Frühere Gemeinde | KapG der KG Ottenstein | Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Holzminden-Bodenwerder | KO: Braunschweigische KO von 1709
Orts- und Kirchengeschichte
Urkundlich ist das Dorf am Nordrand der Ottensteiner Hochebene zum ersten Mal in einem Lehnverzeichnis aus der Amtszeit des Bf. Gottfried von Minden (amt. 1304–1324) belegt: Als bischöfliches Lehen waren der Zehnte sowie Güter in Leyttinhaghen (Leyctinhaghen) im Besitz der Herren von Pyrmont (Domicellus de perremunt).1 Wohl mit dem Eversteiner Erbe kam Lichtenhagen 1408 zum Hzm. Braunschweig-Lüneburg. Seit der welfischen Landesteilung 1409 zählte es zum Teilfsm. Braunschweig (Amt Ottenstein).2 In französischer Zeit gehörte Lichtenhagen von 1807 bis 1813/14 zum Kgr. Westphalen (Kanton Bodenwerder, bis 1810 Distrikt Höxter, Fulda-Departement, dann Distrikt Rinteln, Leine-Departement). Danach zählte das Dorf, nun im Hzm. Braunschweig (1922: Freistaat, 1933: Land), wieder zum Amt Ottenstein, das 1832 im neuen Lkr. Holzminden aufging. Im Jahr 1941 kam der Lkr. Holzminden im Tausch gegen den Lkr. Goslar aus dem Land Braunschweig in das Land Preußen, Provinz Hannover (Salzgitter-Gesetz). 1973 wurde Lichtenhagen nach Ottenstein eingemeindet. Die ursprüngliche Hagensiedlung (Behausungen an Waldrändern) war von Ackerbau und Viehzucht geprägt. 2025 gab es nur noch wenige bäuerliche Betriebe (überwiegend Schlachtviehhaltung, Ackerbau fast ausschließlich für Tierfutter und Entsorgung von Gülle und Dung). Daneben finden sich Handwerksbetriebe und Tourismusangebote (‚Ferien auf dem Bauernhof‘). Das Dorf ist Rückzugswohngebiet für Menschen, die sich dem Stadtgetriebe entziehen wollen, in dem sie aber ihrem Beruf nachgehen müssen. Im Jahr 1803 lebten etwa 310 Menschen in Lichtenhagen, 1905 ebenso, 1950 fast 490 und 2025 gut 270.
Kirchlich gehörte Lichtenhagen ursprünglich vielleicht zur Parochie des im 14. Jh. wüst gefallenen Dorfes Thodenbrock, dessen Kirchenruine der Ottensteiner Pfarrer noch 1760 erwähnte.3 Später zählte es anscheinend zur Parochie Ottenstein.
Während der Reformationszeit regierte mit Hzg. Heinrich dem Jüngeren († 1568) ein Gegner der Reformation das Fsm. Braunschweig-Wolfenbüttel. Nachdem Truppen des Schmalkaldischen Bundes 1542 den kath. Herzog vertrieben hatten, beriefen Lgf. Philipp von Hessen († 1567) und Kfs. Johann Friedrich von Sachsen († 1554) eine Statthalterregierung für das besetzte Fsm., die 1542 eine Visitation der Gemeinden und Geistlichen anordnete, 1543 die Christlike kerken-ordening im lande Brunschwig, Wulffenbüttels deles erließ, und 1544 erneut Visitatoren aussandte.4 Die Visitationsprotokolle nennen jeweils P. Hermann Busch (amt. 1542–1556) als Pastor in Ottenstein. Er ist als erster luth. Prediger der Gemeinde anzusehen und versorgte vermutlich auch Lichtenhagen.5 1547 konnte der kath. Hzg. Heinrich nach Wolfenbüttel zurückkehren und begann mit der Rekatholisierung seines Herrschaftsgebiets. Heinrichs Sohn und Nachfolger Hzg. Julius, der 1568 die Regierung übernahm, führte erneut die luth. Lehre ein, ordnete wiederum eine Visitation an und erließ 1569 die später sogenannte Calenberger Kirchenordnung.6 Das Protokoll von 1568 vermerkt zum Ottensteiner P. Heinrich Kneteiser (amt. 1568–1585), er sei verheiratet (Uxoratus), feiere den Gottesdienst nicht nach kath. Ritus (non celebravit), überdies sei er jedoch ungelehrt und ungeschickt.7 Das Protokoll nennt Lichtenhagen als filia (Tochtergemeinde) von Ottenstein. Es ist allerdings unsicher, ob dass Dorf seinerzeit bereits eine Kapelle besaß. In gleicher Weise ist Lichtenhagen im Nachrichtungsbuch von allen Pfarren im Fürstenthumb Braunschweig verzeichnet, das um 1600 angelegt wurde.8
1648 bauten die Lichtenhagener eine kleine Fachwerkkapelle.9 SeeIsorgerlich betreute der jeweilige Pastor des Kirchspiels Ottenstein das Dorf Lichtenhagen. 1752 vereinbart P. Justus Heinrich Leo (amt. 1748–1784) mit den Lichtenhagenern vertraglich, dass er jährlich dreimal in ihrem Dorf Gottesdienst mit Beichte und Abendmahl halten werde, und zwar an Lichtmess, Pfingsten und Michaelis. An den übrigen Sonntagen hielten die jeweiligen Lehrer Lesegottesdienst. Diese Vereinbarung änderte sich mehrfach. Schließlich fiel der Pfingstgottesdienst weg und der an Lichtmess wurde auf Gründonnerstag verlegt.
Als die kleine Kapelle baufällig geworden war, beschloss die Gemeinde 1851, einen Neubau zu errichten. Als Baumaterial dienten auch Steine der Kirchenruine Thodenbrock. 1855 weihte die Gemeinde ihre neue Kapelle ein. Im Jahr 1912 erhielt Lichtenhagen den Status einer Kapellengemeinde mit dem Recht auf jährlich zwölf vom Pastor zu haltende Gottesdienste. 1934 setzte Pfarrverwalter P. Hans Helweg (amt. 1933–1934) für Lichtenhagen das Recht durch, die Konfirmationsgottesdienste in der eigenen Kirche zu feiern. P. Helweg war Mitglied des Pfarrernotbundes und hatte wohl deswegen von der deutsch-christlichen und ns-freundlichen Kirchenleitung Braunschweig keine Festanstellung als Pfarrer erhalten. Er versah den Pfarrdienst in Ottenstein, Hohe, Brökeln, Pegestorf, Grave und Lichtenhagen stellvertretend. Nach der Umgliederung des Lkr. Holzminden aus dem Land Braunschweig in die Provinz Hannover des Landes Preußen im Jahr 1941 folgte 1942 auch die kirchliche Neuordnung: Die bisherige Propstei Holzminden der Ev.-luth. Landeskirche Braunschweig wechselte als KK Holzminden in die Ev.-luth. Landeskirche Hannovers.10
Seit 1948 fand in Lichtenhagen alle zwei Wochen ein Gottesdienst statt. Zur 100-Jahrfeier der Kapelle Lichtenhagen im Jahr 1955 besuchte Lbf. Hanns Lilje (amt. 1947–1971) das Dorf. Seit 1959 lud P. Karlheinz Bernhardt (amt. 1934–1975) jede Woche zu einem Gottesdienst in die Kapelle Lichtenhagen ein.
Im Zusammenhang mit den Fusionsbestrebungen innerhalb der Landeskirche verzichtete der Kapellenvorstand 2009 nach einer heftig geführten Gemeindeversammlung auf den Status einer Kapellengemeinde. Lichtenhagen wurde in ihre Muttergemeinde, die Liebfrauen-KG Ottenstein, eingegliedert. Sie erhielt gleichzeitig den neuen Namen „Ev.-luth. KG Ottenstein-Lichtenhagen“.11 Für die nunmehrige Predigtstelle vereinbarten die Lichtenhagener vierzehntägliche Gottesdienste, außerdem Taufen, Konfirmationen und Trauungen in der eigenen Kirche sowie das Recht auf drei Lichtenhagener Kirchenvorsteher im KV der neuen Gemeinde. Änderungen an dieser Vereinbarung sind nur mit Zustimmung der Vorsteher aus Lichtenhagen möglich.
Umfang
Lichtenhagen.
Kirchenbau
Rechteckbau (13,5 x 8,5 Meter) mit polygonaler Apsis, ausgerichtet nach Nordosten, erbaut 1851–55 (Kreisbaumeister Friedrich Ludwig Haarmann, Holzminden).12 Satteldach, flaches Walmdach über der Apsis. Bruchsteinmauerwerk mit Eckquaderung. Rundbogenfenster mit hölzernem Maßwerk. Hauptportal nach Südwesten, darüber Inschrift: „Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren 1854“ sowie vermauertes Kreisfenster. Im Innern flache, holzverschalte Decke im Schiff, flaches Gewölbe in der Apsis, runder Triumphbogen zwischen Apsis und Schiff; Empore im Südwesten. 1886 Renovierung, u. a. Fenster über Eingangsportal vermauert. 1955 Renovierung. 2005 Renovierung, u. a. Neuausmalung und Erneuerung der Elektrik.
Fenster
Über dem Portal ursprünglich Fenster mit Christuskopf, 1886 vermauert.
Turm
Dachreiter über dem Westgiebel. 1886 Turmbau geplant, aus Kostengründen aufgegeben (Entwurfszeichnung vorhanden13).
Vorgängerbau
Fachwerkbau, errichtet 1648. Insgesamt 30 Fuß lang und 20 Fuß breit.14
Ausstattung
Kastenförmiger Holzaltar (1954, August Sporleder). – Altarkreuz aus Ton (Töpferin Ruth Hartweg-Karcher, Baden-Baden), Christusfigur, umfasst mit dem rechten Arm einen Menschen. – Holzkanzel (1954, August Sporleder). – Taufständer (1954, August Sporleder). – Bild des kreuztragenden Christus (1954, Lehrer Friedrich Müller), ursprünglich Mittelteil einer dreiteiligen Gedenktafel für die Gefallenen der Weltkriege, die beiden Seitentafeln an der Brüstung der Orgelempore.
Orgel
Zunächst Harmonium. 1902 Orgelneubau, ausgeführt von Heinrich Faber (Salzhemmendorf), pneumatische Traktur (Opus 37).15 Instrument von Anfang an wegen Temperaturschwankung und Mäusefraß unspielbar, Abhilfe versucht mit dem Bau einer Empore und Aufstellung der Orgel dort, doch keine Verbesserung, Orgel verschrottet. Neues Harmonium. 1954 Orgelneubau, ausgeführt von Friedrich Weißenborn (Braunschweig), 8 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen.
Geläut
Eine Lg, e’ (Bronze, Gj. 1903, Firma Radler, Hildesheim), Inschriften: „Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren“ und „Radler und Söhne 1903“. – Früherer Bestand: 1750/53 eine kleine, geborstene Glocke (Bronze) vorhanden.16 1768 ersetzt mit einer in Eschershausen erworbenen Glocke (Bronze), 1854 in den Dachreiter der neuen Kirche umgehängt, 1902 gesprungen.
Weitere kirchliche Gebäude
Gemeindehaus neben der Kirche (Bj. 1967, Sanierung 2020). Es stand den Gemeindegliedern schon immer für private Feiern zur Verfügung und kann seit 2020 von allen Bürger*innen für Veranstaltungen gemietet werden.
Friedhof
Bis 1837 fanden die Beerdigungen von Lichtenhagen auf dem Friedhof von Hattensen statt. Dann wurde südöstlich von Lichtenhagen ein zunächst der Kirche gehörender Friedhof angelegt, während der Amtszeit von P. Karlheinz Bernhardt (amt. 1934–1975) an die Kommune übergeben, FKap (Bj. 1970).
Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)
B 2 G 9 Nr. 3409 (Baupflege und Bauwesen); D 25 (EphA Bodenwerder); S 2 Witt Nr. 4 (Fotosammlung); S 11a Nr. 7240 (Findbuch PfA).
Kirchenbücher
Taufen: ab 1815
Trauungen: ab 1815
Begräbnisse: ab 1815
Kommunikanten: ab 1905
Konfirmationen: ab 1815
Früher in den Kirchenbüchern von Ottenstein.
Literatur & Links
A: Kleinau, Ortsverzeichnis Land Braunschweig II, S. 374–375; Steinacker, BKD Kr. Holzminden, S. 399–402 [Digitalisat].
B: Werner Freist: Lichtenhagener Chronik, Schöningen 1981, bes. S. 105–107; Werner Freist: Ottensteiner Chronik, Lichtenhagen [1986], bes. S. 46; Alfred und Wiebke Littmann: Geschichten von der Kirche in Lichtenhagen. Geschrieben zum 150jährige Jubiläum des Kirchenbaus [Typoscript], Hameln 2005.“
Internet: Denkmalatlas Niedersachsen: Kapelle.
GND
2095911-4, Kapellengemeinde Lichtenhagen.
Wir danken Alfred und Wiebke Littmann, die diesen Artikel im Wesentlichen verfasst haben.
Fußnoten
- Sudendorf, UB I, Nr. 184 [Digitalisat].
- Pischke, Landesteilungen, S. 95 ff.
- Freist, Lichtenhagener Chronik, S. 105. Zu Thodenbrock vgl. ebd., S. 12 ff.
- Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 6,1, S. 4 und 22 ff.; Butt, Herrschaft, S. 42 ff.
- Kayser, General-Kirchenvisitation I, S. 237, mit Anm. 492.
- Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 6,1, S. 5 und 83 ff.; Butt, Herrschaft, S. 58 ff.
- Spanuth, Quellen, S. 281.
- LAW, V 231, Nachrichtungsbuch von allen Pfarren im Fürstenthumb Braunschweig…, S. 42.
- Freist, Lichtenhagener Chronik, S. 105.
- KABl. 1943, S. 1 ff. Vgl. dazu Hoffmann, Gebietstausch, S. 199 ff.
- KABl. 2009, S. 63 ff.
- Gewerke und Material: Maurermeister Müller in Ottenstein, Dachdeckermeister Hesse in Bevern, Tischlermeister Tacke in Golmbach (Maßwerkfenster). Grundmauern aus Steinen der Kirchenruine Thodenbrock.
- Abb.: Freist, Lichtenhagener Chronik, S. 106.
- Steinacker, BKD Kr. Holzminden, S. 399.
- Pape, Palandt, S. 36.
- Steinacker, BKD Kr. Holzminden, S. 399.


