Sprengel Ostfriesland-Ems, KK Emden-Leer | Patrozinium: Maria | KO: Ostfriesische KO von 1716

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Orts- und Kirchengeschichte

Das kleine Warfendorf im Emsigerland ist schriftlich erstmals als Uuahcuurd bzw. Waguurđ in einem Urbar der Abtei Werden belegt; die Einträge lassen sich auf das 10. oder 11. Jh. datieren.1 Seit dem 15. Jh. herrschten die Pewsumer Häuptlinge aus der Familie Manninga auch über Woquard.2 Haiko Manninga († 1568) verkaufte die Herrschaften Pewsum und Woquard 1565 an den ostfriesischen Gf. Edzard II. Cirksena und seine Frau Katharina von Schweden. Ab 1610 zählte Woquard zum Amt Pewsum der Gft. Ostfriesland und kam mit dieser 1744 an das Kgr. Preußen. Während der ersten beiden Jahrzehnte des 19. Jh. erlebte Ostfriesland mehrere Herrschaftswechsel: Ab 1807 gehörte Woquard zum Kgr. Holland, ab 1810 zum Kaiserreich Frankreich (Département Ems-Oriental, Arrondissement Emden, Kanton Pewsum), ab 1813 wieder zum Kgr. Preußen und ab 1815 zum Kgr. Hannover. Ab 1817 war Woquard Teil des neuen Amtes Greetsiel, das 1859 im Amt Emden aufging. Mit der Annexion des Kgr. Hannover kam Woquard 1866 erneut unter preußische Herrschaft. Nach Einführung der Kreisverfassung 1885 zählte das kleine Dorf zum Lkr. Emden, seit 1932 zum Lkr. Norden und seit 1977 zum Lkr. Aurich. Ab 1965 gehörte Woquard zur Samtgemeinde Pewsum, seit 1972 zur Gemeinde Krummhörn. 1947 wohnten in Woquard drei Bauern, mehrere Handwerker sowie „Arbeiter und Witwen“; 1969 arbeiteten „fast alle Gemeindeglieder auswärts“.3 Im Jahr 1821 lebten gut 100 Menschen in Woquard, 1925 etwa 190, 1946 knapp 270 und 2012 knapp 180.

Orgel

Orgel

Ältestes Zeugnis der örtlichen Kirchengeschichte ist die Glocke im Woquarder Kirchturm, die aus dem 13. Jh. stammt und damit zu den ältesten Glocken Ostfrieslands zählt. Ein erster schriftlicher Beleg stammt aus dem Jahr 1362, als Abbo, Pfarrer in Woquard (domini Abbonis ecclesie curati in Wachwert) zusammen mit anderen Geistlichen eine Urkunde besiegelte.4 Gut ein Jahrhundert später lässt sich 1478 mit her Dithmer to Waechwert, kerckher ein weiterer vorref. Geistlicher nachweisen.5
Die Reformation breitete sich in Ostfriesland seit den 1520er Jahren aus. Gf. Edzard I. († 1528) duldete diese Entwicklung, griff jedoch nicht lenkend ein.6 Es entstand ein Nebeneinander verschiedener prot. Richtungen. Versuche Gf. Ennos II. († 1540), die kirchlichen Verhältnisse einheitlich und eher luth. zu gestalten, scheiterten (u. a. 1529 „Bremer KO“ von Johann Timann und Johann Pelt, 1535 „Lüneburger KO“ von Martin Undermarck und Matthäus Ginderich). Ebenso erfolglos blieb letztlich das Bemühen Gfn. Annas († 1575), die ostfriesische Kirche zusammen zu halten und ihr eine eher ref. Form zu geben (u. a. 1542 Johannes a Lasco als Sup. berufen, 1544 Coetus begründet). Als erster ev. Prediger in Woquard gilt der um 1544 nachgewiesene P. Diricus († 1565), der vermutlich als ref. Prediger anzusehen ist. Während der gemeinsamen und konfliktvollen Regierungszeit von Annas Söhnen, dem ref. Gf. Johann II. († 1591) und dem luth. Gf. Edzard II. († 1599), verfestigte sich das Nebeneinander ref. und luth. Gemeinden. Entscheidend für die konfessionelle Entwicklung in Woquard war, dass Häuptling Haiko Manninga die Herrlichkeit Pewsum mit Woquard 1565 an Gf. Edzard II. Cirksena und seine streng luth. Ehefrau Katharina Wasa verkaufte. Das Grafenpaar erwarb damit auch das Patronat über die Kirche und konnte luth. Prediger berufen. Zweifelsfrei der luth. Seite lässt sich der aus Leipzig stammende P. Bernhard Bloccius (amt. etwa 1579–1584) zuordnen.7 Die konfessionelle Neuorientierung vollzog sich weder schnell noch konfliktfrei: P. Bloccius „lebte mit seiner Gemeine 1580 im Streit“ und sie wollte seinen Predigten nicht mehr zuhören, u. a. da er „seine Vorgänger Ketzer und falsche Lehrer gescholten“ habe.8 Noch um 1600 beklagten sich die Einwohner der Dörfer Campen, Loquard, Woquard und Pewsum gemeinsam über die ihnen aufgedrängten luth. Pfarrer – was in Woquard anscheinend zur Entlassung von P. Lowerdus Holthusius (amt. 1584–1600) führte, der 1593 zu den Mitunterzeichnern der luth. Marienhafer Kirchenordnung gehört hatte.9 Allerdings blieben Woquard, Loquard und Pewsum letztlich luth. und bildeten Enklaven in einem ansonsten ref. Umfeld; allein in Campen setzte sich das ref. Bekenntnis wieder durch. Die drei Dörfer sind einparochial, das heißt auch die ref. Bevölkerung gehört mit allen Rechten und Pflichten zur luth. KG.
Auch in späterer Zeit kam es zu Konflikten zwischen den luth. Pfarrern und dem ref. Gemeindeteil: der aus Danzig stammende P. Ägidius Lindenberg (amt. 1712–1714) hat „durch sein heftiges Verhalten gegen die Reformirten die Gemüther solcher Religionsverwandten, welche alhier viel wohnen, sehr erbittert“ und wurde nach Buttforde versetzt.10 In die lange Amtszeit von OP. Georg Christian Ditzen (amt. 1759–1805) fiel der Neubau der Kirche 1789/90 (aus finanziellen Gründen zunächst ohne Turm), die Anschaffung des Kanzelaltars (1798) und der Bau der Orgel (1804). 1875 lebten in Woquard knapp 130 Reformierte und etwa 40 Lutheraner.11 Nach Einführung der Kirchenvorstands- und Synodalordnung im Jahr 1864 gehörte Woquard zu jenen ostfriesischen KG, denen zugestanden wurde, dass die Kirchenvorstände bis zur Hälfte mit ref. Gemeindegliedern besetzt werden durften.12
Bereits Anfang des 20. Jh. erwog die Kirchenverwaltung, die kleine Gemeinde Woquard von Pewsum aus versorgen zu lassen. Die KG wehrte sich jedoch erfolgreich und erhielt mit P. Eilert Johann Strenge (amt. 1914–1931) noch einmal einen eigenen Pastor.13 Seitdem betreuen die Pastoren der KG Pewsum die kleine Nachbargemeinde mit. Die Situation in Woquard fasste der Sup. des KK Emden anlässlich der Visitation 1969 knapp zusammen: „Die Kirchengemeinde ist die einzige Gemeinschaftsform im Dorf“.14 Vier Jahre später vereinigte das Landeskirchenamt die vakante Woquarder Pfarrstelle mit der Pewsumer und wandelte die KG Woquard in eine KapG innerhalb der KG Pewsum um.15 Im Visitationsbericht 1975 heißt es, die Woquarder hätten dies „zur Kenntnis genommen. An gemeinsame[n] Gottesdienste[n] in Pewsum sind sie nicht interessiert, da sie ihre eigene Kirche haben“.16 Die Gemeinde verstand sich weiterhin als eigenständige KG und bereist Anfang der 1980er wurde darüber nachgedacht, Woquard wieder zu einer KG zu erheben.17 Die KapG mietete ein Gemeindehaus an und es entwickelte sich ein „nicht zu übersehendes Eigenleben“.18 Das Landeskirchenamt folgte 1987 dem einstimmigen Beschluss des KV Pewsum, den der KKV Emden unterstützte: Seit dem 1. Oktober 1987 hat Woquard wieder den Status einer eigenständigen KG, die pfarramtlich mit Pewsum verbunden ist.19 Die Zahl der Gemeindeglieder lag seinerzeit bei 400 (davon 155 ref.). Eine zweite Pfarrstelle jedoch, um die sich die beiden Gemeinden seit 1989 bemühten, konnten sie nicht durchsetzen.20
Anfang der 1990er Jahre entstand in Trägerschaft der KG Woquard die Seniorenwohnanlage „Marienpark“ mit 22 Wohnungen in elf einstöckigen Einzelhäusern (eröffnet 1992). Im Jahr 1996 weihte die KG zudem den ev. Kindergarten „Marienkäfer“ ein, der 2012 in die Trägerschaft des Ev.-luth. Kindertagesstättenverbandes Emden-Leer überging.21

Umfang

Der Ort Woquard. Im Jahr 2000 Grenzänderung zu KG Pewsum.22

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Friesland (Sedes Groothusen) der Diözese Münster.23 – 1631 bis 1643 Coetus in Aurich für die Ämter Aurich, Stickhausen, Friedeburg, Pewsum und Leerort. 1643 aufgehoben. 1643 Konsistorium Aurich. 1766 der 2. luth. Insp. in Ostfriesland zugewiesen, Sitz der Suptur. wechselnd.24 1924: KK Emden. Seit 1. Januar 2013 KK Emden-Leer.25

Patronat

Der Landesherr (bis 1871): Im 15. Jh. die Häuptlinge von Pewsum (Haus Manninga), ab 1564 die Gf. von Ostfriesland, ab 1744 der preußische Kg., ab 1815 der Kg. von Hannover, ab 1866 wieder der preußische Kg.

Kirchenbau

Schlichter Rokokobau mit halbrundem Ostabschluss, erbaut 1789/90 (Baukondukteur Frantzius). Satteldach mit Walm über dem Chor; Backsteinmauerwerk; große Rundbogenfenster. Im Innern hölzerne Segmentbogentonne, geschwungene Westempore. 1968/69 Innenrenovierung (u. a. Heizung eingebaut). 1978/79 Renovierung. 1992 Sanierung (u. a. neues Turmdach).

Turm

Neugotischer Westturm aus Backsteinmauerwerk, errichtet 1850 1865. Achtseitiger Pyramidenhelm, bekrönt mit Kugel und Schwan; vier kleine Ecktürmchen, dazwischen Uhrziffernblätter; im Glockengeschoss an jeder Seite zwei spitzbogige Schallfenster; Westportal, darüber Rosettenfenster.

Ausstattung

Weiß gefasster, hölzerner Kanzelaltar mit tropfenförmigen, geschnitzten Wangen und Schalldeckel (1798), Kanzelkorb flankiert von zwei korinthischen Pilastern; bauchig geschwungener Altartisch, Inschrift: „Dies Canzel wurde während der Amtsführung des Herrn Predigers G. C. Ditzen so dann der Kirchvogte claas D. Andreessen und Harm G. Gronewolt neu gemacht im Iahre 1798“.26 – Hölzernes, bauchig geschwungenes Lesepult (1980). – Schlichte, pokalförmige Sandsteintaufe (1975), Inschrift: „Gott macht uns selig durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung des Heiligen Geistes.“ – Vier Grabplatten: Sartory († 1573), P. Bernhard Bloccius (amt. etwa 1579–1584, dann †), P. Tammeus Conradi (amt. 1651–1654, dann †) und Jacobi († 1716).27

Orgel

Orgel

Orgel

Neubau 1803/04, ausgeführt von Hinrich Just Müller (Wittmund), 9 I/aP, mechanische Traktur, Schleifladen; Prospekt verziert mit pokalartigen Vasen; letztes Werk des Orgelbauers Müller, weitgehend original erhalten. 1939 Reparatur, ausgeführt von Karl Puchar (Norden), Register Vox humana 8’ ersetzt. 1968/69 Reparatur nach Blitzeinschlag, ausgeführt von Wilfried Müller (Arpke). 2005/06 Restaurierung, ausgeführt von Bartelt Immer (Norden).28 Denkmalorgel.

Geläut

Eine LG, f’ (Bronze, Gj. 13. Jh.); Krone fehlt, keine Inschrift, seitlich je ein bekreuztes A; eine der ältesten Glocken Ostfrieslands.29 – Früherer Bestand: Eine kleine Lg (Bronze), umgegossen zu einer neuen Lg (Bronze, Gj. 1588), 1699 „bei der Verläutung Ihrer Hochfürstlichen Durchlaucht, der Herzogin [Christine Charlotte], entzwei geläutet worden“; 1724 verkauft.30

Weitere kirchliche Gebäude

Pfarrhaus (Anf. der 1970er Jahre verkauft). – Seniorenwohnanlage Marienpark (Bj. 1992, elf Einzelhäuser).

Friedhof

Kirchlicher Friedhof bei der Kirche.

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

A 8/Woquard (CB); A 12d Nr. 368, 627/2 (GSuptur. Aurich); A 6 Nr. 8882–8885 (Pfarrbestellungsakten); D 51 (EphA Emden); L 5i Nr. 33, 208, 396 (LSuptur. Aurich); S 11a Nr. 8102 (Findbuch PfA).

Literatur

A: Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 1413; Fastenau, Bau- und Kunstdenkmäler II, S. 154–156; Meyer, Pastoren II, S. 530–531; Nickles, Orgelinventar, S. 330–336, 494; Reershemius, Predigerdenkmal, S. 270–273; Otte/Rohde, Ostfriesland II, S. 625–626; Reershemius, Predigerdenkmal Nachtrag, S. 22.
B: Woquard, in: Historische Ortsdatenbank für Ostfriesland, 12.09.2019 [Artikel unfertig]; Gerhard de Buhr: Woquard und seine Geschichte, in: Die Familien des ehemaligen Amtes Pewsum und deren Nachkommen aus den Kirchengemeinden Pewsum, Woquard, Loquard und Campen, Bd. 2: Woquard von 1683–1938, hrsg. von Folkert Köster, Aurich 2005, S. 20–21; Heinrich Drees: Die Prediger-Einführung nach 1694. In Norden, Reepsholt, Loquard und Norderney, in: Heimatkunde und Heimatgeschichte 1966, Heft 8, passim.


Fußnoten

  1. Ostfriesisches UB II, Anhang A, I, 12, 17; Casemir/Ohainski, Niedersächsische Orte, S. 23.
  2. Lengen, Emsigerland I, S. 177.
  3. LkAH, L 5i, Nr. 33 (Visitation 1947); ebd., Nr. 208 (Visitation 1969).
  4. Ostfriesisches UB I, Nr. 95.
  5. Ostfriesisches UB II, Nr. 1003.
  6. Zur Reformation in Ostfriesland vgl. knapp Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 7,1, S. 312 ff.; ausführlich: Smid, Ostfriesische Kirchengeschichte, S. 114 ff.
  7. Meyer, Pastoren II, S. 530; Smid, Ostfriesische Kirchengeschichte, S. 219.
  8. Reershemius, Predigerdenkmal, S. 271.
  9. Smid, Ostfriesische Kirchengeschichte, S. 262 und 291. Zur Marienhafer KO ebd., S. 244. Text der KO in: Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 7,1, S. 683 ff., Unterschriften ebd., S. 723 f. (Luverdus Holthusius, Wochwerdanorum pastor).
  10. Reershemius, Predigerdenkmal, S. 272; Smid, Ostfriesische Kirchengeschichte, S. 377. Kurze Zeit später wandte sich P. Lindenberg der ref. Lehre zu, wurde 1716 in Buttforde abgesetzt und starb 1717 in Emden.
  11. Smid, Ostfriesische Kirchengeschichte, S. 478.
  12. Smid, Ostfriesische Kirchengeschichte, S. 450; dies galt u. a. auch in Bingum, Holtgaste, Loquard, Pewsum und Pogum.
  13. LkAH, A 12d, Nr. 627/2: Widerstand in der Gemeinde Woquard gegen Kombinierung mit Pfarrstelle Pewsum (1910).
  14. LkAH, L 5i, Nr. 208 (Visitation 1969).
  15. KABl. 1973, S. 9 f.
  16. LkAH, L 5i, Nr. 210 (Visitation 1975).
  17. LkAH, L 5i, Nr. 210 (Visitation 1981).
  18. LkAH, L 5i, Nr. 209 (Visitation 1987); vgl. auch die Einschätzung des KapV: „Das eigenständige Gemeindeleben neben den Gottesdiensten erwacht“, LkAH, L 5i, Nr. 208 (Visitation 1987).
  19. KABl. 1987, S. 126.
  20. LkAH, L 5i, Nr. 208 (Visitation 1993).
  21. KABl. 2012, S. 10 ff. Der Verband wurde 2016 um Rhauderfehn erweitert, KABl. 2016, S. 26 ff.
  22. KABl. 2000, S. 123.
  23. Ostfriesisches UB II, Nr. 961 (S. 65) und 1578; ebd. III, Nr. 743 (S. 205).
  24. Smid, Ostfriesische Kirchengeschichte, S. 683.
  25. KABl. 2013, S. 31.
  26. Fastenau, Bau- und Kunstdenkmale II, S. 154.
  27. LkAH, L 5i, Nr. 208 (Visitation 1999); Fastenau, Bau- und Kunstdenkmäler II, S. 155.
  28. Nickles, Orgelinventar, S. 330 ff.; http://www.nomine.net/woquard-marien-kirche, 12.09.2019.
  29. Rauchheld, Glockenkunde, S. 175.
  30. Buhr, S. 21; Drees, S. 34. Die Glocke ist bei Mithoff, Kunstdenkmale VII, S. 203, wohl irrtümlich noch genannt (als einzige Glocke), Fastenau, Bau- und Kunstdenkmäler II, S. 156, übernahm diese Information.