Sprengel Stade, KK Wesermünde | Patrozinium: – | KO: Keine Kirchenordnung

Orts- und Kirchengeschichte

Das Haufendorf Altluneberg wird 1132 als Lunebarch erstmals genannt. Es war Stammsitz des seit 1194 belegten bremischen Ministerialengeschlechts von Luneberg, das mit dem sogenannten „Freien Damm Altluneberg“ belehnt war und dort eine eigene Herrschaft begründete.1 Eine Linie der von Luneberg nannte sich ab 1420 „Bicker“. Beide Linien bildeten eine Ganerbenschaft, die sich ab dem 16. Jh. durch Abwanderung allmählich auflöste. Um 1550 verlegten die von Luneberg ihren Sitz nach Freschluneberg (Friesischen-Luneberg). 1641 starben sie im Mannesstamm aus. Das Gut Altluneberg befand sich im 17. Jh. im gemeinschaftlichen Besitz der Familien von Oldenburg (Erben der Bicker), von Lütke und von Brobergen, doch wurde der von Brobergensche Anteil 1689 an die Lütke veräußert, die nach dem Erlöschen der von Oldenburg alleinige Besitzer der Guts waren. 1746 kam das Gut an die Familie von Scheither, 1897 durch Kauf an die Familie Schierenbeck. Landesherren waren die Ebf. von Bremen. Im Westfälischen Frieden fiel Altluneberg mit dem Hzm. Bremen-Verden unter schwedische Herrschaft, 1712 dänisch besetzt, ab 1715 an Kurhannover. Das adelige Gericht wurde 1851 aufgehoben und Altluneberg in das Amt Beverstedt (1859 Amt Lehe, 1885 Kr. Geestemünde) eingegliedert. 1967 Ortsteil von Wehdel, seit 1974 Ortsteil der Einheitsgemeinde Schiffdorf.

Kirche, Ansicht von Südosten, 1934 oder 1938

Kirche, Ansicht von Südosten, 1934 oder 1938

Die auf dem etwas erhöhten Friedhof an der östlichen Randstraße des Ortes gelegene Kirche von Altluneberg ist Filial von Beverstedt und wurde Mitte des 16. Jh. durch Klaus und Lüder Bicker gegründet. Sicher bezeugt ist sie erstmals im Visitationsprotokoll von 1581/83. Als erster luth. Geistlicher wird M. Hinrich Siedenborch (amt. 1633-1640, † 1652) als Propst in Dorum genannt. Von den späteren Pfarrern ragt Johann Philipp Bucer (amt. 1823-1863) heraus, der zwar auch von der Erweckungsbewegung beeinflusst war, doch noch tief in der Aufklärung wurzelte und als Liberaler auch mit der Revolution von 1848 sympathisierte (Grabkreuz auf dem Kirchhof). P. Gerd Koll, in dessen Amtszeit (1931-1937) der Kirchenkampf fällt, stand dem Nationalsozialismus kritisch gegenüber und war Mitglied der BK und des Isenhagener Bruderkreises.
Schon vor dem Zweiten Weltkrieg hat sich durch die Entstehung von Neusiedlungen die Struktur der Parochie verändert; ein Prozess, der durch den Zugang von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen seit den 1950er Jahren noch verstärkt wurde. So traten zur überwiegend bäuerlichen Bevölkerung in Altluneberg und Geestenseth v. a. in Wehdel zunehmend Pendler (Arbeiter), die in der Bremerhavener Industrie und im Fischereihafen tätig waren.2 Die Zahl der Gemeindeglieder belief sich 1959 auf rund 2.600 (davon 1.400 in Wehdel, 900 in Geestenseth und 300 in Altluneberg).

Umfang

Die Dörfer Altluneberg, Habichthorst und Frelsdorfermühlen. Mit dem 1. Oktober 1886 wurden die Ortschaften Wehdel und Geestenseth von Beverstedt nach Altluneberg.3, mit dem 1. Juni 1961 die luth. Bewohner der politischen Gemeinde Frelsdorf und des Wohnplatzes Malse aus Altluneberg in die KG Hipstedt umgepfarrt.4

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat des Bremer Dompropsts. – Kam unter schwedische Herrschaft 1651 zur Präpositur Bremervörde-Beverstedt und mit der Neuordnung der Aufsichtsbezirke in den Hzm. Bremen und Verden am 1. Januar 1827 zur Insp. Beverstedt. Nach deren Aufhebung kam Altluneberg 1853 zur Insp. Hagen (mit Sitz in Sandstedt), am 1. Mai 1867 zur neu errichteten Insp. Geestendorf.5 1874 wurde die Suptur. nach Wulsdorf verlegt und damit in Insp. (1924: KK) Wulsdorf umbenannt.6 Mit Aufhebung des KK Wulsdorf am 1. April 1940 zum KK Wesermünde-Süd7; seit 1. Januar 2013 KK Wesermünde.

Patronat

Die von Luneberg als Gründer der Kirche. Später bestand ein Gemeinschaftspatronat der Besitzer des Gutes Altluneberg. Aufgrund der Aussiedelung der Ganerben wurde das Patronat schließlich auf die Gutsbesitzer von Altluneberg, Freschluneberg und Frelsdorfermühlen aufgeteilt8 (um 1850/70: die von Scheither, von Schwanewede und von Rettberg). Das Patronat ist abgelöst (für Freschluneberg 1897; für Frelsdorfermühlen 1911/20).9

Kirchenbau
Kirche, Grundriss, 1939

Kirche, Grundriss, 1939

Rechteckiger, nord-süd-gerichteter Fachwerksaalbau in Ziegelmauerwerk auf einem Feldsteinfundament, mit dreiseitigem Chorschluss im Süden. Bemalte Flachdecke. Nordwand und Dachreiter wurden 1632 oder 1637 erneuert. 1751 wurde die Kirche umfassend renoviert. In den 1880er Jahren erhielt sie im Osten einen Anbau zur Aufnahme einer Prieche. Da infolge der Einpfarrung von Geestenseth und Wehdel (1886), dem Bau der Eisenbahn von Bremerhaven nach Stade und der Inkulturnahme der Heidelandschaft die Zahl der Gemeindeglieder stark anstieg, wurde der Kirchenraum 1923 unter Einbeziehung eines älteren Anbaus an der Südwestecke noch einmal vergrößert (Architekt: A. Sasse, Hannover). Renovierungen 1964/65 und 1993/94.

Fenster

Fenster mit Wappenmedaillons.

Turm

Auf dem Nordgiebel ein dachreiterartiger Turm mit ins Achteck überführter Spitze (1751).

Grablege

Unter der Kirche befand sich früher das Erbbegräbnis der Burgmannenfamilien.

Kirche, Blick zum Altar, Foto: Ernst Witt, Hannover, März 1966

Kirche, Blick zum Altar, Foto: Ernst Witt, Hannover, März 1966

Ausstattung

Barockes Altarretabel auf gemauertem Unterbau, Altarbild mit Abendmahlsdarstellung (Alter unbekannt, Stiftung des Burgverwalters Bartoldt Garmers); Predella datiert 1635.10 – Achteckiger hölzerner Taufständer mit Deckel/Aufsatz. Farbfassung mit Wappen der Burgmannengeschlechter (1640).11 Taufschale aus Messing. – Kanzel mit dem geschnitzten Wappen des Adam Barner an der Brüstung (Mitte 17. Jh.). – Totenschild für Anna Sophia von Oldenburg († 1652). – Kirchenstühle mit den Wappen der Burgmannsfamilien (17. Jh.).

Orgel

Erste Orgel 1923 von P. Furtwängler & Hammer (Hannover), 5½ I/P, pneumatische Traktur. 1969 Neubau des Werks hinter dem historischem Prospekt durch Firma Emil Hammer (Arnum), 7 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen. Einweihung am 31. August 1969. Die Pfeifenorgel wurde 2008 stillgelegt und verkauft. An ihrer Stelle beschaffte die KG eine zweimanualige Digitalorgel.

Geläut

Drei LG, I: d’’ (Bronze, Gj. 1954, Gebrüder Rincker, Sinn); II: e’’ (Bronze, Gj. 1954, Gebrüder Rincker, Sinn); III: fis’’/g’’ (Bronze, Gj. 192312, Franz Schilling, Apolda). – Früherer Bestand: Der CB von 1793 nennt zwei Glocken (eine von mittlerer Größe und eine sehr kleine).13 Eine weitere Glocke von Schilling, Apolda (1913). Eine Glocke von J. A. Bieber & Sohn (Hamburg), Gj. 1752, stand bis zum Ersten Weltkrieg ungenutzt auf dem Dachboden; beide wurden wohl im Ersten Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgeliefert.

Weitere kirchliche Gebäude

Gemeindehaus in Wehdel (Bj. 1988).

Friedhof

Ursprünglich bei der Kirche. 1848 an den nördlichen Dorfrand verlegt. Weitere Friedhöfe in Geestenseth und Wehdel (alle im Eigentum der Gemeinde Schiffdorf).

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 2 Nr. 33-37 (Kons. Stade, Pfarroffizialsachen); A 5 Nr. 944 (Spec. Landeskons.); A 6 Nr. 222-225 (Pfarrbestallungsakten); A 8 (CB); A 9 Nr. 2587 (Visitationen); D 85 (EphA Wesermünde-Süd).

Literatur

A: 50 Jahre KK Wesermünde-Süd, S. 57-61; Kiecker/Capelle, KD Kr. Geestemünde, S. 25-29; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 130; Böker, Denkmaltopographie Lkr. Cuxhaven, S. 310-312.
B: Lina Delfs, Hermann Claussen, Wolfgang Lehmann und Udo Bernshausen: Das Oldenburger Haus. Adliger Wohnhof der von Oldenburg in Altluneberg, [Schiffdorf-Wehdel 1988].


Fußnoten

  1. Düring, Adelssitze Kr. Wesermünde, S. 187-190.
  2. LkAH, L 5g, Nr. 105 (Visitationen 1959 und 1966).
  3. KABl. 1886, S. 86; LkAH, A 5, Nr. 944.
  4. KABl. 1961, S. 111.
  5. LkAH, D 63, Gen. Lehe Rep. A 140.
  6. NLA HA, Hann 122 a, Nr. 3733.
  7. KABl. 1940, S. 54.
  8. LkAH, A 8 Nr. 14, S. 52 (Corpus bonorum 1793).
  9. LkAH, D 85, Spec. Altluneberg 101.
  10. LkAH, L 5g, Nr. 105 (Visitation 1971, Inventarverzeichnis).
  11. Mathies, Taufbecken, S. 112.
  12. Teilweise abweichende Angabe: 1928.
  13. LkAH, A 8 Nr. 14, S. 11 (Corpus bonorum 1793).