Sprengel Ostfriesland-Ems, KK Emden-Leer | Patrozinium: Johannes | KO: Ostfriesische KO von 1716

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Orts- und Kirchengeschichte

Die Kirchengemeinde setzt sich aus zwei Fehnsiedlungen zusammen: zum einen Boekzetelerfehn, um 1647 u. a. von Paul Harsebroek, Pächter der ehemaligen Johanniterkommende Boekzetel, gegründet und zum anderen Jheringsfehn, wo der Siedlungsausbau in der zweiten Hälfte des 18. Jh. begann.1 Jheringsfehn ist nach dem Auricher Regierungsdirektor Sebastian Jhering benannt und setzt sich aus den Ortsteilen Hoek (auch Jheringsfehn-Hoek) und Beek (auch Jherings-Beek) zusammen (ursprünglich eigene Schulgemeinden).2 Die beiden Fehn-Siedlungen zählten zum Amt Aurich in der Gft. Ostfriesland, die seit 1744 Teil des Kgr. Preußen war. In französischer Zeit gehörten Jheringsfehn und Boekzetelerfehn ab 1807 zum Kgr. Holland und ab 1810 zum Kaiserreich Frankreich (Département Ems-Oriental, Arrondissement Aurich, Kanton Timmel). Nach dem Ende der französischen Herrschaft wurde die alte Amtsverfassung wieder eingeführt; 1813 kamen die beiden Dörfer wieder zum Kgr. Preußen und 1815 zum Kgr. Hannover. Sie waren seit 1852 Teil des kurzlebigen Amtes Timmel, das 1859 wieder im Amt Aurich aufging. Mit der Annexion des Kgr. Hannover kamen die Dörfer 1866 erneut unter preußische Herrschaft und zählten seit Einführung der Kreisverfassung 1885 zum Lkr. Aurich. Seit 1973 gehören Jheringsfehn und Boekzetelerfehn zur Gemeinde Moormerland. Hinsichtlich der sozialen Struktur der Kirchengemeinde gab der Ortspfarrer 1952 an: „Der Grossteil der Bevölkerung ist im Seemanns- und Schifferberuf tätig, dazu viele am Wasserbauamt in Emden, ein kleiner Teil in Industrie- u[nd] Hafenarbeit. in Emden u[nd] Leer beschäftigt. Die kleinere Hälfte der Gemeindeglieder besteht aus Landwirten.“3 Im Jahr 1821 lebten fast 530 Menschen in Boekzetelerfehn, 1905 knapp 470, 1946 gut 630 und 2016 knapp 750. Für Jheringsfehn lauten die Zahlen folgendermaßen: 1821 gut 440, 1905 rund 1.400, 1946 gut 1.990 und 2016 etwa 2.440.
Kirchlich gehörten die Fehnsiedlungen zunächst teilweise zur KG Hatshausen (Jherings-Beek, Boekzetelerfehn) und teilweise zu Timmel (Jheringsfehn-Hoek). Schon 1826 wandten sich die Einwohner von Jheringsfehn-Hoek, Jherings-Beek, Boekzetelerfehn und Warsingsfehn an das Konsistorium in Aurich und baten um den Bau einer eigenen Kirche unter gleichzeitiger Trennung von Hatshausen und Timmel.4 Es waren in der Folgezeit wohl nicht zuletzt Streitigkeiten innerhalb der zu gründenden Gemeinde, die das Vorhaben scheitern ließen. Die geistliche Versorgung in Hoek und Beek verbesserte sich mit der Anstellung des Hilfsgeistlichen P. Tielko Emmen Tilemann (amt. 1852–1860); zu Gottesdiensten versammelte sich die Gemeinde in der Schule.5
Eine neue Bittschrift zur Gründung einer eigenen Kirchengemeinde entstand 1852, nun ohne Warsingsfehn. Als Standort der gemeinsamen Kirche schlugen die Bittsteller den Grenzpunkt der drei Schulgemeinden Jheringsfehn-Hoek, Jherings-Beek und Boekzetelerfehn vor, allerdings sprach sich gleichzeitig eine Gruppe aus Boekzetelerfehn gegen diesen Plan aus. Zwei Jahre später suchte Jheringsfehn (Hoek und Beek) allein um eine Gemeindegründung nach, aber das Auricher Konsistorium machte deutlich, dass eine neue Kirchengemeinde Boekzetelerfehn mit einschließen müsse. Nach weiteren Streitigkeiten unternahm das Konsistorium schließlich einen Schlichtungsversuch, legte den Gemeinden 1856 den Entwurf für ein Regulativ der zu gründenden KG vor und setzte sich für den schon 1852 vorgeschlagenen Grenzpunkt der drei Schulgemeinden als Standort der Kirche ein.6 Auseinandersetzungen um Finanzierung von Bau und Unterhalt der Kirchwege sowie Schwierigkeiten beim Erwerb aller nötigen Grundstücke verzögerten das Vorhaben weiter.
Die Bauarbeiten begannen schließlich im Jahre 1862 und am 21. März 1864 konnte die Gemeinde Jherings-Boekzetelerfehn ihre neue Kirche einweihen. Die Einweihung des Gotteshauses bedeutete gleichzeitig die „förmliche Constituirung der neuen Gemeinde“.7 Die St.-Johannes-Kirche besitzt zwei Eingänge: das Westportal am Turm und die sogenannte „Prozessdöör“ an der Südseite.8 Während die Boekzetelerfehntjer traditionell das Westportal nutzen, betreten die Jheringsfehntjer die Kirche durch das Südportal. Zu ihrem ersten Pfarrer wählte die Gemeinde P. Antonius Schweertman (amt. 1864–1887), bislang Pastor auf Baltrum.
Im Jahr 1905 planten Hatshausen und seine beiden ehemaligen Tochtergemeinden Jherings-Boekzetelerfehn und Warsingsfehn gemeinsam den Aufbau einer Schwesternstation. Hatshausen schied jedoch schon 1909 aus dem Verband aus und auch Jherings-Boekzetelerfehn stellte schließlich eine eigene Gemeindeschwester an. 1939 übernahm die NSV die Schwesternstation, nach Ende des Zweiten Weltkriegs kehrte sie zurück in die Trägerschaft der KG. Ende der 1970er Jahre ging sie in der Diakoniestation Moormerland auf.
Während der NS-Zeit hatte P. Hermann Fischer (amt. 1926–1950) die Pfarrstelle in Jherings-Boekzetelerfehn inne. Bei der Visitation 1939 beobachtete der Sup. des KK Großefehn eine Entfremdung zwischen Pfarrer und einem Teil der Gemeinde. Den Grund dafür sah er u. a. in einer „starken Einseitigkeit des Pastors Fischer in kirchenpolitischen Dingen. Dadurch hat er den Kontakt mit manchen seiner Gemeindeglieder völlig verloren.“9 P. Fischer hingegen empfand die Beschränkung auf die „wahre Gemeinde Christi“ als wohltuend und bedauerte kaum, dass der „ganze Ballast der Mitläufer“ nun verschwunden sei. In seinen Antworten auf die Visitationsfragen skizzierte er knapp die Situation in seiner Gemeinde: „Viele stimmen der christlich-kirchlichen Botschaft grundsätzlich zu, wagen jedoch nicht, die Konsequenzen zu ziehen aus Furcht vor Terrorakten seitens gewisser Parteiorgane. Die Lektüre vom Schwarzen Korps und Stürmer bleibt auch in unserer Gemeinde nicht ohne Wirkung.“
Mit dem Zuzug Geflüchteter nach Ende des Zweiten Weltkriegs kamen auch erstmals kath. Familien in die beiden Fehngemeinden. Seit Anfang der 1950er Jahre waren sie jedoch „wegen Beschäftigungslosigkeit im Abwandern begriffen“.10 Bis Anfang 1960 nutzte die schrumpfende kath. Flüchtlingsgemeinde die ev. Kirche. Darüber hinaus etablierte sich 1947 eine Pfingstgemeinde in Jheringsfehn, die im Kern aus „Flüchtlinge[n] aus den deutschen Ostgebieten“ bestand (um 1957 Bau einer eigenen Kirche).11

Umfang

Jheringsfehn und Boekzetelerfehn. 1913 Klein-Heseler Moor eingepfarrt.12 1931 mehrere Grundstücke im Königsmoor eingepfarrt.13

Aufsichtsbezirk

Mit Gründung der KG 1864 zur 1. luth. Insp. in Ostfriesland. Zum 1. September 1868 zur neubegründeten 9. luth. Insp. in Ostfriesland (1924: KK Großefehn).14 Bei Aufhebung des KK Großefehn zum 1. Januar 1974 in den KK Leer umgegliedert.15 Seit 1. Januar 2013 KK Emden-Leer.16

Patronat

Genossenschaftswahlrecht der Gemeinde (Interessentenwahlrecht), zwischen 1959 und 1966 aufgehoben.17

Kirchenbau

Rechteckiger Backsteinbau mit halbrunder Apsis im Osten, erbaut 1862–64. Satteldach; rundbogige Fenster an den Längsseiten; Rundfenster an Apsis; Vorbau mit Portal nach Süden.18 Im Innern flache Balkendecke; halbrunder Triumphbogen zwischen Apsis und Schiff; U-förmige Westempore. In der Apsis hinter dem Altar befindet sich die Sakristei.

Fenster

An der Nordseite ein figürliches Buntglasfenster (1914), dargestellt sind Jesus und der sinkende Petrus (Mt 14,22–23), Fenster gestiftet „von den „Jünglingen und Jungfrauen der Gemeinde“.19

Turm

Westturm aus Backsteinmauerwerk. Vier Giebel, darüber achtseitiger, verschieferter Turmhelm, bekrönt mit Kugel und Schiff; an jeder Seite je ein großes, rundbogiges Schallfenster; rundbogiges Portal nach Westen. Turmsanierung 1998.

Ausstattung

Weißer, klassizistischer Altar (1863), hohes Retabel mit seitlichen Säulen; über dem Gebälk Jesusfigur vor Rundbogen; Strahlenkranz als Altarbekrönung; vor dem leeren Hauptfeld des Retabels steht ein Kruzifix. – Hohe Holzkanzel mit Schalldeckel (1863). – Taufe aus schwarzem Marmor (wohl Ende 19. Jh.), halbkugelförmiges Becken auf säulenartigem Schaft mit rundem Fuß auf viereckiger Sockelplatte.

Orgel

Erbaut 1865 von Gerd Sieben Janssen (Aurich), 9 Reg., mechanische Traktur, Schleifladen; wohl um 1900 von Johann Diepenbrock (Norden) ein pneumatisch angeschlossenes Pedalregister eingebaut (Bordum 16’ zu Subbaß 16’ umgearbeitet), 9 I/P.20 Orgel 1961/62 repariert und umgebaut von Firma Alfred Führer (Wilhelmshaven), 8 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen; Prospekt und drei Reg. der Janssen-Orgel erhalten, ein weiteres Reg. umgearbeitet. Orgel 1991/92 repariert und erweitert von Firma Alfred Führer (Wilhelmshaven), 15 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen; Prospekt der Janssen-Orgel erhalten

Geläut

Zwei LG, I: f’ (Bronze, Gj. 1928, Firma Rincker, Sinn), Inschrift: „Die alte starb für Deutschlands Wehr. Die neue klingt zu Gottes Ehr“; II: as’ (Bronze, Gj. 1955, Firma Rincker, Sinn), Inschrift: „Gelobt sei der Herr täglich.“ – Früherer Bestand: Eine LG (Bronze, Gj. 1841, Hero van Bergen, Claudi Fremy, Stiekelkamperfehn), vor 1917 nicht mehr vorhanden.21 Zwei LG (Bronze, Gj. 1863, Mammeus Fremy, Burhafe), Inschriften: „Die Bau-Commission Jherings-Boekzetelerfehn 1865 [?], H. B. Lucht, H. Heyen, J. J. Severins. R. R. de Buhr. J. H. Meyer. J. H. Brahms. H. F. Bolinius. H. W. Abben.“ und „Jherings-Boekzetelerfehn 1863“; eine der Glocken im Ersten Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgegeben; 1928 ersetzt durch heutige LG I; die zweite Glocke im Zweiten Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgegeben; 1955 ersetzt durch heutige LG II.22

Weitere kirchliche Gebäude

Pfarrhaus (Bj. 1965; Vorgängerbau abgerissen). – Gemeindehaus (Bj. 1969, 2008/09 saniert).

Friedhof

Kirchlicher Friedhof an der Nordseite der Kirche.

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

A 5 Nr. 305, 309 (Spec. Landeskons.); A 6 Nr. 4274–4275 (Pfarrbestellungsakten); A 8/Jherings-Boekzetelerfehn, A 8/Jheringsfehn (CB); A 12d Nr. 87, 457 (GSuptur. Aurich); D 80 (EphA Aurich (Großefehn)); L 5i Nr. 106, 124, 360–361 (LSuptur. Aurich); S 11a Nr. 8141 (Findbuch PfA).

Literatur

A: Meyer, Pastoren I, S. 575; Otte/Rohde, Ostfriesland II, S. 392–394.
B: Boekzetelerfehn, in: Historische Ortsdatenbank für Ostfriesland, 21.11.2019 [Artikel unfertig]; Jheringsfehn, in: Historische Ortsdatenbank für Ostfriesland, 21.11.2019 [Artikel unfertig]; Johannes Dieckhoff: Aus der Entstehungsgeschichte der Kirchengemeinde Jherings-Boekzetelerfehn 1826–1864, Oldenburg 1984; Christian Erfeling: Johannes-Kirche der ev.-luth. Kirchengemeinde Jherings-Boekzetelerfehn 1864 [Typoskript 1989]; Christian Erfeling: Die Entwicklung des Jheringsfehns von der Bullenmeede (4. November 1641) – das spätere Harsebroek- oder Hoeksterfehn – bis zur Gegenwart, Vortrag, Jherings-Boekzetelerfehn 1989.

GND

1212880110, Kirchengemeinde Jherings-Boekzetelerfehn (Moormerland); 1212880862, Kirche Jherings-Boekzetelerfehn (Moormerland)


Fußnoten

  1. Zur Entwicklung Jheringsfehns und Boekzetelerfehns vgl. kurz Erfeling, Entwicklung, bes. S. 6 ff. Neben Harsebroeck waren Bernhard Schwalbe und Berend Schinkel an der „Verfehnung des Boekzetelerfehns“ beteiligt, ebd., S. 7. Zur Kommende Boekzetel: Dolle, Klosterbuch I, S. 90 f., siehe auch: http://www.landesgeschichte.uni-goettingen.de/kloester/website/artikel.php?id=44, 27.11.2019.
  2. Zu Jhering vgl.: BLO III, S. 222 ff.
  3. LkAH, L 5i, Nr. 106 (Visitation 1952). Vgl. auch die fast gleich lautende Formulierung ebd., Nr. 360 (Visitation 1960).
  4. Zur Entstehungsgeschichte der Gemeinde vgl. Dieckhoff, S. 7 ff. und die bei Erfeling, Johannes-Kirche, bes. S. 39 ff., zusammengestellten Dokumente. Jheringsfehn-Hoek bzw. Jheringsfehn (Hoek) und Jherings-Beek bildeten später die Gemeinde Jheringsfehn.
  5. Erfeling, Johannes-Kirche, S. 144.
  6. Auszüge: Dieckhoff, S. 33 ff.
  7. Erfeling, Johannes-Kirche, S. 115.
  8. Dieckhoff, S. 56.
  9. Dieses und die folgenden Zitate: LkAH, L 5i, Nr. 106 (Visitation 1939).
  10. LkAH, L 5i, Nr. 106 (Visitation 1952).
  11. Paul Clark: Die Gründung von Pfingstgemeinden in Deutschland: 1945–2005. Implikationen für internationale Mission im 21 Jahrhundert, Bad Dürkheim 2011, S. 165; LkAH, L 5i, Nr. 360 (Visitation 1960).
  12. KABl. 1913, S. 31.
  13. KABl. 1931, S. 154.
  14. Smid, Ostfriesische Kirchengeschichte, S. 451.
  15. KABl. 1974, S. 34.
  16. KABl. 2013, S. 31.
  17. Erfeling, Johannes-Kirche, S. 75, 90 f.; Verzeichnis 1959, S. 121; Verzeichnis 1966, S. 126.
  18. Nach Dieckhoff, S. 56, ist das Südportal nachträglich gebrochen worden. Vgl. dagegen Erfeling, Johannes-Kirche, S. 138 ff.
  19. Erfeling, Johannes-Kirche, S. 144.
  20. Erfeling, Johannes-Kirche, S. 152; LKA, G 9 B/Jherings-Boekzetelerfehn Bd. I, Bl. 79.
  21. Rauchheld, Glockenkunde, S. 55.
  22. Rauchheld, Glockenkunde, S. 60. Die unterschiedlichen Jahreszahlen – Gj. und Inschrift – sind ebd. angegeben.