Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Harzer Land | Patrozinium: Nikolaus1 | KO: Lüneburger KO von 1643

Orts- und Kirchengeschichte

Altenau, die jüngste der Oberharzer Bergstädte, wird 1298 als casa, que altena dicitur erstmals genannt, war zu dieser Zeit aber nur eine Verhüttungsstätte ohne ständige Niederlassung. Nach einer Unterbrechung ab Mitte des 14. Jh. erfolgte die Wiederaufnahme der wirtschaftlichen Erschließung des Oberharzes erst im 16. Jh. Ab etwa 1570 bestand eine dauerhafte Siedlung in Altenau. Um 1580 wird es als Bergflecken mit 20 Häusern und Eisenhüttenwerk erwähnt, 1610 entstand eine Silberhütte. Der Ort war anfangs der Gerichtsbarkeit der herzoglichen Oberförsterei in Osterode unterstellt. Nach dem Übergang der Landesherrschaft vom Fsm. Grubenhagen an Braunschweig-Lüneburg 1617 verlieh ihm Hzg. Christian von Braunschweig-Lüneburg das Stadtrecht, im Mai 1636 erhielt es durch Hzg. August I. die Bergfreiheit. Seit Mitte des 18. Jh. war der Bergbau im Abnehmen begriffen. Zuletzt wurde 1911 die Silberhütte geschlossen. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich Altenau zum heilklimatischen Kurort. Seit 1972 ist es Teil der Samtgemeinde Oberharz.

Kapelle, Ansicht von Süden

Kapelle, Ansicht von Süden

Vermutlich brachten die aus dem westlichen Erzgebirge zugewanderten Bergleute ihren luth. Glauben in die neue Heimat mit. Die kirchliche Versorgung erfolgte anfangs von Clausthal und St. Andreasberg aus. Erste GD fanden zunächst in einem zum Schulgebäude umgenutzten alten Zechenhaus statt.2 1579 erscheint der Pastor uff der Altenaw im Bericht über die Kirchenvisitation des Herzberger Schlosspredigers und Sup. Johannes Schellhammer im Fsm. Grubenhagen. Er habe „nicht viel uber 50 leichte gülden“ und bitte „das ihm daselbst ein platz zur wiesen und kolgarten möge außgewiesen werden, so verhoffet er sich der vihezucht desto besser zuernehren“.3 Die Kirche dürfte bald nach 1580 erbaut worden sein. 1588 war die KG der Clausthaler Knappschaft ein Darlehn von 20 Gulden schuldig.4 Nach der ältesten erhaltenen Kirchenrechnung (1603) umfasste die Gemeinde damals 50 kirchgeldpflichtige Hausbesitzer sowie elf Hausgenossen.
Philipp I. erließ 1538 eine KO für das Fsm. Grubenhagen und führte damit die Reformation in seinem Land ein. Erster namentlich bekannter Geistlicher in Altenau war P. Hermann Brenneccius/Brennecke (amt. etwa 1583 bis 1597, später Hofprediger der Hzgn. Christine in Kiel), der 1592 zwei in Altenau gehaltene Predigten in Druck gab. 1594 war er Teilnehmer an einer durch den GSup. Andreas Leopold einberufenen Synode in Harzburg. Weitere Inhaber der Pfarrstelle waren u. a.: P. Hermann Bernhard Bertram (amt. 1664-1695), aus einer angesehenen Beamtenfamilie des Herzogtums Jülich, ursprünglich Franziskanermönch. Er erhielt 1649 die Priesterweihe und war bis 1660 Bibliothekar, Prediger und Konfessionarius des Ordens. Nach Übertritt zur luth. Kirche (1660) und Studium in Helmstedt wurde er 1664 ordiniert und zunächst als P. adj. in Altenau eingeführt. Bertram vermachte der KG das Pfarrwitwenhaus (1831 verkauft) und die heute noch vorhandene wertvolle Bibliothek. P. Henning Calvör (amt. 1729-1766) machte sich neben seiner pfarramtlichen Tätigkeit einen Namen als Gelehrter im Bereich Bergbau und Bergbautechnik. Der als „Fritz Reuter des Harzes“ bezeichnete P. Georg Schulze (amt. 1842-1863) wurde auch als Germanist bekannt (Mitarbeiter am Grimmschen Wörterbuch, Sammler und Herausgeber von älteren Gedichten in Oberharzer Mundart, Verfasser der ersten Grammatik für die Oberharzer Mundart, Mitwirkung an den Sagensammlungen von Georg Harrys und Heinrich Pröhl).5
1603 erhielt die KG durch Schenkung ihr erstes Schulhaus (ehemaliges Zechenhaus). Neubau 1637. 1644 Wiederaufbau nach einem Brandschaden. Die ev. Volksschule wurde 1936 in eine Gemeinschaftsschule umgewandelt.
Seit 1934 kam es zunehmend zu Auseinandersetzungen mit dem NS-Regime und antikirchlicher Propaganda durch den aus der Kirche ausgetretenen nationalsozialistischen Hauptlehrer in Altenau, der zugleich Kreispropagandaleiter der NSDAP war. P. Wilhelm Wenzel (amt. 1932-1937) war Mitglied der BK, die in der Gemeinde allerdings keine größere Rolle spielte. Sein Nachfolger Herbert Wöldecke (ab 1938) war Mitglied der NSDAP, trat aber 1937 ebenfalls der BK bei.
Nach dem Krieg wurde die Kirche in Altenau umfassend renoviert und am 15. Dezember 1957 von Lbf. Lilje wieder eingeweiht. Pläne zum Bau einer Kapelle in Torfhaus (1966/71) wurden letztlich nicht umgesetzt. In Altenau selbst entstand stattdessen 1977/78 an der Stelle des alten Gemeindehauses ein „Haus der Kirche“ (Begegnungszentrum für KG und Kurseelsorge). Die Kurgäste wurden infolge der touristischen Erschließung zunehmend in die Gemeindearbeit einbezogen. 1980 wurde erstmals ein gemeinsames Saisonprogramm mit der kath. Kursgastseelsorgestelle erarbeitet. Zeitweilig fanden zweisprachige deutsch-niederländische GD statt.
Seit 1. Januar 2009 sind die KG Altenau und St. Andreasberg pfarramtlich verbunden.6

Umfang

Die Stadt Altenau mit der Eisenhütte und Silberhütte, die Forsthäuser vor dem Schwarzenberge und auf dem Torfhaus, die Sägemühle und das Zechenhaus im Gemkenthal sowie die einzelnen Häuser am Schwarzenberg. Zum 1. Mai 1996 wurde die KapG Schulenberg von Zellerfeld in die KG Altenau umgegliedert7 und mit dem 1. Januar 2009 aufgehoben.8

Aufsichtsbezirk

Unterstand seit Errichtung der Gemeinde der Insp. des Fsm. Grubenhagen (mit wechselndem Sitz in Herzberg und Osterode, ab 1642 dauerhaft an der St.-Jacobi-Kirche in Osterode). 1680 wurde Altenau der Aufsicht des Pastor primus Jordan in Clausthal unterstellt. Bei der Neueinteilung der grubenhagenschen Aufsichtsbezirke kam es 1708 endgültig zur Insp. (1924: KK.) Clausthal (1. Januar 2013 im KK Harzer Land aufgegangen).

Patronat

Der Landesherr (bis 1871).

Kirchenbau

Die St.-Nikolai-Kirche liegt auf einer schmalen Terrasse am Hang des Glockenbergs über der Oker. Sie wurde mehrfach erneuert und verändert. 1603-05 wurde sie durch den Maler Hermann Schwieger aus Zellerfeld mit Bildnissen von biblischen und kirchengeschichtlichen Persönlichkeiten ausgemalt, 1641/42 um einen Turm mit welscher Haube ergänzt. Wegen Baufälligkeit wurde das Gebäude 1669/70 vollständig abgetragen und durch einen Neubau ersetzt. Das jetzige KapGb ist ein verschalter Holzfachwerkbau mit Sprossenfenstern und dreiseitigem Chor (1669/70). Im Westen ein verschieferter Giebelreiter mit achteckiger barocker Haube und offener Laterne (1735 erneuert). Innen durch eine u-förmige Emporenanlage in drei Schiffe gegliedert und durch eine Holztonne überwölbt. Sanierung der Kirche 1953-57 und 2006.

Turm

Freistehender, verbretterter Fachwerkglockenturm (Glockenhaus) oberhalb des Pfarrhauses, zuerst errichtet 1684/85. Neu aufgeführt 1806 und 1999.

Ausstattung

Holzgeschnitzter barocker Altaraufsatz im Knorpelstil, gestiftet 1674 von P. Bernhard Bertram und seiner Frau Katharina Schultze, mit Darstellung der Abendmahls nach Leonardo da Vinci in der Predella, der Auferstehung Christi als Bekrönung. Seitlich die Apostel Petrus und Paulus, zwischen denen 1730 bei der Umgestaltung zum Kanzelaltar eine neue Kanzel mir Figuren der vier Evangelisten und Christus als Weltenherrscher eingebaut wurde. – Sechseckiger, farbig gefasster hölzerner Taufständer in Kelchform (vermutlich 1674/vor 1730, aber: Lücke: nach 1730 oder 19. Jh.9), jetzt wieder in Gebrauch. – Barocker Taufengel aus Buchenholz im Altarraum (laut Dehio und Pflaumann Stiftung von 1730). – Vortragekreuze und Fahnen zum Bergdankfest.10 – Am südlichen Vorbau gusseiserne Grabplatte für den Ratsverwandten und Kirchenvorsteher Hans Martin Hillen († 1706).

Orgel

Orgel

Orgel

1648 beschaffte die Gemeinde ein gebrauchtes Orgelpositiv mit fünf klingenden Stimmen, das 1660 durch den Orgelbauer Holst renoviert wurde. 1670 wurde es in die neue Kirche übernommen und 1690 an die Hüttenherren an der Sieber für die dortige Kirche verkauft. Bereits 1687 hatte Johann Andreas Vetter (Nordhausen) eine neue Orgel gebaut; 12 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen.11 1728 wurde sie um ein Reg. ergänzt. 1855 Neubau durch Firma Carl Giesecke (Göttingen), 15 II/P (HW, OW), mechanische Traktur, Kegellade. 1933 Instandsetzung und Veränderung der Disposition durch Firma Furtwängler & Hammer (Hannover).12 1966-70 und 1973-75 in zwei Bauabschnitten Neubau hinter dem historischen Prospekt von 1860 durch die Firma Schmidt & Thiemann (Hannover), 17 II/P (HW, RP), mechanische Traktur, Schleifladen. Einweihung am 8. Mai 1975.

Geläut

Drei LG (im Glockenaus), I: h’ (Bronze, Gj. 1962, Friedrich Wilhelm Schilling, Heidelberg), II: cis’’ (Bronze, Gj. 1961, Friedrich Wilhelm Schilling, Heidelberg), III: e’’ (Bronze, Gj. 1982, Glockengießerei Heidelberg). – Zwei SG (im Uhrturm der Kirche), I: f’’ (Bronze, Gj. 1950); II: b’’ (Bronze, Gj. 1735, Johann Peter Grete, Braunschweig). – Früherer Bestand: Eine 1603 erwähnte Glocke wurde 1609 verkauft. 1644 Neuguss in Braunschweig, 1806, 1849 und 1873 umgegossen und 1917 zu Rüstungszwecken abgeliefert. Eine zweite Glocke (Gj. 1693, Nikolaus Greve, Hannover) ist nach dem Ersten Weltkrieg gesprungen (1950 eingeschmolzen) und wurde 1921 durch zwei Klanggussglocken der Firma Lattermann & Schilling (Apolda) in a’ und cis’’ ersetzt. Eine zweite SG von 1735 wurde 1942 zu Rüstungszwecken abgegeben. Eine ehemalige LG aus der Kirche (Schlagton e’’, Eisen, Gj. 1950, J. F. Weule, Bockenem) wurde 1983 in den neuen Glockenträger auf dem Friedhof überführt.

Weitere kirchliche Gebäude

Das 1604/05 errichtete Pfarrhaus13 wurde im Januar 2014 zum Verkauf ausgeschrieben.

Friedhof

Ein Friedhof war 1603 schon vorhanden und wurde in diesem Jahr vergrößert. Heutiger Standort an der Straße Auf der Rose am südlichen Stadtrand. 1851 erneut erweitert.14 FKap (Bj. um 1900). Glockenträger (Bj. 1982/83). In Trägerschaft der KG.

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 1 Nr. 177-200 (Pfarroffizialsachen); A 4 Nr. 1-26 (Berghauptmannschaft Clausthal); A 5 Nr. 171 (Spec. Landeskons.); A 6 Nr. 154-166 (Pfarrbestallungsakten); A 9 Nr. 37-41 (Visitationen); B 18 Nr. 293 (Orgelsachverständiger); S 1 H III, Nr. 313 (Kirchenkampfdokumentation).

Literatur

A: Kirchenlandschaft Harz I, S. 12; Aye/Kronenberg, Taufbecken, S. 57, Nr. 8 und 235, Nr. 3; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 124; Pflaumann, Taufengel, S. 66 f.; Schreiber, Inspektion Clausthal, S. 24-31.
B: Friedrich Günther: Zur Kirchengeschichte der Bergstadt Altenau, in: ZGNK 22 (1917), S. 166-219; Hans Hanemann: Pastor Georg Schulze. Eine Erinnerung zu seinem 175. Geburtstag, in: Allgemeiner Harz-Berg-Kalender 1982; Manfred Klaube: Altenau und Torfhaus im Oberharz, [Bockenem 2011]; Heinrich Lücke: Die Kirche der Bergstadt Altenau, in: Allgemeiner Harz-Berg-Kalender 1953, S. 33-37; Lothar Meyer: Die St.-Nikolai-Kirche in Altenau, o. O. o. J.; Johannes Schäfer: Klingt wohl, ihr Pfeifen all! Aus der Geschichte der Orgel in Altenau, in: Allgemeiner Harz-Berg-Kalender 1976, S. 34-35; Axel Wellner: Hermann Brennecke, der erste namentlich bekannte Pastor der Bergstadt Altenau, in: Unser Harz 51 (2003), S. 63-67.


Fußnoten

  1. Patrozinium für die ältere Kirche war St. Nikolaus; nach deren Abriss 1668/69 Trinitatis für die neue Kirche. Heute wieder St. Nikolaus.
  2. Wellner, S. 64.
  3. Spanuth, Grubenhagensche Kirchenvisitation, S. 126.
  4. Max, Grubenhagen II, S. 234 f.
  5. Hanemann, S. 68.
  6. KABl. 2009, S. 11 f.
  7. KABl. 1996, S. 123.
  8. KABl. 2008, S. 249.
  9. Lücke, S. 35.
  10. Kirchenlandschaft Harz I, S. 12.
  11. LkAH, A 4, Nr. 20.
  12. LKA, G 9 B/Altenau, Bl. 25b (Bericht über die Orgelrevision in Altenau, 12.07.1965).
  13. Schreiber, Inspektion Clausthal, S. 25; Klaube, S. 19.
  14. LkAH, A 4, Nr. 25.