Sprengel Osnabrück, KK Bramsche | Patrozinium: Luther (1958)1 | KO: Keine Kirchenordnung

Orts- und Kirchengeschichte

Das Ksp. geht vermutlich auf eine Gründung der Gf. von Tecklenburg zurück, die nahe der (heute kath.) St.-Servatius-Kirche einen 1185 erstmals erwähnten Meierhof besaßen. Wahrscheinlich stifteten sie zunächst nur eine kleine Kapelle, die in der ersten Hälfte des 13. Jh. zur Pfarrkirche erweitert wurde. Als Ksp. ist Berge seit 1251 belegt. Die Kirche war seit Ende des 13. Jh. der Propstei des Stiftes Börstel inkorporiert, der Stiftspropst war also gleichzeitig Pfarrer in Berge.2

Kirche, Ansicht von Südosten, 1980

Kirche, Ansicht von Südosten, 1980

Obwohl ein großer Teil der Gemeinde in der Reformationszeit das luth. Bekenntnis annahm und 1625 das Abendmahl in beiderlei Gestalt gereicht wurde3, blieb das Pastorat nach Art. 21 der Capitulatio perpetua in kath. Besitz. Kasualien wurden seither ausschließlich durch den kath. Priester vorgenommen, an den die luth. Einwohner Stolgebühren und Opfergelder abführten. Die seelsorgerliche Betreuung der Lutheraner übernahmen die Pfarrer in Bippen und Menslage. Die ev. Schüler besuchten die Schulen in Bippen und Börstel. Eigene ev. Schulen entstanden im 18. Jh. in Renslage und in der Bauerschaft Dalvers. Laut Polizeiordnung von 1662 lebten im Ksp. damals 958 Katholiken und 574 Evangelische. Im Laufe der Zeit glich sich das Verhältnis jedoch mehr und mehr an. 1803 standen 260 kath. Familien 231 ev. gegenüber (bei vier gemischtkonfessionellen).
Anfang des 19. Jh. gab es erste (vergebliche) Bemühungen um die Bildung einer selbständigen luth. KG. Die Lutheraner in Berge wurden 1815 schließlich nach Börstel verwiesen, auch um die schlecht ausgestattete Pfarre dort aufzuwerten. 1823 genehmigte das Konsistorium jedoch den Bau einer eigenen Kirche, sofern die pfarramtliche Verbindung für die Dauer der Amtszeit des Börsteler P. Gottlieb Fachtmann erhalten bliebe. Um 1830 verweigerten die ev. Einwohner ihren Beitrag zum Neubau des kath. Pfarrhauses. In einem Vergleich vom 4. September 1835 wurden die finanziellen Verpflichtungen der ev. Einwohner gegenüber der kath. Pfarre gegen eine finanzielle Entschädigung aufgehoben. Meßkorn und andere Lasten blieben aber teilweise bestehen und wurden erst Anfang des 20. Jh. abgelöst. Kirche und Schule der ev.-luth. KG wurden 1837/39 errichtet. Seit 1848 unterstützten nacheinander verschiedene Hilfsgeistliche P. Fachtmann; sie wohnten in Berge und übernahmen die dortigen Dienste. 4 Nachdem mit dem Tod des P. Fachtmann 1855 die Möglichkeit zur Auflösung der Verbindung mit Börstel gegeben war, wurde die Gemeinde im Mai 1858 endgültig verselbständigt. Das neue Pfarramt übernahm der bisherige Hilfsgeistliche P. Johann Rudolf Marienau (amt. 1851/58-1877).
Als diakonische Einrichtung wurde 1913 eine Schwesternstation eingerichtet (1976 aufgelöst). Das 1856/57 errichtete Pfarrhaus wurde 1932/33 für die Gemeindearbeit ausgebaut und 1972 erneut umgebaut (Gemeindesaal, Gruppenräume und Amtszimmer im EG, Pfarrdienstwohnung im OG). 1865 kaufte die KG eine ehemalig Kötterei an der Hauptstraße als Küsterhaus an (später verkauft und 1978/79 abgerissen). Seit September 2018 ist die KG Berge pfarramtlich mit den KG Bippen und Menslage verbunden.

Umfang

Die Ortschaften Berge, Dalvers, Anten, Grafeld und das Gut Aselage.

Aufsichtsbezirk

Bei Gründung der luth. KG zur 4. Insp. des Fsm. Osnabrück mit Sitz in Badbergen, 1924 KK Badbergen; nach dessen Aufhebung zum 1. April 1948 in den KK Bramsche eingegliedert.

Patronat

Der Landesherr (bis 1871).

Kirchenbau

Einschiffiger, fünfachsiger, klassizistischer Saalbau aus Zielmauerwerk (1837/39), errichtet nach Plänen des Baumeisters Josef Niehaus (Haselünne). Einweihung am 10. November 1839. Hervorhebung der Gebäudekanten durch Eckquaderung. Rundbogige Sprossenfenster. Orgel- und Altarempore. Der Innenraum wird durch eine Segmentbogendecke abgeschlossen (1931 durch den Kirchenmaler Bücker, Hannover, ausgemalt). 1963 umfassende Sanierung.

Fenster

Bleiglasfenster mit Szenen aus dem Leben Jesu (1963).

Turm

Der ursprüngliche Bau verfügte nur über einen schlichten Dachreiter auf dem westlichen First. 1895 wurde dem Schiff ein quadratischer, im Obergeschoß oktogonaler Westturm mit neobarocker Haube, offener Laterne und achtseitiger ausgezogener Spitze vorgebaut (Architekt: Eduard Wendebourg).

Ausstattung

Klassizistischer Kanzelaltar aus der Erbauungszeit. – Achteckige kelchförmige Gussstein-Taufe in neugotischen Formen (zweite Hälfte 19. Jh.). – Lutherbild.

Orgel, nach 1975

Orgel, nach 1975

Orgel

Erste Orgel 1839 durch den Orgelbauer Brinkmann. 1907 Neubau durch Gebrüder Rohlfing (Osnabrück), 13 II/P, pneumatische Traktur, Taschenladen. 1955 Instandsetzung und Veränderung der Disposition (Barockisierung) nach Vorgaben von KMD Alfred Hoppe durch Firma Ludwig Rohlfing/OBM Matthias Kreienbrink (Osnabrück), 12 II/P, pneumatische Traktur, Taschenladen. Um 2000/02 Restaurierung und Wiederherstellung der spätromantischen Disposition durch Martin ter Haseborg (Südgeorgsfehn).

Geläut

Drei LG, I: es’ (Eisen, Gj. 1922, Firma Schilling-Lattermann, Apolda); II: f’ (Eisen, Gj. 1922, Firma Schilling-Lattermann, Apolda); III: as’ (Stahl, Gj. 1953, Bochumer Verein). – Früherer Bestand: Vor dem Turmbau verfügte die Kirche über eine Bronzeglocke von A. Petit (Gj. 1838, Verbleib unklar). Von einem 1913 durch die Firma C. F. Ulrich (Apolda) gegossenen Dreiergeläut (des’, f’ und as’) wurden zwei Glocken im Ersten Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgeliefert (Ersatz durch Eisenglocken 1922), die dritte 1944.

Friedhof

Katholiken und Lutheraner benutzten zunächst den kath. Friedhof gemeinsam. 1868 erhielt die luth. KG einen eigenen Begräbnisplatz, der 1902 an den Platz jenseits des Weges Am Boll verlegt und später mehrfach erweitert wurde. Auf dem alten Friedhof befinden sich die Gefallenenehrenmale für die Kriege von 1870/71, 1914/18 und 1939/45.

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 3 Nr. 60-64 (Kons. Osnabrück, Pfarroffizialsachen); A 5 Nr. 34 und 42 (Spec. Landeskons.); A 6 Nr. 685-690 (Pfarrbestallungsakten); A 9 Nr. 2792 (Visitationen); D 106 (EphA Bramsche).

Literatur

A: Weichsler, Hdb. Sprengel Osnabrück, S. 44 f.; Wrede, Ortsverzeichnis Fürstbistum Osnabrück I, S. 55-56.
B: Werner Dobelmann: Kirchen in Berge. Entwicklung der kirchlichen Verhältnisse, in: Am heimatlichen Herd 5 (1954), S. 40; Udo Hafferkamp: 150 Jahre Lutherkirche Berge. Aus der Geschichte einer evangelisch-lutherischen Gemeinde im Osnabrücker Nordland, [Berge] o. J.


Fußnoten

  1. Bezeichnung „Lutherkirche“ durch KV-Beschluss vom 18.11.1958.
  2. Wrede, Ortsverzeichnis Fürstbistum Osnabrück I, S. 55.
  3. Wöbking, Konfessionsstand, S. 86.
  4. Hafferkamp, S. 66 ff.