Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Hildesheim-Sarstedt | Patrozinium: Paulus | KO: Calenberger KO von 1569

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Orts- und Kirchengeschichte

Die Anfänge des heutigen Sarstedter Stadtteils Giebelstieg liegen am Ende des 19. Jh., als hier Wohnungen für Arbeiter der Vosswerke und ihre Familien entstanden (‚Vossdorf‘).1 Zur Zeit der Gemeindegründung 1960 lag die Bevölkerungszahl bei etwa 2.000 und der größte Teil der Werktätigen war noch immer bei den Vosswerken angestellt.2 Giebelstieg hat Vorstadtcharakter und lässt sich als Schlafstadt beschreiben; die Bevölkerungsfluktuation ist hoch.3

Kirche, Blick zum Altar, vor 1970

Kirche, Blick zum Altar, vor 1970

In den 1950er Jahren begann die KG Sarstedt mit den Planungen für eine Kirche und ein Gemeindezentrum in Sarstedt-Giebelstieg. Da die finanziellen Mittel fehlten, stellte das Landeskirchenamt das Projekt jedoch mehrfach zurück.4 Sup. Kurt Degener (amt. 1949-1956) betonte 1956 eindringlich die Notwendigkeit des Bauvorhabens: der Weg zur Nicolaikirche sei zu weit, „auf jeden Fall für entkirchlichte Arbeiter zu weit“. Er folgerte: „In diese große Arbeitersiedlung gehört unbedingt eine gottesdienstliche Stätte, wenn wir nicht alle diese Seelen abschreiben wollen.“5 1957 fasste das Amt für kirchliche Baupflege den aktuellen Planungsstand zusammen: Beabsichtigt sei der „Neubau eines Kindergartens, Gemeindesaal, Jugendräumen und Schwesternstation“.6 Die Kirche war für einen späteren Bauabschnitt vorgesehen. Nach der Grundsteinlegung 1959 konnte die zum 1. April 1960 gegründete St.-Paulus-Gemeinde im Juli desselben Jahres ihr Gemeindehaus und den Kindergarten (heute Ev. Kindertagesstätte Sarstedt-Giebelstieg) einweihen.7 Auch die Wohnung für die Gemeindeschwester war fertig, kurze Zeit später folgten Pfarr- und Küsterhaus. Am 1. Advent 1960 feierte die Paulusgemeinde den ersten Gottesdienst im Gemeindesaal. Drei Jahre später begann der Bau der Kirche auf dem Gelände zwischen Pfarr- und Gemeindehaus. Die Entwürfe hatte, wie auch bei den übrigen Gebäuden der Gemeinde, der Hildesheimer Architekt August Steinborn entworfen. Am 15. August 1965 weihte die Gemeinde ihre neue Kirche ein. In relativ kurzer Zeit war in der Mitte des wachsenden Stadtteils ein großzügiges Gemeindezentrum entstanden. Das Fazit des Visitators fünf Jahre später fiel jedoch durchaus kritisch aus: „Die Mehrzahl der Bewohner steht der Kirche gleichgültig bis ablehnend, oft auch feindlich gegenüber.“8 Der Anstieg der Einwohnerzahl sei überschätzt worden und der Bevölkerung fehle daher das Verständnis für Größe und Ausstattung von Gemeindezentrum und Kirche. Auch sei vielen negativ aufgefallen, dass das Küsterhaus „wie eine ‚Armeleutekate‘ hinter die ‚pfarrherrliche‘ Wohnung geduckt“ worden sei.9 Bei der folgenden Visitation 1976 schätzte der Superintendent die kirchliche Arbeit in der Paulusgemeinde noch immer als mühsam ein.
Anfang der 1980er Jahre belastete ein ernstes Zerwürfnis zwischen Ortspfarrer einerseits sowie Kirchenvorstand und kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern andererseits die Kirchengemeinde10; das Landeskirchenamt versetzte den Pfarrer schließlich. Die Jugendarbeit liegt seit der Gemeindegründung in der Hand des CVJM Sarstedt. Seit Mitte der 1990er Jahre ist die Paulusgemeinde maßgeblich an Auf- und Ausbau des ökumenischen Hospizdienstes in Sarstedt beteiligt.11 Mit der Eingliederung der KapG Giften vergrößerten sich 1999 Gebiet und Mitgliederzahl der Kirchengemeinde.12

Umfang

Teile der Stadt Sarstedt (südlicher Teil, Sarstedt-Giebelstieg). KapG Giften (seit 1999).

Aufsichtsbezirk

Mit der Gründung der Gemeinde zum KK Sarstedt, seit 1. Januar 1999 KK Hildesheim-Sarstedt.

Kirchenbau

Langgestreckter Rechteckbau mit niedrigem Seitenschiff im Süden und hohem Anbau im Norden, erbaut 1964/65, Architekt August Steinborn (Hildesheim). Stahlskelettbau, helle Verblenderausmauerung, Satteldach, südliches Seitenschiff mit Flachdach, nördlicher Anbau mit Schleppdach; horizontale Fensterbänder unterhalb der Traufe, bodentiefe Glaswand im Südosten, bodentiefe Glasflächen an Seitenschiff, kleine Rechteckfenster an nördlichem Anbau, Haupteingang im Westen, darüber großes Rundfenster. Im Innern holzverkleidete Decke aus zwei stumpfwinklig aufeinanderstoßenden Flächen, Westempore, hohes Mittelschiff, niedriges Seitenschiff ehemals mit Taufkapelle rechts vor Altarraum, vor östlicher Stirnwand des hohen nördlichen Anbaus Orgel, zwölf Amethyste, kreisförmig an Ostwand angeordnet; Kapellenraum nördlich der Empore.

Turm

Freistehend vor Südwestecke, erbaut 1964. Stahlskelettbau, hell verblendet, Glockenstube mit Kupferblech verkleidet, verkupfertes Faltdach, bekrönender Posaunenengel (Entwurf: Conrad von Witzleben), Bläserstube unterhalb der Glockenstube. Uhrziffernblätter. 2000 saniert (zunächst Abriss erwogen, neue Verblendung, Glockenstube mit Kupferblech verkleidet, zuvor Sichtbeton).

Ausstattung

Freistehender Altar, Sandsteinsockel und Sandsteinplatte. – Triumphkreuz, hängend über Altar, Kreuz vergoldet (Kurt Lettow, Bremen). – Altarkreuz mit Lebensbaum (Schomerus/Kerstan, 1967). – Sandsteintaufe. – Ebenerdige Kanzel. – Altarfenster und Fenster ehemaliger Taufkapellen teilweise farbig; vier farbige Fenster in Petrus-Kapelle (neben Empore); rundes Fenster über der Westempore mit Darstellung der fünf törichten und der fünf klugen Jungfrauen (Hans Matschinski, Braunschweig). – Zweiflügelige Bronzetür, Reliefs mit Szenen des Alten und Neuen Testaments, im linken Flügel Lutherrose als Mosaik eingelassen.

Orgel

Kleinorgel für Gemeindesaal, 1965-1970 in Kirche13, Neubau 1960, Emil Hammer (Hannover) 4 I, mechanische Traktur, Schleifladen (Opus 1482), bei Orgelneubau in Zahlung genommen. Neubau in zwei Bauabschnitten 1971-75, Hermann Hillebrand (Altwarmbüchen), 1971 zunächst 9 II (und leihweise ein Pedalreg.)14, 1975 erweitert auf 17 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen. Vier Reg. vakant. Orgel links vor Altarraum aufgestellt.

Geläut

Vier LG mit Versen aus dem Römerbrief, I: g’, Sonntagsglocke, Inschrift: „Nun wir denn sind gerecht geworden durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus“, Bild: Christusmonogramm; II: b’, Sterbeglocke, Inschrift: „Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn“, Bild: flammendes Kreuz; III: c’’, Trauglocke, Inschrift: „Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, haltet an am Gebet“; IV: d’’, Taufglocke, Inschrift: „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder“, Bild: Kreuz mit Rose (alle Bronze, Gj. 1965, Friedrich Wilhelm Schilling, Heidelberg). Eine LG im Dachreiter des Gemeindehauses, a’’ (Bronze), soll aus Groß Lobke stammen.15

Weitere kirchliche Gebäude

Pfarrhaus (Bj. 1959/60). – Küsterhaus (Bj. 1959/60, 1988/89 Abbruch geplant). Gemeindehaus (Bj. 1959/60, langrechteckiger, zweigeschossiger Bau mit Satteldach und kleinem Dachreiter).

Literatur

B: Peter Borcholt: 40 Jahre Kirchweihe St. Paulus Kirche zu Sarstedt. 10 Jahre HOSPIZ. 1965-2005, Sarstedt [2005]; Ingrid Klipp: Festschrift zum 50-jährigen Jubiläum. St. Paulus Ev. Kindertagesstätte Sarstedt-Giebelstieg, Sarstedt 2010.

GND

2110312-4, Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Sankt Paulus (Sarstedt).


Fußnoten

  1. 40 Jahre Kirchweihe, [S. 6].
  2. LkAH, B 2 G 9/Sarstedt-St Nicolai Bd. I, Bl. 210.
  3. LkAH, L 5h, unverz., Sarstedt St. Paulus, Visitation 1994.
  4. LkAH, B 2 G 9/Sarstedt-St Nicolai Bd. I, Bl. 242.
  5. Beide Zitate: LkAH, B 2 G 9/Sarstedt-St Nicolai Bd. I, Bl. 210.
  6. LkAH, B 2 G 9/Sarstedt-St Nicolai Bd. I, vor Bl. 1.
  7. KABl. 1960, S. 64.
  8. LkAH, L 5h, unverz., Sarstedt, St. Paulus, Visitation 1970.
  9. LkAH, L 5h, unverz., Sarstedt, St. Paulus, Visitation 1970.
  10. LkAH, L 5h, unverz., Sarstedt, St. Paulus, Visitation 1982.
  11. 40 Jahre Kirchweihe, [S. 21 f.].
  12. KABl. 1999, S. 202 f.
  13. LkAH, B 2 G 9 B/Sarstedt St. Paulus Bd. I, Bl. 50.
  14. LkAH, B 2 G 9 B/Sarstedt St. Paulus Bd. I, Bl. 102.
  15. LkAH, B 2 G 9 B/Sarstedt St. Paulus Bd. I, Bl. 23b.