Sprengel Hannover, KK Nienburg | Patrozinium: – | KO: Lüneburger KO von 1643

Orts- und Kirchengeschichte

1096 übertrug die Gfn. Meresvid von Stumpenhausen der Mindener Kirche neben anderen Gütern ein Vorwerk Aesdorpe1, das mit den zugehörigen Lehnshöfen eine Villikation bildete und Anfang des 12. Jh. dem Damenstift der Fürstabtei Herford übertragen wurde. Die wichtigsten Grundherren waren seit dem Mittelalter die von Münchhausen und von Freytag. 1683 erwarb der Geheime Rat und Vizekanzler des Fsm. Lüneburg Weipart Ludwig von Fabrice († 1724), der 1669 von Hzg. Georg Ludwig nach Celle berufen worden war, eines der vier von Freytagschen Güter in Estorf, das 1760 im Erbgang an den Geheimen Rat August Wilhelm von Schwicheldt fiel.2 Landesherren waren die Gf. von Hoya, ab 1582 die Welfen (Fsm. Lüneburg, Amt Stolzenau, ab 1859 Amt Nienburg).
Estorf war in vorref. Zeit nach Landesbergen eingepfarrt. Um 1570 erhielt es eine eigene Kapelle. Als nach dem Dreißigjährigen Krieg bei einem Großbrand die Pfarrgebäude in Landesbergen vernichtet wurden, ließen die Einwohner von Estorf zwar aus eigenen Mitteln das Küsterhaus in Landesbergen neu errichten (weil der Küster auch für Estorf zuständig war), lehnten aber die Beteiligung am Wiederaufbau von Schule und Pfarrhaus ab. P. Mindemann verweigerte im Gegenzug 1690/95 die Abhaltung von Abendmahl und Leichenpredigten in Estorf. Auf Anregung und mit finanzieller Unterstützung von Weipart Ludwig von Fabrice wurde das alte, baufällige KapG 1695 abgerissen und an gleicher Stelle ein Neubau errichtet (1696 eingeweiht). Die Pläne stammten von dem Zimmermeister Daniel Ernst Körner aus Liebenau. Ausmalung und Ausstattung lehnten sich wohl an die wenige Jahre zuvor errichtete Kirche in Neuenfelde/Buxtehude an. Einen Turm (Fachwerk) erhielt die Kapelle erst 1711.
Ein Legat des Vizekanzlers von Fabrice ermöglichte 1711 die Anstellung eines eigenen Kapellenpredigers, der zugleich die schulische Versorgung übernahm. Die von Fabriceschen Güter gingen später in den Besitz des Oberkammerherrn Heinrich Erich Gf. von Schwicheldt über, der 1805 die Schaffung einer eigenen Pfarrstelle und Verselbständigung der Gemeinde erreichte.
Die Gemeinde wird noch in den Visitationsberichten von 1936 und 1948 als bäuerlich-konservativ charakterisiert, doch nahm nach dem Zweiten Weltkrieg die Entfremdung von der Kirche bei den Gutsarbeitern und den zugezogenen Heimatvertriebenen zu.3 Das für die Verselbständigung der Gemeinde errichtete Pfarrhaus wurde um 1965 abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Neues Gemeindehaus um 1993.

Umfang

Die Dörfer Estorf und Leeseringen sowie die einzelnen Häuser Nienburger Bruch.

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Mandelsloh der Diözese Minden. – Bei Gründung der KG zur Insp. Stolzenau, ab 1. Mai 1859 Insp. (1924: KK) Nienburg.

Patronat

Ab 1806 die Besitzer des Gutes Estorf (Gf. von Schwicheldt), die dafür auf das Präsentationsrecht für die Schullehrerstelle verzichteten. Der Gutsbesitz ging durch Heirat der Erbin Gisela Sigrid von Schwicheldt mit Eberhard Gf. von Hardenberg (1923) auf die von Hardenberg über.4 Im Zuge der Ablösung der Patronatslasten wurde 1937 wohl ein Verzicht vereinbart. Da die Akten darüber im Zweiten Weltkrieg vernichtet wurden, war der Rechtszustand nach dem Krieg zunächst unklar. 1964 erklärte das LKA das Patronat für erloschen.5

Kirchenbau

Neubau 1695/96 als mit Backstein ausgefachter Fachwerksaal. Fenster in zweireihiger Anordnung. 1806 Anbau einer Sakristei. An der Südseite eine Vorhalle (1806, um 1960 erneuert). 1913, 1960-64 und 1997/98 Renovierung der Kirche. 1833 wurde der ehemalige Bauernboden im Westen zur Orgelempore ausgebaut. Tonnengewölbe, von Rudolph Heinrich Ritter mit der Darstellung des Jüngsten Gerichts bemalt; im Chorjoch die vier Evangelisten.

Fenster

Farbige Chorfenster mit floralem Dekor und Medaillons mit den Brustbildern Luthers und Melanchthons (1913).

Turm

Neugotischer Westturm aus Backstein mit achtseitigem Glockengeschoss, steilem Helm und Seitengiebeln für die Zifferblätter der Uhr (1878, Entwurf: Conrad Wilhelm Hase), 2003 renoviert.

Grablege

Unter dem Altarraum der abgebrochenen Kapelle befand sich eine Gruft der Familie von Freytag (Bestattungen seit 1630 nachweisbar). Die Kirche hatte drei Erbbegräbnisse der von Fabrice, von Freytag und von Hassberg (genutzt bis 1769). Unter den dort beigesetzten Personen war u. a. Friedrich Ernst von Fabrice († 1750), der letzte Kammerherr Kg. Georgs I.

Ausstattung

Spätmanieristischer Kanzelaltar (wohl zweite Hälfte 17. Jh.) mit Figuren der Evangelisten, des Apostels Paulus und allegorischen Gestalten. – Farbig gefasste, barocke Sandsteintaufe, die Kuppa mit geflügelten Engelsköpfen (1714, Stiftung des Johann Strauß aus Leeseringen). – Christologischer Bilderzyklus auf den Brüstungsfeldern der Westempore.

Orgel

1833 Ankauf einer Orgel des Orgelbauers Friedrich August Bergmann (Rodewald), 8 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen (erste Orgel in Estorf, Verbleib unbekannt). 1839/40 Neubau durch Carl Wilhelm und Friedrich Eduard Meyer (Hannover), 11 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen. 1937 Einbau eines elektrischen Gebläses. 1978/79 Restaurierung durch Martin Haspelmath (Walsrode). 2005 Renovierung durch Orgelbaufirma Jörg Bente (Helsinghausen). – Seit 1973 unter Denkmalschutz.6

Geläut

Zwei LG, I: a’ (Bronze, Gj. 1880, G. A. Jauck, Leipzig); II: f’ (Stahl, 1920, Bochumer Verein). – Früherer Bestand: Zwei frühere LG waren 1718 beschafft worden.

Friedhof

Eigentum der KG. Der Dorffriedhof befand sich früher auf dem Kirchhof (aufgelassen und beräumt); jetzt zwei Friedhöfe in Estorf (am östlichen Ortsrand, Alter Postweg) und Leeseringen (Waldstraße). FKap in Leeseringen (Bj. 1967).

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 1 Nr. 3282-3287 (Pfarroffizialsachen); A 6 Nr. 2359-2362 (Pfarrbestallungsakten); A 9 Nr. 673-674 (Visitationen); B 18 Nr. 164 (Orgelsachverständiger); D 60 (EphA Nienburg); D 66 (PfA Estorf).

Literatur

A: Aye/Kronenberg, Taufbecken, S. 109, Nr. 102; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 459 f.; Dienwiebel, Ortsverzeichnis Hoya/Diepholz I, S. 182 f.; Gade, Gft. Hoya und Diepholz I, S. 341-346; Heckmann, Kirchen und Kapellen, S. 22 f.; Holscher, Bisthum Minden, S. 251; Pape, Haspelmath, S. 134.
B: Günther Deking: Die Grabkammern unter dem Chor der Estorfer Kirche. Ihre Entdeckung und ihr historischer Hintergrund, Estorf [2004]; Günther Deking: Estorf – ein Dorf an der Mittelweser im Spiegel seiner 900jährigen Geschichte, Estorf [1996]; Günther Deking: Eine kleine Chronik. Evangelisch-lutherische Kirche zu Estorf, Estorf 2005; Rudolf Grieser: Die Memoiren des Kammerherrn Friedrich Ernst von Fabrice (1683-1750), Hildesheim 1956; Michael Kählke: Die Meyer-Orgel von 1839 in der Ev.-luth. Kirche zu Estorf, Syke 2005.


Fußnoten

  1. Hoyer UB VIII, Nr. 16.
  2. Grieser, S. 8.
  3. LkAH, L 5a, Nr. 94 (Estorf, Visitation 1936 und 1948).
  4. Neubert-Preine, Rittergüter, S. 84.
  5. LkA, G 15/Estorf.
  6. Müller, Orgeldenkmalpflege, S. 75 und 112 f.