeschoss auf eigenen Grundmauern wurde 1796 vollendet14 und 1912 mit der verschieferten Haube den Türmen der Burg angeglichen.

Grablege

Die Kirche diente als Grablege der Bauherren und Stifter. Die älteste Grabplatte der Familie von Adelebsen stammt wohl aus der zweiten Hälfte des 13. Jh. Die Grabstellen verteilen sich auf mehrere Grablegen unter dem Kirchenschiff, dem Ostchor und der im Norden anschließenden Seitenkapelle. Außer Familienangehörigen wurden auch vermögende Gönner der Kirche dort beigesetzt (belegt seit dem 17. Jh.). Im 18. Jh. gab es auch Beisetzungen von Pastoren in der Kirche. Die Grablege unter dem Chor stand seit dem 19. Jh. der Patronatsfamilie zur ausschließlichen Benutzung zur Verfügung.

Ausstattung

Barocker Altaraufsatz mit Apostelfiguren (um 1700) auf mittelalterlichem Stipes. – Taufengel aus der ersten Hälfte des 18. Jh., vielleicht gemeinsam mit dem Altaraufsatz erworben.15 – Renaissancekanzel mit Christus und den vier Evangelisten in muschelförmigen Nischen der Brüstungsfelder (1652). – Mehrere Grabsteine und Epitaphe der Herren von Adelebsen (16./17. Jh.), u. a. farbig gefasster Epitaph für Crain I. von Adelebsen an der Nordwand des Chors (1606).

Orgel

Orgel

Orgel

1799/1800 Neubau durch Stephan Heeren (Gottsbüren) mit dem heute noch erhaltenen Prospekt, 14 I/P, mechanische Traktur, Schleiflade. 1897 Erneuerung und Anbau des zweiten Manuals durch Julius Strobel & Söhne (Frankenhausen), mit drei Registern, pneumatischer Traktur, Kegellade, 17 II/P.16 1976/85 Restaurierung durch Rudolf Janke (Bovenden). Denkmalorgel.17

Geläut

Vier LG, I: a’ (Elisabeth, Bronze, Gj. 1267, älteste datierte Glocke in Südniedersachsen); II: c’’ (Bronze, Gj. 1948, Franz Schilling, (Apolda18); III: d’’ (Bronze, Gj. 1948, Franz Schilling, Apolda); IV: b’’ (Taufglocke, Bronze, 13. Jh.). – Früherer Bestand: Eine Glocke (Daniel) wurde 1790 auf Veranlassung des Patrons Friedrich von Adelebsen umgegossen; 1941 zu Rüstungszwecken beschlagnahmt und zerschlagen.

Friedhof

An der Straße Unter dem Kirchhof, mit FKap. 1982 nach langjähriger Auseinandersetzung in Eigentum und Verwaltung der politischen Gemeinde überführt.

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 1 Nr. 2-8 (Pfarroffizialsachen); A 6 Nr. 19-25 (Pfarrbestallungsakten); A 9 Nr. 2-3 (Visitationen); B 18 Nr. 130 (Orgelsachverständiger); B 2/G 9/Adelebsen; S 1 H III Nr. 413 (Kirchenkampfdokumentation).

Literatur

A: Aye/Kronenberg, Taufbecken, S. 234, Nr. 1; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 107-109; Lufen, Denkmaltopographie Altkr. Münden, S. 77-83.
B: Cord Alphei: Geschichte Adelebsens und Lödingsens, Göttingen 1990; Eckart: Geschichte von Adelebsen, Leipzig o. J.; Philipp Meyer: Mittelalterliche Urkunden zur Geschichte der Kirchengemeinde Adelebsen, in: ZGNK 45 (1940), S. 124-140; Herbert Mundhenke: Das Patrimonialgericht Adelebsen. Ein Beitrag zur historischen Geographie des Fürstentums Göttingen, Göttingen 1941; Gerhard Sprenger: Zur Geschichte der St.-Martini-Kirche in Adelebsen, in: Northeimer Heimatblätter 1967, 1, S. 16-22.


Fußnoten

  1. MGH DD O III 67.
  2. Alphei, S. 33.
  3. UB Mariengarten, Nr. 30.
  4. UB Herren von Boventen, Nr. 54
  5. UB Hilwartshausen, Nr. 177; Urkundenauszüge Einbeck, Nr. 190.
  6. Prietzel, Kalande, S. 569.
  7. Meyer, S. 125 f.
  8. Meyer, S. 135 f.
  9. UB Hilwartshausen, Nr. 347.
  10. Prietzel, Kalande, S. 595.
  11. Alphei, S. 53.
  12. Kayser, Registrum II, S. 178.
  13. LKA, G 15/Adelebsen.
  14. Alphei, S. 96.
  15. Aye/Kronenberg, Taufbecken, S. 234, Nr. 1.
  16. LkAH, B 18, Nr. 28 (Meldebogen für Orgeln, 22.05.1944).
  17. KABl. 1952, S. 159; LkAH, B 1 A, Nr. 4587 (Verzeichnis der Denkmalsorgeln der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers, Stand 01.10.1958).
  18. Hardege, Glockenneuerwerbungen, S. 47 f.