KapG der KG St. Paulus Sarstedt | Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Hildesheim-Sarstedt | Patrozinium: Martin Luther (seit 2003)1 | KO: Calenberger KO von 1569

Orts- und Kirchengeschichte

Der kleine Ort südlich von Sarstedt ist urkundlich erstmals 1203 fassbar: In der Zeugenliste einer Urkunde des Hildesheimer Bf. Hartbert sind Ludegerus et Heinricus de Gifthenem angeführt.2 Aus dem Jahr 1223 sind Urkunden über den Zehnten aus Giftene überliefert.3 Zu den örtlichen Grundbesitzern zählten neben den Herren von Giften u. a. die Herren von Oberg, die nachweislich seit der zweiten Hälfte des 14. Jh. Land und auch den Zehnten als Hildesheimer Lehen besaßen.4 Giften gehörte zum Amt Steuerwald des Hochstifts Hildesheim (1523 Kleines Stift) und fiel aufgrund der Bestimmungen des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803 mit dem gesamten Stiftsgebiet an Preußen. Von 1807 bis 1813 gehörte der Ort zum Kanton Moritzberg im Distrikt Hildesheim des Departements Oker im Kgr. Westphalen. Danach war Giften wieder Teil des Amtes Steuerwald, nun im Kgr. Hannover. Das Amt, 1823 mit dem Amt Marienburg vereinigt, ging 1844 im Amt Hildesheim auf. Nach der Annexion von 1866 wurde Giften wieder preußisch und kam 1885 zum neuen Lkr. Hildesheim. Bei der Gebietsreform 1974 wurde Giften nach Sarstedt eingemeindet. Um 1800 hatte das Dorf gut 200 Einwohner, um 1935 gut 430. Die bäuerliche Haufensiedlung blieb lange Zeit landwirtschaftlich geprägt, 1955 heißt es, Giften sei „noch ein ausgesprochenes Dorf“.5 Später kamen als Erwerbsmöglichkeiten die Kiesgewinnung hinzu (westlich des Ortes enstanden mehrere Seen) sowie der Kalibergbau im benachbarten Giesen. Giften ist mittlerweile eher ein Pendlerort, Neubaugebiete ließen das Dorf wachsen, 2016 lebten hier gut 730 Menschen.

Kirche von Süden, ohne Datum

Kirche von Süden, ohne Datum

Die Bewohner Giftens waren nach Sarstedt eingepfarrt (Sarstedt, St. Nicolai). Es ist nicht bekannt, seit wann der Ort eine Kapelle besaß und innerhalb des Ksp. Sarstedt eine KapG bildete. Die ältesten überlieferten Kapellenrechnungen stammen aus dem Jahr 1619. Seit 1556 war das Amt Steuerwald an den prot. Hzg. Adolf von Schleswig-Holstein verpfändet, der hier die Reformation einführte und 1561 eine Kirchenordnunge in baiden gerichten, Steurwoldt und Peine erließ.6 Nachdem der Hildesheimer Bf. Burchard von Oberg das Amt 1564 wieder eingelöst hatte, konnte er das Gebiet größtenteils erfolgreich rekatholisieren, Giften und das benachbarte Barnten blieben jedoch luth. Sie werden in den Protokollen der Generalkirchenvisitation von 1588 als Filialgemeinden Sarstedts aufgeführt.7 Anhand der überlieferten Kapellenrechnungen lassen sich im 17. Jh. Bauarbeiten an der Kapelle nachweisen, beispielsweise 1664 die Reparatur des Wetterhahns und 1687 Reparaturen am Gebäude. Den kleinen Fachwerkbau krönte im Westen ein Dachreiter, der Eingang befand sich ebenfalls im Westen und an den Langseiten befanden sich jeweils zwei kleine Fenster.8 Eine grundlegende Erneuerung erfuhr die Kapelle etwa 1791. Ende des 19. Jh. erhielt sie den prägenden Kirchturm, den baufälligen Dachreiter hatte die Gemeinde abbrechen lassen. Die Kanzelaltarwand des späten 18. Jh. fiel der Innenrenovierung 1965/66 zum Opfer.

Kirche, Blick zum Altar, vor 1965

Kirche, Blick zum Altar, vor 1965

Im Jahre 1953 lösten sich die beiden KapG Barnten und Giften aus der KG Sarstedt und schlossen sich zur eigenständigen KG Barnten-Giften zusammen. Sitz des gemeinsamen Pfarramts war Barnten.9 Die beiden Dörfer – getrennt von einer Bahnlinie und zu unterschiedlichen Kommunen gehörend – näherten sich wenig an. „Ein Miteinander gibt es nur selten – auch in der Kirchengemeinde“10, konstatierte 1987 der Visitator der Kirchengemeinde. Seit dem 1. September 1999 bildet die ev. Bevölkerung Giftens wieder eine KapG. Diese wurde in die St.-Paulus-Kirchengemeinde in Sarstedt eingegliedert.11 Im gleichen Jahr feierte die KapG die Einweihung ihres Gemeindehauses. Seit 2003 trägt die Kirche den Namen Martin-Luther-Kirche Giften.

Kirchenbau
Kirche, Grundriss, 1938

Kirche, Grundriss, 1938

Rechteckiger Fachwerksaalbau auf Bruchsteinsockel, dreiseitiger Chorschluss, im Osten abgewalmtes Satteldach, grundlegend erneuert etwa 1791. Rechteckige Fenster in Langhaus- und Chorwänden. Im Innern flache verputzte Voutendecke und Westempore (1. Hälfte 19. Jh.). 1965/66 Innenrenovierung und Umbau nach Plänen des Konsistorialbaumeisters Ernst Witt (u. a. Anbau einer Sakristei an der Südwand; Fenster im Chor zugemauert; Ausmalung nach Plänen des Kirchenmalers Heinz Nauwald). Sanierung Kirchenschiff 2015.

Turm

Neugotischer Westturm aus Backsteinmauerwerk, erbaut 1894/95; spitzer, achteckig ausgezogener Turmhelm mit vier Uhrgauben. Reparaturen 1912, Turmbekrönung erneuert 1959 (Kugel und Kreuz); Dachsanierung 1983. Bis zum Bau des Turms hatte die Kirche einen hölzernen Dachreiter. Turmuhr 1687 nachgewiesen, elektromechanisches Uhrwerk 1958.

Ausstattung

Sandsteinaltarplatte auf gemauertem Stipes. – Hängendes Altarkreuz. – Kanzel, Teil des früheren Kanzelaltars (Ende 18. Jh., 1965/66 abgebaut). – Taufstein, aus einem alten Grabmal gefertigt. – Grabstein des Christoph Lampe († 1730), innen in der Südwand des Turms.

Orgel, nach 1975

Orgel, nach 1975

Orgel

Zunächst ein Harmonium. 1905 stiftete der Besitzer des Warneckeschen Hofs eine Orgel der Firma Faber & Greve (Salzhemmendorf): Transmissionsorgel, 5 II/P, pneumatische Traktur; 1958 kleinere Dispositionsänderung durch Lothar Wetzel (Hannover). 1969 Neubau hinter dem historischen Prospekt durch Firma Schmidt & Thiemann (Hannover), 9 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen, vier der neun Reg. zunächst vakant, ein Reg. aus Vorgängerinstrument übernommen.12 Ein Reg. Anfang der 1970er Jahre ergänzt, die übrigen drei 1980.

Geläut

Zwei LG, I: g’; II: b’, Inschriften: „Erhalt uns in der Wahrheit“ und „Gib ewigliche Freiheit“, (beide Bronze, Gj. 1959, F. W. Schilling, Heidelberg). – Früherer Bestand: Zwei LG, größere im Ersten Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgegeben, kleinere diente als SG, nachdem zwei neue LG angeschafft worden waren: I: vermutlich g’; II: b’, (beide Bronze, Gj. 1930, Glockengießerei Schilling, Apolda), LG I und SG im Zweiten Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgegeben; LG II 1959 an die Hermannsburger Mission für eine Kirche in Afrika verkauft.

Weitere kirchliche Gebäude

Gemeindehaus (Bj. Ende 18. Jh., ehemaliges Schul- und Küsterhaus, 1998/99 gekauft und umgebaut).

Friedhof

Ursprünglich rund um die Kirche. 1893 neuer Friedhof am östlichen Dorfrand, Eigentum der politischen Gemeinde, FKap (Bj. 1964).

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

A 1 Nr. 9897-9899 (Pfarroffizialsachen); D 46 (EphA Sarstedt).

Literatur

A: Jürgens u. a., KD Lkr. Hildesheim, S. 57-59.
B: Karin Müller: Fotochronik Martin Luther Kirche Giften, [Giften] ³2016.


Fußnoten

  1. Kein mittelalterliches Patrozinium bekannt. Vgl. Hennecke/Krumwiede, Kirchen- und Altarpatrozinien I, S. 141.
  2. UB HS Hildesheim I, Nr. 581.
  3. UB HS Hildesheim II, Nr. 77, Nr. 83.
  4. UB HS Hildesheim VI, Nr. 802; Hellfaier, Verzeichnis, S. 73.
  5. LkAH, L 5h, unverz., Barnten-Giften, Visitation 1955.
  6. Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 7,2,1, S. 769 ff.
  7. Kayser, General-Kirchenvisitation II, S. 24.
  8. NLA HA Hann. 83 II Nr. 1925, „Riss der alten Kirche zu Giften, die reparirt werden soll.“
  9. KABl. 1953, S. 164.
  10. LkAH, L 5h, unverz., Barnten-Giften, Visitation 1987.
  11. KABl. 1999, S. 202 f.
  12. LkAH, B 2 G 9 B/Barnten-Giften, Bl. 114.