Frühere Gemeinde | KapG der KG Hoyershausen | Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Hildesheimer Land-Alfeld, Amtsbereich Alfeld | Patrozinium: – | KO: Calenberger KO von 1569

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Orts- und Kirchengeschichte

Möglicherweise ist Liudberteshusun, das im Verzeichnis der Schenkungen (Traditionen) an das Kloster Corvey genannt wird, identisch mit Lübbrechtsen.1 Die erste schriftliche Erwähnung des Dorfes fiele damit in die Zeit zwischen 826 und 876. Weitere Belege finden sich erst im 14. Jh.: In einem Güterverzeichnis der Hildesheimer Dompropstei von 1382 erscheint der Ort als Lutbrechtesen.2 Grundbesitz in Lübbrechtsen hatten u. a. die Herren von Stöckheim, die Herren von Bock von Northolz, die Herren von Spiegelberg und die Herren von Bennigsen.3 Lübbrechtsen zählte zu den Dörfern des Amtes Lauenstein, das seit der ersten Hälfte des 13. Jh. im Besitz der Herren von Homburg war (seit 1247 als Lehen des Hzg. von Braunschweig-Lüneburg). Nachdem die Homburger in männlicher Linie ausgestorben waren, fiel das Gebiet 1409 als erledigtes Lehen zurück an die Welfen (1432: Teilfsm. Calenberg).4 1433 erwarb der Bf. von Hildesheim das Amt als Pfandbesitz und verpfändete es wiederum selbst (seit 1493 an die Herren von Saldern). Nach Ende der Hildesheimer Stiftsfehde (1519–1523) kam das Amt Lauenstein und damit die Landesherrschaft über Lübbrechtsen an das welfische Teilfsm. Calenberg. Von 1630 bis 1633 gehörte das Amt noch einmal zum Hochstift Hildesheim, dann wieder zum Fsm. Calenberg (Kernlande Hannover). Seit 1810 war Lübbrechtsen Teil des französischen Satellitenkgr. Westphalen (1807–1813) und zählte dort zum Kanton Hemmendorf des Distrikts Rinteln (1810 Distrikt Hameln genannt) im Departement Leine. Ab 1815 gehörte das Dorf wieder zum Amt Lauenstein, nun im Kgr. Hannover, und kam 1852 an das Amt Alfeld. Nach der preußischen Annexion von 1866 blieb die Ämterstruktur zunächst bestehen; mit der Einführung der Kreisverfassung 1885 kam Lübbrechtsen zum neuen Kr. Alfeld (1977 Lkr. Hildesheim). 1974 wurde das Dorf nach Hoyershausen eingemeindet, das 1964 der Samtgemeinde Duingen beigetreten war. 2016 fusionierten die Mitgliedsgemeinden der Samtgemeinde zum Flecken Duingen, der Teil der Samtgemeinde Leinebergland wurde. Das ländliche geprägte Lübbrechtsen wandelte sich in der zweiten Hälfte des 20. Jh. zu einer Pendlersiedlung (1960: 75 Prozent Pendler).5 Mit der Unterbringung Geflüchteter nach Ende des Zweiten Weltkriegs war die Bevölkerungszahl kurzzeitig angestiegen, aber da kaum Baugrund angeboten wurde, blieben nur wenige Familien in Lübbrechtsen.6 Das Dorf hatte 1809 gut 190 Einwohner, 1925 gut 230 und 2016 etwa 160.

Kapelle, Ansicht von Südwesten, um 1960

Kapelle, Ansicht von Südwesten, um 1960

Kirchlich war Lübbrechtsen vermutlich bereits in vorref. Zeit Teil des Kirchspiels Hoyershausen. Einen eigenen Geistlichen hatte das Dorf nicht. Ältestes Zeugnis der örtlichen Kirchengeschichte ist die Glocke im Dachreiter der Kapelle, die schätzungsweise um 1250 gegossen wurde. Sie trägt weder Schmuck noch Inschrift, liefert also keinen Hinweis darauf, ob sie ursprünglich für Lübbrechtsen gefertigt wurde oder erst später in die Dorfkapelle kam. Zusammen mit der Muttergemeinde Hoyershausen wechselte Lübbrechtsen vermutlich um 1540 zur luth. Lehre. Eine eigene Kapelle ist in den Berichten zur Generalvisitation im Fsm. Calenberg von 1588 nachgewiesen: „Zur mater Heiershausen gehört als Filia Rhod, Lubrechtsen (hier eine Kapelle), Dehnsen, Brüninghausen und Lutken Holthusen“ heißt es dort.7 Das Baujahr der Kapelle ist nicht überliefert, der Altar hingegen trägt die Jahreszahl 1617. Auf seiner Rückseite stehen die Namen der Olderlude Hans Bod und Hans Stumm sowie des Kirchspielpfarrers Conrad Grovenius (amt. 1604-1622). Die älteste Kapellenrechnung datiert von 1658, in ihr ist auch ein Schulmeister erwähnt. Seit 1676 besuchten die Kinder aus Lübbrechtsen nachweislich nicht mehr die Schule in Hoyershausen.8 Ein eigenes Schulhaus erhielt das Dorf 1736, ein eigener Friedhof folgte um 1756. Taufen und Trauungen hingegen feierten die Dorfbewohner noch bis in die erste Hälfte des 20. Jh. hinein in der Mutterkirche in Hoyershausen.9
Auf dem Dachboden der Kapelle wurden 2002 einige Totenkronenkonsolen des 18. und 19. Jh. entdeckt.10 Totenkronen schmückten die Särge von Kindern und Unverheirateten und standen nach der Beerdigung häufig auf dem Altar, bis eine entsprechende Konsole gefertigt war, die ihren Platz an den Wänden der Kapelle oder Kirche fand. Seit 2005 hängen die Lübbrechtsener Totenkronenkonsolen wieder in der Kapelle.
Zum 1. Januar 2008 löste sich die KapG Lübbrechtsen auf und ihre Gemeindeglieder wurden in die KG Hoyershausen eingepfarrt.11

Umfang

Das Dorf Lübbrechtsen

Kirchenbau
Kapelle, Blick zum Altar, um 1960

Kapelle, Blick zum Altar, um 1960

Kleiner Rechteckbau mit Satteldach, erbaut wohl vor 1617 (Jahreszahl am Altar). Verputzter Bruchsteinbau mit Eckquaderung, flachbogige Fenster, Eingang an Südseite, Uhrziffernblatt an Westgiebel. Im Innern flache Balkendecke, Westempore. Renovierungen 1913, 1935, 1952 und 1994 (Kanzel entfernt).12

Turm

Sechsseitiger, hölzerner Dachreiter mit verkupfertem Pyramidendach, bekrönt mit Kugel und Wetterhahn. Rechteckige Schallfenster.

Ausstattung

Gemauerter Altartisch mit steinernem Altarretabel (1617), farbiges Relief mit Abendmahlsdarstellung, flankiert von vier Medaillons mit Darstellungen der Evangelisten, darunter Inschrift: „Matt. 26, Marc. 14, Luc. 22, P. I. Cor. 11. Daß Brot reicht da den Leib des Herrn, daß Blut im Wein, die Sund treib fern“; im durchbrochenen Giebelfeld Kruzifix, flankiert von Voluten und Rosen, darüber aufgehende Sonne; auf der Rückseite Inschriften: „Her Cvnr[adus] Grovenius“ und „Olderlvde Hans Bod 30 [Ihar], Hans Stumm 18 Ihar“.13 Altar zeitweise grau überstrichen. – Mehrere Totenkronenkonsolen (18./19. Jh.), 2002 auf Dachboden entdeckt, zum Teil konserviert und restauriert, seit 2005 wieder in der Kapelle.14

Orgel

1897 Harmonium bei Firma Helmholz (Hannover) erworben.15 1969 Orgelneubau von Ludwig Hoffmann (Betheln), 3 I/–, mechanische Traktur, Schleifladen.

Geläut

Eine LG, f’’ (Bronze, Gj. etwa 1250).

Friedhof

Kirchlicher Friedhof wohl 1756 rund um die Kapelle angelegt. Bereits in den 1830er Jahren zu klein, Anlage eines neuen, kommunalen Friedhofs am Westrand des Dorfes.16 FKap (Bj. 1969).

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

A 1 Nr. 6005 und 6024 (Pfarroffizialsachen); D 43 (EphA Alfeld); E 5 Nr. 697 (Konsistorialbaumeister); S 11a Nr. 8018 (Findbuch PfA).

Literatur

A: Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 869; Graff, Geschichte Kr. Alfeld, S. 279-283; Kiecker/Graff, KD Kr. Alfeld, S. 239-240.
B: 1150 Jahre Lübbrechtsen, hrsg. vom Heimatbund Niedersachsen, Gruppe Hoyershausen-Lübbrechtsen-Rott, Alfeld [2005]; Achim Gercke und Hans Schwietering: Das Kirchspiel Hoyershausen. Festschrift zum 200jährigen Bestehen der Kirche in Hoyershausen, Gronau [1954], bes. S. 20-22 und 47-54; Jessica Joeks: Die Restaurierung von Totenkronenkonsolen, in: Wolfgang Neumann (Red.): Totenhochzeit mit Kranz und Krone. Zur Symbolik im Brauchtum des Ledigenbegräbnisses, Kassel 2007, S. 291-297.


Fußnoten

  1. Mönchslisten I, § 217, Mönchslisten II, S. 196; Casemir/Ohainski, Niedersächsische Orte, S. 71.
  2. UB HS Hildesheim VI, Nr. 546.
  3. Kiecker/Graff, KD Kr. Alfeld, S. 239; Graff, Geschichte Kr. Alfeld, S. 279; Gercke/Schwietering, S. 20.
  4. Graff, Geschichte Kr. Alfeld, S. 49 und 118 f.
  5. LkAH, L 5h, unverz., Hoyershausen, Visitation 1960.
  6. 1150 Jahre, [S. 16] und [37].
  7. Kayser, Generalkirchenvisitation I, S. 217.
  8. Graff, Geschichte Kr. Alfeld, S. 282.
  9. Gercke/Schwietering, S. 51.
  10. Joeks, S. 291.
  11. KABl. 2008, S. 28.
  12. 1150 Jahre, [S. 32]. Die Kapelle besaß auch 1928 keine Kanzel, Graff, Geschichte Kr. Alfeld, S. 281.
  13. DI 88, Landkreis Hildesheim, Nr. 336 (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di088g016k0033604. Conrad Grovenius war Pfarrer in Hoyershausen (1604-1622), die Jahresangaben bei den Namen der Kirchvorsteher (Olderlude) beziehen sich wohl auf ihre Amtszeit.
  14. 1150 Jahre, [S. 34 f].
  15. Graff, Geschichte Kr. Alfeld, S. 281.
  16. Graff, Geschichte Kr. Alfeld, S. 282.