Sprengel Stade, KK Wesermünde | Patrozinium: Urban | KO: Keine Kirchenordnung

Karte wird geladen, bitte warten...
Orts- und Kirchengeschichte

Dorf im Land Wursten nördlich von Bremerhaven, seit dem 8./9. Jh. an der Stelle einer vorgeschichtlichen Wurt neu besiedelt. Die urkundliche Ersterwähnung am 9. Oktober 1312 mit der Nennung des Pfarrer Nicolaus rector ecclesie de Dornem als Zeugen ist zugleich der früheste Nachweis der Pfarrkirche.1 Nachdem die der Küste zu gelegene Gemeinde Wremen durch eine Sturmflut weite Teile ihrer Feldmark verloren und dadurch an Bedeutung verloren hatte, entwickelte sich Dorum im späten Mittelalter zum Hauptort des Landes Wursten. Im 16. Jh. verfügte es über eine eigene Verwaltung mit zwei Vorstehern und einem Kollegium von acht Ratgebern. Auf dem Kirchhof fand das Landgericht statt. Nach der Eroberung des Landes Wursten durch den Bremer Ebf. 1525 wurde Dorum endgültig zum wirtschaftlichen und politischen Zentrum der Region. Ein Kirchspielsvogt als erzbischöflicher Richter und Verwaltungsbeamter ersetzte das bisherige Ratgeber-Gremium. Dorum blieb bis ins 19. Jh. Verwaltungs- und Gerichtssitz.

Kirche, Ansicht von Südosten, 1957 (?)

Kirche, Ansicht von Südosten, 1957 (?)

Die auf dem Friedhof am Rand der Dorfwurt gelegene Kirche St. Urban gehörte schon in Mittelalter (neben Imsum und Wremen) zu den Hauptkirchen des Landes Wursten. Sie war Taufkirche und Sendkirche, in der der Archidiakon des Landes Hadeln und Wursten zweimal jährlich das Sendgericht abhielt. Mit drei Vikarien (Olai, Johannes der Täufer, Nikolaus) und drei Kommenden (Michaelis, Beata Maria Virgo, Heilig Kreuz) war sie besonders reich dotiert.
Als Geistliche werden genannt: Nicolaus (rector ecclesie, 1312); Eckardus (plebanus in Dornum, 1331)2; Hinricus (in Thornum ecclesie rector, 1342);3 Sweder (Kirchherr over de olen kerken thu Dorum, 1383)4. 1417 bat der Mindener Kleriker Nikolaus Schermbeck erfolgreich um die Verleihung der durch den Tod des Sweder Kruse vakant gewordenen Pfarre und prozessierte gegen den konkurrierenden Interessenten Hinrich Lopuwe (Vikar in Güstrow), der die Pfründe gleichfalls für sich reklamierte.5 Weitere Inhaber der Pfarrstelle waren Detlef Bammen (rector ecclesie parochialis in Dornum, 1428/32)6; Nikolaus Bremis (Pfarrer, 1441)7 und Johann Krowel/Krouwel (rector bzw. kerckher to Dornem, 1488/89).8 Frederik van Ghestendorpe war 1432 Vikar zu Dorum.9
Die Anfänge der Reformation im Lande Wursten sind wohl schon vor 1530 anzusetzen. Mit der Wurster KO (Agende), verfasst vom Dorumer P. Bertram Schramm und Hermann Oettinger aus Cappel (1534), setzte sie sich endgültig durch. P. Schramm wurde auch zum ersten Sup. für Wursten gewählt. Von den Vikarien und Kommenden sind je zwei noch nach der Reformation nachweisbar. Die Marienkommende wurde für die Einrichtung einer Lateinschule (gegründet 1618) verwendet. Die übrigen Lehen gingen teilweise in den Besitz fremder Nutznießer über. So war die Michaelsvikarie zeitweilig im Besitz des ehemaligen Landsknechts Eggerich Olde Johannes (Sundergelt von Dornem), der sie in einem Vergleich gegen eine befristete Nutzung der Olaivikarie zurückgab. Das St.-Olai-Lehen wiederum hatte Conrad Schlüter, ein Sohn des Bremer Dombaumeisters, an sich gezogen und war später u. a. im Besitz des Stader Abts Balthasar Marschalck († 1627) und des erzbischöflichen Rats Johann Helm (um 1632).10 1605 wurde, wohl auf Initiative des P. Hinrich Pauluß und des Schulmeisters Berendt Passouw, eine Armenkasse ins Leben gerufen.11 Aus Spenden errichtete die Gemeinde 1650 ein Armenhaus. Für die Armenpflege wurde – ähnlich in Misselwarden und Imsum – ein eigener Armenvorsteher bestellt. Eine Besonderheit war das Fehlen eines Pfarrwittums. Die Versorgung einer etwaigen Pfarrwitwe in Dorum wurde noch 1793 durch die Prediger des gesamten Landes Wursten getragen.12

Kirche, Blick zum Altar, 1948

Kirche, Blick zum Altar, 1948

Die KG verfügte seit vorref. Zeit über zwei Pfarrstellen, von denen die erste seit 1827 dauerhaft Suptur.-Pfarre für das Land Wursten war. Von 1811 bis 1814 war der spätere Stader GSup. Georg Alexander Ruperti P. in Dorum, 1815 bis 1820 P. Christian Friedrich Bohn, ein „helldenkender Theolog“, der (anonym) verschiedene Veröffentlichungen vorlegte13 sowie 1829/39 bis 1844 P. Justus Alexander Saxer, später ebenfalls GSup. in Stade und Mitgründer der Norddeutschen Missionsgesellschaft.
Im Zuge der landeskirchlichen Zentralisierungsbestrebungen wurden mit dem 1. Januar 1969 die bis dahin eigenständigen KG Mulsum und Padingbüttel in KapG umgewandelt und in den Verband der KG Dorum eingegliedert.14 Beide Pfarrstellen waren schon zuvor durch den zweiten P. in Dorum mit versehen worden. Da es nicht gelang, die beiden Gemeinden zu integrieren und ein neues Gemeindebewusstsein zu schaffen (die Umwandlung in eine KapG wurde als Herabsetzung empfunden), wurde diese Maßnahme mit dem 1. Januar 1978 wieder revidiert. Beide Gemeinden wurden wieder selbständige KG, blieben aber zunächst mit Dorum pfarramtlich verbunden.15 Mit dem 1. August 1990 wurde die pfarramtliche Verbindung gelöst und die zweite und dritte Pfarrstelle in Dorum auf die KG Mulsum übertragen.16 Die KG Padingbüttel wurde mit Mulsum, ab 1. Januar 1996 wieder mit Dorum pfarramtlich verbunden.17
Die KG ist Trägerin des Ev. KiGa Am Wattenmeer. Zur Förderung der Gemeindearbeit wurde 2009 die Stiftung St. Urbanus eingerichtet. – Eine Partnerschaft besteht mit der KG Ablaß in Sachsen.

Pfarrstellen

I: Vorref. – II (Vikariat, ab 1720 Kompastorat): Vorref./vor 1595, 1. August 1990 als erste Pfarrstelle auf die KG Mulsum übertragen. – III: 1. Juni 198818, ab 1989 zusätzlich mit einem Auftrag zur Urlauberseelsorge versehen, 1. August 1990 als zweite Pfarrstelle auf die KG Mulsum übertragen.19

Umfang

Vermutlich wurde von Dorum als ältester Kirchengründung der Region im 13. Jh. die Parochie Mulsum abgetrennt. Dorum blieb jedoch das größte Ksp. des Landes Wursten. Pratje nennt als sechs Hauptteile den Flecken Dorum, das Dorumer Viertel, das Valger Viertel, das Alinger Viertel, das Alsumer Viertel und das Dorumer Neuenfeld.20 1823 umfasste es den Flecken Dorum, die Dörfer Alsum, Dorumer Viertel und Feldsating, die Höfe Ahlinger Viertel, Blickhausen, Dorumer Marren, Dorumer Neufeld, Dorumer Specken, Heuhausen, Krähenburg, Obernhausen, Themeln und Vallinger Viertel. Mit dem 1. Mai 1953 wurden die luth. Einwohner des Flurteils Dorumer Moor und Dorumer Heide in der Gemarkung Holßel aus der KG Dorum in die KG Neuenwalde umgepfarrt.21

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Hadeln-Wursten der Erzdiözese Bremen. – Dorum wurde nach Einführung der Reformation 1654 Sitz des Sup. für das Land Wursten bzw. der Propstei des Landes Wursten (Wurster Präpositur). Seit 1. Januar 1827 war es ständiger Amtssitz der Insp. (1924: KK) Land Wursten. Nach Aufhebung des KK Land Wursten am 1. April 1940 zum KK Wesermünde-Nord (Sitz zunächst provisorisch in Wesermünde-Lehe, dann wieder in Dorum)22; seit 1. Januar 2013 KK Wesermünde (Sitz in Bad Bederkesa).

Patronat

Seit dem Schiedsgerichtsurteil von 1310 hatte der Archidiakon von Hadeln und Wursten das uneingeschränkte Recht der Pfarrbesetzung.23 Nach der Reformation der Landesherr (bis 1871).

Kirchenbau
Kirche, Grundriss, vor 1939

Kirche, Grundriss, vor 1939

Romanische Saalkirche aus Granitfeldsteinen (Anfang 13. Jh.). Ausgrabungen in den Jahren 1968 und 1974 wiesen zwei Vorgängerbauten aus Holz und Tuffstein (um 1100) an gleicher Stelle nach. Der ursprüngliche romanische Hallenchor wurde 1510 abgerissen und durch einen dreischiffigen, durch einen Triumphbogen vom Schiff getrennten Chorraum in Backstein mit Netz- und Kreuzrippengewölbe ersetzt. Zur Aufnahme von Nebenaltären wurde im Mittelalter ein dreiteiliges Gewölbe („Lettner“) eingebaut (nicht mehr vorhanden). Die Fenster auf der Südseite wurden wohl Mitte des 18. Jh. erneuert. Balkendecke. Emporen an der West- (Mitte 18. Jh.) und Nordseite (1786). Im Chorgewölbe spätmittelalterliche Deckenmalerei (Darstellung des Jüngsten Gerichts), 1960 freigelegt und ergänzt. 1984 Renovierung der Kirche, 1986 Restaurierung des Altarraums.

Fenster

Auf der Südseite des Langhauses Fenster mit der Himmelfahrt Christi (1912).

Turm

Querriegelartiger Westturm mit Unterbau aus Feldsteinen. Die in Backstein aufgemauerte Glockenstube wird durch Eckgrate ins Achteck überführt. Sie wurde 1750/52 vollständig abgetragen24 und nach Plänen des Maurermeisters J. C. Goetze (Rotenburg) neu errichtet. Beim großen Brand von 1757 wurde die Turmspitze durch Brand zerstört und erst 1863 neu aufgesetzt. 1920 wurde das Eingangsportal im Turm erneuert und der Turmraum mit Gedenktafeln für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs (später auch für die des Zweiten Weltkriegs) neu gestaltet. Der Turmhelm war ursprünglich verschiefert und wurde 1968 in Kupfer neu eingedeckt.

Kirche, Blick zur Orgel, Foto: Ernst Witt, Hannover, März 1961

Kirche, Blick zur Orgel, Foto: Ernst Witt, Hannover, März 1961

Ausstattung

Gemauerter Altarunterbau. Darauf ein mehrgeschossiges, architektonisch gegliedertes Retabel im Knorpelstil (1670), eines der Hauptwerke des Bildschnitzers Jürgen Heidtmann des Jüngeren (Otterndorf).25 Im Zentrum das letzte Abendmahl und die Kreuzigung, darüber Christi Himmelfahrt und das Jüngste Gericht, bekrönt durch Christus als Triumphator. In der Predella und im Gebälk weitere Szenen aus Kindheit Jesu (Geburt, Beschneidung, Heilige Drei Könige, Darstellung im Tempel) und Passion (Geißelung, Verhöhnung, Kreuztragung, Verurteilung). Die Hauptbilder werden von allegorischen Figuren begleitet. Der gesamte Altar ist mit reichem Schnitzwerk versehen. – Hölzerne Kanzel von 1619/20, Michael Ringkmaker (Otterndorf) zugeschrieben, auf der Brüstung Reliefs mit biblischen Motiven (Heilsgeschichte), an der Galerie allegorische Darstellungen der christlichen Tugenden. – Vorref. Taufbecken aus vulkanischem Gestein (sogenannter belgischer Marmor) auf modern ergänztem Sockel; darüber ein barocker Holzdeckel/Aufsatz, wohl 1670 von Jürgen Heidtmann, 1986 restauriert. – Spätgotisches, turmartiges Tabernakel aus Baumberger Sandstein (im Chorraum; westfälisch, dat. 1524).26 – Gotisches Kruzifix (Ende 15. Jh.) und romanisches Kruzifix (Viernageltypus, erste Hälfte 13. Jh., an der Nordwand des Chores). – Doppelporträt Martin Luthers und Philipp Melanchthons (1623). – Zwei Schwedentafeln zum 100jährigen Jubiläum des Konzils von Uppsala (1693). –– Figur des heilige Urban als Kirchenpatron (in einer Nische der Nordwand; 1991 von Bildhauer Olaf Meinel aus Mühlhausen/Thüringen). – Im Turmraum Sandsteingrabplatte des ersten luth. Geistlichen in Dorum, P. Bertram Schramm († 1593). Weitere Grabplatten an den Außenwänden der Kirche.

Orgel, Foto: Ernst Witt, Hannover, 1961

Orgel, Foto: Ernst Witt, Hannover, 1961

Orgel

1578 erstmals erwähnt. Erneuert 1606 durch Meister Antonius Wilde (Otterndorf), 1710 durch Johann Werner Klapmeyer (Glückstadt), 1728 durch Gregorius Struve.27 1765 Umbau mit verändertem Gehäuse durch Johann Matthias Schreiber (Glückstadt).28 Der barocke Prospekt der Schreiber-Orgel ist erhalten. 1904/05 Einbau eines neuen pneumatischen Werks mit Kegellade durch P. Furtwängler & Hammer (Hannover), 28 II/P. Ab 1964 Neubau hinter dem Prospekt von 1765 durch die Firma H. Hillebrand (Altwarmbüchen), zunächst 9 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen; 1974/75 Einbau des Unterwerks mit vier Reg. (zweiter Bauabschnitt); 1987 (dritter Bauabschnitt) auf 21 II/P ergänzt. 2004 Änderung der Disposition, jetzt 22 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen.

Geläut

Drei LG, I: c’ (Bronze, Gj. 2001, Gebrüder Rincker, Sinn); II: es’ (Bronze, Gj. 1964, Gebrüder Rincker, Sinn); III: g’ (Bronze, Gj. 1798, J. N. Bieber, Hamburg). – SG am Turmhelm. – Früherer Bestand: Seit Mitte des 18. Jh. sind mehrere Neu- bzw. Umgüsse überliefert. Aus einer 1757 beim Turmbrand zerstörten Glocke wurden 1758 zwei neue Glocken gegossen, zu denen später wohl noch eine dritte trat. Eine 1778 von J. N. Bieber (Hamburg) gegossene LG ist 1934 gesprungen (Neuguss durch die Gießerei M & O Ohlsson, Lübeck). Weitere LG 1833 von den Gebrüdern Bartels (Hildesheim). Von drei Glocken wurden 1942 die beiden größeren (wohl die beiden letztgenannten) zu Rüstungszwecken abgegeben.

Weitere kirchliche Gebäude

Neues Gemeindehaus an der Speckenstraße (eingeweiht im Mai 1964).

Friedhof

Auf der Kirchenwurt. In Trägerschaft der KG. FKap.

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 2 Nr. 408–421 (Kons. Stade, Pfarroffizialsachen); A 5 Nr. 959 (Spec. Landeskons.); A 6 Nr. 1785–1790 (Pfarrbestallungsakten); A 8 (CB); A 9 Nr. 2622–2623 (Visitationen).

Literatur

A: 50 Jahre KK Wesermünde-Nord, S. 27–30; Aye/Kronenberg, Taufbecken, S. 98, Nr. 83; Böker, Denkmaltopographie Lkr. Cuxhaven, S. 186–188; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 398; Haiduck, Kirchenarchäologie, S. 149 f.; Kiecker/Lehe, KD Kr. Lehe, S. 64–79; Weiberg, Niederkirchenwesen, S. 100 f.
B: St. Urbanus-Kirche zu Dorum (Kirchenführer); Ulrich Euent: Johann Matthias Schreiber (1716–1771) – ein Orgelbauer im Schatten großer Namen, in: Jahrbuch der Männer vom Morgenstern 91 (2012), S. 68 f.


Fußnoten

  1. Rüther, Hadler Chronik, Nr. 71.
  2. UB Neuenwalde, Nr. 37.
  3. UB Neuenwalde, Nr. 67.
  4. UB Bremerhaven I, Nr. 54.
  5. Rüther, Hadler Chronik, Nr. 324.
  6. UB Neuenwalde, Nr. 141, und 143.
  7. UB Neuenwalde, Nr. 146.
  8. UB Neuenwalde, Nr. 165, 167.
  9. UB Neuenwalde, Nr. 143.
  10. Wiebalck, Kirche Wurstens, S. 113.
  11. Wiebalck, Kirche Wurstens, S. 121.
  12. LkAH, A 8/Dorum (Corpus bonorum 1793).
  13. Rotermund, Das gelehrte Hannover I, S. 220.
  14. KABl. 1969, S. 10.
  15. KABl. 1978, S. 4 f.
  16. KABl. 1990, S. 86.
  17. KABl. 1996, S. 30.
  18. KABl. 1988, S. 67.
  19. KABl. 1990, S. 86.
  20. Pratje, Geschichtsquellen Stade, S. 281.
  21. KABl. 1953, S. 43.
  22. KABl. 1940, S. 54.
  23. Sudendorf, UB VII, S. 31 f. (Anm.).
  24. Haiduck, Reepsholt, S. 50.
  25. Greife, Bildschnitzer, S. 90.
  26. Haiduck, Wursten, S. 131–133; Müller, Sakramentsnischen, E 93.
  27. LkAH, B 2 G 9 B/Dorum, Bl. 18 (Aufzeichnungen von Helmut Winter, 26.11.1962).
  28. Euent, S. 68 f.