Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Hildesheim-Sarstedt | Patrozinium: Cosmas und Damian | KO: Calenberger KO von 1569

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Orts- und Kirchengeschichte

Bf. Berthold von Hildesheim stiftete 1125 in villa que Novale Bacconis dicitur1 ein Augustiner-Chorherrenstift. Dieses Kloster Backenrode löste Bf. Johann von Hildesheim gut 130 Jahre später wieder auf und begründte dies mit einem Verfall der Sitten. 1259 übergab er das Gelände den Zisterziensern aus Isenhagen, deren dortiger Konvent abgebrannt war.2 Ort und Kloster hießen fortan Marienrode (monasterii noualis sancte Marie, quod Bakkenrodh antea dicebatur).3 1538 unterstellte sich das Kloster dem Schutz des Fsm. Calenberg, die Frage der Landeshoheit führte jedoch wiederholt zu Streitigkeiten zwischen Hochstift und Fsm. Das Kloster wurde aufgehoben, nachdem Preußen 1806 das Kfsm. Braunschweig-Lüneburg (Kfsm. Hannover) besetzt hatte. Marienrode gehörte später zum Kanton Moritzberg im Distrikt Hildesheim des Departements Oker im Kgr. Westphalen und kam 1815 zum Klosteramt Marienrode im Kgr. Hannover, das 1849 Teil des Amtes Hildesheim wurde. Nach der Annexion des Kgr. Hannover 1866 war Marienrode wieder preußisch und gehörte seit 1885 zum neuen Lkr. Hildesheim. Der ehemalige Klosterhof Neuhof, etwa ein Kilometer nördlich des Klosters gelegen, wurde 1938 nach Hildesheim eingemeindet, Marienrode selbst 1974. Das Wohngebiet Hildesheimer Wald liegt knapp einen Kilometer östlich des Klosters und entstand seit 1939 als Werkssiedlung (Bosch, Rüstungsbetrieb). Das Klostergelände ist seit 1988 wieder im Besitz des Bistums Hildesheim und beherbergt seitdem einen Benediktinerinnenkonvent. 1946 hatten Neuhof, Marienrode und Hildesheimer Wald etwa 1.800 Einwohner, nachdem das Neubaugebiet Trockener Kamp fertiggestellt war lag die Einwohnerzahl 1978 bei 4.200, 2017 bei knapp 3.150.

Kirche, Ansicht von Südosten

Kirche, Ansicht von Südosten

Ev. Einwohner finden sich in Neuhof erst nach Auflösung des Klosters Marienrode 1806.4 Auf Betreiben des Klosterpächters und des Amtmannes stimmte der Hildesheimer Bf. 1831 zu, die ehemalige Tor- und Wallfahrtskapelle St. Cosmas und Damian, die im 17. und 18. Jh auch als kath. Pfarrkirche gedient hatte, an die ev. Gemeinde zu übergeben.5 Da seit 1806 die ehemalige Klosterkirche St. Michael als Pfarrkirche diente, hatte die kath. Gemeinde die kleine Kapelle, die erst 1792 anstelle einer älteren gebaut worden war, kaum noch genutzt. Auch der Hauptaltar, die Kirchenbänke, die Orgel, die Glocken und einige weitere Ausstattungsstücke gingen in den Besitz der Lutheraner über. Einen eigenen Pfarrer erhielt die kleine, eher arme Gemeinde jedoch nicht, vielmehr kam einmal im Monat der Pfarrer aus Sibbesse, um einen Gottesdienst zu feiern. An den übrigen Sonntagen hielt der Lehrer der ev. Schule Lesegottesdienste. Neben Neuhof und Marienrode zählten auch Diekholzen, Barienrode und Söhre zum Kirchspiel. 1835 erhielt die Kapelle einen Kanzelaltar, den der kath. Architekt Friedrich Kerstein entworfen hatte, 1839 eine neue Glocke. Marienrode blieb bis 1872 pfarramtlich mit Sibbesse verbunden, seitdem war St. Andreas (Hildesheim, St. Andreas) für die Gemeinde zuständig. Gut 60 Jahre später wechselte die pfarramtliche Zugehörigkeit erneut: Seit 1933 betreuten die Pfarrer der Michaelisgemeinde die Cosmas-und-Damian-Kapelle (Hildesheim, St. Michaelis).6 Mit dem Ostpfarrer P. Kurt Reblin (amt. 1946-1969) erhielt Marienrode erstmals einen ortsansässigen Pfarrer. Allerdings gab es „zunächst mancherlei Gegenströmungen in der Gemeinde und Kritik“, war sie es doch gewohnt „von Hildesheim aus durch den Herrn Landessuperintendenten, durch den Kollaborator des Herrn Landessuperintendenten“7 oder durch den Pfarrer der Michaeliskirche betreut zu werden. Im Jahr 1954 übernahm die Gemeinde den Kindergarten, den die Innere Mission 1945 als Werkskindergarten im Hildesheimer Wald gegründet hatte.8 Ein Jahr später endete die pfarramtliche Verbindung mit der Michaelisgemeinde und das Landeskirchenamt errichtete in der KG Marienrode eine eigene Pfarrstelle.9 Mit seinen sechs Außendörfern, stellte der LSup im Visitationsbescheid 1956 fest, sei das Kirchspiel allerdings zu ausgedehnt. Der Visitator betonte zudem den Charakter als Diasporagemeinde: „dem einen lutherischen Pastoren gegenüber stehen vier katholische. Und ein beträchtliches Heer von katholischen Schwestern ist am Werk.“10 Eine grundsätzliche Neuplanung sei nötig. Zum 1. April 1962 verließen Dieckholzen und Söhre das Kirchspiel und wurden als Kirchengemeinde Dieckholzen eigenständig.11 Zudem hatte die Gemeinde bereits Grundstücke im Hildesheimer Wald und in Barienrode erworben, um dort Kapellen oder Gemeindezentren zu errichten, da die Kirche in Marienrode zu abgelegen war (seit 1967 verkehrte ein Kirchenbus zwischen Marienrode und Barienrode).12 Zunächst erhielt jedoch der Kindergarten einen Neubau (1964) und einen Erweiterungsbau (1973); seit 1972 trägt er den Namen Comenius-Kindergarten. Gleichzeitig scheiterten 1971 die Pläne, in Barienrode ein ökumenisches Gemeindezentrum zu errichten.13 Mit dem Bau des Wohngebietes Trockener Kamp Anfang der 1970er Jahre stieg die Zahl der Gemeindeglieder an und die KG mietete in der neuen Siedlung Ladenräume an, in der sie eine „Ladenkirche“ für Konfirmandenunterricht, Andachten und Veranstaltungen einrichtete. Erst 1975 konnten schließlich die Pläne eines Gemeindezentrums in Barienrode verwirklicht werden; vier Jahre später gründete sich die eigenständige Titusgemeinde Barienrode, die sich pfarramtlich mit der Gemeinde Diekholzen verband.14

Kirche, Blick zum Altar

Kirche, Blick zum Altar

Der verkleinerten Gemeinde Marienrode fehlte jedoch weiter ein echtes Zentrum, der Pfarrer habe „so gut wie keine Möglichkeit, die Gemeinde wirklich an einem Ort zu sammeln“15, merkte der Visitator 1980 an. 1984 gründete sich ein Freundeskreis zum Bau eines Gemeindezentrums; 1991 konnte die Gemeinde die Einweihung feiern. Die Ladenkirche wurde geschlossen und das alte Pfarrhaus verkauft. In unmittelbarer Nachbarschaft zum Gemeindezentrum an der Lämmerweide entstand 1995 ein Neubau für die Comenius-Kindertagesstätte.16 Seit 1983 pflegt Marienrode eine Partnerschaft mit Ihanja in Tansania. Die guten ökumenischen Beziehungen zur benachbarten kath. Gemeinde intensivierten sich mit der Wiederbegründung des Klosters Marienrode und dem Einzug eines Benediktinerinnenkonvents 1988. Seit dem 1. September 1997 ist Marienrode pfarramtlich mit der Zwölf-Apostel-Gemeinde in Hildesheim verbunden.17 Im Jahre 2003 gründete sich der „Förderverein des ev.-luth. Gemeindeverbundes Marienrode und Zwölf-Apostel e. V.“, der zum einen die Zusammenarbeit zwischen beiden Gemeinden fördern will und zum andern das kirchliche Leben und die Gemeindearbeit unterstützt. Eine ähnliche Zielsetzung hat die 2016 gegründte „Stiftung Sankt Cosmas und Damian“.

Umfang

Marienrode, Hildesheimer Wald, Neuhof, Trockener Kamp. Dieckholzen (bis 1962,), Söhre (bis 1962, dann Dieckholzen) Barienrode (bis 1979). Seit 1953 Sorsum-Schildberg (vorher Groß Escherde).18

Aufsichtsbezirk

Mit Gründung der KG zur Insp. Alfeld, seit 1872 Geistliches Ministerium der Hildesheimer Pfarrer unter Leitung des Stadtsup. 1924 KK Hildesheim. Seit 1. Januar 1999 KK Hildesheim-Sarstedt.19

Kirchenbau

Kleine Saalkirche mit dreiseitigem Chorschluss im Osten, Satteldach, über dem Chor abgewalmt, erbaut 1792/93 als Torkapelle des Klosters Marienrode. Bruchsteinmauerwerk mit Eckquaderung (ursprünglich verputzt), verschieferter Giebel im Westen, flachbogige Fenster an den Längsseiten, zwei Kreisfenster am Chor, Haupteingang im Süden mit Inschrift „Ano 1792 Templum hoc in honorem S. S. Martyrum Cosmae et Damiani ex fundamentis resuscitatum surrexit“ (Im Jahr 1792 hat sich dieses Gotteshaus zu Ehren der hlg. Märtyrer Cosmas und Damian aus den Fundamenten von Neuem erhoben.“20 Im Innern flache Decke mit umlaufenden Vouten, geschwungene Westempore mit Orgel. Südostportal 1835 zugemauert. 1931 Renovierung des Innenraums, 1948 ebenfalls. 1989 Sakristeianbau nördlich parallel zur Kirche, einstöckiger Bau mit Walmdach, Verbindungsgang im Westen. Sanierung der Kirche 1996/97.

Turm

Achtseitiger, verschieferter Dachreiter mit geschwungener Haube im Westen. Erneuert nach Blitzeinschlag 1902, Turmknauf und Wetterfahne erneuert 1956, saniert 1998. Kirche ist seit 1991 Baudenkmal.

Vorgängerbau

Rechteckiger Saalbau mit Satteldach und zentralem Dachreiter, etwa 1788 abgebrochen. Kapelle ursprünglich um 1300 gestiftet.21

Ausstattung

Schlichter Kanzelaltar (1835 entworfen von Friedrich Kerstein, 1948 umgestaltet von Rudolf Curdt, Steterburg, ursprüngliche Farbgebung 1999 restauriert), fünfseitiger Kanzelkorb flankiert von zwei marmorierten Pilastern, darüber Gebälk mit flachem Giebel; bis 1948 Scherwände, seit 1948 schmale Seitenanbauten bis zur Höhe das Kanzelkorbs mit Einsetzungsworten des Abendmahls. – Christusbild (Stiftung der Gräfin Julie von Egloffstein).

Kirche, Blick zur Orgel

Kirche, Blick zur Orgel

Orgel

Erbaut 1795 von Anton Heinrich Maasberg (Hildesheim), vermutlich 8 I, mechanische Traktur, Schleifladen. 1866 zwei Reg. vakant, Dispositionsänderung vorgenommen von Heinrich Schaper (Hildesheim), 6 I. 1883 Umbau durch Heinrich Schaper (Hildesheim), 10 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen. 1943 ändert Emil Hammer (Hannover) die Disposition; 1969 Instandsetzung durch Hammer (u. a. neue Spieltraktur). Denkmalorgel.

Geläut

Zwei LG, I: f’’ (Bronze, Gj. 1937, Märkische Glockengießerei Hennickendorf), Patenglocke aus der ev. Kirche in Schwente (Pommern), seit 1952 in Marienrode;22 II: as’’ (Bronze, Gj. 1962, Friedrich Wilhelm Schilling, Heidelberg). – Früherer Bestand: Eine LG Inschrift „Dem Kloster Marienrode gehört diese Glocke Anno 1658“ (Bronze, Gj. 1658).23 Eine LG (Bronze, Gj. 1778), war bei Übergabe der Kirche an die ev. Gemeinde 1831 bereits gesprungen, 1839 Umguss zu einer neuen LG, Inschrift u. a. „Sie rufe die Lebenden zur Buße, die Todten zur Ruhe“ (Bronze, Gj. 1839, S. Hildesheim), 1917 zu Kriegszwecken abgegeben. Eine LG as’’ (Bronze, Gj. 1920, Radler & Söhne, Hildesheim), die laut Gutachten des Glockenrevisors Wilhelm Drömann aus dem Jahr 1956 „keinerlei musikalische Werte“24 aufwies; 1962 Umguss zu jetziger LG II.

Weitere kirchliche Gebäude

Pfarrhaus und Gemeindezentrum in Neuhof (Bj. 1991, Architekt Eugen Jung). – Pfarrhaus Hildesheimer Wald (Bj. 1954, um 1990 verkauft). – Kindergarten im Hildesheimer Wald (Bj. 1964, 1995 verkauft). – Kindergarten Neuhof (Bj. 1995, Architekt Eugen Jung).

Friedhof

Kirchlicher Friedhof östlich des Klosters mit einem ev. und einem kath. Teil, FKap (Bj. 1998/99, gemeinsam mit kath. Gemeinde genutzt).

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

A 5 Nr. 508 und 937 (Spec. Landescons.); D 75 (PfA); S 11a Nr. 7079m (Findbuch PfA).

Literatur

A: Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 923; Dolle, Klosterbuch II, S. 1006-1015; Pape, Organographia Historica Hildesiensis, S. 413-417; Twachtmann-Schlichter, Stadt Hildesheim, bes. 266-267.
B: Astrid Buhrmester-Rischmüller (Hg.): Neuhof. Vom klösterlichen Vorwerk zum Stadtteil Hildesheims, Hildesheim 2013; Astrid Buhrmester-Rischmüller (Hg.): Neuhof, Hildesheimer Wald, Marienrode. Geschichte und Gegenwart einer Hildesheimer Ortschaft, Hildesheim 2015; Dietrich Kunze: Die ev. Kirche St. Cosmas und Damian Marienrode, Hildesheim 1992.

GND

2114054-6, Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Cosmas und Damian (Hildesheim).


Fußnoten

  1. UB HS Hildesheim I, Nr. 183.
  2. Cal. UB IV, Marienrode, Nr. 22; Dolle, Klosterbuch II, S. 1006 ff.
  3. Cal. UB IV, Marienrode, Nr. 23.
  4. Buhrmester-Rischmüller, Neuhof, S. 219.
  5. Kunze, S. 15.
  6. KABl. 1933, S. 73.
  7. LkAH, L 5h, unverz., Marienrode, Visitation 1950.
  8. Buhrmester-Rischmüller, Neuhof, Hildesheimer Wald, Marienrode, S. 262.
  9. KABl. 1955, S. 98.
  10. LkAH, L 5h, unverz., Marienrode, Visitation 1956.
  11. KABl. 1962, S. 13.
  12. LkAH, L 5h, unverz., Marienrode, Visitation 1968.
  13. Buhrmester-Rischmüller, Neuhof, Hildesheimer Wald, Marienrode, S. 250.
  14. KABl. 1979, S. 7 f.
  15. LkAH, L 5h, unverz., Marienrode, Visitation 1980.
  16. Buhrmester-Rischmüller, Neuhof, Hildesheimer Wald, Marienrode, S. 262 ff.
  17. KABl. 1997, S. 255.
  18. KABl. 1953, 135 f.
  19. KABl. 1998, S. 211 f.
  20. Kunze, S. 24.
  21. Kunze, S. 14.
  22. Poettgen, Glockengießer, S. 43.
  23. Kunze, S. 26.
  24. LkAH, L 5h, unverz., Marienrode, Visitation 1956.