Sprengel Ostfriesland-Ems, KK Emden-Leer | Patrozinium: Matthäus | KO: Ostfriesische KO von 1716

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Orts- und Kirchengeschichte

Seit 1973 Ortsteil von Leer. – Der Ort wird im 10. Jh. als Binninghem bzw. Binnighem in einem Urbar der Abtei Werden erstmals genannt.1 Die Burg war Sitz eines Häuptlings und längere Zeit im Besitz der Ende des 16. Jh. auch als Herren zu Loga belegten Familie Crumminga (um 1460: Amos Crumminga), später der Frhr. von Rheden. 1464 wurde das Rheiderland den Cirksena zugesprochen. Mit dem Oberrheiderland fiel Bingum an das Amt Leer und wurde Sitz einer Vogtei (bis 1817). Vermutlich erhielt der Ort zu gleicher Zeit auch das Marktrecht.

Kirche, Ansicht von Osten, 1956 (?)

Kirche, Ansicht von Osten, 1956 (?)

Der Kirchenbau wird auf den Anfang des 13. Jh. datiert. Unter den Geistlichen erscheint zuerst 1436 Her Gheltyko, curet tho Bynnyngum.2 1449 schlichteten der Propst von Hatzum und der Pfarrer von Jemgum einen Grundstücksstreit zwischen dem Kloster Termünten und dem Pfarrer zu Bingum.3 1525/26 wurde die Reformation eingeführt. Geistlicher war zu dieser Zeit Poppo von Petkum (amt. 1503 bis vor 1556), der auch nach dem Bekenntniswechsel im Amt blieb. Obwohl sich die Einwohner mehrheitlich zur ref. Lehre bekannten, wurde die Pfarre von Beginn an von den Lutheranern vereinnahmt. Die Gemeinde wurde – ohne klare Trennung der Pfarrstellen – von zwei Geistlichen betreut. Ab etwa 1586 war der zweite Geistliche zugleich Schlossprediger in Leerort.
Anlässlich der Einführung des P. Reinhard Martin Hoppelius kam es 1653/54 zu einem Abendmahlsstreit (Verwendung von Oblaten oder einfachem Brot), der durch einen Vergleich des Konsistoriums entschieden wurde.4 P. Joachim Christian Jhering (amt. 1721–1729) hinterließ mehrere theologische und kirchengeschichtliche Schriften (Geschichte der Mennoniten, Ostfriesische Kirchengeschichte des 16. Jahrhunderts).5 P. Johann Joachim Röling (amt. 1733–1741) wurde als Antitrinitarier und Anhänger des Sozinianismus 1738 zunächst für sechs Wochen suspendiert und nach entsprechenden Gutachten der theologischen und juristischen Fakultäten in Jena und Rostock 1741 aus dem Amt entfernt.6
Als in der napoleonischen Zeit 1806 das Rheiderland aus Ostfriesland ausgegliedert und dem Departement Ems occidentale zugeschlagen wurde, wurde der Bingumer P. Fischer zum Sup. für die luth. Kirchen des Rheiderlands bestellt und nach der Rückkehr unter preußische Landeshoheit 1813 als solcher bestätigt. Erneut war Bingum von 1858 bis 1917 Sitz einer Suptur. Nach dem Tod des P. und Sup. Friedrich Christoph Schmertmann (1917) wurde sie nicht wieder besetzt. Die erste Pfarrstelle blieb vakant und wurde 1930 aufgehoben.7
Seit 1987 ist die KG Bingum pfarramtlich mit der KG Holtgaste verbunden und 2017 kam die KG Pogum als dritte Gemeinde hinzu.8

Pfarrstellen

I: Vorref., 1. April 1930 aufgehoben. – II: Vorref., seit 1. April 1930 einzige Pfarrstelle.

Umfang

Die Dörfer Bingum (mit Bingumgaste und Einhaus) und Coldam.

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Friesland (Propstei Hatzum) der Diözese Münster. – Unterstand von 1631 bis 1643 dem luth. Coetus in Aurich und ab 1643 unmittelbar dem dortigen Konsistorium. Nach der Insp.-Ordnung von 1766 zur Insp. des Amts Leer (zur 5. Insp.), später 7. luth. Insp. in Ostfriesland; ab 1924 KK Leer (seit 1. Januar 2013 KK Emden-Leer).

Patronat

Genossenschaftspatronat der Gemeinde (Interessentenwahlrecht), zwischen 1942 und 1945 aufgehoben.9

Kirchenbau

Vierachsige, romanische Backsteinsaalkirche mit halbrunder Ostapsis (Anfang 13. Jh.). Balkendecke über dem Schiff. Die Längswände des Schiffs sind weitgehend im Original erhalten; der Westgiebel wurde 1793 erneuert, die Fenster an der Südseite nachträglich vergrößert. 1793 wurde auch der Hauptzugang nach Westen verlegt und die alten Portale in Norden und Süden vermauert. Grundlegende Renovierung 1959/69.

Fenster

In der Apsis drei Buntglasfenster (Weihnachten, Ostern, Pfingsten) von Joachim Schubotz (Hannover).

Turm

An der Nordwestecke der Kirche ein Glockenturm des geschlossenen Typs auf quadratischem Grundriss (1766) mit Pilastergliederung und einem ins Achteck überführten, ursprünglich verschiefertem, seit 1971 in Kupfer eingedecktem Pyramidenhelm. Der heutige Turm ersetzte einen älteren Glockenträger des Parallelmauertyps Als Bekrönung diente früher ein Wetterschwan (seit 1972 im Institut für Vogelforschung in Wilhelmshaven ausgestellt); jetzt ein Wetterhahn.10

Grablege

1509 wurde in der Kirche der Gräflich Ostfriesische Rat Alricus Slüter beigesetzt.

Ausstattung

Altar mit gemauertem Stipes und Sandsteinmensa. – Kanzel von Frerik Alberts, Bauernschnitzerei mit Darstellung der vier Evangelisten (1691, Stiftung der Familie Crumminga). – Achtseitige Taufe aus Bentheimer Sandstein mit Reliefdarstellungen auf den Wandungen der Kuppa (14. Jh.). – Hängekreuz in der Apsis von Joachim Schubotz (1968).

Orgel

Auf dem Chor im Osten. Bei der Kirchenvisitation 1629 wird der Organist Diedericus Hüssing erwähnt. 1683 Neubau. Zwischen 1774 und 1777 Instandsetzung. 1751 Neubau durch Gebrüder Rohlfs (Esens). 1901 Instandsetzung durch P. Furtwängler & Hammer (Hannover). 1929 Neubau durch P. Furtwängler & Hammer, 10 II/P. 1969 Neubau durch Jürgen Ahrend und Gerhard Brunzema (Leer-Loga) und Aufstellung im Westen, 13 II/P (HW, OW), mechanische Traktur, Schleifladen.

Geläut

Vier LG, I: e’; II: gis’; III: h’ (Bronze, Gj. 2012, Simon Laudy, Finsterwolde/NL); IV: c’’ (Bronze Gj. 1862, Fremy und van Bergen, Stiekelkamperfehn). – Früherer Bestand: Eine Marienglocke, gegossen 1463 oder 1464 durch Gherd Klinghe, ist 1724 geborsten und wurde ein Jahr darauf aus dem Turm genommen.11 Eine 1802 von M. Fremy gegossene Bronzeglocke (die größte des damaligen Geläuts) wurde 1917 zu Rüstungszwecken abgeliefert. 1862 erhielt die Gemeinde zwei weitere Glocken von Fremy und van Bergen, von denen die größere 1942 ebenfalls abgegeben wurde. Zwei 1951 beschaffte Eisenhartgussglocken in g’ und b’ (J. F. Weule, Bockenem) wurden 2012 ersetzt und neben der Kirche aufgestellt.

Weitere kirchliche Gebäude

Gemeindehaus mit Konfirmandenraum (Bj. 1980).

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 5 Nr. 562 (Spec. Landeskons.); A 6 Nr. 824–827 (Pfarrbestallungsakten); A 8 (CB); A 12 d (GSuptur. Aurich); D 81 (EphA Leer).

Literatur

A: Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 224; Kaufmann, Orgeln Ostfrieslands, S. 75 f.; Meinz, Sakralbau Ostfriesland, S. 122; Mithoff, Kunstdenkmale VII, S. 39; Rogge, Kirchen, S. 56.
B: Gerhard Kronsweide: Giminghem – der alte Name von Jemgum. Namenskundliche und archäologische Betrachtung, in: dit un’ dat 20 (1995), S. 1–7; Wilhelm Lange: Die Familien der Kirchengemeinde Bingum (1760–1900) (= Ostfrieslands Ortssippenbücher 33), Aurich 1994; Reinhold Mühring: Frühgeschichte von Bingum, Weener 1985.


Fußnoten

  1. Ostfriesisches UB II, Anhang A, I, 4, 6. Zur Identifikation: Kronsweide, S. 3. Bei Casemir/Ohainski, Niedersächsische Orte, S. 77, ist Bingum mit dem ebenfalls im Werdener Urbar gennannten Beddinghem identifiziert, während Binni(n)ghem als nicht genau lokalisierbar bezeichnet wird (ebd., S. 121). Mühring ordnet beide Quellennamen dem heutigen Bingum zu.
  2. Ostfriesisches UB I, Nr. 461.
  3. Ostfriesisches UB I, Nr. 609.
  4. Reershemius, Predigerdenkmal, S. 351.
  5. Reershemius, Predigerdenkmal, S. 353.
  6. Reershemius, Predigerdenkmal, S. 354.
  7. KABl. 1930, S. 45.
  8. KABl. 1986, S. 161.
  9. Smid, Ostfriesische Kirchengeschichte, S. 604; Handbuch 1933, S. 87; Verzeichnis 1946, S. 33.
  10. Lübben, Wetterschwäne, S. 22.
  11. Heinrich Baumann: Glocken aus vorreformatorischer Zeit, in: Unser Ostfriesland 18/1963.