Frühere Gemeinde | KapG der KG Mengershausen | Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Göttingen-Münden, Amtsbereich Münden | Patrozinium: Vitus oder Urban1 | KO: Calenberger KO von 1569
Orts- und Kirchengeschichte
Das Dorf erscheint schriftlich erstmals als Lyammanneshusun bzw. Liammaneshus im Verzeichnis der Schenkungen (Traditionen) an das Kloster Corvey. Die Einträge, überliefert in einer Abschrift aus dem frühen 15. Jh., lassen sich auf das späte 10. Jh. datieren (986–988 bzw. 989–992).2 Territorial gehörte Lemshausen seit der Dreiteilung des welfischen Teilfsm. Braunschweig-Wolfenbüttel um 1291 zum neuen Teilfsm. Göttingen.3 Nachdem die Göttinger Linie der Welfen mit Hzg. Otto Cocles († 1463) in männlicher Linie ausgestorben war, wurde das Territorium 1495 bzw. 1512 Teil des Fsm. Calenberg-Göttingen („Kernlande Hannover“, 1692: Kfsm. Braunschweig-Lüneburg bzw. Kurhannover). Die landesherrlichen Rechte in Lemshausen nahm der Amtmann in Friedland wahr; die Gerichtshoheit lag im 16. Jh. beim Gericht Leineberg.4 In französischer Zeit gehörte Lemshausen von 1807 bis 1813/14 zum Kgr. Westphalen (Kanton Grone, Distrikt Göttingen, Leine-Departement). Seit 1815 zählte der Ort, nun im Kgr. Hannover, wieder zum Amt Friedland und kam 1852 zum Amt Göttingen. Mit der Annexion des Kgr. Hannover fiel Lemshausen 1866 an das Kgr. Preußen. Seit Einführung der Kreisverfassung 1885 zählt der Ort zum Lkr. Göttingen (neugebildet 1973 und 2016). 1973 wurde Lemshausen nach Rosdorf eingemeindet. Um 1810 lebten etwa 170 Menschen in Lemshausen, 1939 knapp 210, 1946 fast 350 und 2023 gut 300.
Kirchlich gehörte Lemshausen in vorref. Zeit anscheinend zum Kirchspiel Sieboldshausen. Zumindest beklagte sich der Sieboldshäuser Pfarrer Ende des 16. Jh. über die Verkleinerung seines Kirchspiels: „Die Filiale Mengershausen, Amt Münden, Volckerode daselbst und Lembshausen, Amt Friedland seien davon gerissen“, berichtete er laut Protokoll der Kirchenvisitation 1588.5 Im Corpus bonorum von 1735 finden sich einige Angaben zur Geschichte der Kapelle: „Diese Capelle, welche vormahls nicht auff die Dauer gebauet worden, Ist Anno 1515 auf St. Viti von Paulo einen Vicari[us] des dahmahligen Ertz-Bischofes, und Churfürsten zu Mayntz Alberti laut inhalts der Copiae Fundationis unter ertheilung 40 tagiger indulgens [Ablass] gestiftet und eingeweyet worden“.6
Details zum Reformationsgeschehen in Lemshausen sind nicht überliefert. Hzgn. Elisabeth zu Braunschweig-Lüneburg († 1558) führte die luth. Lehre im Fsm. Calenberg-Göttingen ein: 1542 setzte sie die von Antonius Corvinus verfasste Kirchenordnung in Kraft und 1542/43 ließ sie die Gemeinden, Stifte und Klöster des Fürstentums visitieren.7 Im Jahr 1545 übernahm ihr nunmehr volljähriger Sohn als Hzg. Erich II. die Regierungsgeschäfte und wechselte 1547 zum kath. Glauben. Die Calenbergischen Stände widersetzten sich jedoch seinen Rekatholisierungsbestrebungen und konnten 1553/55 die Beibehaltung der luth. Lehre in den Kirchspielen des Fürstentums sicherstellen. Nach dem Tod Erichs II. fiel das Fsm. Calenberg-Göttingen 1584 an Braunschweig-Wolfenbüttel und Hzg. Julius († 1589) führte seine 1569 aufgestellte ev. KO auch hier ein.8 1588 ließ er die Gemeinden visitieren.
In nachref. Zeit hatte zunächst der Pfarrer von Rosdorf die pfarramtliche Versorgung von Lemshausen übernommen: Im Nachrichtungsbuch von allen Pfarren im Fürstenthumb Braunschweig, angelegt im späten 16. Jh. und aktualisiert bis in die erste Hälfte des 17. Jh., ist Lemmershausen als filia in Rostorff verzeichnet.9 Nachdem das benachbarte Mengershausen 1662 einen eigenen Pastor erhalten hatte wechselte die KapG Lemshausen als filia dorthin. Das bereits zitierte CB, angelegt von P. Christian August Danhauer (amt. 1734–1744), liefert auch eine Beschreibung der Kirche: „Die Capelle ist 2 Ruthen 5 Fueß lang, 1 Ruthen 5 Fueß Breit und 12 Fueß Hoch; was die Decke betrifft, so befindet sich dieselbe in einem kläglichen ZuStande, sintemahl die Balcken gäntzlich verfaulet, also daß zu besorgen stehet, es möchten die Balcken sambt denen Diehlen Boden endlich einfallen, daß Dach aber sambt deren Spahren befindet sich noch in einem guthen Zustande. […] diese Capelle bestehet auß eine Chore und kleineren Fördertheile“.10 Über den Innenraum heißt es u. a.: „Auff dem Gelender wo durch der Chor von den fördertheile der Capelle abgesondert wird, findet sich ein Pult für welchen der Schulmeister seinen Stand hat, wann er singet; auff eben dem Gelender stehet eine Schwartze Tafeln zu anschreibung der Gesänge“.11 Nur an wenigen Sonntagen fand ein Gottesdienst in der Kapelle Lemshausen statt: so wird jährlich 4 mahl, alß in denen hohen Festen und St. Michaelis sehr frühe bey öffentlicher Communion, ordentlich, wie in denen sogenandten Meß-Predigten der Gottesdienst beobachtet; über dieses aber werden noch auff 4 Sontage des Morgens früh privat Communion gehalten, wobey aber nicht geprediget wird“12
Hinsichtlich des Vermögens stand die Kapelle anscheinend gut da: In den gut zwei Jahrhunderten seit ihrer Gründung hatte sie „theils durch allerhand Donationis und Vermächtnißen, welche von freygäbigen Einwohnern, nach und nach geschehen, theils aber auch durch guthe administration solcher Legaten nicht nur etliche Morgen Landes, vor dem dasigen Dorffe belegen, acquiriret, sondern auch einen solchen Vorrath an Gelde erlanget, daß sie verschiedene Capitalien auff Zinsen hat außleihen können.“13 Im Jahr 1820 ließ die Gemeinde ihre Kapelle vergrößern und den kleinen Turm aufsetzen.
Zum 1. Juli 1974 hob das Landeskirchenamt Hannover die kleine Kapellengemeinde Lemshausen auf und gliederte sie in die KG Mengershausen ein.14
Kapellenbau
Rechteckbau mit dreiseitigem Chorschluss, im Kern Anfang 16. Jh. (geweiht 1514/15). Satteldach, über dem Chor abgewalmt (ziegelgedeckt). Außenwände im unteren Teil verputztes Bruchsteinmauerwerk, im oberen Teil Fachwerk; Westwand Fachwerk mit Schieferbehang. Zwei Rundbogenfenster am Chor, an den Längsseiten im Osten je ein Rundbogenfenster, im Westen je ein flachbogiges Sprossenfenster, darüber im Fachwerkbereich ein Rechteckfenster nach Norden. Spitzbogiges Portal nach Norden. Im Innern flaches Holztonnengewölbe, Westempore. Um 1700 Fachwerkteil erneuert. 1820 Kirche nach Westen erweitert. 1958/59 Renovierung und Umgestaltung.
Turm
Im Westen vierseitiger, verschieferter Dachreiter mit geschwungener, vierseitiger Schieferhaube, bekrönt mit Kugel und Wetterfahne, erbaut 1820. An jeder Seite eine rechteckige Schallöffnung, nach Norden darunter Uhrziffernblatt. 1978 neue Schieferdeckung.
Ausstattung
Kastenförmiger Holzaltar, farbig gefasst; bis 1959 Teil des Kanzelaltars. – Leicht erhöhte Holzkanzel, farbig gefasst, polygonaler Kanzelkorb; bis 1959 Teil des Kanzelaltars. – Schlichter, achtseitige Taufständer aus Holz, farbig gefasst. – Ehemalige Ausstattung: 1735 war vorhanden „Ein kleiner Altar nebst einer Höltzern rückwand darin das Bild Christi am Creutz nebst der Mutter Maria, das Kind Jesum auff dene Armen habend, und Marien Magdalenen, ohn gefähr 2 Fueß hoch seyend, darunter ist eine gemählde des von Christo eingesetzten Heil-Abendmahl zu sehen“.15
Orgel
1897 Orgelneubau, ausgeführt von Theodor Reinelt (Elze), 5 I/P, mechanische Traktur, Kegelladen. 1917 zinnerne Prospektpfeifen im Ersten Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgegeben. 1925 neue Prospektpfeifen aus Zink eingesetzt. 1933 Reparatur, Paul Ott (Göttingen). Vor 1961 Änderung der Disposition. 1977/78 Instandsetzung, Paul Ott (Göttingen). Denkmalorgel (seit 1975).
Geläut
Zwei LG, I: b’’ (Bronze, Gj. 1711, in Göttingen), Inschrift: „Ich gehore in Lemmeshusen 1711“; II: des’’’ (Bronze, Gj. um 1900), ursprünglich als Uhrschlagglocke angeschafft.
Friedhof
Kommunaler Friedhof am südwestlichen Ortsrand, FKap. Der Friedhof war 1967 noch Eigentum der KapG.
Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)
A 1 Nr. 7881–7882, 7892 (Pfarroffizialsachen); A 8 Nr. 284
(CB); B 2 G 9 B Nr. 682 (Orgel- und Glockenwesen); S 11a Nr. 7697 (Findbuch PfA); S 11a Nr. 8140 (Findbuch EphA).
Literatur & Links
A: Bielefeld, Orgeln im Umland, S. 254–256; Casemir/Ohainski/Udolph, Ortsnamen Lkr. Göttingen, S. 248–249; Lufen, Denkmaltopographie Altkr. Münden, S. 234–235; Meinhardt & Groth, Chronik I, S. 108–125, ebd. II, S. 123–146; Mithoff, Kunstdenkmale II, S. 123; Müller, Kapellen, S. 28–29.
B: Horst Gerke (Hg.): Die Pastoren und Schulmeister in Mengershausen und Lemshausen von der Reformation bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, 3 Bde. (= Jühnder Mitteilungen 10,1–3), Burscheid 2003.
Internet: Denkmalatlas Niedersachsen: Kapelle.
GND
2068832-5, Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde (Lemshausen).
Fußnoten
- Mithoff, Kunstdenkmale II, S. 123, und Hennecke/Krumwiede, Kirchen- und Altarpatrozinien I, S. 159, und II, S. 74: Urban; LkAH, A 8 Nr. 284 [Digitalisat, Aufnahme 22]: Vitus.
- Mönchslisten I, § 424 und § 438 (zur Datierung: S. 75 ff.); Mönchslisten II, S. 270; Casemir/Ohainski, Niedersächsische Orte, S. 54. Für weitere Belege und zur Bedeutung des Ortsnamens vgl. Casemir/Ohainski/Udolph, Ortsnamen Lkr. Göttingen, S. 248 f.
- Insgesamt: Pischke, Landesteilungen, bes. S. 45 ff., S. 75 ff. und S. 180 ff.
- Kupsch, Gericht, S. 69 f. Vgl. zum Amt Friedland Wolters, Friedland, S. 24 ff.
- Kayser, General-Kirchenvisitation I, S. 152.
- LkAH A 8, Nr. 284 [Digitalisat, Aufnahme 22]. Mithoff, Kunstdenkmale II, S. 123, hingegen gibt St. Urban an und zitiert ohne Quellenangabe: „anno 1515 ad honorem Dei omnipotentis et omnium sanctorum. specialiter ad nomen sancti Urbani, dedicata et sanctificata et consecrata“.
- Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 6,1, S. 708 ff.; Butt, S. 47 ff.
- Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 6,1, S. 83 ff.
- LAW, V 231, Nachrichtungsbuch von allen Pfarren im Fürstenthumb Braunschweig…, S. 57.
- LkAH A 8, Nr. 284 [Digitalisat, Aufnahme 22].
- LkAH A 8, Nr. 284 [Digitalisat, Aufnahme 22 f.].
- LkAH A 8, Nr. 284 [Digitalisat, Aufnahme 24].
- LkAH A 8, Nr. 284 [Digitalisat, Aufnahme 22].
- KABl. 1974, S. 205 f.
- LkAH A 8, Nr. 284 [Digitalisat, Aufnahme 23]. Laut Mithoff, Kunstdenkmale II, S. 123, lautet das Patrozinium Urban.