Sprengel Stade, KK Cuxhaven-Hadeln | Patrozinium: Martin (Luther) | KO: Keine Kirchenordnung

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Orts- und Kirchengeschichte

Die Gründung des Ortes Ritzebüttel wird, wenngleich archäologisch nicht gesichert, auf das 10. Jh. datiert. Im Verlauf der Marschbesiedlung ließen sich dort wohl die Lappe (auch von Duhnen, von Hadeln) nieder, ein ursprünglich edelfreies Geschlecht, das vor 1190 in die erzstiftisch-bremische Ministerialität gelangte. Sie errichteten eine Burg am Ufer eines damals noch schiffbaren Priels und etablierten sukzessive eine Territorialherrschaft, die auch einige benachbarte Ortschaften umfasste. 1325 erscheint in den Quellen erstmals die Ortsbezeichnung Ritsenbutle. 1379/94 ging Ritzebüttel mit den Dörfern Sahlenburg, Düne, Steinmarne, Westerdöse, Osterdöse, Norder- und Süderwisch sowie Stickenbüttel in den Besitz der Stadt Hamburg über und wurde als Amt Ritzebüttel durch einen hamburgischen Ratsherrn als Amtmann verwaltet. Aus einer Siedlung von Bauern und Gewerbetreibenden beim Amtshaus ging der Flecken hervor, der 1789 über 175 Häuser verfügte. Schloss und Flecken gehörten bis ins 19. Jh. verwaltungsrechtlich wie kirchlich zum Ksp. Groden. 1866 erfolgte die administrative Trennung und 1872 die Vereinigung mit dem Flecken Cuxhaven.
Die Anfänge eines eigenen Kirchenwesens gehen auf die Burg Ritzebüttel und ihre Burgkapelle (seit Ende des 14. Jh.) zurück. Der hamburgische Amtmann Evert van Kroghe gründete dort 1484 eine Nicolai-Bruderschaft, deren Mitglieder überwiegend der Burgmannschaft entstammten. Ihre Geistlichen kamen aus Groden (Cuxhaven-Groden). Als Armenstiftung bestand sie bis ins 19. Jh.1 1513 wurde ein Priester für die Burg- bzw. Schlosskapelle angestellt; Seelenmessen wurden aber nur bis 1521 gelesen und im Zuge der Reformation eingestellt. Das Amtshaus wurde seither von Groden aus pfarramtlich betreut. Wegen der schlechten Wegverbindung nach Groden beantragte 1786 der Ritzebütteler Amtmann (vergebens) den Bau eines eigenen Bethauses. Erst auf Betreiben von Amandus Abendroth (Amtmann 1809–1821) wurde Ritzebüttel 1819 von der Parochie Groden getrennt und verselbständigt. Erster P. war Carl Heinrich Wolff (amt. 1819–1823). 1873 wurde die Pastor-Walther-Stiftung zur Unterstützung bedürftiger Gemeindeglieder ins Leben gerufen, 1901 die Amtmann-Schrötteringk-Stiftung, deren Erträge der Ausschmückung der Kirche dienten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Gemeinde in zwei Bezirke aufgeteilt. Der Pfarrsprengel umfasste drei Bereiche mit unterschiedlicher sozialer Schichtung: den alten Flecken Ritzebüttel (Altstadtgebiet) mit Handwerksbetrieben, Einzelhandel (Fußgängerzone) und alteingesessener Bevölkerung, westlich daran anschließend das sogenannte Schulviertel mit mehreren weiterführenden Schulen, Einzelhausbebauung und geschlossenen Wohnblocks sowie dem sogenannten Ostblock mit hohem Anteil an sozialem Wohnungsbau und alten Genossenschaftswohnungen.2 Als Gebäude für die Gemeindearbeit dienten das 1880 errichtete Pfarrhaus I im Vorwerk 5, das Pfarrhaus II (Bj. 1949), das Gemeindehaus Vorwerk (Bj. 1956) und ein KiGa (Bj. 1973).
Seit 2012 sind die fünf Cuxhavener Innenstadtgemeinden Cuxhaven-Ritzebüttel, Cuxhaven, Gnaden, Cuxhaven, Emmaus, Cuxhaven, Petri und Cuxhaven-Döse pfarramtlich verbunden.

Pfarrstellen

I: 1819. – II: 26. Juni 1938.3

Aufsichtsbezirk

1. Januar 1975 KK Cuxhaven 1. Januar 1977 aus der Ev.-luth. Kirche im Hamburgischen Staate in die Landeskirche Hannovers umgegliedert.4 Seit 1. Januar 2013 KK Cuxhaven-Hadeln.

Kirchenbau

Die Kirche wurde in den Jahren 1816/19 östlich des Amtshausbezirks auf dem von der Stadt überlassenen Gelände der ehemaligen Vorwerke des Amtshauses (heute Marktplatz) errichtet und am 22. August 1819 eingeweiht. Die Pläne stammten von dem in Hamburg lebenden dänischen Architekten Axel Bundsen. Als Vorbild für die Raumgestaltung diente die Kirche in Hamburg-Wandsbek. Dreischiffige klassizistische Backsteinsaalkirche zu sechs Achsen. Die Strebepfeiler und das pilastergerahmte Ostportal sind nachträgliche Anbauten. Innen eine geputzte Segmentbogendecke. Empore. Halbkreisförmige Altarnische im Westen. Instandsetzungen 1906 und 1927.

Turm

Der zunächst turmlose Bau wurde 1883/85 um einen Glockenturm mit hohem achtseitigem Helm zwischen Eckpyramiden ergänzt (Einweihung 15. November 1885).

Ausstattung

Kanzelaltarwand mit rundem Tischaltar in einer Nische. – Ölgemälde des Amtmanns Amandus Augustus Abendroth (Stiftung von 1844).

Orgel

Anlässlich des Neubaus der Kirche 1816 kaufte die KG die 1640/43 durch Joachim Appeldohrn, einem früheren Gesellen Gottfried Fritzsches, erbaute, 1675/78 durch Johann Friedrich Besser (Braunschweig) auf 27 II/P (HW, RP) erweiterte und 1702 von Arp Schnitger durch Austausch von zwei Reg. umgearbeitete Orgel der Heilig-Geist-Kirche am Rödingsmarkt in Hamburg. 1819 wurde sie mit noch 23 klingenden Stimmen durch Johann Wilhelm Geyke und Johann Hinrich Wohlien in Ritzebüttel aufgestellt. 1863 Renovierung durch Carl Diercks. 1885 Umbau durch den Orgelbauer F. A. Mehmel (Stralsund) zu 26 II/P (davon elf alte Stimmen von Appeldohrn und Besser). 1892 wurde ein weiteres altes Reg. ersetzt. 1917 Ausbau der Prospektpfeifen. 1925 Einbau eines elektrischen Gebläses. 1927 Umbau durch Paul Rother (Hamburg), 41 III/P, pneumatische Traktur, Kegellade. Ab 1950 Rückführung der erhaltenen alten Stimmen auf das ursprünglich Klangbild und teilweise Umdisponierung der übrigen Reg. durch Gustav Brönstrup (Hude/Oldenburg) und Alfred Führer (Wilhelmshaven). 1972 wurde das Werk durch die Firma Hammer (Arnum) unter Verwendung von zwölf älteren Reg. hinter dem denkmalgeschützten Prospekt von 1885 weitgehend neu gebaut, jetzt 35 II/P (HW, Schwellpositiv), mechanische Spieltraktur, elektronische Registertraktur und kombinierte Steuerung, Schleifladen. 1992 Einbau eines neuen elektrischen Regierwerks. 2004 Instandsetzung durch Firma Rudolf von Beckerath (Hamburg).

Geläut

Vier LG, I: d’; II: e’; III: g’ (alle Stahl, Gj. 1901); IV: a’ (Bronze, Gj. 1929). – Zwei SG, I: g’’ (Bronze, Gj. 1755); II: c’’’ (Bronze, 18. Jh.). – Früherer Bestand: Das Geläut bestand früher aus vier Bronzeglocken, von denen die drei größeren im Ersten Weltkrieg eingeschmolzen wurden. Drei zwischen den beiden Weltkriegen beschaffte Ersatzglocken (davon zwei Gj. 1926) fielen gleichfalls dem Krieg zum Oper. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm die Gemeinde das Geläut der im Krieg zerstörten St.-Annen-Kirche in Hamburg-Hammerbrook.

Friedhof

Eigentum der KG. Das östlich der Kirche gelegene Areal wurde 1826 als Friedhof angelegt. Verwaltungsgebäude und FKap von 1968.

Literatur

A: Böker, Denkmaltopographie Lkr. Cuxhaven, S. 138 f.; Bussler, Stadtlexikon Cuxhaven, S. 200; Cortum, Orgelwerke, S. 183–185; Dehio, Bremen, Niedersachsen, S. 371; Fock, Schnitger, S. 71 f.; Hammer/Schade, Hamburger Pastorinnen und Pastoren II, S. 104; Janssen, Nachrichten, S. 225–231; Kirchengemeinden Cuxhaven.
B: Günther Elgnowski: Die Geschichte der Orgel des Heilig-Geist-Hospitals, später der Martinskirche zu Cuxhaven-Ritzebüttel (= Geistliche Musik im alten Hamburg 8), Hamburg 1961; Die Martinskirche zu Ritzebüttel 1819–1969. Eine Gedenkschrift zum 150jährigen Bestehen, [Cuxhaven 1969].


Fußnoten

  1. Weiberg, Niederkirchenwesen, S. 137.
  2. LkAH, L 5g, Nr. 155 (Visitation 1982).
  3. Hammer/Schade, Hamburger Pastorinnen und Pastoren II, S. 104.
  4. KABl. 1977, S. 1 ff.