Sprengel Ostfriesland-Ems, KK Rhauderfehn | Patrozinium: Erlöser | KO: Ostfriesische KO von 1716

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Orts- und Kirchengeschichte

Weener lässt sich urkundlich erstmals als Weinere bzw. Wianheri in einem Urbar der Abtei Werden nachweisen, dessen älteste Teile sich auf das 10. Jh. datieren lassen.1 Weener gehörte im Hochmittelalter zur ostfriesischen Landesgemeinde Rheiderland. Nachdem Ks. Friedrich III. im Jahr 1464 Ulrich I. Cirksena zum Reichsgrafen von Ostfriesland erhoben hatte (Reichsfürsten seit 1654/62), bildete sich in der zweiten Hälfte des 15. Jh. die Ämterstruktur der Gft. Ostfriesland heraus.2 Weener zählte zum Amt Leer und kam 1744 mit der gesamten Gft. Ostfriesland an das Kgr. Preußen. In französischer Zeit gehörte Weener ab 1807 zum Kgr. Holland und von 1807 bis 1810 zum Kaiserreich Frankreich Département Ems-Occidental, Arrondissement Winschoten, Kanton Weener). Ab 1817 war Weener Sitz des gleichnamigen Amtes, zunächst im Kgr. Hannover und nach der Annexion von 1866 im Kgr. Preußen. Bei Einführung der Kreisverfassung 1885 wurde der Ort Sitz des Kreises Weener, der 1932 im Kr. Leer aufging. Seit 1929 ist Weener Stadt.3 In Weener lebten 1821 rund 2.345 Menschen, 1905 gut. 3.870, 1946 etwa 5.635 und 2018 rund 6.700 (nur Kernstadt, mit Eingemeindungen rund 15.840).

Kirche im Bau, 17. März 1953

Kirche im Bau, 17. März 1953

Weener war seit der Reformation ref.4 Nachdem ein erster Versuch in den 1740er Jahren gescheitert war, erlangte die kath. Bevölkerung des Ortes im 19. Jh. die Erlaubnis, eine eigene Gemeinde zu gründen und weihte 1843 die St. Josephskirche ein. Einige Jahre später gründete die bapt. Gemeinde Ihren eine Filialgemeinde in Weener, die 1896 selbständig wurde (Kapelle 1880, Neubau 1956). Eine jüd. Gemeinde bestand in Weener seit 1829, die im gleichen Jahr eingeweihte Synagoge brannte die SA in der Reichspogromnacht 1938 nieder.5
Eine luth. Kirchengemeinde gründete sich in Weener erst in der zweiten Hälfte des 20. Jh., erste Bemühungen gab es jedoch bereits im 19. Jh. Im Jahr 1864 lebten knapp 390 Lutheraner in Weener und 1880 richtete der Rechtsanwalt und Notar Friedrich Finkenburg (1849–1887) in seinem Wohnhaus einen Saal für luth. GD ein; mit seinem Tod endete jedoch die Initiative zur Gründung einer luth. Gemeinde.6 Mit dem Zuzug zahlreicher luth. Flüchtlinge und Heimatvertriebenen änderte sich die Situation nach Ende des Zweiten Weltkriegs.7 Luth. GD fanden seit 1950 in der Kapelle der Baptisten statt. Zum Jahresanfang 1951 beauftragte das Landeskirchenamt den in der Ukraine geborenen Ostgeistlichen P. Leo Torinus mit der Versorgung der Lutheraner in Weener; P. Torinus hatte den Status eines Pfarrers der Landeskirche mit Sitz in Bingum. Im April des gleichen Jahres gründete sich der „Beirat der luth. Gemeinde Weener“ und erwarb in der Folgezeit Grundstück und Baugenehmigung für eine luth. Kirche. Die Grundsteinlegung feierte die Gemeinde im September 1952 und am 15. November 1953 konnte Lbf. Hanns Lilje die Erlöserkirche einweihen. Eine luth. KG bestand zu diesem Zeitpunkt noch nicht, denn die Neugründung einer luth. Gemeinde in einer ref. Ortschaft verstieß gegen das in Ostfriesland seit 1599 mit nur wenigen Ausnahmen bestehende einparochiale Prinzip.8
Dennoch beantragte das Hannoveraner LKA beim Regierungspräsidenten in Aurich die Genehmigung zur Gründung einer luth. Gemeinde in Weener und einer weiteren im benachbarten Bunde. Die Ev.-ref. Kirche in Nordwestdeutschland legte Einspruch dagegen ein und rief im November 1953 das vorläufige Schiedsgericht der EKD an. 1955 einigten sich Reformierte und Lutheraner auf einen Vergleich: Erstere nahmen ihren Einspruch zurück, letztere verzichteten auf die Gründung einer luth. KG in Bunde (vorerst, wie sich später zeigte). Weiter heißt es: „Beide Landeskirchen werden neue Kirchengemeinden in solchen Orten, wo bisher nur eine Gemeinde der anderen Landeskirche besteht, nicht errichten. Es sei denn, daß dies auf Grund der tatsächlichen Entwicklung nötig und nützlich ist“.9 Eine örtliche Vereinbarung sollte das Zusammenleben der beiden ev. KG vor Ort regeln (geschlossen 1957).

Kirche, Außenansicht, um 1955, Schnitt von A. D.

Kirche, Außenansicht, um 1955, Schnitt von A. D.

Zum 1. Oktober 1955 konnte sich daraufhin die die ev.-luth. KG Weener gründen und das LKA richtete eine Pfarrstelle für die neue Gemeinde ein.10 Das Pfarramt übernahm der bereits in Weener tätige P. Leo Torinus (amt. 1956–1967); er war gleichzeitig Militärpfarrer des Bundeswehrstandorts Weener und versorgte auch die Lutheraner in Bunde. Im Jahr 1960 zählte die KG Weener nach Angaben P. Torinus’ etwa 1.350 Gemeindeglieder, hinzu kamen rund 560 Lutheraner in Bunde und etwa 250 in der Militärgemeinde.11 Nach der ersten Visitation der neuen Gemeinde resümierte der Sup. des KK Leer 1960, die KG Weener sei „durch die Auseinandersetzung mit der reformierten Kirche stark lutherisch geprägt“.12 Gleichzeitig beschrieb Ortspastor Torinus das Verhältnis zwischen luth. Pfarramt und ref. Kirchenrat als „sehr kühl bzw. feindselig“, während das Verhältnis der ref. und luth. Gemeindeglieder zueinander „recht freundlich“ sei.13 Seit Mitte der 1960er Jahre kam es „langsam zu geordneten Kontakten zwischen den Konfessionen“: Anfang der 1970er Jahre nutzte die ref. Gemeinde während der Instandsetzung ihres eigenen Gotteshauses die luth. Erlöserkirche, die Gemeinden feierten gemeinsame Gottesdienste und auch die Jugendgruppen kooperierten.14 Zwei Jahrzehnte später stellte der Ortspastor fest, es gebe „ein gutes Nebeneinander und ein befriedigendes Miteinander“ der ref., der luth., der kath. und der bapt. Gemeinden in Weener.15 Mit der ev. Pfingstgemeinde kam später eine weitere Gemeinde hinzu (Riverside Church Rheiderland).

Umfang

Weener, Neuweener, Holthusen, Möhlenwarf, Stapelmoor und Tichelwarf.

Aufsichtsbezirk

Bei Gründung der KG 1955 zum KK Leer.16 Seit 1. Januar 2013 KK Emden-Leer.17

Kirchenbau

Nordöstlich ausgerichteter Rechteckbau mit nordwestlichem Seitenschiff, polygoner Apsis und Sakristeianbau nach Südosten, errichtet 1952/53 (Architekt: Erich Werner, Weener). Satteldach, im Südwesten bekrönt mit Kugel und Kreuz, Apsis mit Walmdach, Seitenschiff und Sakristei mit Schleppdach; Ziegelmauerwerk; rundbogige Fenster; in südwestlicher Giebelseite Rosettenfenster sowie Hauptportal mit sieben gemauerten Rundbögen, daneben je zwei kleine Rundbogenfenster. Im Innern flach gewölbte Holzdecke, gegliedert in 42 Felder; Apsiskalotte; flache Decke im Seitenschiff; runder Triumphbogen zwischen Apsis und Schiff mit Inschrift: „Ich bin das A und das O, der Anfang u das Ende. Ich will dem Durstigen geben von dem Brunnen des lebendigen Wassers umsonst. Wer überwindet, der wird es alles ererben, und Ich werde sein Gott sein und er wird Mein Sohn sein. Offenb. 21,6+7“; zwei flache Segmentbögen zwischen Schiff und Seitenschiff; vorgewölbte Westempore; an West und Nordseite waagerecht verbretterte Schallschluckflächen. 1978/79 Instandsetzung (u. a. Heizung und Verbesserung der Akustik).

Fenster

Drei Rundfenster in der Apsis (1953, Hermann Oetken, Delmenhorst): Schöpfung, Christus als Weltenrichter, Heiliger Geist; Fenster gestiftet von einem Gemeindeglied zur Erinnerung an die im Zweiten Weltkrieg gefallenen Söhne.18

Turm

Seitlich stehender, querrechteckiger Turm im Nordwesten. Satteldach, bekrönt mit Schwan; Ziegelmauerwerk; Uhrziffernblätter an den Giebeln; je zwei rundbogige Schallöffnungen an den Giebel- und je drei an den Längsseiten. Im Innern mehrere Gemeinderäume.

Ausstattung

Schlichter Blockaltar aus hellem Kalkstein (1953, Erich Werner, Weener). – Kelchförmige Taufe aus hellem Kalkstein (1953 Erich Werner, Weener), rundes Becken, leicht konischer Schaft. – Hölzerne Kanzel (1953, Entwurf: Erich Werner, Weener), an den Wandungen des Kanzelkorbs Darstellungen Johannes des Täufers und der vier Evangelisten (1953, Hermann Oetken, Delmenhorst).

Orgel

Anfangs Kleinorgel, 3 I/–, später im Gemeindesaal aufgestellt. Neue Orgel erbaut 1956–58 von Alfred Führer (Wilhelmshaven), 23 II/P (HW, RP), mechanische Traktur, Schleifladen; eingeweiht am 7. Dezember 1958.

Geläut

Vier LG, I: e’, Inschriften: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit“ sowie „Christusglocke der Lutherischen Kirche Weener“, Bild: Christusmonogramm; II: g’, Inschriften: „Ein feste Burg ist unser Gott“ sowie „Lutherglocke der Lutherischen Gemeinde Weener“, Bild: Lutherrose; III: a’, Inschriften: „Heimatglocke“ sowie „Wir haben hier keine bleibende Statt sondern die zukünftige suchen wir“, Bild: Kreuz; IV: c’’, Inschriften: „Friedensglocke“ sowie „Er ist unser Friede“, Bild: Taube (alle Bronze, Gj. 1953, Firma Rincker, Sinn).

Weitere kirchliche Gebäude

Pfarrhaus (Bj. 1957). – Gemeindehaus (Bj. 1994/95, südöstlich an die Kirche anschließend.

Friedhof

Zwei Friedhöfe im Eigentum der ev.-ref. KG.

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

A 6 Nr. 8475 (Pfarrbestallungsakten); A 12d Nr. 690 (GSuptur. Aurich); L 5i, Nr. 185–186, 382, 644 (LSuptur. Aurich); S 9 rep Nr. 2238 (Presseausschnittsammlung); S 11a Nr. 8064 (Findbuch PfA).

Literatur

A: Otte/Rohde, Ostfriesland II, S. 585.
B: Festschrift der Ev.-Luth. Erlöserkirchengemeinde Weener (Ems) zur 25-Jahr-Feier am 15. November 1978; Weener, in: Historische Ortsdatenbank für Ostfriesland, 16.01.2020 [Artikel unfertig]; Aeilt Fr. Risius: Weener (Ems). Geschichte der Stadt im Rheiderland, Weener 1994; Menno Smid: Die evangelisch-lutherischen Gemeinden in Weener und Bunde. Ihr Zustandekommen in der Erinnerung eines Beteiligten, in: Tota Frisia in Teilansichten. Hajo van Lengen zum 65. Geburtstag, Aurich 2005, S. 473–480.

GND

1073666980, Ev.-Luth. Erlöserkirchengemeinde Weener; 1215113609 , Evangelisch-Lutherische Erlöser-Kirche Weener (Weener)


Fußnoten

  1. Ostfriesisches UB II, Anhang A, I, 2, 5, 6, 8, 20; Casemir/Ohainski, Niedersächsische Orte, S. 80.
  2. König, Verwaltungsgeschichte, S. 158 ff.
  3. Risius, S. 184.
  4. Zum Folgenden vgl. Risius, S. 91 ff.
  5. Risius, S. 188 ff.; Obenaus, Handbuch, S. 1534 ff.: „Im April 1940 gab es keine Juden mehr in Weener“ (ebd., S. 1542).
  6. Zum Folgenden vgl. Risius, S. 105 ff.; Smid, S. 473 ff.
  7. LkAH L 5i Nr. 382 (Visitation 1960): „Den Anstoß zur Gründung der Gemeinde bildete nun die große Zahl der Heimatvertriebenen, die trotz alle Bemühungen der reformierten Kirche dort keine geistliche Heimat fanden.“
  8. Smid, S. 476; Smid, Ostfriesische Kirchengeschichte, S. 581 ff.
  9. Zit. bei Risius, S. 107; siehe auch LkAH, L 5i Nr. 185. Die luth. KG Bunde gründete sich schließlich zum 1. Januar 1969, vgl. Smid, S. 479 f.
  10. KABl. 1955, S. 105.
  11. LkAH L 5i Nr. 382 (Visitation 1960).
  12. LkAH L 5i Nr. 382 (Visitation 1960). 1996 betonte der Visitator, dass in Weener „der Gottesdienst nach der in lutherischen Kirchen allgemein üblichen Form mit gesungener Liturgie (auch gesungener Abendmahlsliturgie) und zwei biblischen Lesungen im Eingangsteil“ verläuft und setzte hinzu: „Angesichts mancher reformiert geprägter Akzente auch in lutherischen Gottesdiensten in Ostfriesland sei dies immerhin erwähnt.“
  13. LkAH L 5i Nr. 382 (Visitation 1960).
  14. LkAH L 5i Nr. 382 (Visitation 1972).
  15. LkAH L 5i Nr. 382 (Visitation 1990).
  16. KABl. 1955, S. 105.
  17. KABl. 2013, S. 31.
  18. Smid, S. 475.