Frühere Gemeinde | Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Göttingen-Münden, Amtsbereich Münden | Patrozinium: Bonifatius, ursprünglich Servatius1 | KO: Calenberger KO von 1569
Orts- und Kirchengeschichte
Mit Reinwardus de Stokhuson ist der Name um 1152/56 als Herkunftsname nachgewiesen.2 Als Ortsname erscheint er erstmals 1191 als Stockhusen; die Urkunde ist in einer Abschrift des 17. Jh. überliefert.3 Die beiden vermeintlich älteren Nennungen von 1118/37 bzw. 1162 finden sich in zwei Urkunden, die im 13. Jh. gefälscht wurden.4 Stockhausen war Stammsitz der gleichnamigen Adelsfamilie. Archäologisch lässt sich eine kontinuierliche Besiedelung seit dem 10./11. Jh. nachweisen.5 Territorial gehörte Stockhausen seit der Dreiteilung des welfischen Teilfsm. Braunschweig-Wolfenbüttel um 1291 zum neuen Teilfsm. Göttingen.6 Nachdem die Göttinger Linie der Welfen mit Hzg. Otto Cocles († 1463) in männlicher Linie ausgestorben war, wurde das Territorium 1495 bzw. 1512 Teil des Fsm. Calenberg-Göttingen („Kernlande Hannover“, 1692: Kfsm. Braunschweig-Lüneburg bzw. Kurhannover). Die Niedergerichtsbarkeit lag bei der Familie von Stockhausen (Patrimonialgericht), die Hochgerichtsbarkeit beim Amt Friedland. In französischer Zeit gehörte Stockhausen von 1807 bis 1813/14 zum Kgr. Westphalen (Kanton Friedland, Distrikt Göttingen, Leine-Departement). Ab 1815 zählte der Ort, nun im Kgr. Hannover, wieder zum restituierten Patrimonialgericht Stockhausen. Bei dessen Auflösung 1839 kam das Dorf zum Amt Friedland, das 1859 im Amt Reinhausen aufging. Mit der Annexion des Kgr. Hannover fiel Stockhausen 1866 an das Kgr. Preußen. Bei Einführung der Kreisverfassung 1885 kam der Ort zum Lkr. Göttingen (neugebildet 1973 und 2016). 1973 wurde Stockhausen nach Friedland eingemeindet. Zur Struktur der Gemeinde schrieb der Ortspastor 1958: „Die Einwohner bestehen vor allem aus Bauern und Landarbeitern auf der einen und Beamten (besonders Eisenbahnern) auf der anderen Seite.“7 Um 1810 lebten etwa 150 Menschen in Stockhausen und 2024 knapp 200.
Im Jahr 1191 weihte der Havelberger Bf. Hubert (amt. 1177/78–1191) eine Kapelle in Stockhusen.8 Er handelte als Vertreter des Mainzer Erzbischofs und das Kloster Reinhausen hatte der Weihe zuvor zugestimmt. Reinhausen war die Mutterkirche und die Kapelle erhielt weder Tauf- noch Begräbnisrechte (nec baptismum nec sepulturam). Mehr als zwei Jahrhunderte später ist sie bei einem Pfründentausch als capella s[ancti] Servatii in Stochusen erwähnt.9 1452 wird sie als kerken bezeichnet und gleichzeitig ist ein kerckhove in Stockhausen belegt.10 Im Jahr 1454 überließ die Familie von Stockhausen ihr Patronatsrecht dem Kloster Reinhausen.11 Ein Testament aus dem Jahr 1463 nennt die Kapelle des heiligen Servatius in Stockhausen, die zum Kloster Reinhausen gehöre.12 Auf Bitten Hzg. Wilhelms I. zu Braunschweig-Lüneburg († 1482) übertrug das Kloster die Stockhausener Kirche 1465 dem herzoglichen Schreiber Tilemann Brecht und setzte ihn als Kaplan ein.13 Nachdem er das Amt 1480 niedergelegt hatte, stritten sich das Kloster Reinhausen und die Familie von Stockhausen um das Patronatsrecht der St. Servatiuskirche in Stockhausen.14 1483 verzichtete die Familie von Stockhausen auf ihre Ansprüche, 1488 wiederholte sie ihren Verzicht.15 Ein Gottschalk von Stockhausen, den seine Verwandten auf die Pfarre präsentiert hatten, erhielt vom Kloster Reinhausen eine Entschädigung.
Im Fsm. Göttingen führte Hzgn. Elisabeth zu Braunschweig-Lüneburg († 1558) die luth. Lehre ein: 1542 setzte sie die von Antonius Corvinus verfasste Kirchenordnung in Kraft und 1542/43 ließ sie die Gemeinden, Stifte und Klöster des Fürstentums visitieren.16 Im Jahr 1545 übernahm ihr nunmehr volljähriger Sohn als Hzg. Erich II. die Regierungsgeschäfte und wechselte 1547 zum kath. Glauben. Die Calenbergischen Stände widersetzten sich jedoch seinen Rekatholisierungsbestrebungen und konnten 1553/55 die Beibehaltung der luth. Lehre in den Kirchspielen des Fürstentums sicherstellen. Nach dem Tod Erichs II. fiel das Fsm. Calenberg-Göttingen 1584 an Braunschweig-Wolfenbüttel und Hzg. Julius († 1589) führte seine 1569 aufgestellte ev. KO auch hier ein.17 1588 ließ er die Gemeinden visitieren.
Der Bericht zur Visitation des Klosters Reinhausen aus dem Jahr 1542 erwähnt auch die unter klösterlichem Patronat stehende Pfarre Stockhausen: „Nach dem die phar Stockhausen, durch einen ungeschickten und untüchtigen Münch Er Curdt gnant bißher versorgt worden, Daruß ungetzweifelt viel unraths den armen pharkinderen entstanden ist, So haben wir, die verordenten, Her Matthießen Burman pharhern zu Nedern Jesa solche phar hinfurdt zuversorgen befolhen“.18 Der erwähnte Mönch Herr Curdt war der letzte altgläubige Geistliche in Stockhausen, P. Matthias Beuermann (amt. 1542–1562) aus Niedernjesa der erste luth. Prediger. Die bei der Visitation 1542 eingerichtete pfarramtliche Verbindung der beiden Gemeinden – der Pfarrsitz war stets in Niedernjesa – bestand bis zu ihrer Fusion zum 1. Januar 1975.
P. Hermann Beuermann (amt. 1562–1590), Sohn und Nachfolger des ersten ev. Predigers der beiden Gemeinden, predigte laut Protokoll der Visitation 1588 jeden Sonntag sowohl in Niedernjesa als auch in Stockhausen (und überdies in Ballenhausen, wo er das Pfarramt als mercenarius versah.19 Im Nachrichtungsbuch von allen Pfarren im Fürstenthumb Braunschweig, angelegt um 1600, ist Stockhausen als filia (Tochtergemeinde) von Niedernjesa verzeichnet.20 Im Visitationsbericht von 1706 wird als Patrozinium der Stockhäuser Kirche nicht Servatius angegeben, sondern Bonifatius.21 Mitte des 18. Jh. erhielt Stockhausen ein neues Kirchengebäude; 1747 war in den umliegenden Gemeinden eine Kollekte für den Bau gesammelt worden.22
Anfang des 20. Jh. lag die Zahl der Gemeindeglieder bei etwa 170. Gottesdienste fanden weiterhin an jedem Sonntag statt.23 Während der NS-Zeit hatte P. Eduard Henniges (amt. 1931–1949) das verbundene Pfarramt Stockhausen-Niedernjesa inne. Im „Fragebogen zur Geschichte der Landeskirche von 1933 bis Kriegsende“ schrieb P. Henniges, er habe sich 1933 kirchenpolitisch den DC angeschlossen, sei nach einem halben Jahr jedoch wieder ausgetreten.24 Zu den 1933 neu gewählten KV in Niedernjesa und Stockhausen bemerkte er knapp, sie seien „sehr stark nationalsozialistisch eingestellt“ gewesen. „Sie haben sich am Anfang kirchlich ausgezeichnet bewährt. Später versagten sie völlig.“25
Aufgrund des Zuzugs Geflüchteter nach Ende des Zweiten Weltkriegs stieg die Zahl der Gemeindeglieder in Stockhausen auf gut 320 an (1946).26 Bei der Visitation 1964 kritisierte der Sup. des KK Göttingen-Süd die aus seiner Sicht mangelnde Teilnahme des KV am gottesdienstlichen Leben: „Wenn in Stockhausen gelegentlich nur 1 erwachsener Gottesdienstbesucher ist, dann ist damit nicht einmal gegeben, dass er ein Kirchenvorsteher ist.“27 Seit den 1970er Jahren fand in Stockhäuser Kirche nur noch alle zwei Wochen ein Gottesdienst statt.28
Zum 1. Januar 1975 schlossen sich St.-Laurentii-KG Niedernjesa und die St. Bonifatii-KG Stockhausen zusammen und gründeten gemeinsam die neue „Ev.-luth. KG Niedernjesa-Stockhausen“.29
Umfang
Stockhausen.
Aufsichtsbezirk
Archidiakonat Nörten (sedes Geismar) der Erzdiözese Mainz.30 – 1588 zur Insp. Dransfeld, seit Verlegung des Superintendentursitzes 1636/37 Insp. Göttingen (Sitz an St. Johannis in Göttingen), bei deren Teilung 1796/97 zur neuen Insp. Göttingen Erster Teil, 1802 zur neuen Insp. Göttingen Dritter Teil III. 1924 zum KK Göttingen II, 1937 zum KK Göttingen-Süd.31
Patronat
1191 gab das Kloster Reinhausen seine Zustimmung zur Weihe der Kapelle in Stockhausen.32 1454 überließ die Familie von Stockhausen ihr Patronatsrecht über die Kirche in Stockhausen dem Kloster Reinhausen.33 Noch 1542 lag das Patronatsrecht beim Kloster Reinhausen, 1588 jedoch bei der Familie von Weyhe (auch um 1600 und 1652).34 Das Patronat wurde 1755 aufgehoben („Stockhausen ist für eine Consistorial-Kirche erkläret“).35
Kirchenbau
Rechteckiger, dreiachsiger Saalbau, erbaut 1750.36 Satteldach, nach Osten abgewalmt. Verputztes Mauerwerk mit Eckquaderung. An den Längsseiten rundbogige Fenster; rechteckiges Hauptportal in der Mittelachse der Südseite, darüber Kreisfenster; in der Mittelachse der Ostseite rechteckiges Nebenportal; in der Mittelachse der Westseite ein Kreisfenster; Portal- und Fenstergewände aus Werkstein. Im Innern flache Balkendecke; Westempore.
Turm
Über dem Westgiebel vierseitiger, verschieferter Dachreiter mit geschwungener Haube, bekrönt mit Kugel und Wetterfahne. An jeder Seite eine rundbogige Schallöffnung.
Vorgängerbau
1191 Kapelle geweiht.37
Ausstattung
Hölzerner Kanzelaltar mit Pilastergliederung und geschwungenem Giebel, weiß und hellblau gefasst, an Süd- und Nordseite des Chors schließen sich offene, ebenerdige Priechen an; polygonaler Kanzelkorb, kastenförmiger Altar, links und rechts segmentbogige Durchgänge. – Hölzerner Taufständer mit gedrechseltem Schaft, weiß und hellblau gefasst.
Orgel
1751 Reparatur der vorhandenen Orgel, ausgeführt von Johann Krebs (Göttingen). Vor 1819 Orgelneubau, Orgelbauer unbekannt, Instrument angeblich gestiftet von Gerichtsherr von Hugo. 1824 Orgel bei Blitzeinschlag beschädigt. 1873 Orgelneubau, ausgeführt von Carl Heyder (Mühlhausen), 6 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen (Opus 81). 1912 Reparatur und Änderung der Disposition, P. Furtwängler & Hammer (Hannover), 7 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen. 1960 Reparatur, Paul Ott (Göttingen). 1984 Restaurierung, Albrecht Frerichs (Göttingen), 7 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen.
Geläut
Eine LG, d’’ (Bronze, Gj. 1878, Carl Isermann, Ebergötzen), Inschriften: „Singet dem Herrn ein neues Lied. Gemeindevorstand Ch. Beuermann W. Buschen H. Junge“ und „Gegossen für die Kirchengemeinde Stockhausen von C. Isermann Ebergötzen 1878“. Eine SG, dis’’ (Eisenhartguss, Gj. 1945, J. F. Weule, Bockenem), Glocke diente bis 1970 auch als LG.38
Friedhof
Kirchlicher Friedhof bei der Kirche, FKap. Der Friedhof ist von einer Bruchsteinmauer umgeben.
Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)
A 1 Nr. 8470, 8476–8478 (Pfarroffizialsachen); A 8 Nr. 315
(CB); A 9 Nr. 1685
, 1686
(Visitationen); B 2 G 9 B Nr. 589 (Orgel- und Glockenwesen); B 18 Nr. 349 (Orgelsachverständiger); E 5 Nr. 1012 (Konsistorialbaumeister); S 11a, Nr. 7155 (Findbuch PfA); S 11a Nr. 8140 (Findbuch EphA).
Kirchenbücher
Kommunikanten: 1841–1908 (Lücken: 1860–1862, 1865–1872)
Im Übrigen siehe Niedernjesa.
Literatur & Links
A: Bielefeld, Orgeln im Umland, S. 134–136; Casemir/Ohainski/Udolph, Ortsnamen Lkr. Göttingen, S. 225–229; Eichenberg, KK Göttingen-Süd, S. 59–60; Franz, Maybaum & Tinney, Räume, S. 120–127; Ide & Maloku, Coworking-Spaces, S. 68–69 und S. 112–113; Lufen, Denkmaltopographie Altkr. Duderstadt, S. 242–243; Mithoff, Kunstdenkmale II, S. 191–192.
B: Trauregister aus den Kirchenbüchern Südniedersachsens. Teil 19: 1801–1850. Göttingen Ost: Ballenhausen, Groß Schneen, Lichtenhagen, Ludolfshausen, Niedernjesa, Reckershausen, Reiffenhausen, Stockhausen, hrsg. von der Genealogisch-Heraldischen Gesellschaft Göttingen e. V., Norderstedt 2019; Sven Spiong: Archäologische Baubeobachtungen im Ortskern von Stockhausen Gemeinde Friedland, Landkreis Göttingen, in: Göttinger Jahrbuch 40 (1992), S. 45–51.
Internet: Denkmalatlas Niedersachsen: Kirche, Friedhof, Friedhofsmauer, Kirchenanlage.
Fußnoten
- Bonifatius: Hennecke, Kirchen, S. 178, Anm. 42a, dementsprechend auch Hennecke/Krumwiede, Kirchen- und Altarpatrozinien I, S. 167. Servatius: RG Online, RG IV 04855, http://rg-online.dhi-roma.it/RG/4/4855, 23.10.2025; UB Reinhausen, Nr. 304.
- UB Reinhausen, Nr. 11.
- UB Reinhausen, Nr. 15. Für weitere Belege und zum Ortsnamen vgl. Casemir/Ohainski/Udolph, Ortsnamen Lkr. Göttingen, S. 225 ff.
- 1118/37: Mainzer UB I, Nr. 615 [Digitalisat]; UB Reinhausen, Nr. 3. 1162: MGH DD HdL 58 [Digitalisat].
- Spiong, S. 48.
- Insgesamt: Pischke, Landesteilungen, bes. S. 45 ff., S. 75 ff. und S. 180 ff.
- LkAH, L 5c, unverz., Niedernjesa, Visitation 1958.
- UB Reinhausen, Nr. 15.
- RG Online, RG IV 04855, http://rg-online.dhi-roma.it/RG/4/4855, 23.10.2025.
- UB Reinhausen, Nr. 260.
- UB Reinhausen, Nr. 271.
- UB Reinhausen, Nr. 304.
- UB Reinhausen, Nr. 316.
- UB Reinhausen, Nr. 350, Nr. 359 (Patrozinium genannt).
- UB Reinhausen, Nr. 368.
- Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 6,1, S. 708 ff.; Butt, S. 47 ff.
- Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 6,1, S. 83 ff.
- Kayser, Kirchenvisitationen, S. 298.
- Kayser, General-Kirchenvisitation I, S. 150.
- LAW, V 231, Nachrichtungsbuch von allen Pfarren im Fürstenthumb Braunschweig…, S. 57.
- Hennecke, Kirchen, S. 178, Anm. 42a.
- Kleineke, Pfarrchronik, S. 31 und S. 55.
- Ahlers, Pfarrbuch (1909), S. 324.
- LkAH, S 1 H III, Nr. 414, Bl. 21. Allgemein zum Fragebogen vgl. Kück, Ausgefüllt, S. 341 ff.
- LkAH, S 1 H III, Nr. 414, Bl. 21.
- LkAH, L 5c, unverz., Niedernjesa, Visitation 1946.
- LkAH, L 5c, unverz., Niedernjesa, Visitation 1964.
- LkAH, L 5c, unverz., Niedernjesa-Stockhausen, Visitation 1976.
- KABl. 1974, S. 276.
- Bruns, Archidiakonat Nörten, S. 168.
- KABl. 1924, S. 86; KABl. 1937, S. 135.
- UB Reinhausen, Nr. 15.
- UB Reinhausen, Nr. 271.
- Kayser, General-Kirchenvisitation I, S. 149; LAW, V 231, Nachrichtungsbuch von allen Pfarren im Fürstenthumb Braunschweig…, S. 57; Kayser, Generalvisitation Gesenius, S. 188.
- Kleineke, Pfarrchronik, S. 78.
- Kleineke: Pfarrchronik, S. 55: „1750 […] In diesem Monath Octob. ist die Stockhäuser Kirche neu gebauet und gerichtet.“ Mithoff, Kunstdenkmale II, S. 192: 1759.
- UB Reinhausen, Nr. 15.
- LkAH, B 2 G 9 B, Nr. 589, [Bl. 15].