Sprengel Stade, KK Osterholz-Scharmbeck | Patrozinium: Johannes1 | KO: Keine Kirchenordnung

Orts- und Kirchengeschichte

Schriftlich lässt sich Ritterhude erstmals im Jahr 1182 belegen, als ein dominus Elerus für seinen Besitz in Huda von Eylhard, Propst des gerade begründeten Klosters Osterholz, zwei Häuser in Westerbeck erhielt.2 Ein Teil Ritterhudes trug zeitweise den Namen Nygenstede (belegt 1229).3 Seit dem Hochmittelalter entstanden in Ritterhude mehrere Adelssitze (Dammgut, Hudenhof, Eichhof, Liethenhof, Fergersberg).4 Ritterhude war Teil des Erzstifts Bremen, des weltlichen Territoriums der Erzbischöfe; die Gerichtsbarkeit lag jedoch bei den Herren von der Hude (geschlossenes adliges Gericht, Patrimonialgericht).5 Diese Verhältnisse änderten sich nicht, als das Erzstift Bremen nach Ende des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) säkularisiert wurde und zusammen mit dem ebenfalls säkularisierten Hochstift Verden unter schwedischer Herrschaft verblieb (vereinigte Hzm. Bremen-Verden). Sie bestanden auch fort, als das welfische Kfsm. Braunschweig-Lüneburg (Kurhannover) während des Großen Nordischen Krieges (1700–1721) die beiden Territorien 1715/19 erwerben konnte. In französischer Zeit zählte Ritterhude 1810 zunächst kurzzeitig zum Kgr. Westphalen und dann bis 1813/14 zum Kanton Osterholz im Arrondissement Bremerlehe des Departements Wesermündung im Kaiserreich Frankreich. Danach kam der Ort, nun im Kgr. Hannover, zunächst wieder zum restituierten Gericht Ritterhude, das 1848 schließlich im Amt Osterholz aufging. Mit der Annexion des Kgr. Hannover fiel der Ritterhude 1866 an das Kgr. Preußen. Seit Einführung der Kreisverfassung 1885 ist Ritterhude Teil des Lkr. Osterholz. 1974 wurden Lesumstotel, Osterhagen-Ihlpohl, Platjenwerbe, Stendorf und Werschenrege nach Ritterhude eingemeindet. Zur wirtschaftlichen Lage der Gemeinde schrieb der Ortspfarrer Mitte des 19. Jh.: „ein Großteil der Gemeinde lebt vom Tagelohne“ (1848) und arbeitete in Burgdamm oder Vegesack (1852).6 Ritterhude entwickelte sich zu einem Vorort von Bremen (1960: „Vorwiegend Arbeiterbevölkerung, Pendler, wenig Bauern und Handwerker, wenig bürgerliche Berufe“).7 Um 1813 lebten knapp 1.400 Menschen in Ritterhude, 1939 etwa 2.800, 1946 fast 5.900, 1972 rund 7.580 (mit späteren Eingemeindungen 12.400) und 2019, einschließlich Eingemeindungen, gut 14.680.

Kirche, Nordwesten

Kirche, Blick von Nordwesten, 2020, Foto: Wolfram Kändler, CC BY-SA 3.0 de

Kirchlich gehörte Ritterhude ursprünglich zum Kirchspiel Lesum, wie den Protokollen der Visitation 1581/83 zu entnehmen ist: Die Kapelle „zur Hude“ sei „aus der Kirche Lessem gestiftet“.8 Das Jahr der Verselbständigung ist unklar. Im Stader Copiar, angelegt um 1420, ist vermerkt, die Familie von der Hude habe das Patronat über ambas capellas in Huda (beide Kapellen in Hude), das Recht der Einsetzung des jeweiligen Geistlichen liege aber beim Bremer Dompropst.9 Nach einer mittlerweile verlorenen Urkunde aus dem Jahr 1514, deren Text sich aus Abschriften teilweise rekonstruieren lässt, existierte seinerzeit anscheinend nur noch die „capellen to sunte Johanne“. Über die zweite heißt es in der Vergangenheitsform: „hefft ok en capellen gewesen tho de hude“. Wohl ohne genaue zeitliche Einordnung nannte die Urkunde auch einen Geistlichen von Ritterhude: „der lange herr Johann“.10 Weitere vorref. Geistliche finden sich in einem „Verzeichnis der im Erzbisthum wohnenden Mitglieder einer Brüderschaft des hl. Antonius“, angelegt wohl im späten 15. Jh., aber sowohl auf älteren Quellen beruhend als auch später ergänzt. Auf drei Seiten sind hier Mitglieder bzw. Almosengeber aus Ritterhude aufgelistet; am Anfang stehen u. a. drei Geistliche: † Her Melius plebanus, Her Bartholomeus, plebanus und her Herman Buddenbarch, Kerchher in Hude. Auch diese Einträge lassen sich jedoch nicht datieren.11
Im Zeitalter der Reformation regierte mit Ebf. Christoph von Braunschweig-Lüneburg (amt. 1502–1558) zunächst ein entschiedener Gegner der luth. Lehre im Stift Bremen (und gleichzeitig im Stift Verden). Trotzdem fasste der Protestantismus während seiner Regierungszeit Fuß in den Gemeinden des Erzstifts.12 Ebf. Christophs Bruder und Nachfolger in beiden Bistümern, Ebf. Georg (amt. 1558–1566), duldete den neuen Glauben. Der Bremer Ebf. Heinrich III. von Sachsen-Lauenburg (amt. 1567–1585) schließlich war Protestant, verfolgte jedoch eine vorsichtige Kirchenpolitik; zur Einführung einer ev. Kirchenordnung kam es während seiner Amtszeit nicht. Im Erzstift Bremen hat sich, zugespitzt formuliert, „eine allmähliche Reformation“ vollzogen, „die meistens auf Gemeindeebene begann“.13 Detaillierte Informationen über die Entwicklung in Ritterhude liegen nicht vor. Bei der Visitation 1581/83 hatte P. Nicolaus Meiners (amt. mindestens 1568–1585) das Pfarramt inne, der erste bekannte prot. Prediger der Gemeinde.14 Vor den Visitatoren war er jedoch nicht erschienen, da er in Lehe seinen Vater beerdigen musste. Weiter heißt es im Protokoll: „Ihm, Pastori zur Hude wird Schuld gegeben, daß er in Verreichung des Herrn Nachtmahls die Worte der Kalvinisten gebrauchen solle“.15

Kirche, Südosten

Kirche, Blick von Südosten, 2020, Foto: Wolfram Kändler, CC BY-SA 3.0 de

Die Verbindungen zum Mutterkirchspiel Lesum hielten auch in nachref. Zeit an. Zwar besaß Ritterhude eigene Geistliche, aber das Gotteshaus wird nicht nur bei der Visitation 1581/83 noch als Kapelle bezeichnet, sondern auch 1650, als es heißt „daselbst ist eine Capelle, gehöret sonst nach der Lesumb“.16 1677 ist von „Pfarre oder Capelle zu Ritterhude“ die Rede.17 Bis hinein in die erste Hälfte des 19. Jh. kamen überdies Pastor und Küster aus Lesum zweimal im Jahr nach Ritterhude, um hier einen Gottesdienst zu feiern (am 24. Juni, dem Tag Johannes des Täufers und am 27. Dezember, dem Fest des Apostels und Evangelisten Johannes); dafür erhielten sie die Erträge einer Haussammlung sowie eine Abgabe von den fünf adligen Höfen.18
Nach P. Johannes Erasmus (amt. 1583 bis mindestens 1612) und P. Dietrich Dreyer (amt. 1650) ist die Reihe der Ritterhuder Pastoren schließlich ab P. Bernhard Heger (amt. 1654–1677) lückenlos bekannt. Von P. Heger sind Aufzeichnungen über Taufen zwischen 1663 und 1666 erhalten; sein Sohn und Nachfolger P. Jobst Hinrich Heger (amt. 1677–1691) legte das erste Kirchenbuch der Gemeinde an. Seinerzeit war die Pfarre eher schlecht ausgestattet und die Patronatsfamilien mussten „selbst von dem Ihrigen den Prediger unterhalten“.19
Das mittelalterliche Kapellengebäude war Ende des 17. Jh. baufällig und zu klein; Gemeinde und Patrone scheuten jedoch die Kosten eines Neubaus.20 P. Salomon Spranger (amt. 1691–1711) erwirkte schon zu Beginn seiner Amtszeit die Genehmigung für eine Kollektenreise (1699 neu ausgestellt) und soll so in Sachsen und im Vogtland etwa 800 Reichstaler für den Kirchenneubau gesammelt haben. Hinzu kamen 500 Taler von den Patronatsfamilien und 500 von der Gemeinde. Das Angebot der Regierung, den Neubau zu finanzieren, wenn im Gegenzug das Patronat auf den Landesherrn (seinerzeit der schwedische König) übertragen würde, lehnten die Patrone ab. 1702 konnte eine neue Fachwerkkirche errichtet werden, ihr Turm war allerdings 1706 noch immer ohne Dach.

Ehemaliges Pfarrhaus

Ehemaliges Pfarrhaus, 2020, Foto: Wolfram Kändler, CC BY-SA 3.0 de

Bereits Ende des 18. Jh. war ein weiterer Neubau nötig. Moorkommissar Jürgen Christian Findorff entwarf 1789 eine achtseitige Kirche mit rundem Innenraum, die jedoch nicht gebaut wurde.21 Patrone und Gemeinde entschieden sich für die kostengünstige Variante und ließen erneut eine Fachwerkkirche errichten; die Glocken hingen in einem hölzernen Glockenträger neben dem Küsterhaus. Erst 1892 erhielt die Kirche einen Turm; weitere Umbauten 1908 und 1936 gaben ihr ihre heutige Gestalt. Kostengründe waren es auch, die nach dem Pfarrhausbrand von 1829 einem Neubau im Weg standen. Der Pastor erhielt eine Amtswohnung auf dem Hudenhof. Ein neues Pfarrhaus erhielt die Gemeinde erst 1929: Die Geschwister Bergmann/Ries, Wohltäter der Gemeinde Ritterhude, hatten sich erboten, der Kirchengemeinde ein Pfarrhaus zu schenken, sobald das Patronat abgelöst sei.22 Mit Blick auf den langjährigen Geistlichen der Gemeinde, P. Friedrich Conrad Degener (amt. 1889–1928) schrieb der Sup. des KK Lesum rückblickend: „Der am Kaffee und Biertisch seinen Mann stehende Plauderer ist für die Menschen tatsächlich hier der Typus eines Idealpastoren.“23
Während der NS-Zeit war P. Heinrich Oehlerking (amt. 1932–1942) Pastor in Ritterhude. Er war kein Mitglied der NSDAP, trat jedoch „für die werdende nationalsozialistische Bewegung“ ein.24 Kirchenpolitisch stand er aufseiten der Hannoverschen Bekenntnisgemeinschaft, wie sein Nachfolger P. Herwart Riechel (amt. 1945–1974) im „Fragebogen zur Geschichte der Landeskirche von 1933 bis Kriegsende“ angab.25 Über den 1933 neu gewählten KV fällt P. Riechel ein weitgehend negatives Urteil: Die meisten Kirchenvorsteher hätten der NSDAP angehört, seien später aus politischen Gründen ausgeschieden und „haben der Kirche nicht die Treue gehalten“. Sie waren 1933 „auf die DC-Liste gewählt“.26 Nach der Visitation 1935 merkte der Sup. des KK Lesum zudem an, Ritterhude sei jene Gemeinde im KK, in der „sich neuheidnische Agitation (bes. Tannenbergbund) am meisten zeigt“.27 Bei der folgenden Visitation heißt es dann 1941, „die Hetze der ‚Tannenberger‘ in Ritterhude“ sei zum Schweigen gekommen.28
Mit dem Zuzug Geflüchteter nach Ende des Zweiten Weltkriegs wuchs auch der kath. Bevölkerungsanteil Ritterhudes (1948: 300). Alle zwei Wochen versammelte sich die kath. Gemeinde in der ev. Kirche zum Gottesdienst (auch 1978 noch nutzten beide Gemeinden die Johanneskirche).29 Gleichzeitig hatte sich die ev. Gemeinde fast verdoppelte: Zählte sie 1935 noch knapp 2.640 Gemeindeglieder, so waren es 1948 etwa 5130.30 Auch die Struktur der Gemeinde änderte sich; sie „galt von je her als die unkirchlichste im Kirchenkreise“, notierte der Sup. 1948 im Visitationsbericht, „bedingt durch die sozialen Verhältnisse und die grossstädtische Nähe des Hafenplatzes Bremen.“31 Die Landeskirchliche Gemeinschaft und der Jugendbund EC entstanden nun als neue Gruppen in der Gemeinde, tragend waren dabei in erster Linie „Vertriebene aus Ostpreußen, die in ihrer alten Heimat den Kreisen der Erweckungsbewegung angehört hatten“.32 Der Jugendbund prägte zusammen mit den christlichen Pfadfindern bis Ende der 1960er Jahre die Jugendarbeit in der Gemeinde Ritterhude.
In den 1950er Jahren und in der ersten Hälfte der 1960er Jahre betrieb die Gemeinde eine Schwesternstation, bis die politische Gemeinde dieses Aufgabengebiet übernahm.33 Seit den 1960er Jahren unterhält die KG Ritterhude eine Partnerschaft mit der sächsischen Kirchgemeinde Herrnhut-Berthelsdorf. Aufgrund der gestiegenen Gemeindegliederzahl richtete das Landeskirchenamt 1960 eine zweite Pfarrstelle ein, die erstmals P. Christoph Schulz (amt. 1965–1968) übernahm.34 Im Jahre 1991 gründete sich der Förderkreis der KG, der die kirchengemeindliche Arbeit finanziell und praktisch unterstützt. In der Region Osterholz-Scharmbeck/Ritterhude kooperiert die Johannesgemeinde mit ihren Nachbargemeinden Pennigbüttel, Scharmbeckstotel, St. Willehadi sowie St. Marien (u. a. regionale Kinder- und Jugendarbeit, gemeinsamer Konfirmandenunterricht „Himmelsstürmer“, seit 2008 gemeinsames Gemeindeblatt „ankreuzen“).

Pfarrstellen

I: vorref. – II: 1960 (1965 besetzt, 1996 in eine Dreiviertelstelle umgewandelt).35

Umfang

Ritterhude sowie Osterhagen, Nordseite und Hagensfähr. Bis 1930 auch Großenhalm (dann umgepfarrt in KG Lesum).36

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat des Bremer Dompropstes. – 1651/52 Kons. Stade gegründet, Ritterhude gehörte zur Bremischen Superintendentur (Sitz am Dom, seit 1803 in Achim). Bei der Neuorganisation der Inspektionen kam Ritterhude 1826 zur Insp. Osterholz (Sitz in Lesum, ab 1827 in Ritterhude, ab 1846 in Lesum), Insp. später umbenannt in Insp. Lesum. 1924 KK Lesum, 1948 umbenannt in KK Osterholz-Scharmbeck.

Patronat

Um 1420 Familie von der Hude.37 1677 „sämtliche vom Adel zu Ritterude“38, später anteilig die Besitzer der adligen Güter.39 Dammgut (11/50): Ursprünglich Familie von der Hude, 1619 von Reimershusen, dann wieder von der Hude, 1716 von Schade, dann wieder von der Hude, 1775 (von) Gröning (seit 1923 von Rex-Gröning). Hudenhof (11/50): Ursprünglich Familie von der Hude, 1705 von Marschalck; 1927 verkauft, Gutsgebäude abgebrochen und Bau der heutigen Ries-Schule. Gut Fergersberg (8/50): Ursprünglich Familie von der Hude, später mehrfach geteilt, 1875 ganz im Besitz der Familie von Gröning (seit 1923 von Rex-Gröning). Eichhof (zusammen mit Liethenhof 20/50): Ursprünglich Familie von der Hude, 1660 von der Lieth, 1777 von der Decken; 1874 verkauft, Gutsgebäude abgebrochen. Liethenhof (zusammen mit Eichhof 20/50): Ursprünglich Familie von der Hude, 1660 von der Lieth, 1771 von Wersebe, 1806 von der Decken; 1869 verkauft, Gutsgebäude abgebrochen. 1926/27 Patronat abgelöst, nicht zuletzt aufgrund „der hochherzigen Absicht der Gebrüder Ries, ihrer heimatlichen Kirchengemeinde für den Fall der Ablösung des in Ritterhude bestehenden Patronatsverhältnisses sofort ein Pfarrhaus zu erbauen“

Kirchenbau
Kirche, Nordseite

Kirche, Nordseite, 2020, Foto: Wolfram Kändler, CC BY-SA 3.0 de

Siebenachsiger, rechteckiger Ziegelbau, errichtet 1792, grundlegender Umbau 1908. Satteldach, im Osten abgewalmt. Verputzter Sockel, Wandflächen gegliedert durch Lisenen und umlaufenden Trauffries; große, spitzbogige Sprossenfenster; Fenster in der dritten Achse von Osten jeweils auf Bogenfeld reduziert, darunter Rechteckportale mit Inschriftentafel: „Der Herr behüte Deinen Ausgang und Eingang“ (Süden) und „Gott ist unsere Zuversicht und Stärke“ (Norden); an der Südseite Sonnenuhr (dat. 1703). Im Innern verputztes Tonnengewölbe, u-förmige Empore; Ostwand bemalt mit Sternenhimmel. Kirche 1792 als Fachwerkbau errichtet, an den Längsseiten seinerzeit je zwölf Rechteckfenster, angeordnet in zwei Reihen; im Innern flache Decke.40 1890 Außenwände verputzt. 1908 dünne Fachwerkwände schrittweise durch stärkere Ziegelwände ersetzt.41 1929/30 Dachsanierung und Renovierung Innenraum (Täfelung und Gestühl gestiftet von Geschwistern Bergmann/Ries).

Grablege

Bis Ende 1792 Beisetzungen in der Kirche: Erbbegräbnis von der Hude, Erbbegräbnis von Marschalck, Pastoren und Familie.42

Turm

Westturm aus Ziegelmauerwerk, errichtet 1892.43 Verschieferter Turmhelm mit quadratischem Ansatz und achteckig ausgezogener Spitze, bekrönt mit Kugel und Wetterhahn, Auslegestuhl für Uhrschlagglocke nach Osten. Unterhalb der Dachtraufe runde Uhrziffernblätter nach Norden, Süden und Westen, darunter kleines Rechteckfenster; im Glockengeschoss je zwei schmale, spitzbogige Schallöffnungen nach Norden, Süden und Westen; darunter nach Westen einzelnes Spitzbogenfenster; im Erdgeschoss kleine Spitzbogenfenster nach Süden, spitzbogiges Portal nach Westen, Inschriftenstein „Anno Domini MDCCCLXLII“. Südliche Spitzbogenfenster in Turmhalle farbig gestaltet. 1936 Turm mit roten Ziegeln ummantelt und um zwei Meter erhöht (dazu Turmhelm mit hydraulischen Hebemaschinen angehoben und Mauerwerk weitergeführt). Vor Bau des Turms stand ein hölzerner Glockenträger neben der Kirche.

Vorgängerbauten

Holzbau, um 1690 baufällig.44 – Rechteckiger Fachwerkbau, 86 Fuß lang, 35 Fuß breit, errichtet 1702. Treppenhäuser außen. 1792 abgerissen.45

Ausstattung

Schlichter Kanzelaltar, polygoner Kanzelkorb mit Schalldeckel zwischen zwei kannelierten, korinthischen Pilastern, Aufsatz mit geschwungenem Sprenggiebel sowie Gottesauge im Strahlenkranz, davor blockartiger Holzaltar. – Schlichter, sechsseitiger Taufstein mit Christusmonogramm. – Außen in die Wände eingelassen: Mehrere Grabsteine, u. a. für P. Jobst Hinrich Heger (amt. 1677–1691), für Maria Elisabeth von der Lieth († 1695).

Orgel

1790 erstmals Bemühungen um Bau einer Orgel, nicht erfolgreich.46 1840/41 Orgelneubau, ausgeführt von Peter Tappe (Verden), 10 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen; Manuallade aus der alten Lunsener Orgel (Arp Schnitger). 1890 Reparatur, Heinrich Röver (Stade), Zustand 1926/27: 9 I/P („Trompete ist unbrauchbar“).47 1929 Orgelneubau ausgeführt von P. Furtwängler & Hammer (Hannover), 16 (davon 2 Transmissionen) II/P, pneumatische Traktur, Taschenladen (Opus 1075), teilweise Freipfeifenprospekt48; gestiftet von den Geschwistern Bergmann/Reis. 1969 Instandsetzung, Emil Hammer (Hannover), u. a. Spieltisch versetzt. 1998/99 Instrument restauriert von Franz Rietzsch (Hiddestorf); Orgel ist ein „seltenes, original erhaltenes Beispiel für die Umbruchsituation im Orgelbau zwischen Romantik und Neobarock“.49

Kirche, Ansicht von Nordwesten, Zeichnung von Sindel, 1951

Kirche, Ansicht von Nordwesten, Zeichnung von Sindel, 1951

Geläut

Zwei LG, I: gʼ (Bronze, Gj. 1957, F. Otto, Bremen-Hemelingen), finanziert aus Spenden der Gemeinde und des Ritterhuder Vereins New York50, Inschrift u. a.: „Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“; aʼ (Bronze, Gj. 1893, Firma Radler, Hildesheim), Inschrift: „Du sollst den Feiertag heiligen. Gegossen aus 2 Kanonenrohren, welche der Mitpatron, Herr Major Carl v. Marschalk 1870 im Kriege gegen Frankreich eroberte und Se[iner] Majestät Kaiser Wilhelm II schenkte“ und „Gegossen von J. J. Radler u. Soehne in Hildesheim 1893“.51 Eine SG, cʼʼʼ (Bronze, Gj. 1955, F. Otto, Bremen-Hemelingen). – Früherer Bestand: 1719 eine große und eine kleine Glocke (Bronze) vorhanden.52 1735 große LG geborsten und umgegossen zu neuer LG. 1778 große LG wiederum geborsten, umgegossen zu einer neuen LG (Bronze, Gj. wohl 1779, Lüder Ahlers, Bremen). Große Glocke bei Trauergeläut für Kg. Ernst August I. von Hannover († 1851) geborsten, umgegossen zu einer neuen LG (Bronze, Gj. 1855, Johann Philipp Bartels, Bremen). Beide Glocken bei Neubau des Turms 1892 durch neue LG ersetzt: Heutige LG II sowie eine LG fʼ (Bronze, Gj. 1893, Firma Radler, Hildesheim), letztere im Ersten Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgegeben (1917). Als Ersatz eine neue LG (Bronze, Gj. 1925), Geschenk der Brüder Ries; im Zweiten Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgegeben (1942). Eine SG (Bronze), im Zweiten Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgegeben.53

Weitere kirchliche Gebäude

Pfarrhaus mit Konfirmandensaal (Bj. 1928/29, Architekt: Friedrich August Wilhelm Schuckmann, Bremen), Geschenk der Geschwister Bergmann/Ries; 2014 verkauft. – Pfarrhaus auf dem Mühlenberg (Bj. 1963/64). – Gemeindehaus auf dem Mühlenberg (Bj. 1980).

Friedhof

Ehemaliger kirchlicher Friedhof rund um die Kirche. 1874 kirchlicher Friedhof auf dem Mühlenberg angelegt („Alter Friedhof“), nordwestlich der Kirche. 1957 Friedhof am der Hegelstraße angelegt („Neuer Friedhof“), jenseits der Bahnlinie, FKap (Bj. 1960), zwei LG, I: disʼʼ, Inschrift: „Herr, lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden“; II: eʼʼ, Inschrift: „Jesus Christus spricht: Ich bin die Auferstehung und das Leben“ (beide Bronze, Gj. 1960, F. Otto, Bremen-Hemelingen).

Liste der Pastoren (bis 1940)

1583–1612 (?) Johannes Erasmus. – 16..–16.. Dietrich Dreyer. – 1654 Bernhard Heger. – 1677–1691 Jobst Hinrich Heger. – 1691–1711 Salomon Spranger. – 1712–1729 Ferdinand Hinrich Landwehr. – 1730–1735 Georg Wagner. – 1735–1776 Johann Christoph Wagner. – 1776–1803 Philipp Heinrich Hurtzig. – 1804–1846 Heinrich Friedrich Severin. – 1847–1879 Georg Philipp Schilling. – 1880–1888 Otto Georg Christian Havemann. – 1889–1928 Friedrich Conrad Degener. – 1929–1931 Ernst Heinrich Tönnies. – 1932–1942 Heinrich Friedrich Christian Oehlerking.
Angaben nach: Meyer, Pastoren II, S. 316

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

A 6 Nr. 7077–7081 (Pfarrbestellungsakten); D 109 (EphA Osterholz-Scharmbeck); E 5 Nr. 913 (Konsistorialbaumeister); Kons. Stade, A 2 Nr. 1297–1307, A 6 Nr. 7077–7078, A 8 Rit, A 9 Nr. 2559, 2739–2740 (Akten des Konsistoriums Stade); L 5g Nr. 280, 509, 937–938 (LSuptur. Stade); S 09 rep Nr. 1975 (Presseausschnittsammlung); S 11a Nr. 7175 (Findbuch PfA).

Literatur & Links

A: Gemeindebuch Osterholz-Scharmbeck, S. 19–21; Meyer, Pastoren II, S. 316; Meyer-Korte, Gemeinden, S. 128–137; Topp/Pape, Tappe, S. 53.
B: Ritterhuder Hefte. Beiträge zur Ortsgeschichte 1 (1979) bis 21 (1999); 40 Jahre Landeskirchliche Gemeinschaft Ritterhude, [Ritterhude 1985] [in: LkAH, L 5g, Nr. 937]; Posaunenchor Ritterhude. 1963–1988. 25 Jahre, hrsg. vom Posaunenchor Ritterhude, Osterholz-Scharmbeck 1988 [in: LkAH, L 5g, Nr. 937]; Dietbrandt Cassel: Ritterhuder Chronik, Osterholz-Scharmbeck 1971; Ulrike Hartung: Ritterhude – New York – Ritterhude. Gemeindevorsteher Christian Evers und die Geschwister Ries. Stiftungsgeschichte und Biografie in Briefen (1919–1964), Bremen 2008; Detlef Kornmesser u. a.: Vom adligen Gericht zur Gemeinde Ritterhude. Alt-Ritterhude, Ihlpohl, Lesumstotel, Platjenwerbe, Stendorf, Werschenrege, Lilienthal 1996, bes. S. 25–134; Jürgen Meyer-Korte, Rolf Metzing: Ritterhude, Osterholz-Scharmbeck 1983; Christopher Schlage: Geschichte der Orgeln in der St. Johannes-Kirche zu Ritterhude, in: Ars Organi 48 (2000), S. 209–212; Ernst Schütze: Nicolaus Meiners, Pastor in Ritterhude 1568–1584. In: Zeitschrift für niederdeutsche Familienkunde 91 (2016) S. 279–282; Ernst Schütze: Beiträge zur Geschichte der Ritterhuder Kirche, Teil I in: Ritterhuder Hefte 15 (1993), S. 25–48, Teil II in: Ritterhuder Hefte 16 (1994), S. 3–24, Teil III in: Ritterhuder Hefte 18 (1996), S. 35–56, Teil IV in: Ritterhuder Hefte 19 (1997), S. 3–24, Teil V in: Ritterhuder Hefte 20 (1998), S. 3–22; Hans G. Trüper: Die ältesten Adelssitze in Ritterhude, in: Ritterhuder Hefte 5 (1983), S. 3–12; Hans G. Trüper,: Die Brüderschaft Sankt Antonii zu Ritterhude. In: Ritterhuder Hefte 9 (1987), S. 3–11.

Internet: Bildindex der Kunst & Architektur.

GND

2110178-4, Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Sankt Johannes (Ritterhude)


Fußnoten

  1. Hennecke/Krumwiede, Kirchen- und Altarpatrozinien I, S. 52.
  2. UB Osterholz, Nr. 3 (Notiz in einem Kopiar des Klosters, angelegt 1545, 1943 verbrannt). Der in Norddeutschland häufiger vorkommende Ortsname Huda bringt eine gewisse Verwechslungsgefahr mit sich, vgl. Kornmesser u. a., S. 27.
  3. UB Osterholz, Nr. 30.
  4. Trüper, Adelssitze, S. 3 ff.; Kornmesser u. a., S. 30 ff.
  5. Kornmesser u. a., S. 40 ff.
  6. Zit. bei Schütze IV, S. 17; vgl. auch Meyer-Korte, Gemeinden, S. 133 f.
  7. LkAH, L 5g, Nr. 280 (Visitation 1960).
  8. Pratje, Abhandlungen II, S. 178 f.
  9. Hodenberg, Stader Copiar, S. 22; Schütze I, S. 25 f.
  10. Schütze I, S. 27.
  11. Trüper, Brüderschaft, S. 5.
  12. Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 7,1, S. 7, resümiert: „beinahe das ganze Erzstift“ wurde lutherisch; Otte ist vorsichtiger und hält fest, es bleibt „für diese Jahre weiterhin schwierig zu beurteilen, ob der einzelne Prediger evangelisch predigte oder altgläubig“, da die Pfarrer – nicht zuletzt mit Blick auf Erhalt der eigenen Pfründe – mitunter „zweideutig“ agierten (Dannenberg/Otte, Reformation, S. 32). Für einen knappen Überblick zur Reformation im Erzstift Bremen vgl. Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 7,1, S. 7 ff. sowie die Beiträge in Dannenberg/Otte, Reformation.
  13. Dannenberg/Otte, Reformation, S. 38.
  14. Vgl. Schütze, S. 279 ff. P. Meiners hatte sich im Mai 1553 an der Universität Wittenberg immatrikuliert, vgl. civ-online.org, 16.2.2021.
  15. Pratje, Abhandlungen II, S. 178 f.
  16. Zit. bei Schütze I, S. 31.
  17. Zit. bei Schütze I, S. 33.
  18. Schütze I, S. 30.
  19. Zit. bei Schütze I, S. 32.
  20. Schütze I, S. 35; zum Kirchenbau ebd. II, S. 15 ff.
  21. Schütze II, S. 17 ff.; Abb. des Findorff-Entwurfs ebd., nach S. 24.
  22. Schütze III, S. 49. Neben dem Pfarrhaus hatten die Geschwister Bergmann/Ries in Ritterhude die Turnhalle (1912), das Rathaus (1927), die Apotheke (1925), die Schule (1930) und die Post (1931) bauen lassen. Der KG stifteten sie überdies eine Glocke (1925), die Orgel (1929) und die Kirchenbänke (1929); vgl. Hartung, S. 8. Zum Unterhalt der Gebäude erreichte Gemeindevorsteher Christian Evers schließlich noch eine umfangreiche Landstiftung, ebd., S. 98 ff.
  23. LkAH, L 5g, Nr. 280 (Visitation 1935).
  24. LkAH, L 5g, Nr. 280 (Visitation 1935): „In seiner früheren Gemeinde, aber auch in Ritterhude für die werdende nationalsozialistische Bewegung eingetreten (ohne PG zu sein), ist er [P. Oehlerking] in Ritterhude mit verschiedenen örtlichen Parteistellen, welche Nationalsozialismus und D.C. identifizierten, durch seine bewußte und tatkräftige Stellungnahme für die Bekennende Gemeinde hinundwieder in Gegensatz geraten.“
  25. LkAH, S 1 H III Nr. 817, Bl. 7. Dort auch das folgende Zitat. Allgemein zum Fragebogen: Kück, Ausgefüllt, S. 341 ff.
  26. LkAH, L 5g, Nr. 280 (Visitation 1935), Kirchenvorsteher (und Gemeindevorsteher) Christian Evers war zudem „Mitglied des aufgehobenen Landeskirchentags“.
  27. LkAH, L 5g, Nr. 280 (Visitation 1935).
  28. LkAH, L 5g, Nr. 280 (Visitation 1941).
  29. LkAH, L 5g, Nr. 280 (Visitation 1948); Meyer-Korte, Gemeinden, S. 137.
  30. LkAH, L 5g, Nr. 280 (Visitationen 1935 und 1948).
  31. LkAH, L 5g, Nr. 280 (Visitation 1948).
  32. Meyer-Korte, Gemeinden, S. 136; 40 Jahre, [S. 13].
  33. LkAH, L 5g, Nr. 280 (Visitation 1966).
  34. KABl. 1960, S. 99 f.
  35. KABl. 1960, S. 99 f.
  36. KABl. 1930, S. 1 f.; KABL. 1996, S. 154.
  37. Hodenberg, Stader Copiar, S. 22
  38. Schütze III, S. 49; Hartung, S. 77 f.
  39. Zit. bei Schütze I, S. 29; NLA ST Rep. 5 Nr. 401, 26.01.2021. Vgl. auch Cassel, S. 38 und 20 ff.; Kornmesser u. a., S. 30 ff.
  40. Schütze II, S. 19 ff. Abb. bei Kornmesser u. a., S. 68.
  41. Schütze III, S. 36. Heizung 1912 eingebaut, Patronatsfamilien hatten sich zunächst geweigert, diese zu finanzieren und zu unterhalten, „weil das Verlangen nach einer Heizung nur die Folge der modernen Verweichlichung und des Luxus sei“, nach Klage der KG vor dem Landgericht Verden und gescheiterter Berufung vor dem Oberlandesgericht mussten die Patronatsfamilien die Kosten übernehmen, vgl. ebd., S. 39.
  42. Schütze IV, S. 3 f.
  43. Schütze III, S. 35 ff.
  44. Cassel, S. 38.
  45. Schütze II, S. 15.
  46. Zum Folgenden: Schlage, S. 209 ff. Schütze III, S. 39 ff. Vgl. auch Schütz IV, S. 11 f.
  47. Zit. bei Schlage, S. 209.
  48. Pape/Schloetmann, Hammer, S. 140.
  49. Schlage, S. 212.
  50. Schütze III, S. 36.
  51. Schütze III, S. 37 f.: Brief P. Degeners an Ks. Wilhelm II. mit Bitte um „die unentgeltliche Gewährung von 2 oder 3 französischen Bronce-Kanonenrohren zum Glockenguß“.
  52. Zum Folgenden: Schütze II, S. 22 f.
  53. Cassel, S. 38.