KapG der KG Grasdorf (Holle) | Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Hildesheimer Land-Alfeld, Amtsbereich Elze | Patrozinium: St. Anna (seit 1973)1 | KO: Calenberger KO von 1569

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Orts- und Kirchengeschichte

Das Dorf, heute Ortsteil der Gemeinde Holle, ist 1213 in einer Urkunde Bf. Hartberts von Hildesheim als Luthenem erstmals schriftlich belegt.2 Der Bf. hatte das Augustiner Chorfrauenstift aus Holle nach Derneburg verlegt und bestätigte mit der Urkunde die Besitzungen des Klosters, u. a. zwei Hufen Land in Luttrum. Zu den Grundbesitzern in Luttenem3 zählten auch das Kreuzstift und das Moritzstift in Hildesheim, die im 12. Jh. einen Hof und Land von der Familie von Holle erworben hatten; das Moritzstift veräußerte seinen Anteil 1243 an das Kreuzstift.4 Luttrum zählte zum hildesheimischen Amt Wohldenberg, das aus dem Gebiet der Grafen von Wohldenberg (vormals Wöltingerode) hervorgegangen war (seit 1275 im Besitz der Hildesheimer Bf.). Nach Ende der Hildesheimer Stiftsfehde (1519-1523) fiel das Amt Wohldenberg mit Luttrum an das welfische Teilfsm. Braunschweig-Wolfenbüttel und wurde 1643 mit der Restitution des Großen Stifts wieder hildesheimisch. Nach den Bestimmungen des Reichsdeputationshauptschlusses kam das Gebiet des Hochstifts 1803 an Preußen. In der Zeit des Kgr. Westphalen (1807-1813) gehörte Luttrum zum Kanton Nettlingen im Distrikt Hildesheim des Departements Oker. Danach kam das Dorf, nun im Kgr. Hannover, wieder zum Amt Wohldenberg, das 1852/59 im Amt Bockenem aufging. Nach der Annexion Hannovers 1866 wieder preußisch, gehörte Luttrum seit 1885 zum Kr. Marienburg (1946 Lkr. Hildesheim-Marienburg, 1977 Lkr. Hildesheim). 1974 wurde der Ort nach Holle eingemeindet. Luttrum blieb lange landwirtschaftlich geprägt; noch 1964 heißt es im Visitationsbericht, der Ort habe den Charakter eines Bauerndorfs.5 Luttrum hatte 1810 knapp 200 Einwohner, 1939 etwa 250, 1946 etwa 400 und 2017 gut 360.

Kapelle, Ansicht von Nordosten, 1910, Zeichnung

Kapelle, Ansicht von Nordosten, 1910, Zeichnung

Zur vorref. Kirchengeschichte Luttrums ist wenig bekannt, Namen von Ortsgeistlichen sind nicht überliefert. Auch im Archidiakonatsverzeichnis der Diözese Hildesheim erscheint Luttrum nicht. Möglicherweise gehörte das Dorf, wie auch in den ersten Jahrzehnten nach der Reformation, zum Kirchspiel Burgdorf (heute Ev.-luth. Landeskirche in Braunschweig). Die luth. Lehre kam nach Luttrum, nachdem die Truppen des Schmalkaldischen Bundes Hzg. Heinrich den Jüngeren von Braunschweig-Wolfenbüttel 1542 vertrieben hatten. Lgf. Philipp von Hessen und Kfs. Johann Friedrich von Sachsen setzten eine Statthalterregierung ein, die in dem besetzten Fsm. Braunschweig-Wolfenbüttel die Reformation einführte. Johannes Bugenhagen, Martin Görlitz und Antonius Corvinus visitierten im gleichen Jahr die Gemeinden des Fsm., um die einzelnen Pfarrer zu begutachten; 1543 erschien die Christlike kerken-ordening im lande Brunschwig, Wulffenbüttels deles, die Corvinus und Görlitz verfasst hatten; 1544 fand eine weitere Generalvisitation statt.6 Zu Luttrum bemerken die Protokolle der Visitation von 1542 knapp „ist ein Capell wird cauirt auß dem gericht Lichtenberg; her Stephan Kusel“.7 P. Kusel war der Geistliche von Burgdorf im Amt Lichtenberg.8 1547 konnte der kath. Hzg. Heinrich der Jüngere zurückkehren und suchte sein Fsm. zu rekatholisieren. Heinrichs Sohn und Nachfolger Hzg. Julius, der 1568 die Regierung übernahm, führte im gleichen Jahr erneut die luth. Lehre im Fsm. Braunschweig-Wolfenbüttel ein, ließ die Gemeinden wiederum visitieren und erließ 1569 die später sogenannte Calenberger Kirchenordnung.9 Auch 1568 und 1588 verzeichnen die Visitationsprotokolle Luttrum als Tochtergemeinde (filial) von Burgdorf.10 Mit der Restitution des Großen Stifts 1643 veränderten sich jedoch die Territorialgrenzen: Burgdorf gehörte weiterhin zum Fsm. Braunschweig-Wolfenbüttel, Luttrum lag nun wieder im Hochstift Hildesheim. In vorref. Zeit war dies weitgehend unproblematisch gewesen. Nun, da Kirche und Bekenntnis landesherrliche Angelegenheiten geworden waren, konnte eine derartige Konstellation nicht von Dauer sein. Noch bis 1669 finden sich im Burgdorfer Kirchenbuch Einträge zu Luttrumer Familien; seit 1670 ist Luttrum dann pfarramtlich mit Grasdorf (Holle) verbunden (mater combinata).11
Seit der zweiten Hälfte des 17. Jh. besaß Luttrum eine eigene Schule, Ende des gleichen Jh. bekam das Dorf auch eine neue Kirche.12 Eine erhaltene Bauinschrift über der Tür des kleinen Fachwerkbaus nennt das Jahr 1692, eine Beschreibung der ev. Dörfer des Hochstifts Hildesheim aus dem Jahr 1730 berichtet, GSup. Petrus Philipp Gudenius habe die Kirche 1696 geweiht.13 Die Deckenbemalung stammt aus dem Jahr 1716. P. Johann Christian Melchior Alers (amt. 1780-1813) ersuchte das Konsistorium Ende des 18. Jh. darum, die Kirche „inwendig neu auszubauen, da dieselbe die Einwohner nicht fassen“ könne.14 Möglicherweise geht die ursprünglich u-förmige Empore auf dieses Gesuch zurück.

Altarretabel, Kanzel, 1942

Altarretabel, Kanzel, 1942

Im Jahr 1970 entschied der Kirchenvorstand, den Status einer eigenständigen Kirchengemeinde aufzugeben und die Gemeinde Luttrum schloss sich zum 1. Januar 1971 der KG Grasdorf (Holle) an.15 In den 1990er Jahren entbrannte ein langwieriger Streit in der Gemeinde um ein Gemälde des Künstlers Georg Baselitz.16 Kirchenvorstand und Pfarrer hatten Baselitz, der auf dem benachbarten Schloss Derneburg lebte, um ein Bild für den Altar der Annenkapelle gebeten, das an die Stelle der 1935 abgenommenen Kanzel treten sollte. Der Künstler schenkte der Gemeinde daraufhin ein großformatiges Bild (1983, „Tanz um das Kreuz“) unter der Bedingung, das Gemälde als Altarbild zu verwenden; der Kirchenvorstand nahm die Schenkung an. Seit 1992 befand sich das Gemälde, das die Altarwand ersetzt hätte, in der Kirche. Es folgten erbitterte Proteste aus der Gemeinde gegen das ungewohnte und moderne Kunstwerk; die Gegner des Bildes sprachen dem Kirchenvorstand die Entscheidungskompetenz über die Gestaltung der Luttrumer Kapelle ab, da die Kirchenvorsteherinnen und vorsteher mehrheitlich in Grasdorf lebten; viele Luttrumer ließen sich in die benachbarte Gemeinde Westerlinde der braunschweigischen Landeskirche umpfarren. 1997 wandte sich die Gemeinde schließlich mit der Bitte an Georg Baselitz, das Bild zurückzunehmen. Als strukturelle Konsequenz des Streites richtete das Landeskirchenamt innerhalb der Kirchengemeinde Grasdorf (Holle) 1998 wieder eine eigenständige Kapellengemeinde Luttrum ein.17
Im Jahr 2010 gründete sich die „Stiftung Annenkapelle Luttrum“, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die Kapelle zu erhalten und ein aktives Gemeindeleben zu gestalten und zu fördern.

Umfang

Das Dorf Luttrum.

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Holle der Diözese Hildesheim. – Um 1544 Insp. Bockenem. 1569 Insp. Niederfreden. Wohl seit der Verbindung mit KG Grasdorf (Holle) 1670 Insp. der Ämter Wohldenberg und Bilderlahe (ohne festen Superintendentursitz).18 1807 Insp. Bockenem, Sitz der Suptur bis 1817 in Nette, dann Sehlde. 1834 zur neuen Insp. (1924: KK) Sehlde; mit Aufhebung des KK Sehlde am 1. April 1943 in den KK Bockenem eingegliedert.19

Kirchenbau

Kleiner Fachwerkbau mit dreiseitigem Chorschluss, erbaut 1692 (Bauinschrift). Satteldach, über dem Chor abgewalmt, Rechteckfenster, rundbogige Tür an Südseite. Im Innern flache Balkendecke mit Bemalung von 1716 (inschriftlich datiert, unbekannter Maler, 14 Medaillons mit zwölf Szenen des Alten und zwei des Neuen Testaments, Akanthusranken, Putten).20 L-förmige Empore mit 18 Ölbildern an der Brüstung (unbekannter Maler, Szenen des Alten und Neuen Testaments, 2013 restauriert).21 Renovierung 1973 (südlicher Emporenflügel entfernt).

Turm

Sechseitiger, verschieferter Dachreiter im Westen; rechteckige Schallöffnungen, welsche Haube, Uhrziffernblatt nach Südosten.

Vorgängerbau

Kapelle, 1542 genannt.

Ausstattung

Altarwand (laut Inschrift 1754), vormals mit älterer Kanzel (1604, vermutlich aus Vorgängerkapelle)22, Holzfiguren von Moses und Johannes dem Täufer (vielleicht Johann Süssemann) flankieren Mittelfeld mit Kruzifix, darüber Giebel mit Gottesauge und Engelsfiguren, darunter Abendmahlsbild, seitliche Scherwände mit Durchgängen. Kanzel 1935 abgenommen, Farbgebung 2006 restauriert.23 – Holzkanzel (1604). – Holztaufe. – Ölgemälde (18. Jh.), Mann zu Füßen eines Kruzifixes, Inschrift J. H. Burchtorff, vermutlich Altarist Johann Heinrich Burgdorf († 1778).

Orgel, 1978, Fotograf: Dawin

Orgel, 1978, Fotograf: Dawin

Orgel

Zunächst Harmonium. 1883/84 Neubau einer Orgel durch Heinrich Vieth (Celle), 6 II/aP, mechanische Traktur, Schleifladen. 1917 Prospektpfeifen zu Rüstungszwecken abgegeben.24 1967 von Orgelbauer Manfred Gaulke (Hüddesum) instandgesetzt.

Geläut

Eine LG, cisʼ’ (Bronze, Gj. 1836). – Früherer Bestand: Eine LG (Bronze), Pfingsten 1836 geborsten.

Weitere kirchliche Gebäude

Küsterhaus (Bj. um 1750).

Friedhof

Ehemaliger kirchlicher Friedhof rund um die Kapelle. 1820er Jahre Friedhof unterhalb Ohrberg.25 Neuer Friedhof Ende 19. Jh., im Besitz der politischen Gemeinde, FKap.

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

D 44 (EphA Bockenem); S 11a Nr. 7120 (Findbuch PfA); S 9 rep Nr. 464 (Presseausschnittsammlung).

Literatur

A: Blume, Beiträge, S. 130-132; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 913; Siebern/Kayser, KD Kr. Marienburg, S. 104-106.
B: Die Luttrumer Annen-Kapelle, hrsg. vom Kapellenvorstand Luttrum, Luttrum ²[2012]; Constanze Haase-Wiegandt u. a.: Die Luttrumer Emporenbilder. Predigten im Kirchenjahr 2012/13, Luttrum 2014; Inge Kanefend: Luttrum. Die Geschichte eines niedersächsischen Dorfes nach nachgelassenen Dokumenten, Luttrum 2001; Andreas Mertin: Perspektivenwechsel. Der Streit um die Kunst in Luttrum, in: Kunst und Kirche. Ökumenische Zeitschrift für Architektur und Kunst 57 (1994), S. 226-228.

GND

102800527X, Annenkirche (Holle, Landkreis Hildesheim).


Fußnoten

  1. Luttrumer Annen-Kapelle, S. 60.
  2. UB HS Hildesheim I, Nr. 660.
  3. UB HS Hildesheim I, Nr. 734.
  4. UB HS Hildesheim II, Nr. 693.
  5. LkAH, L 5h, unverz., Grasdorf-Luttrum, Visitation 1964.
  6. Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 6,1, S. 4 und 22 ff.; Butt, Herrschaft, S. 42 ff.
  7. Kayser, Kirchenvisitationen, S. 192.
  8. Kayser, Kirchenvisitationen, S. 135.
  9. Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 6,1, S. 5 und 83 ff.
  10. Spanuth, Quellen, S. 286; Kanefend, S. 22.
  11. Kanefend, S. 30 f.
  12. Kanefend, S. 42.
  13. Evangelischer Kirchenstaat, S. 98.
  14. Zit. bei Kanefend, S. 65.
  15. KABl. 1971, S. 13.
  16. Mertin, S. 226 ff.; Luttrumer Annen-Kapelle, S. 58 ff.; LkAH, S 9 rep Nr. 464.
  17. KABl. 1998, S. 157.
  18. Meyer-Roscher, Streiflichter, S. 123.
  19. KABl. 1943, S. 23.
  20. Beschreibung und Abbildungen: Luttrumer Annen-Kapelle, S. 7 ff.
  21. Abbildungen: Luttrumer Annen-Kapelle, S. 40 ff.
  22. Kanefend, S. 42.
  23. Luttrumer Annen-Kapelle, S. 34 f.
  24. Pape, Schaper S. 475.
  25. Kanefend, S. 57.