Frühere Gemeinde | Sprengel Stade, KK Bremerhaven | Patrozinium: Paulus | KO: Keine Kirchenordnung

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Orts- und Kirchengeschichte
Kirche, Ansicht von Südwesten

Kirche, Ansicht von Südwesten

Ursprünglich zur Dionysius-KG in Lehe. Werft- und Schifffahrtsindustrie hatten in der zweiten Hälfte des 19. Jh. zu einem enormen Wachstum des Fleckens Lehe geführt, der Anfang des 20. Jh. rund 25.000 Menschen eine Heimat bot. Für ihre seelsorgerliche Betreuung war bereits 1884 an der Dionysiuskirche eine zweite Pfarrstelle errichtet und mit P. Johannes Willenbrock besetzt worden (amt. 1884–1894). Pläne für den Bau einer zweiten Kirche scheiterten vorläufig an der Finanzierung. Willenbrock ließ daher an der Ecke Hafenstraße/Lutherstraße gegenüber der heutigen Pauluskirche zunächst auf eigene Kosten einen Saal (Vereinshaus) errichten, der sich aber für die Abhaltung von GD schon bald als zu klein erwies. Der KV beschloss daher doch noch den Bau einer neuen Kirche an der Hafenstraße. Das Gebäude im Stil der norddeutschen Backsteingotik (Hannoversche Schule) entstand nach einem Entwurf des Hase-Schülers Eduard Wendebourg (Hannover) und wurde am 19. März 1905 durch GSup. Remmers eingeweiht. Bis 1945 diente die Kirche auch als Garnisonkirche der örtlichen Marinegarnison. Für die Gemeindearbeit kaufte die KG 1927 als Ersatz für das bereits 1905 abgerissene Vereinshaus das Gebäude Hafenstraße 92 an und ließ es durch Anbau eines Saals zum Gemeindehaus ausbauen.
Die Pauluskirche wurde am 18. Juni 1944 durch eine Druckmine beschädigt. Plünderung und Vandalismus sorgten in den ersten Nachkriegsjahren für weitere Beeinträchtigungen an der Substanz. GD fanden zunächst in der erhaltenen Turmhalle statt, dann im Saal des Gemeindehauses. 1951/53 erfolgte der Wiederaufbau der Kirche nach dem alten Grund- und Aufriss, jedoch mit einer einfacheren Fassadengestaltung ohne Form- und Glasursteine. Auch der Innenraum wurde schlichter gestaltet. Die reiche ornamentale Ausmalung des Vorkriegsbaus wurde nicht rekonstruiert bzw. die Reste beseitigt. Am 8. März 1953 wurde die Kirche durch Lbf. Hanns Lilje neu eingeweiht.
Ab 1940 war die Pauluskirche eine der ersten im Bereich der Landeskirche, an der „für die Dauer des Krieges“ eine Pfarrvikarin tätig war. Mit dem 1. April 1948 wurde die bisherige Leher KG in die drei selbständigen KG Dionysius, Paulus und Johannes aufgespalten.1 Von den drei neuen Gemeinden war die Paulus-KG die zahlenmäßig stärkste. 1962 wurde daher zusätzlich die Michaelis-KG abgetrennt, mit dem 1. Juni 2000 als Michaelis- und Paulus-KG aber wieder mit der Muttergemeinde vereinigt.2

Pfarrstellen

I: 1. April 1948. – II: 1. April 1948. – III: 1. April 1948, 1. Juli 1962 auf die Michaelis-KG übergegangen.3 1. Juli 1962 neu errichtet.4 1. April 2000 aufgehoben.5 – IV: 1. Juni 1956.6 1. Juli 1962 auf die Michaelis-KG übergegangen.7

Umfang

Der südliche Teil des Stadtteils Lehe.

Aufsichtsbezirk

Seit Gründung zum KK Bremerhaven.

Kirchenbau

Dreischiffige gotisierende Backsteinhallenkirche auf kreuzförmigem Grundriss (1902/05). 5/8-Chorschluss Emporenanlage über rundbogigen Arkaden in den seitlichen Kreuzarmen und den Seitenschiffen des Langhauses. West-/Orgelempore. Das kreuzrippengewölbte Innere wurde 1976/77 durch die Schaffung von Gemeinde- und Gruppenräumen erheblich verändert. Zugleich wurde die Kirche innen gründlich renoviert. 2003 wurde im Eingangsbereich ein Kirchencafé eingerichtet.

Fenster

Im Altarraum Buntglasfenster von Heinz Lilienthal (Bremen): In der Mitte das Ostergeschehen; an der Nordseite die Frauen am leeren Grab und der schlafende Jesus im Sturm; an der Südseite die Begegnung Jesu mit den Jüngern in Emmaus und das Damaskuserlebnis des Paulus. Die früheren Fenster der Firma Müller Quedlinburg wurden im Krieg zerstört. Sie zeigten im Chorraum von links nach rechts: I. Opferung Isaks und Vertreibung aus dem Paradies, darüber der Evangelist Matthäus; II. Geburt Jesu und die Weisen aus dem Morgenland, darüber der Evangelist Markus; III. (Mittelfenster) Moses und Johannes der Täufer; Erhöhung der Schlange und Taufe Jesu; IV. Auferstehung und Kreuztragung, darüber der Evangelist Lukas; V. Fischzug Petri, darüber der Evangelist Johannes. In den Fenstern der Querschiffe befanden sich früher Bilder Luthers und Melanchthons. Für die südliche Langseite hatte der Leher Klub in New York ein Fenster mit Maria und Martha in Bethanien gestiftet.

Turm

Quadratischer Westturm mit zweigeschossigen seitlichen Anbauten. Über Seitengiebeln achtseitig auslaufende Spitze. Zusätzlich ein Dachreiter über der Vierung.

Ausstattung

Blockaltar und Kanzel aus Holz, beides in schlichten gotisierenden Formen. Die Ausstattung der alten Kirche, darunter der reichgeschnitzte Altaraufsatz (Einsetzung des heiligen Abendmahls, der Gekreuzigte und das Lamm mit der Siegesfahne, flankiert von Aaron und Melchisedek) sowie die Kanzel mit figürlicher Darstellung der vier Hauptapostel Petrus, Andreas, Jakobus und Johannes, gingen im Zweiten Weltkrieg verloren. – Achtseitige kelchförmige Sandsteintaufe mit Taufschale (1905). – Gefallenengedenktafel in der Eingangshalle.

Orgel, nach 1955

Orgel, nach 1955

Orgel

1905 Neubau auf der Westempore durch P. Furtwängler & Hammer (Hannover), 37 II/P (HW/OW). Die Orgel wurde mehrfach verändert und u. a. wohl zuletzt 1937 durch die Firma Emil Hammer Orgelbau (Hannover) umgebaut. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde sie durch Plünderer zerstört. 1953/55 Neubau durch Paul Ott (Göttingen) nach Disposition von Kantor Hans Dieter Böse, 40 III/P (HW, BW, RP), mechanische Traktur, Schleifladen. Einweihung 6. November 1955, größte Orgel der Stadt Bremerhaven. 1983 Instandsetzung durch Firma Ott. 2007 Renovierung durch Bartelt Immer (Norden). – Für den Chorraum wurde eine Continuo-Orgel der Firma Ott (Bj. 1986, 3 I/–) beschafft.

Geläut

Drei LG, I: cis’ (Bronze, Gj. 1955, Gebrüder Rincker, Sinn); II: dis’ (Bronze, Gj. 1955, Gebrüder Rincker, Sinn); III: fis’ (Bronze, Gj. 1904, Franz Schilling, Apolda). – Früherer Bestand: Zu ihrer Einweihung erhielt die Pauluskirche ein dreiteiliges Geläut von Franz Schilling (Apolda) sowie ein 15teiliges Glockenspiel (Firma Korfhage, Buer; Spielglocken ebenfalls von Schilling, Apolda), das oberhalb der Turmuhr angebracht war. 1918 wurden die beiden größeren LG (Lutherglocke, Melanchthonglocke) zu Rüstungszwecken abgeliefert und 1927 durch zwei neue Glocken der Gebrüder Radler (Hildesheim) ersetzt, die 1942 gleichfalls abgegeben werden mussten. Ebenso wurde das Glockenspiel eingeschmolzen. Eine Glocke (c’’) aus dem Glockenspiel konnte 1947 vom Glockenfriedhof bei den Zinnwerken in Hamburg-Wilhelmsburg zurückgeführt werden8 und wurde 1966 oder früher an die Markuskirche abgegeben.

Friedhof

Kein kirchlicher Friedhof.

Literatur

A: Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 68 f.
B: Die evang.-luth. Pauluskirche zu Bremerhaven-Lehe, [Bremerhaven o. O.]; Jürgen Meyer (Red.): Pauluskirche 1905–2005, [Bremerhaven 2005].


Fußnoten

  1. KABl. 1948, S. 26.
  2. KABl. 2000, S. 124.
  3. KABl. 1962, S. 77 f.
  4. KABl. 1962, S. 78 f.
  5. KABl. 2000, S. 104.
  6. KABl. 1956, S. 70.
  7. KABl. 1962, S. 77 f.
  8. LkAH, B 2 G 9 B/Bremerhaven-Paulus.