Sprengel Lüneburg, KK Winsen (Luhe) | Patrozinium: Stephanus | KO: Lüneburger KO von 1643

Orts- und Kirchengeschichte

Das lüneburgische Dorf Egestorf wird 1252 in einem Verzeichnis der bischöflichen Tafelgüter erstmals urkundlich erwähnt.1 Es war ursprünglich Filial von Salzhausen, hatte aber schon im 13. Jh. eine Kapelle, die vermutlich der heiligen Maria Magdalena geweiht war. Jedenfalls wurde das Kirchweihfest jährlich am St.-Magdalenen-Tag (22. Juli) gefeiert.2 Das Stephanuspatrozinium ist erst seit 1645 belegt (Nennung und Datierung auf der Wetterfahne der Kirche).
Die Zugehörigkeit zur Parochie Salzhausen ergibt sich u. a. aus einer Urkunde von 1397, mit der die Kirchgeschworenen des Godeshuses to Edestorpe in dem kerspele Soltzenhusen mit Genehmigung des Sendpropstes und Pfarrers zu Salzhausen den Kirchgeschworenen zu Bispingen eine Fruchtrente verkauften.3 Auf Bitten der Gemeinde erhob der Verdener Bf. Heinrich II. die Kapelle – mit Zustimmung des Archidiakons und des Salzhausener Plebans – 1419 zur Pfarrkirche und gewährte für ihre Erneuerung einen Ablass von 40 Tagen.4 1447 wurden die Baulastverpflichtungen der Ksp.-Leute in Egestorf gegenüber der Kirche in Salzhausen abgelöst, doch blieben die Ansprüche noch bis nach der Reformation umstritten. Hzg. Ernst der Bekenner erließ 1530 einen Bescheid zugunsten der Kirche in Egestorf und erkannte ihre Selbständigkeit damit noch einmal offiziell an.
Pfarrer war 1447 Carsten Dachtmissen. Erste reformatorische Ansätze finden sich wohl schon 1525. Offiziell wurde das luth. Bekenntnis 1527 durch die lüneburgische Landesherrschaft eingeführt. Erste Visitationen fanden 1530 und 1539 statt. Die ersten nachref. P. sind unbekannt. 1543 erscheint ein P. Martin (Nachname nicht überliefert)5, 1568 Johannes Linus, 1574 Christophorus Jacobi. 1580-1585 war Christopher Bonsack, ein Sohn des Bardowicker Sup., P. in Egestorf 1567 wird erstmals eine Schule erwähnt.
1885-1923 wirkte in Egestorf der „Heidepastor“ Wilhelm Bode, einer der maßgeblichen Gründer des Naturschutzparks Lüneburger Heide.6 P. Bode unterstützte seine Gemeinde auch in weltlichen Dingen und gründete 1888 die Spark- und Darlehenskasse in Egestorf. Als Kreisschulinspektor für den Schulkreis Pattensen II (bis 1919) war er auch ein bedeutender Förderer des Schulwesens (Bau des neuen Schulgebäudes in der Schätzendorfer Straße, 1913). In geistlichen Fragen wurde sein Wirken rückblickend auch kritisch bewertet. Nach einem Disziplinarverfahren wurde er 1923 aus dem Amt entlassen. Als sein Nachfolger prägte P. Friedrich Karl Dahlke (amt. 1924-1964) über mehrere Jahrzehnte die Gemeinde. Als Mitglied der BK stand er dem NS-Regime kritisch gegenüber.
Seit den 1960er Jahren gewann der Tourismus für Egestorf an Bedeutung. Das frühere Bauerndorf wandelte sich außerdem zunehmend zur Pendlergemeinde. 1967 wurde ein neues Gemeindezentrum (Pfarrhaus und Gemeindesaal) errichtet und 1973/74 mit Gemeindebibliothek und Gruppenräumen ausgestattet. Das alte Pfarrhaus (wohl auf dem in der Pestzeit Mitte des 14. Jh. wüst gewordenen Kuhlhof errichtet, 1642 und 1789 jeweils neu erbaut) war schon 1965 abgebrochen worden. Ebenso wurde die alte Küsterei (1698 erbaut) 1970 verkauft und durch ein neues Küster- und Organistenhaus ersetzt.

Umfang

Die Dörfer Döhle, Egestorf, Nindorf, Sahrendorf und Schätzendorf sowie die Sudermühle/Sauermühle als einständiger Vollhof. Mit dem 1. August 1954 wurden die luth. Einwohner der Ortschaft Evendorf aus der KG Raven in die KG Egestorf umgepfarrt.7

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Salzhausen der Diözese Verden. – Kam nach der Reformation zunächst zur Insp. Bardowick, 1737 zur neu errichteten Insp. Pattensen/Winsen, deren Sitz 1801 nach Salzhausen, 1822 wieder nach Pattensen verlegt wurde. 1925 wurde der KK Pattensen mit dem KK Winsen (Luhe) vereinigt.8

Patronat

Seit 1419 der Archidiakon von Salzhausen9, später der Landesherr (bis 1871).

Kirchenbau

Das mittelalterliche KGb wurde 1645 wegen Baufälligkeit abgebrochen und an seiner Stelle ein Neubau errichtet (Einweihung 20. August 1645 durch GSup. Michael Walter, Celle).10 Kleiner Fachwerkbau mit Ziegelausfachung auf einem älteren Feldsteinsockel. Polygonaler Ostschluss. 1867 Anbau im Norden. Innen eine L-förmige Empore, wohl ebenfalls von 1867. Flache Holzbalkendecke.

Turm

Freistehender, verbretterter Fachwerk-Glockenstuhl westlich neben dem Kirchenschiff. Erste Turmuhr 1738, 1910 neues Werk von J. F. Weule (Bockenem).

Grablege

In der Kirche wurden im 18. Jh. die Posthalter und P. von Egestorf mit ihren Familien beigesetzt.

Ausstattung

Gemauerter Stipes, Mensa aus Gipsstein mit Weihekreuzen und Reliquiengrube. Darauf ursprünglich wohl ein gotischer Flügelaltar, dessen Reste 1877 noch vorhanden waren. Jetzt ein spätbarockes, doppelstöckiges Altarretabel von Hans Götterlein aus Lüneburg (1659/61) mit Figuren der vier Evangelisten und des Auferstandenen; Verzierungen im Knorpelstil. Die gotisierende Gemälde stammen von dem Wandermaler Johann Ölpken (1661). In der Predella das Abendmahl, im Zentrum die Kreuzigung, darüber die Eherne Schlange. Der Altar wurde 1931 von Friedrich Bumann (Hannover) restauriert. – Links vom Altar befinden sich Gemälde altestamentarischer Propheten, die ursprünglich an der Westempore angebracht waren. Rechts Apostelbilder des Kirchenmalers Reinhold Ebeling (Hannover). – Renaissance-Kanzel (gestiftet 1646). – Neugotischer, hölzerner Taufständer (1900 von Hermann Schlumborn), die Taufschale 1646 gestiftet. – Epitaph für Maria Sophie Höfftin, Tochter des Posthalters in Sahrendorf († 1701). Epitaph für P. Michael Praetorius an der Südwand vor der Kanzel. – Abendmahlsgemälde von Giovanni Grignaschi (1910 erworben). – Gemälde des sterbenden Christus von Mihály von Munkácsy.

Orgel

1867 Neubau durch P. Furtwängler & Söhne (Elze), 15 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen (erste Orgel in der Kirche). 1917 Ausbau der Prospektpfeifen (1922 durch Zinkpfeifen ersetzt). 1939 Umdisponierung im Sinne der Orgelbewegung. Ab 1951/52 Umbau und weitere Veränderung der Disposition nach Gutachten von Wilhelm Drömann durch Firma Weißenborn (Braunschweig), 14 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen. 1972 Renovierung durch Firma H. Hillebrand (Altwarmbüchen). 1998 Restaurierung und Wiederherstellung des romantischen Klangbilds durch Franz Rietzsch (Hiddestorf), Ergänzung um ein Reg. im Pedal auf jetzt 17 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen. Seit 1972 unter Denkmalschutz. – Die KG verfügt weiterhin über eine 1986 von Klaus Becker (Kupfermühle) erbaute Truhenorgel (4 I/-) sowie über eine Orgel in der FKap (2 I/-), ebenfalls von Klaus Becker.

Geläut

Zwei LG, I: g’ (Bronze, Gj. 1686, Hans Manecke, Lüneburg;); II: c’’ (Vertriebenenglocke, Bronze, Gj. 1979, Karlsruher Glockengießerei). – Zwei SG außen am Turmhelm, I: c’’’ (Bronze, Gj. 1969, F. Otto, Bremen-Hemelingen); II: ges’’’ (Bronze, um 1300/14. Jh.). – Eine weitere LG in der FKap: b’ (Bronze, Gj. 1979, Karlsruher Glockengießerei). – Früherer Bestand: Eine 1455 von Cord Frybusch (Lüneburg) gegossene Glocke wurde nach Sprung zur heutigen LG I umgegossen (1686). Die 1910 beim Einbau der neuen Turmuhr beschaffte Stundenglocke wurde schon 1917 zu Rüstungszwecken abgegeben, 1920 ersetzt und 1942 erneut abgegeben. Die Viertelstundenglocke kehrte nach dem Krieg vom Hamburger Glockenfriedhof zurück.

Friedhof

Ursprünglich bei der Kirche. 1872 Neuanlage an der nach Evendorf führenden Straße (in den 1960er Jahren zur Parkanlage umgestaltet). 1944 Anlage des dritten Friedhofs bei der Waldsiedlung. In kirchlicher Trägerschaft. FKap (Bj. 1967/68, Turm 1979). – Die Ortschaften Nindorf, Sahrendorf/Schätzendorf und Evendorf erhielten nach dem Zweiten Weltkrieg eigene (kommunale) Begräbnisplätze.

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 1 Nr. 2655-2669 (Pfarroffizialsachen); A 6 Nr. 2002-2014 (Pfarrbestallungsakten); A 9 Nr. 537-540 (Visitationen); B 18 Nr. 159 (Orgelsachverständiger).

Literatur

A: Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 42 f.; Gröll/Schirm, Kirchen und Gemeinden.
B: Aus der Egestorfer Pfarrchronik 1668-1882, o. O. [1984]; 350 Jahre St. Stephanus Egestorf 1645-1995, [Egestorf 1995]; Claus-Dieter Gelbke: Der „Heidepastor“ Wilhelm Bode gilt als Initiator des Naturparks Lüneburger Heide, in: Jahrbuch für die Lüneburger Heide 2004, S. 41-46; Heinrich Schulz: Chronik Egestorf 1902-1928.


Fußnoten

  1. UB Verden I, Nr. 433.
  2. Kayser, Kirchenvisitationen, S. 526, Anm. 1169.
  3. Lüneburger UB VII, St. Michaelis, Nr. 810.
  4. UB Verden III, Nr. 852 und 853.
  5. Kayser, Kirchenvisitationen, S. 526.
  6. Gelbke, S. 41-46.
  7. KABl. 1954, S. 93.
  8. KABl. 1925, S. 52.
  9. UB Verden III, Nr. 852.
  10. Manecke, Beschreibungen I, S. 278.