Frühere Gemeinde | KapG der KG Erbsen | Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Göttingen-Münden, Amtsbereich Münden | Patrozinium: kein mittelalterliches Patrozinium bekannt1 | KO: Calenberger KO von 1569
Orts- und Kirchengeschichte
Schriftlich ist der Ort erstmals als Wigbeke im Verzeichnis der Schenkungen (Traditionen) an das Kloster Corvey erwähnt; der Eintrag lässt sich auf die Zeit um 1008/09 datieren.2 Der Ort war Sitz der Familie von Wibbecke, die im frühen 13. Jh. nach Adelebsen umzog und sich seither von Adelebsen nannte.3 Territorial zählte Wibbecke zum Fsm. Göttingen, das um 1291 bei der Dreiteilung des Teilfsm. Braunschweig-Wolfenbüttel entstanden war.4 Nachdem die Göttinger Linie der Welfen mit Hzg. Otto Cocles († 1463) in männlicher Linie ausgestorben war, wurde das Territorium 1495 bzw. 1512 Teil des Fsm. Calenberg-Göttingen („Kernlande Hannover“, 1692: Kfsm. Braunschweig-Lüneburg bzw. Kurhannover). Die Gerichtsbarkeit lag bei der Familie von Adelebsen (Patrimonialgericht Adelebsen, Hoch- und Niedergerichtsbarkeit).5 In französischer Zeit gehörte der Ort von 1807 bis 1813/14 zum Kgr. Westphalen (Kanton Adelebsen, Distrikt Göttingen, Leine-Departement). Ab 1815 zählte Wibbecke, nun im Kgr. Hannover, erneut zum restituierten Patrimonialgericht Adelebsen, das nach Aufhebung der Patrimonialgerichtsbarkeit 1852 zum neuen Amt Adelebsen wurde. Bereits 1859 ging das Amt Adelebsen im Amt Uslar auf. Mit der Annexion des Kgr. Hannover fiel Wibbecke 1866 an das Kgr. Preußen. Bei Einführung der Kreisverfassung 1885 kam der Ort zum Lkr. Uslar, der 1932 in den Lkr. Northeim eingegliedert wurde. 1973 wechselte Wibbecke in den Lkr. Göttingen (neugebildet 2016) und wurde gleichzeitig nach Adelebsen eingemeindet. Zur Sozialstruktur des Kirchspiels Erbsen-Lödingsen-Wibbecke schrieb der Ortspastor 1968: „Der Anteil der bäuerlichen Bevölkerung hat abgenommen. Ich nehme an, daß etwa 2/3 der Bevölkerung der Arbeiterschaft zuzurechnen sind; ein geringer Teil von Beamten und Angestellten und nocht in der Landwirtschaft arbeitenden Selbständigen ist auch vorhanden.“6 Um 1810 lebten knapp 210 Menschen in Wibbecke, 1961 etwa 280 und 2024 fast 260.
Die Kapelle in Wibbecke, ein „überregional bedeutendes Kleinod“, entstand vermutlich als Burgkapelle oder Eigenkirche der Familie von Wibbecke.7 Der ältere Ostteil des Gebäudes geht auf die Mitte des 12. Jh. zurück. Ursprünglich handelte es sich um einen etwa quadratischen Bau mit Apsis. Der jüngere Westteil wurde „nur wenige Jahrzehnte später“ errichtet, als die Kapelle zudem ein zweites Stockwerk erhielt.8 Es diente wohl „häufig als Schutz- und Lagerraum“. Innerhalb der Diözese Mainz gehörte Wibbecke zum Archidiakonat Nörten (sedes Nörten).9 Namen vorref. Geistlicher sind nicht bekannt; Wibbecke gehörte vielleicht schon vor der Reformation zum Kirchspiel Erbsen.
Einzelheiten zum Reformationsgeschehen in den Dörfern des Gerichts Adelebsen sind nicht bekannt. Als erster luth. Geistlicher in Erbsen, Wibbecke und Lödingsen gilt P. Heinrich Gunters (amt. 1537), der gleichzeitig Pfarrer von Esebeck war.10 Möglicherweise war es jedoch erst P. Franziskus Langhagen (amt. etwa 1571–1581), der hier als erster luth. predigte.11 Im Fsm. Calenberg-Göttingen führte Hzgn. Elisabeth zu Braunschweig-Lüneburg († 1558) die luth. Lehre ein: 1542 setzte sie die von Antonius Corvinus verfasste Kirchenordnung in Kraft und 1542/43 ließ sie die Gemeinden, Stifte und Klöster des Fürstentums visitieren.12 Im Jahr 1545 übernahm ihr nunmehr volljähriger Sohn als Hzg. Erich II. die Regierungsgeschäfte und wechselte 1547 zum kath. Glauben. Die Calenbergischen Stände widersetzten sich jedoch seinen Rekatholisierungsbestrebungen und konnten 1553/55 die Beibehaltung der luth. Lehre in den Kirchspielen des Fürstentums sicherstellen. Nach dem Tod Erichs II. fiel das Fsm. Calenberg-Göttingen 1584 an Braunschweig-Wolfenbüttel und Hzg. Julius († 1589) führte seine 1569 aufgestellte ev. KO auch hier ein.13 1588 ließ er die Gemeinden visitieren.
Die Protokolle der Visitationen 1588 und 1646 zeigen, dass die Familie von Adelebsen das landesherrliche Kirchenregiment über die drei Pfarren in ihrem Gerichtsbezirk nicht unwidersprochen akzeptierte (Pfarre Barterode mit Güntersen und Eberhausen, Pfarre Erbsen mit Lödingsen und Wibbecke sowie Pfarre Adelebsen, jeweils auch unter dem Patronat der Familie von Adelebsen). Sie war bemüht, die Rechte der Visitatoren einzuschränken.14 1588 sollten die Adelebsenschen Pfarrer beispielsweise gegenüber den Visitatoren keine Angaben zu ihrer Besoldung machen und die Visitatoren sollten die Pfarrer lediglich „auf die Artikel des Glaubens examinieren“.15 Zur Visitation 1646 erschien der Pfarrer für Erbsen, Lödingsen und Wibbecke nicht.16 Im Visitationsprotokoll von 1652 ist vermerkt, die Gemeindeglieder seien im Katechismus weniger bewandert als im Kirchspiel Barterode („Die Jugend und Gemeinde zu Barterode etc. bestunden ziemlich, Arbsen und filia waren nicht so fleißig gewesen.“).17
In der ersten Hälfte des 20. Jh. fand in der Kapelle Wibbecke alle zwei Wochen ein Gottesdienst statt (1909, 1930).18 Die Zahl der Gemeindeglieder im gesamten Kirchspiel lag 1939 bei 1.200. Aufgrund des Zuzugs Geflüchteter nach Ende des Zweiten Weltkriegs stieg sie bis 1949 auf fast 2.100 an.19 Nach der Visitation 1949 schrieb der Sup. des KK Göttingen-Nord: „Wenn man die drei Gemeinden nach ihrem kirchlichen Zustand ordnen sollte, so würde Wibbecke an erster Stelle stehen, an zweiter Erbsen und an dritter Lödingsen.“
Seit der zweiten Hälfte der 1960er Jahre intensivierten die Kirchen- und Kapellengemeinden im Bereich Adelebsen ihre Zusammenarbeit. Die drei Pfarrämter teilten verschiedene Aufgaben übergemeindlich untereinander auf („parochieüberschreitender Nachbarschaftsbereich“).20 1968 zählte Wibbecke knapp 270 Gemeindeglieder.21 Zum 1. Januar 1972 gliederte das Landeskirchenamt Hannover die KapG Wibbecke und Lödingsen in ihre Muttergemeinde Erbsen ein.22
Patronat
Familie von Adelebsen (ab 1903 freiherrlich). Nachdem Freiherr Georg von Adelebsen 1957 gestorben war, erklärte das Landeskirchenamt Hannover das Patronat 1966 für erloschen.23
Kapellenbau
Zweistöckiger Rechteckbau mit eingezogener Apsis im Osten, ältesten Teile um 1150. Satteldach (ziegelgedeckt), nach Norden mittig angeordnetes Zwerchhaus; Apsis mit halbem Kegeldach (kupfergedeckt). Bruchsteinmauerwerk mit Eckquaderung, Ostgiebel Fachwerk mit Bruchsteinausfachung; Zwerchhaus Fachwerk mit verputzter Ausfachung und seitlicher Holzverschalung. Nach Norden mittig angeordnetes Rundbogenportal, im Sturz Inschrift „1856“, links und rechts je ein rundbogiges Sprossenfenster; nach Süden nebeneinander und leicht versetzt drei rechteckige Sprossenfenster, oben ein geschlossenes Kreisfenster sowie eine Holztür; Fenster und Portalgewände aus Werkstein, lediglich hochgelegene Nordtür mit Holzrahmen (ursprünglich war die Tür über eine Außentreppe erreichbar24). An der Apsis ein Rechteckfenster. Am Zwerchhaus ein Schallfenster, daneben Uhrziffernblatt. Im Innern Apsiskalotte, flache Balkendecke im Osten, Kreuzgratgewölbe im Westen (zwei Joche). „Nur wenige Jahrzehnte“ nach Fertigstellung wurde de quadratischer Ursprungsbau um zwei Joche nach Westen verlängert und um ein zweites Geschoss erhöht.25 Wohl nach 1626 Fachwerkgiebel im Osten errichtet. 17./18. Jh. Fenster erneuert. 1856 Renovierungsarbeiten (Bauinschrift). Ende 19. Jh. Zwerchhaus erbaut.
Fenster
Figürliches Buntglasfenster in der Apis (um 1500?), Christi Geburt.
Turm
Kein Turm. Die Glocke hängt im Zwerchhaus.
Ausstattung
Steinerner Blockaltar. – Leicht erhöhte Holzkanzel (17. Jh.), an den Wandungen vier Gemälde (Öl auf Holz), Christus, Jakobus, Thomas, Apostel Johannes. – Steinerne Taufe, kleines, rundes Becken, quaderförmiger Schaft. – Hölzerner Taufständer (18. Jh.?), weiß gefasst, rundes Becken, balusterförmiger Schaft, Dreifuß. – Zwei Gemälde (17. Jh.), Öl auf Holz, Petrus und Paulus. – Inschriftentafel aus Sandstein: „Den Gefallenen der Gemeinde Wibbecke zum Gedächtnis […] 1914–1918“ (fünf Namen). – Außen: Gedenkstein (1917), Inschrift: „Dr. M. Luther zum [Reformationsfest?] 1917“.
Orgel
1903 Harmonium erworben. 1962 Orgelneubau, ausgeführt von Rudolf Janke (Bovenden), 4 I/aP, mechanische Traktur, Schleifladen (Opus 16).
Geläut
Eine LG, h’’ (Bronze, Gj. 1697, Johannes Ulrich), Inschrift: „Hans Henrich Teuteberg Baurmeister. Hans Winder, Hans Wilhelm Scheilen. Johannes Ulrich gos mich Anno 1697“.
Friedhof
Kommunaler Friedhof südlich des Dorfes, angelegt 1869, FKap. Beerdigungen vor Anlage des eigenen Friedhofs in Erbsen.26
Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)
B 2 G 9 Nr. 3142 (Baupflege und Bauwesen); B 2 G 9 B Nr. 654 (Orgel- und Glockenwesen); B 2 G 15 Nr. 28 (Patronate); E 5 Nr. 1136 (Konsistorialbaumeister); S 11a Nr. 7717 (Findbuch PfA); S 11a Nr. 8140 (Findbuch EphA).
Kirchenbücher (vor 1839)
Taufen: 1665–1839
Trauungen: 1665–1839
Begräbnisse: 1665–1839
Siehe auch Erbsen.
Literatur & Links
A: Bielefeld, Orgeln im Umland, S. 58; Casemir/Ohainski/Udolph, Ortsnamen Lkr. Göttingen, S. 424–425; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 1353; Lufen, Denkmaltopographie Altkr. Münden, S. 87–89; Müller, Kapellen, S. 8–9.
B: Trauregister aus den Kirchenbüchern Südniedersachsens. Teil 5: 1801–1850. Göttingen West: Adelebsen, Barterode, Eberhausen, Erbsen, Fehrlingsen, Güntersen, Lödingsen, Ossenfeld, Wibbecke, hrsg. von der Genealogisch-Heraldischen Gesellschaft Göttingen e. V., Norderstedt 2016; Trauregister aus den Kirchenbüchern Südniedersachsens 1851–1900. Teil 6: Göttingen West: Adelebsen (–1900), Barterode (–1891), Eberhausen (–1891), Güntersen (–1891), Ossenfeld (–1891), Erbsen (–1895), Lödingsen (–1895), Fehrlingsen (–1895), Wibbecke (–1895), hrsg. von der Genealogisch-Heraldischen Gesellschaft Göttingen e. V., Norderstedt 2025; André Ausmeyer: Ortssippenbuch Wibbecke. Das Einwohnerbuch von Wibbecke von 1665 bis 1950 mit 1004 Familien, Uslar 2018; Ekkehard Diemann: Wibbecke. Eine geschichtliche Untersuchung, Hannover-Kleefeld 1965, bes. S. 34–39; Klaus Grote & Eckart Schröder: Ein frühmittelalterlicher Grabfund in Wibbecke bei Adelebsen, Landkreis Göttingen, in: Göttinger Jahrbuch 42 (1994), S. 5–23.
Internet: Bildindex der Kunst & Architektur: Kapelle; Denkmalatlas Niedersachsen: Kapelle.
Fußnoten
- Hennecke/Krumwiede, Kirchen- und Altarpatrozinien I, S. 173.
- Grote & Schröder, S. 22: „Die Gleichsetzung von Wigbeke mit Wibbecke gilt als gesichert.“ Mönchslisten I, § 508 (zur Datierung: S. 75 ff.); Mönchslisten II, S. 289 (mit alternativen Identifikationen); Casemir/Ohainski, Niedersächsische Orte, S. 55 (mit alternativen Identifikationen). Für weitere Belege und zur Bedeutung des Ortsnamens vgl. Casemir/Ohainski/Udolph, Ortsnamen Lkr. Göttingen, S. 424 f.
- Diemann, S. 40 ff.; Grote & Schröder, S. 18; Mundhenke, Adelebsen, S. 27 ff. Zur Burganlage in Wibbecke: EBIDAT, Art. Wibbecke, 24.11.2025.
- Insgesamt: Pischke, Landesteilungen, bes. S. 45 ff., S. 75 ff. und S. 180 ff.
- Ausführlich: Mundhenke, Adelebsen, S. 33 ff.
- LkAH, L 5c. unverz., Erbsen, Visitation 1968.
- Dies und das folgende Zitat: Lufen, Denkmaltopographie Altkr. Münden, S. 88. Vgl. auch Grote & Schröder, S. 18.
- Müller, Kapellen, S. 9.
- Bruns, Archidiakonat Nörten, S. 164.
- Meyer, Pastoren I, S. 270.
- Cord Alphei: Geschichte Adelebsens und Lödingsens, Göttingen 1990, S. 53; Friedhelm Knüppel: Lödingsen, 990–1990. Aus der Geschichte eines 1000jährigen Dorfes, Adelebsen 1990, S. 39.
- Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 6,1, S. 708 ff.; Butt, S. 47 ff.
- Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 6,1, S. 83 ff.
- Kayser, General-Kirchenvisitation I, S. 179 f.; Kayser, Generalvisitation Gesenius, S. 171 ff.
- Kayser, General-Kirchenvisitation I, S. 180.
- Kayser, Generalvisitation Gesenius, S. 173.
- Kayser, Generalvisitation Gesenius, S. 200.
- Ahlers, Pfarrbuch 1909, S. 313; Ahlers, Pfarrbuch 1930, S. 378.
- LkAH, S 1 H III, Nr. 413, Bl. 17; LkAH, L 5c, unverz., Erbsen, Visitation 1949 (dort auch das folgende Zitat).
- LkAH, L 5c. unverz., Erbsen, Visitation 1968 und 1975.
- LkAH, L 5c. unverz., Erbsen, Visitation 1968.
- KABl. 1972, S. 4.
- LkAH, B 2 G 15, Nr. 28. Vgl. auch Mundhenke, Adelebsen, S. 60 f.
- Abb.: Diemann, S. 22 (Foto 1961).
- Müller, Kapellen, S. 9.
- Ausmeyer, S. 15.