Sprengel Osnabrück, KK Bramsche | Patrozinium: Paulus | KO: Keine Kirchenordnung

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Orts- und Kirchengeschichte

Schriftlich erscheint der Ort erstmals als Ostercappelen in einem Verzeichnis der Einkünfte der Osnabrücker Domkirche, das Dompropst Lentfrid um 1200 angelegt hat.1 Im 16. Jh. entwickelte sich Ostercappeln zum Flecken. Der Ort zählte ursprünglich zum Amt Wittlage des Hochstifts Osnabrück und seit 1378 zum Amt Hunteburg. Seit Ende des Dreißigjährigen Krieges wechselten sich kath. und luth. Bf. in der Regierung des Hochstifts ab; letztere stammten jeweils aus dem Haus Braunschweig-Lüneburg.2 Nach den Bestimmungen des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803 wurde das Hochstift als Fsm. Osnabrück Teil des Kfsm. Braunschweig-Lüneburg (Hannover). In der französischen Zeit war Ostercappeln Hauptort des gleichnamigen Kantons, der von 1807 bis 1810 zum Distrikt Osnabrück im Departement Weser des Kgr. Westphalens gehörte und von 1810 an zum Arrondissement Osnabrück des Departements Obere Ems im Kaiserreich Frankreich. Nach der Niederlage Napoleons war Ostercappeln, nun im Kgr. Hannover, wieder Teil des Amtes Hunteburg, das 1815 mit Wittlage zum Amt Wittlage-Hunteburg vereinigt wurde (1859 Amt Wittlage). Nach der preußischen Annexion von 1866 blieb die Ämterstruktur zunächst bestehen und bei Einführung der Kreisverfassung 1885 kam Ostercappeln zum Kr. Wittlage (1972 Lkr. Osnabrück). 1972 schlossen sich die Landgemeinden Ostercappeln, Broxten, Haaren, Hitz-Jöstinghausen, Niewedde, Nordhausen Schwagstorf und Vorwalde zur Gemeinde Ostercappeln zusammen.

Kirche, Ansicht von Westen, Teilansicht, um 1916

Kirche, Ansicht von Westen, Teilansicht, um 1916

Das um 1200 nachgewiesene Kirchspiel Ostercappeln geht wohl auf das 9. oder 10. Jh. zurück.3 Eine ev. Kirche erhielt der Ort erst im 20. Jh. Zwar hatte der Osnabrücker Bf. Franz von Waldeck 1543 Hermann Bonnus damit beauftragt, eine ev. Kirchenordnung für die Gemeinden des Hochstifts zu erarbeiten und durchzusetzen (Kerckenordnung vor de landkercken des stifts Osenbrugge), aber 1548 zwang das Domkapitel ihn, die Reformation zurückzunehmen. Die konfessionellen Verhältnisse im Osnabrücker Land blieben in der Schwebe. Der Jesuit Albert Lucenius, der die Gemeinden 1624/25 visitierte, notierte zum Ostercappelner Pfarrer Johannes Busch: catholicus et catholice ordinatus (Katholik und katholisch ordiniert).4 Als nach Ende des Dreißigjährigen Krieges die Gemeinden gemäß ihrer konfessionellen Zugehörigkeit im Normaljahr 1624 zwischen Katholiken und Lutheraner aufgeteilt wurden, fiel Ostercappeln der katholischen Seite zu (1650, Capitulatio perpetua Osnabrugensis). Die ev. Einwohner des Ortes hielten sich nach Arenshorst: Die dortige Gutskapelle hatte 1625 einen minister haereticus (ketzerischen Pfarrer) gehabt.5
Im Jahr 1819 erhielt Ostercappeln eine ev. Schule.6 Bemühungen um einen eigenen Kirchenbau begannen ebenfalls schon in der ersten Hälfte des 19. Jh.: Erste Sammlungen fanden 1848 statt.7 Aber erst 1908 gründete sich ein Kirchenbauverein; das neue Gotteshaus sollte den Kirchweg für die Lutheraner aus Nordhausen, Haaren und Schwagstorf um die Hälfte verkürzen. Ein Jahr später zog P. Hermann Jürgens (amt. 1909-1914) als Hilfsgeistlicher (Pfarrkollaborator) nach Ostercappeln. Gottesdienste feierte die Gemeinde zunächst in der ev. Schule und später im Wirtshaus. Nach anfänglicher Unterstützung stellte sich der Kirchenvorstand Arenshorst jedoch gegen die Neubaupläne in Ostercappeln. Denn nur ein kleiner Teil des Kirchspiels würde davon profitieren und für eine durchaus notwendige Teilung der Gemeinde wären Kirchenbauten in anderen Orten sinnvoller. Erst nach Einspruch des Konsistoriums gab der KV schließlich seine Zustimmung. Im Juni 1913 feierte die Gemeinde die Grundsteinlegung, im April 1914 den ersten Gottesdienst. Verschiedene Nachbargemeinden trugen zur Ausstattung der neuen „Kapellen-Kirche“ bei.8 Das Konsistorium erhob Ostercappeln weder in den Stand einer Kirchen- noch einer Kapellengemeinde. Das neue Gotteshaus war eine Tochterkirche von Arenshorst, die ein Hilfsgeistlicher der KG Arenshorst mit Wohnsitz in Ostercappeln versorgte.

Kirche, Ansicht von Südwesten, vor 1980

Kirche, Ansicht von Südwesten, vor 1980

Zum 1. Januar 1965 gründete sich schließlich die Paulusgemeinde Ostercappeln und übernahm die 1957 eingerichtete zweite Pfarrstelle der Johannisgemeinde Arenshorst.9 Erster Pfarrer der neuen KG war P. Martin Schröder (amt. 1957-1991), der schon seit 1956 als Pfarrkollaborator in Ostercappeln gewirkt hatte. Prägend für die ev. Gemeinde in Ostercappeln war die Diasporasituation, also die Nachbarschaft zur größeren kath. Gemeinde. Anlässlich der Visitation 1947 hatte P. Rudolf Steinmetz (amt. 1926-1962) über das Verhältnis der kath. und ev. Gemeinden zueinander geschrieben: „Zur Zeit des Umbruchs [1945] war es gespannt, da die katholischen Gemeindeglieder zumeist der Partei [NSDAP] fern standen und somit als Urteilende, nicht als Beurteilte in Frage kamen“.10 Die ökumenische Arbeit entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 20. Jh. zu einem Schwerpunkt des gemeindlichen Lebens.
Schon vor der Gemeindegründung hatte sich 1964 die Förderungsgemeinschaft Pauluskirche e. V. konstituiert. Ursprünglich gegründet um Spenden für den Bau des Gemeindehauses zu sammeln, gab sich der Verein später das Ziel, insgesamt das kirchliche Leben in der Gemeinde zu fördern.11 Im Jahr 2002 übernahm die KG Ostercappeln die Trägerschaft des neu eingerichteten integrativen Kindergartens „Arche Noah“. Seit den 1950er Jahren besteht eine Partnerschaft mit den Gemeinden Stürza und Reinhardtsdorf in Sachsen (heute KG Lohmen).

Umfang

Ostercappeln, Haaren, Herringhausen (zum Teil, bis 1965, dann Arenshorst), Hitz-Jöstinghausen (zum Teil), Nordhausen und Schwagstorf (zum Teil). Grenzänderung zur KG Venne 1967.12

Aufsichtsbezirk

Mit Gründung der Kirchengemeinde 1965 zum KK Buer Sitz der Suptur. 1973 nach Melle verlegt, seitdem KK Melle.13 Zum 1. Januar 2013 umgegliedert in den KK Bramsche.14

Kirchenbau

Neoromanischer Rechteckbau mit Apsis im Süden, Sakristeianbau im Westen und Zwerchhaus nach Osten, errichtet 1913/14 (Architekt: Lothar Gürtler, Osnabrück). Walmdach; steinsichtiges Quadermauerwerk, zweistöckige Fensteranordnung an den Längsseiten und an der Ostseite: Rechteckfenster unten, Rundbogenfenster oben, Rundfenster an Apsis. Im Innern flache Decke, Halbkuppel in Apsis. L-förmige Emporenanlage. Neuausmalung der Kirche 1935. Außensanierung 1990.

Fenster

Zwei farbig gestaltete Rundfenster in Apsis: links „Sankt Paulus“, rechts „Sankt Petrus“, jeweils mit Inschrift: „Gestiftet von Anna Meyer zu Nordhausen.“ (J. Sehrbunt & Co., Bielefeld). Farbiges Rundfenster an Nordseite: Lutherrose und Inschrift „Lass dir an meiner Gnade genügen; 2. Korinth. 12.v.9. Pastor coll. Helmut Meyer zum Gedächtnis. † 7. April 1935“.

Turm

Wuchtiger Turm an Ostseite. Im unteren Teil steinsichtiges Quadermauerwerk, darüber verputzt mit Eckquaderung, Glockenschoss verschiefert. Turmhelm mit rechteckigem Ansatz und achteckig ausgezogener Spitze, bekrönt mit Kugel, Kreuz und Wetterhahn. Rechteckige Schallfenster, darunter Uhrziffernblätter (nicht nach Westen). Turmuhr (1892, Firma Korfhage und Söhne, Buer). Turmsanierung 1969.

Kirche, Blick zum Altar

Kirche, Blick zum Altar

Ausstattung

Altarretabel, Kanzel und Taufe 1914 von den Tischlern W. und H. Koke gestaltet: Altar mit Mensa aus Marmor und gemauertem Stipes sowie hölzernen Schranken und hölzernem Retabel (Rundbogenfeld mit Kruzifix, darüber Spitzgiebel und durchbrochene Rückwand). – Hölzerne Kanzel, Wandungen mit Reliefs der vier Evangelisten. – Hölzerne Taufe.

Orgel

Zunächst Harmonium. 1927 Orgel, gebaut von Firma Gebrüder Rohlfing (Osnabrück), 9 II/P, pneumatische Traktur, Taschenladen; Prospektpfeifen stumm. Dispositionsänderungen in den 1950er Jahren. 1972 empfahl der Orgelrevisor bei „hinreichend nachgewiesenem Bedarf der Gemeinde“ auf lange Sicht einen Neubau.15 Unter Verwendung des historischen Gehäuses Neubau des Orgelwerks in zwei Bauabschnitten, ausgeführt von Firma Gustav Steinmann (Vlotho), 1982 erster Bauabschnitt: 7 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen (5 vakante Reg.), 1986 im zweiten Bauabschnitt ergänzt auf 12 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen.

Geläut

Drei LG, I: b’, Inschrift: „Lobt ihr Völker unsern Gott, lasset seinen Ruhm weit erschallen. Psalm 66,8“; II: des’’, Inschrift: „Er erhält unsere Seelen im Leben und lässet unsere Füße nicht gleiten. Psalm 66,9“; III: es’’, Inschrift: „Gott wird abwischen alle Tränen. Offbg. Joh. 7,17“ (alle Bronze, Gj. 1952, Firma Rincker, Sinn). – Früherer Bestand: Zwei LG, (Bronze, Gj. 1914), gestiftet von den KG Elm und Bad Essen.16

Weitere kirchliche Gebäude

Neues Pfarrhaus (Bj. 1964/65). – Altes Pfarrhaus (Fachwerkhaus, nach 1914 erworben). – Gemeindehaus (Bj. 1967, 2014 saniert).

Friedhof

1869 Anlage eines ev. Friedhofs (Erbbegräbnisse), direkt angrenzend an den älteren kath., mittlerweile kommunalen Friedhof.17 FKap.

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

A 12e Nr. 16, 34 und 73 (GSuptur. Hannover); L 5f Nr. 138-139, 192, 252 (LSuptur. Osnabrück); S 11a Nr. 7774 (Findbuch PfA).

Literatur

A: Gemeindebuch KK Buer, S. 41-42; Weichsler, Hdb. Sprengel Osnabrück, S. 211; Wrede, Ortsverzeichnis Fürstbistum Osnabrück II, S. 123-127.
B: 100 Jahre Pauluskirche. Festschrift zum Jubiläum 1914-2014, hrsg. vom Kirchenvorstand der ev.-luth. Pauluskirche Ostercappeln, Ostercappeln 2014; 650 Jahre Kirche Arenshorst 1353-2003, hrsg. von der Evang.-luth. Kirchengemeinde Arenshorst, Arenshorst 2003; Rudolf Loheide: Der Friedhof Ostercappeln. Geschichtliche Entwicklung vom 12. bis zum 19. Jahrhundert, in: Heimat-Jahrbuch Osnabrücker Land 2013, S. 47-55; Stefan Schubert: Der lange Weg zur Pauluskirche – 100 Jahre evangelisches Gotteshaus in Ostercappeln, in: Heimat-Jahrbuch Osnabrücker Land 2015, S. 151-160 (auch in: 100 Jahre Pauluskirche, S. 12-27).

GND

1058276352, Ev.-lutherische Paulus-Kirchengemeinde Ostercappeln


Fußnoten

  1. Möser, Werke VIII, Nr. XC (S. 131); Wrede, Ortsverzeichnis Fürstbistum Osnabrück II, S. 123.
  2. Feldkamp, Bedeutung, S. 79 ff.
  3. Wrede, Ortsverzeichnis Fürstbistum Osnabrück II, S. 124.
  4. Bär, Protokoll Albert Lucenius, S. 267; Wöbking, Konfessionsstand, S. 117 ff. Zur Visitation des Albert Lucenius vgl. Steinwascher, Wildwuchs, S. 215 ff.
  5. Bär, Protokoll Albert Lucenius, S. 268.
  6. 100 Jahre Pauluskirche, S. 35.
  7. Vgl. zum Folgenden Schubert, S. 151 ff.; 650 Jahre Kirche Arenshorst, S. 81.
  8. 100 Jahre Pauluskirche, S. 28 f. Die Bezeichnung „Kapellen-Kirche“ findet sich auf der Einladung zur Einweihung, LkAH, S 9/Osterkappeln.
  9. KABl. 1965, S. 9.
  10. LkAH, L 5f, Nr. 192 (Visitation 1947).
  11. 100 Jahre Pauluskirche, S. 68 f.
  12. KABl. 1967, S. 20.
  13. KABl. 1973, S. 149.
  14. KABl. 2012, S. 177 f.
  15. LkAH, L 5f, Nr. 138 (Visitation 1972).
  16. 100 Jahre Pauluskirche, S. 29.
  17. Loheide, S. 53.