Sprengel Hannover, KK Grafschaft Schaumburg | Patrozinium: – | KO: Schaumburger KO von 1614

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Orts- und Kirchengeschichte

Der Ort Apelern wird um 826/76 als Apuldrun in einem Güterverzeichnis des Klosters Corvey erwähnt.1 Die Kirche entstand möglicherweise schon um 800 als Tauf- und Missionskirche des Bm. Minden im Marstemgau oder Bukkigau. Urkundlich erwähnt wird sie erstmals am 12. Juni 1162 in einer Schenkungsurkunde Albrechts des Bären, der dem Kloster Lamspringe ein Viertel der Kirche zu Apelern überließ (ecclesiam, que in villa sita est, que dicitur Apeldere2) und wenige Jahre später in einer Urkunde Heinrichs des Löwen, der unter dem 20. April 1169 dem genannten Kloster den dritten Teil des Kirchenlehens zu Apelern mit allem Zubehör schenkte.3 Beide Schenkungen, die aus dem Erbe der Billunger stammten, wurden 1182 auf Bitten des Propstes Gerhard durch Bf. Anno von Minden bestätigt. Als Kirchherren in Apelern sind namentlich bekannt: Bernhard (1296); Hermann (1329 und 1339); Borchard Wigberti (1468).4

Kirche, Ansicht von Süden, Foto: H. Siebern, 1905

Kirche, Ansicht von Süden, Foto: H. Siebern, 1905

Im Mittelalter war Apelern Hauptort des gleichnamigen Archidiakonats des Bm. Minden (seit 1167 belegt), dem die Ksp. Apelern, Hülsede, Beber, Reber (unbekannt, vermutlich wüst), Idensen, Eimbeckhausen, Hohenbostel, Grove, Heuersen, Luttringhausen, Lindhorst, Nenndorf und Hohnhorst unterstellt waren.5 Der Obernkirchener Bereich wurde 1181 als eigener Bann abgetrennt. Die Archidiakone von Apelern waren zugleich Mindener Domherren und versahen die Funktion des Kantors der Diözese Minden. 1234 ist ein Archidiakon Wilhelmus nachgewiesen, 1238 bis 1255 Bruno von Spenthore. Letzter Inhaber des Archidiakonats war der in Rodenberg residierende Johann von Schaumburg (amt. 1527–1579), ein illegitimer Sohn des Gf. Anton von Holstein-Schaumburg und der Ilse von Loh aus Rodenberg.
Seit dem 14. Jh. befand sich Apelern – mit dem Amt Lauenau – im Pfandbesitz der Gf. von Schaumburg. Otto I. von Schaumburg führte ab 1559 die Reformation ein und ordnete 1563 die erste Kirchenvisitation an. Erster ev. Prediger war Johann Sprockhoff, der seit 1550 bereits als Vizepleban amt. 1577 folgte ihm Conrad Mensching (Epitaph in der Kirche). Dessen Sohn Anton Mensching, ebenfalls P. in Apelern (amt. 1603–1640), wurde von Ernst von Schaumburg als außerordentlicher Professor der Theologie im Nebenamt an das Gymnasium illustre in Stadthagen bzw. die Universität Rinteln berufen und veröffentlichte mehrere theologische Schriften.6

Kirche, Blick zum Altar, Foto: H. Siebern, 1905

Kirche, Blick zum Altar, Foto: H. Siebern, 1905

Während der größere Teil des Amts Lauenau bei der Teilung der Gft. Schaumburg (1647) als erledigtes Pfand an das Fsm. Calenberg fiel, wurde Apelern dem hessischen Teil zugeschlagen. Durch Privileg der Lgfn. Amalie Elisabeth vom 17. Juli 1649 wurde das luth. Bekenntnis dort noch einmal ausdrücklich bestätigt. 1821 bis 1866 gehörte die Gemeinde zum Kfsm. Hessen, dann zur preußischen Provinz Hessen-Nassau und unterstand damit dem Konsistorium in Kassel. 1937 wurde sie in die hannoversche Landeskirche umgegliedert, doch blieben bis nach dem Zweiten Weltkrieg die Kasseler Agende von 1896 und das Evangelische Kirchengesangbuch für den Kirchenbezirk Kassel in Gebrauch.7
P. Wilhelm Weber, war seit 1933 Mitglied der NSDAP, hielt sich aber nach eigenen Angaben ab 1934/35 zur BK. Die regelmäßig stattfindenden Volksmissionswochen der Hermannsburger Mission wurden polizeilich überwacht.
Bis zum Zweiten Weltkrieg war die Gemeinde eher landwirtschaftlich geprägt. Hinzu kamen Fabrikarbeiter (zumeist in der holzverarbeitenden Industrie), Bergleute und Handwerker. Nach 1945 setzte ein starker Zuzug von Ostflüchtlingen und Vertriebenen ein, durch den die Zahl der Gemeindeglieder von etwa 1.900 auf 2.700 erhöhte.8
Bis 1887 war das hannoversche Lauenau mit seiner von den von Münchhausen gestifteten Kapelle Filial von Apelern. Die Verbindung geht auf die frühere Belehnung der Gf. von Schaumburg mit dem braunschweigischen Amt Lauenau zurück.9 Den Dienst als Kapellen-Prediger (bis 1874 nicht ordiniert) versah neben dem P. von Apelern ein eigener Präzeptor bzw. Rektor für Lauenau. Das Konsistorium in Hannover betrieb seit 1819 die Abtrennung des Filials. Zum 1. Mai 1887 wurde die Kapellenpfarrstelle in Lauenau, umfassend den Flecken Lauenau, die Ortschaft Feggendorf mit Lübberse und den althannoverschen Teil der Ortschaft Pohle, in eine Pfarrstelle umgewandelt und von bisherigen Verbindung mit Apelern gelöst.10 1891 wurde das Rektorat an der Schule von der Pfarrstelle abgetrennt.

Umfang

Um 1600 Apelern und die Ortschaften Pohle (Amt Rodenberg), Großhegesdorf, Kleinhegesdorf, Reinsdorf, Lyhren, Soldorf und Sundern.11 1835: Apelern mit der Rießenmühle und der zum Staatsgut gehörigen Kalk- und Ziegelbrennerei; Lyhren mit der Rehbrocksmühle, Soldorf, Kleinhegesdorf, Großhegesdorf, Reinsdorf, Wiersen, Pohle mit dem Meierhof Lübbersen; 1926: Apelern, Großhegesdorf, Kleinhegesdorf, Lyhren, Reinsdorf, Soldorf, Wiersen; 1955/2013: Apelern, Großhegestorf, Kleinhegestorf, Lyhren, Reinsdorf, Soldorf und Wiersen.

Aufsichtsbezirk

Archidiakonatskirche der Diözese Minden. – Nach dem Übergang an Kurhessen 1647 zur Diözese Rinteln/KK Grafschaft Schaumburg (Klasse Obernkirchen). 1. April 1937 Umgliederung in die Ev.-luth. Landeskirche Hannovers, KK Grafschaft Schaumburg.12

Patronat

Die von Grieben, wohl ab der zweiten Hälfte des 12. Jh. die von Münchhausen. Später der Landesherr (bis 1866 die Lgf. und Kurfürsten von Hessen-Kassel, dann der Kg. von Preußen bis 1918).

Kirchenbau
Grundriss, 1905, H. Siebern

Grundriss, 1905, H. Siebern

Eine erste hölzerne Kirche wurde der Überlieferung nach durch den Mönch Amelung errichtet, der 793 durch das Bm. Minden zum Archidiakon für den Bukkigau und das Sünteltal ernannt wurde.13 Wohl unter den Billungern entstand um 1000 eine dreischiffige romanische Hallenkirche, der jetzige zweischiffige gotische Bau um 1150, der leicht eingezogene, rechteckige Chorraum zwischen 1300 und 1350. Die drei in der Raumachse stehenden romanischen Säulen wurden nachträglich eingebaut. Münchhausensche Prieche innen an der Nordwand. Von der einstigen mittelalterlichen Ausmalung wurden Reste an der Ostwand des Chorraums freigelegt: Von ursprünglich zwölf Apostelbildern sind links des Fensters Andreas und Petrus, rechts Paulus und Johannes erhalten. Sakristeianbau im Osten vom Ende des 19. Jh. (abgebrochen). Renovierungen u. a. 1962/63 und 1999.

Fenster

Buntglasfenster an der Südseite des Chorraums (Kreuzigungsgruppe, gestiftet 1889). Das 1962 freigelegte Ostfenster wurde von Kirchenmaler Helge Michael Breig (Hannover) neu gestaltet.

Glockenturm, Ansicht von Nordwesten, Postkarte, Fotograf: R. Bechauf, Bielefeld

Glockenturm, Ansicht von Nordwesten, Postkarte, Fotograf: R. Bechauf, Bielefeld

Turm

Westlich schließt sich an das Kirchenschiff ein quadratischer Turm an, der im Kern wohl aus der Mitte des 13. Jh. stammt, der obere Teil aus dem 14. Jh. (1807/13 und 1954/56 renoviert). Die Turmhalle war seit Ende des 19. Jh. in den GD-Raum einbezogen. 1958 wurde sie als Gedenkstätte für die Gefallenen der Befreiungskriege, des Deutsch-Französischen Krieges und der beiden Weltkriege ausgestaltet.

Grablege

Außen an der Kirche angebaut die Erbbegräbnisse der Familien von Münchhausen-Apelern (um 1590/1606, im Stil der Weserrenaissance) und von Hammerstein (1762). Das Münchhausensche Mausoleum wurde 1978 von der KG übernommen und 1984 restauriert; die Sarkophage wurden in das Hofgarten-Mausoleum von Münchhausen überführt. Das Hammersteinsche Erbbegräbnis erhielt einen Durchgang zum Chorraum und wird nach dem Abbruch der alten Sakristei 1958 als neue Sakristei genutzt.

Ausstattung

Blockaltar, aus alten Werksteinen neu aufgemauert. Mensa aus Obernkirchener Sandstein. Ein frühbarocker Altaraufsatz mit korinthischer Ädikula und Altarbild aus dem 19. Jh. befindet sich jetzt in der Sakristei. – Renaissance-Kanzel (1594 von Klaus von Münchhausen und seiner Frau Ursula von Quitzow für die Kreuzkirche in Hannover gestiftet, später in die Kapelle von Lauenau überführt und nach deren Verkauf 1878 zerlegt; seit 1931 in der Kirche von Apelern). – Runde Sandsteintaufe auf quadratischer Sockelplatte, auf der Kuppa Engelsreliefs und ein Schriftband mit dem Anfang des Hauptsatzes von der Taufe aus Luthers Katechismus in niederdeutscher Sprache (1579, gestiftet von der Familie von Münchhausen).14 – Wandtabernakel mit maßwerkverziertem Giebel und einem hochragenden Kreuz (Anfang 14. Jh.). Reste der Wandbemalung zu beiden Seiten.15 – Zwei Holzstandbilder aus dem 14. Jh. (Adam und Eva mit Palmwedeln), 1925 wiederentdeckt und durch Albert Leusch (Halle/Saale) restauriert.- Messingkronleuchter (1698), gestiftet durch Johan Möling, 1953 restauriert. – An der Südwand des Chorraums steinernes Epitaph für P. Conrad Mensching († 1603); an der Nordwand des Chorraums Grabplatten u. a. für Börries von Münchhausen († 1583), einen Förderer der Kirche, und seine Schwiegertochter Adelheid von Saldern († 1590). – Weitere Grabplatten an den Außenwänden der Kirche.

Orgel, nach 1990 (?)

Orgel, nach 1990 (?)

Orgel

1756 Einbau einer Orgel durch Johann Andreas Zuberbier (Clausthal). 1862/63 Neubau durch P. Furtwängler (Elze), auf einer Empore hinter dem Altar vor der Ostwand des Chorraums, 23 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen; wurde bei der Sanierung der Kirche 1958 abgebaut und in der Kirche zu Faßberg verwendet. Neubau von Schmidt & Thiemann (Hannover), 1966 begonnen, 1990 durch F. Schmidt (Langenhagen) fertiggestellt; 24 II/P (HW, BW), mechanische Traktur, Schleifladen. 2000 Instandsetzung durch Jörg Bente (Helsinghausen).

Geläut

Drei LG, I: e’ (Bronze, Gj. 1987, Gebrüder Rincker, Sinn);. II: g’ (Bronze, Gj. 1977, Gebrüder Rincker, Sinn); III: a’ (Bronze, Gj. 1977, Gebrüder Rincker, Sinn). – Eine SG in e’’’ (Stahl, Gj. um 1920). – Früherer Bestand: Drei ältere Bronzeglocken (Gj. 1813, 1887 und 1895) wurden zu Kriegszwecken abgeliefert. 1951 ließ die Gemeinde drei Eisenhartgussglocken der Firma J. F. Weule (Bockenem) in e’, g’ und a’ liefern, die 1977 (die beiden kleineren) bzw. 1987 (die größere) durch neue Bronzeglocken der Gießerei Gebrüder Rincker (Sinn) ersetzen.

Friedhof

An der Lauenauer Straße. Früher im Eigentum der KG, später in Trägerschaft der Samtgemeinde Rodenberg übernommen. FKap.

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 5 Nr. 831 (Spec. Landeskons.); A 13 (Kirchenverwaltung der Gft. Schaumburg); D 34a (EphA Rinteln); D 34b (Metropolitan der Klasse Obernkirchen).

Literatur

A: Bach, Kirchenstatistik, S. 466–470; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 135 f.; Holscher, Bisthum Minden, S. 132 f.; Husmeier, Ortsverzeichnis Schaumburg; Mooyer, Gft. Schaumburg, S. 33 f.; Paulus, Nachrichten, S. 72–84; Ritter, Kirchliches Hdb., S. 171 f.; Siebern, BKD Kr. Schaumburg, S. 25–29; Sommer, Anfänge Kirchenbau, S. 91 f.
B: Paul Brettner und Friedrich Judas: Apelern. Ein Dorf macht Geschichte, Stadthagen [1992].


Fußnoten

  1. Mönchslisten I, § 255; Mönchslisten II, S. 214. Vgl. Casemir/Ohainski, Niedersächsische Orte, S. 103.
  2. Holscher, Bisthum Minden, S. 133; Ahlhaus, Patronat, S. 22.
  3. MGH DD HL 80.
  4. Mooyer, Gft. Schaumburg, S. 34.
  5. Parisius, Amt Lauenau.
  6. Paulus, Nachrichten, S. 96 f.
  7. LkAH, L 5a. Nr. 9 (Apelern, Visitation 1955).
  8. LkAH, L 5a, Nr. 9 (Apelern, Visitation 1949, Visitationsfragen V.1).
  9. Bach, Kirchenstatistik, S. 470.
  10. KABl. 1887, S. 61–63.
  11. Husmeier, Ortsverzeichnis Schaumburg, S. 41.
  12. KABl. 1937, S. 85–88.
  13. Brettner/Judas, S. 32.
  14. Mathies, Taufbecken, S. 113.
  15. Müller, Sakramentsnischen, B 20.