Sprengel Hannover, KK Grafschaft Schaumburg | Patrozinium: Petrus | KO: Schaumburger KO von 1614

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Orts- und Kirchengeschichte

Deckbergen war vermutlich Sitz eines altfreien Geschlechts, später der Schaumburger Ministerialen von Deckbergen, die vom 13. bis 15. Jh. nachweisbar sind und Besitzer des Hofs Nr. 1 (1460 durch Erasmus von Deckbergen an das Stift Obernkirchen veräußert) sowie des sogenannten Jungfrauenhofs (1432 an die Kirche in Deckbergen übergegangen) waren. Die Vogtei hatten im 14. Jh. wohl die von Dryburg als wunstorfisches Lehen inne. Bei der Teilung der Gft. Schaumburg 1647/48 kam Deckbergen zum hessischen Teil, 1821 zum Kfsm. Hessen, 1867 zur preußischen Provinz Hessen-Nassau. 1932 erfolgte die Angliederung an die Provinz Hannover. – Seit 1974 Ortsteil der Stadt Rinteln.

Deckbergen, St. Petri Kirche (gegr. 896)

Die Kirche in Decbore soll nach der (unbestätigten) Überlieferung aus einem Copiar des Hermann von Lerbeck aus dem späten 14. Jh. nach 896 von Hildeburg, der Stifterin des Klosters Möllenbeck, gegründet worden sein. Tatsächlich war sie aber wohl eine Eigenkirche des auf dem Hof Nr. 2 ansässigen Geschlechts1 und wurde zwischen 1127 und 1140 von der adligen Stifterin oder Patronatsherrin Kunigunde samt Zubehör und einer ebendort gelegenen Villikation dem Mindener Domstift übertragen (urkundliche Ersterwähnung).
1230 wird erstmals ein Kirchherr in Deckbergen genannt. Namentlich erscheinen 1362 der Kirchherr Hermann sowie später Hinrik Clawesingh (1432), Conradus de Sulbeke (um 1500, Name auf dem Türsturz über dem Südeingang) und Hermann Hornemann (1540). Im April 1479 werden die Altarleute der Peterskirche zu Deckbergen genannt, denen Gf. Erich von Schaumburg eine Kotstätte zu Haverbeck verkaufte. 1545 nahm Gf. Otto die Kirche gegen eine Zahlung von vier Talern durch die Altarleute in seinen Schutz.
Im Mai 1559 führte Gf. Otto IV. von Schaumburg das luth. Bekenntnis in der Gft. ein. Als erster ev. Pfarrer wird in der Series pastorum Hermann Lüdersen († 1580) geführt.2 Ihm folgten Nikolaus Solther (amt. 1580–1626), dessen Sohn Joachim Solther (amt. 1626–1634) sowie von 1635 bis 1655 Andreas Kleine, von dem mehrere Leichenpredigten überliefert sind.3
Auf der zum Ksp. gehörigen Schaumburg befand sich früher eine dem heilige Antonius geweihte Kapelle, die vermutlich im Dreißigjährigen Krieg zerstört wurde.4
Der ab 1938 amtierende P. Heinrich Henning († 1945), war Mitglied der BK.
Eine Partnerschaft besteht mit der St.-Katharinen-KG in Callenberg/Sachsen.

Umfang

Deckbergen, Westendorf mit der Westendorfer Landwehr und der Ziegelbrennerei sowie dem Gut Echtringhausen, Klein-Neelhof, Ostendorf, die Domäne Coverden, Rosenthal (mit dem nur im Sommer bewohnten Wirtshaus zur Paschenburg), die Renterei Schaumburg, Bernsen mit der Bernser Landwehr, Borstel mit der Domäne Oelbergen, Poggenhagen sowie das Gut Cattenbruch, Borsteler Bruch und der Hof Nr. 3 (Struckhof) von Rolfshagen. Am 1. Mai 1907 das Gut Cattenbruch und der Hof Nr. 3 (Struckhof) nach Obernkirchen, am 1. April 1931 Borstel und Poggenhagen mit dem Gut Oelbergen nach Kathrinhagen, der Borsteler Bruch nach Obernkirchen umgepfarrt. Bernsen und die Bernser Landwehr kamen mit dem 1. April 1953 zur neu gegründeten KG Rolfshagen. Seither gehören dem Ksp. nur noch die Ortsteile Deckbergen, Westendorf (mit der Landwehr und dem Gut Echtringhausen) sowie Schaumburg an.

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Ohsen der Diözese Minden (noch 1632). – Mit dem Anfall am Kurhessen wurde 1647 die Diözese (später Insp.) Rinteln errichtet, deren Sitz mehrfach wechselte. 1931–1938 war Deckbergen Sitz des Sup. Am 1. April 1937 erfolgte die Umgliederung in die Ev.-luth. Landeskirche Hannovers.5 Sitz des Sup. war ab 1938 wieder Rinteln.

Patronat

Der Landesherr (bis 1918).

Kirchenbau
Kirche, Grundriss, 1905, H. Siebern

Kirche, Grundriss, 1905, H. Siebern

Zweischiffige, romanische Hallenkirche mit gestrecktem Rechteckchor. Das spätromanische Langhaus aus Bruchsteinmauerwerk war ursprünglich einschiffig, stammt wohl noch aus dem 12. Jh. und wurde in der ersten Hälfte des 13. Jh. mit einem spitzbogigen Kreuzgewölbe eingewölbt. Ende des 15. Jh. Erweiterung des Chors und Anbau eines weiteren Hallenschiffs im Süden. 1616 Vergrößerung der Fenster. Im 17. Jh. Einbau von Emporen (Südempore 1650, Westempore 1669). Die Sakristei an der Nordseite des Chors wurde 1895 um ein Obergeschoss (Konfirmanden- und Sitzungszimmer) erhöht. An der südlichen Chorwand befinden sich Reste von Fresken mit Apostelfiguren aus der Erbauungszeit des Chors (Ende 15. Jh.), 1927 bzw. 1964/65 freigelegt. Außen am Chor ein spätgotisches Sandsteinrelief (Kreuztragung und Kreuzigung). Grundrenovierung der Kirche 1963/64 (dabei u. a. die nördliche Empore abgebrochen) und 1990.

Turm

Spätromanischer quadratischer Westturm (um 1200) mit gekuppelten rundbogigen Schallöffnungen. Turmhalle mit Kreuzgratgewölbe. Die Westseite des Turms wurde 1878 restauriert.

Kirche, Blick zum Altar, nach 1964

Kirche, Blick zum Altar, nach 1964

Ausstattung

Geschnitzter, spätgotischer Flügelaltar (um 1500), ursprünglich doppelflügelig. Im Schrein eine Kreuzigungsgruppe, flankiert von vier Heiligen; in den Flügeln in zwei Reihen 16 Heiligenstatuetten unter Baldachinen mit Flamboyant- und Kielbogenmotiven; auf den Außenseiten der Flügel zwei Passionsszenen (Gefangennahme Christi, Handwaschung des Pilatus); auf der Predella das heilige Abendmahl nach Leonardo da Vinci, gestiftet von Heinrich Cropius, Amtmann auf der Schaumburg, und seine Frau Margareta Croppes (1589). – Kanzel im Stil des Manierismus (Kanzelsockel dat. 1498, Schalldeckel von 1609). Unterbau aus Sandsteinquadermauerwerk. In den Brüstungsfeldern Szenen aus dem Leben Jesu (Mariae Verkündigung, Heilige Nacht, Jesus als Messias und Welterlöser, Kreuzigung, Jesu Höllenfahrt, Auferstehung). – Lesepult aus Messing auf einem Sandsteinsockel (ehemaliges Opferbecken) des 16. Jh. – Farbig gefasste achteckige Sandsteintaufe (dat. 1594); auf dem Sockel die Symbole der vier Evangelisten, auf der Kuppa umlaufend die zwölf Apostel. Schale und Deckel in Kupfer (1964).6 – Torso eines Holzkruzifixes (romanisch, wohl um 1200). – Epitaphe und Grabsteine.

Kirche, Blick zur Westempore, Foto: Ernst Witt, Hannover, Mai 1966

Kirche, Blick zur Westempore, Foto: Ernst Witt, Hannover, Mai 1966

Orgel

1676 Bau eines neuen Positivs durch Gerhard Meier (Rinteln). Der barocke Prospekt der heutigen Orgel ist auf 1692 datiert und stammt vermutlich von Heinrich Klausing (Herford). 1798 Erweiterung des Werks um zwei Seitenfelder.7 1882 Neubau des Werks durch P. Furtwängler & Söhne (Elze), 10 I/P, mechanische Traktur, Kegelladen. 1948 Einbau eines elektrischen Gebläses. 1967 Neubau hinter dem historischen Prospekt durch Firma Hermann Hillebrand (Altwarmbüchen), 17 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen. Einweihung 19. März 1967.

Geläut

Zwei LG, I: fis’ (Bronze, Gj. 1970, Gebrüder Rincker, Sinn); II: gis’ (Bronze, Gj. 1710, Christian Voigt, Minden); III: h’ (Bronze, Gj. 1970, Gebrüder Rincker, Sinn). – Früherer Bestand: Bis zum Zweiten Weltkrieg verfügte die Kirche über eine größere LG von 1777 (gegossen von Johann Friedrich Altenburg, Sachsenhagen) und eine kleinere in gis’ von 1710 (Christian Voigt, Minden, jetzt LG II). Nach Abgabe der größeren zu Rüstungszwecken (1943) wurde das Geläut 1948 um zwei Eisenglocken der Firma Weule (Bockenem) in e’ und h’ ergänzt8, letztere 1970 durch die beiden jetzigen Bronzeglocken ersetzt.

Weitere kirchliche Gebäude

Ein Pfarrhaus (Standort nicht bekannt) wird 1753 erwähnt. 1799 wurde ein klassizistischer Neubau errichtet, der 1981 zum jetzigen Gemeindehaus umgebaut wurde. An seiner Stelle ließ die KG bereits 1976/77 ein modernes Wohnhaus an der Stelle der früheren Pfarrscheune (1945 zerstört) errichten. – Das alte Pfarrwitwenhaus war Ende des 19. Jh. veräußert worden und wurde gleichfalls im Zweiten Weltkrieg zerstört. Ein neues Pfarrwitwenhaus wurde durch die KG 1892 erbaut und bis 1911 als solches genutzt. Später war es als Wohngebäude vermietet (1978 verkauft). – Das ehemalige Küsterhaus am Kirchplatz war bereits 1911 verkauft worden. Das Schulgebäude (Bj. 1722) war 1933 in das Eigentum der politischen Gemeinde überführt worden und wurde 1951 an die KG zurückgegeben und nach Errichtung eines Erweiterungsbaus als Jugendheim und KiGa genutzt (1968 noch einmal erweitert).

Friedhof

Eigentum der KG. Beisetzungen ursprünglich auf dem Kirchhof. 1862 legte eine Begräbnisgenossenschaft einen neuen Begräbnisplatz an (heutiger sogenannter Alter Friedhof), der 1875 erweitert wurde und 1921 in Trägerschaft der KG überging. Der Friedhof auf dem Kirchhof wurde 1886 eingeebnet. 1951 Anlage des Neuen Friedhofs am Agnes-Nordmeier-Weg. FKap (Bj. 1962, Architekt: Horst Keller, Deckbergen). Nach Vollbelegung des Neuen Friedhofs wurde auch der Alte Friedhof 1969 wieder in Benutzung genommen.9

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 13 (Kirchenverwaltung der Gft. Schaumburg); D 34a (EphA Rinteln).

Literatur

A: Bach, Kirchenstatistik, S. 475–477; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 378 f.; Holscher, Bisthum Minden, S. 69 f.; Mooyer, Gft. Schaumburg, S. 26 f.; Paulus, Nachrichten, S. 105–119; Ritter, Kirchliches Hdb., S. 173; Siebern, BKD Kr. Schaumburg, S. 34–37.
B: 1100 Jahre St.-Petri-Kirche Deckbergen. 896–1996, hrsg. von der Ev.-Luth. Kirchengemeinde Deckbergen, Deckbergen 1996; Walter Maack: Das alte Deckbergen. Ein Beitrag zur Geschichte der Siedlung, in: Schaumburger Heimatblätter 1958, S. 16–19; Nicolaus Heutger: Kirche und Pfarrhaus in Deckbergen, in: Schaumburger Heimat 17/18 (1990/91), S. 109–114; Heidrun Sternsdorff: Ein kleiner Rückblick in die Geschichte des Kirchspiels Deckbergen, in: Schaumburger Heimat 12 (1981), S. 31–36.


Fußnoten

  1. Maack, S. 18.
  2. Holscher, Bisthum Minden, S. 69 f.
  3. Paulus, Nachrichten, S. 110.
  4. Bach, Kirchenstatistik, S. 477.
  5. KABl. 1937, S. 85–88.
  6. Mathies, Taufbecken, S. 119.
  7. Bach, Kirchenstatistik, S. 476.
  8. LkAH, L 5a, Nr. 70 (Deckbergen, Visitation 1957).
  9. 1100 Jahre, S. 99–103.