Sprengel Osnabrück, KK Osnabrück | Patrozinium: Thomas | KO: Osnabrücker KO von 1652

Orts- und Kirchengeschichte

Die Dodesheyde lässt sich schriftlich zuerst in einem Amtsregister aus dem Jahr 1512 nachweisen, Anfang des 17. Jh. lebten hier zwei Erbkötterfamilien der Bauerschaft Haste.1 In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre entstanden vereinzelte Wohnhäuser in dem Gebiet; 1940 wurde es in die Stadt Osnabrück eingemeindet. Auf dem Areal einer ehemaligen Munitionsfabrik (Baubeginn 1935, demontiert 1946) erbaute die britische Armee ab 1950 zwei Kasernen der Osnabrück Garrison (Imphal Barracks und Mercer Barracks, Abzug 2009), außerdem lag hier auch ein großes Wohngebiet für britische Armeeangehörige. Die Entwicklung der Dodesheide zu einem städtischen Wohnviertel am nördlichen Rand Osnabrücks setzte Ende der 1950er Jahre mit dem Demonstrativ-Bauprogramm „Am Dodeshaus“ ein. Nach Einschätzung des Ortspfarrers lebten in Dodesheide „gutsituierte Arbeiterfamilien, Familien mittlerer Angestellter und Beamter“ sowie „kinderreiche Familien, oder Familien, die den Aufstieg aus Schlichtwohnungen (‚asozial‘) in sozial geförderte Wohnungen ‚schaffen‘.“ (1970).2 Die Bevölkerungszahl lag 1961 bei etwa 4.500 und 2016 bei gut 9.400.

Kirche (links), Gemeindehaus (rechts), Außenansicht, 1980

Kirche (links), Gemeindehaus (rechts), Außenansicht, 1980

In kirchlicher Hinsicht waren die kath. Christus-König-Gemeinde in Haste und die ev. Matthäusgemeinde für die Dodesheide zuständig. Beide Konfessionen gründeten hier Mitte der 1960er Jahre eigenständige Stadtteilgemeinden: 1965 weihte die kath. Gemeinde die Franziskuskirche ein und im gleichen Jahr bezog die ev. Gemeinde das Gemeindezentrum Thomaskirche. Zum 1. Januar 1966 konstituierte sich die selbständige „Ev.-luth. Thomas-Kirchengemeinde in Osnabrück“; sie übernahm Gebiete der Matthäusgemeinde und in geringerem Umfang auch Teile der Paul-Gerhardt-Gemeinde. Die zweite Pfarrstelle der Matthäusgemeinde ging auf die neue Thomasgemeinde über.3
Die Gründungsgeschichte der Gemeinde reicht zurück bis zur Gründung ihrer Muttergemeinde: Schon 1959 ist in der Festschrift zur Einweihung der Matthäuskirche zu lesen, im entstehenden Stadtteil Dodesheide sei „so bald wie möglich ein eigenes Gemeindezentrum zu errichten“.4 1961 erhielt die Matthäusgemeinde eine zweite Pfarrstelle für die Dodesheide, die P. Rudolf W. Junge (amt. 1962–1972) übernahm. Der KV veranstaltete 1962 einen Architektenwettbewerb für den Bau eines Gemeindezentrums und entschied sich schließlich für den zweitplatzierten Entwurf von Heinz Rall (Stuttgart).5 Im ersten Bauabschnitt entstanden das Gemeindehaus (mit Kindergarten) und das Pfarrhaus; die Errichtung der Kirche war für den zweiten Bauabschnitt vorgesehen. Zu Baubeginn 1963 ließ die Gemeinde am vorgesehenen Standort der Kirche ein großes Holzkreuz aufstellen.6 1965 konnte sie das Gemeindehaus einweihen und der Kindergarten nahm seine Arbeit auf; 1967 war auch das Pfarrhaus fertig. Den Bau der Kirche, der Architekt hatte ein zeltartiges Gebäude ähnlich der Osnabrücker Bonnuskirche entworfen, musste die Gemeinde jedoch aus finanziellen Gründen vertagen.
In ähnlicher Weise wie die benachbarte Matthäusgemeinde zählte LSup. Kurt Degener die Thomasgemeinde 1970 „um ihres Kinderreichtums willen und der vielen jungen Ehen willen zu den ganz wichtigen Gemeinden unserer Stadt“.7 Auch nach der Trennung von der Matthäusgemeinde blieben enge Kontakte bestehen. Beide Gemeinden unterhielten zusammen eine Partnerschaft mit der Gedächtniskirchengemeinde in Leipzig-Schönefeld. Beide Gemeinden arbeiteten zudem im Ökumenischen Arbeitskreis mit, dem darüber hinaus die kath. Gemeinden Franziskus und Heilig-Geist angehörten sowie die ref. Erlösergemeinde. Beide Gemeinden betreiben seit 2001 unter dem Namen „MT-F: Matthäus, Thomas and Friends“ eine gemeinsame Jugendarbeit.
Seit Anfang der 1990er Jahre bemühte sich die Gemeinde wieder verstärkt um den Bau einer Kirche. Der kleine Gemeindesaal reichte häufig nicht aus und bei Trauungen und Konfirmationen wich die Gemeinde regelmäßig in die benachbarte Matthäuskirche aus.8 Im Dezember 1992 gründete sich ein Kirchenbauförderverein und 1995 stellten Verein und KV der Gemeinde in der Festschrift „30 Jahre Thomaskirche“ drei Modelle vor.9 In der Folgezeit diskutierten zum einen KG und Landeskirchenamt über die Frage eines eigenständigen Kirchenbaus oder eines Erweiterungsbaus des Gemeindehauses; zum anderen debattierte die Gemeinde über die Konzeption ihrer zukünftigen Kirche, wobei sich eher moderne Vorstellungen und eher traditionelle Ideen gegenüberstanden. Die Entscheidung fiel für einen modernen Erweiterungsbau, dessen Grundstein im November 2000 gelegt wurde. „Die Gestalt des Neubaus wurde als Kontrast zum Altbau aus zwei archetypischen Gesten entwickelt: Der beschirmenden und der einladenden Hand“, schrieb der Architekt Rüdiger Wormuth.10 Im September 2001 konnte die Gemeinde ihre neue Kirche einweihen; etwa ein Drittel der Baukosten hatte sie über Spenden aufgebracht.
Seit Anfang 2008 diskutierte die Thomasgemeinde die Einrichtung eines Familienzentrums. Es ging 2010 als „Familienzentrum Thomaskirche“ an den Start. Kernstück ist der „Treffpunkt Thomas“, ein wöchentlicher, offener Treff. In den Jahren 2008/09 begannen die Planungen für die Erweiterung des Kindergartens um eine Kinderkrippe. Da sich der angedachte Umbau des Pfarrhauses als zu aufwändig und zu teuer erwies, ließ die Gemeinde das Gebäude 2011 abbrechen und an seiner Stelle eine Kinderkrippe errichten. Im September 2012 nahm die Kinderkrippe der Thomas Kita Dodesheide ihre Arbeit auf. Bereits 2011 hatte die Gemeinde die Trägerschaft einer zweiten Kita übernommen, der Thomas Kita Am Limberg (2014 Neubau bezogen, Schwerpunkt tiergestützte Pädagogik). Im August 2014 löste der KK Osnabrück die Thomasgemeinde als Trägerin der beiden Kitas ab; Gemeinde und Kitas arbeiten insbesondere im religionspädagogischen Bereich weiterhin eng zusammen (u. a. monatliche Andachten in beiden Kitas).
Zum 1. Juli 2017 verließ die Thomasgemeinde den Gesamtverband Osnabrück, erhebt seitdem auch keine Ortskirchsteuer mehr, sondern führte ein Freiwilliges Kirchgeld ein.11

Umfang

Der Osnabrücker Stadtteil Dodesheide.

Aufsichtsbezirk

Mit Gründung der KG 1966 zum KK Osnabrück.

Kirchenbau

Polygoner Erweiterungsbau an der Nordseite des Gemeindehauses, Altarraum im Westsüdwesten, errichtet 2001 (Architekt: Rüdiger Wormuth, Osnabrück; Einweihung: 16. September 2001). Kupfergedecktes, zum Altarraum hin ansteigendes, flach-kegelmantelförmiges Dach, Altarraum betont durch zwölfseitiges Türmchen mit umlaufendem Fensterband und Pyramidendach, bekrönt mit Kreuz; Holzständerbau (Stützen teilweise außen), verklinkerte Wände, große Fensterflächen.12 Im Innern offener Dachstuhl; um zwei Stufen erhöhter, zwölfseitiger Altarraum, nach oben zum Türmchen hin offen.

Turm

Kein Glockenturm.

Ausstattung

Zwölfeckiger Altartisch aus Aluminium und Glas (2002, Gudrun Müsse-Florin, Castelnau-Magnoac). – Als Altarbild vier wechselnde Wandteppiche in den liturgischen Farben weiß, rot (zweiteilig), grün (vierteilig) und violett (2002, Gudrun Müsse-Florin, Castelnau-Magnoac), der grüne Wandteppich gestaltet nach dem Gleichnis vom vierfachen Acker (Mk 4,3–20). – Ambo (2010, Gudrun Müsse-Florin, Castelnau-Magnoac), Konstruktion aus Aluminiumguss (Ersatz für hölzernes Lesepult).

Orgel

Kleinorgel, erbaut 1968 von Firma Gebrüder Hillebrand (Altwarmbüchen), 4 I/aP, mechanische Traktur, Schleifladen. Nach Kirchenbau größere Orgel erworben, ursprünglich erbaut um 1790 vermutlich von Samuel Green (Großbritannien), etwa 1820 erweitert um zweites Manual; von 2004 bis 2007 in der ref. Kirche in Jemgum, 2008 erworben und von Firma F. R. Feenstra (Grootegast) in Thomaskirche aufgestellt, 11 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen (Orgelprojekt weitgehend aus Spenden finanziert, darüber hinaus Zuschüsse der Landeskirche und des Kirchenkreises).

Weitere kirchliche Gebäude

Pfarrhaus (Bj. 1967), 2011 abgebrochen. – Gemeindehaus mit Kirchsaal und Kindergarten (Bj. 1965, Architekt: Heinz Rall, Stuttgart), Rechteckbau mit Walmdach (bis 1988/89 Flachdach) und rechteckigem Innenhof, über Gottesdienstsaal fünfgiebliges Paralleldach; Kindergarten 1988 umgebaut und erweitert.

Friedhof

Kein kirchlicher Friedhof.

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

E 9 Nr. 738–740 (Amt für Bau- und Kunstpflege); L 5f Nr. 301, 939 (LSuptur. Osnabrück).

Literatur

A: Poppe-Marquard, Kirchenchronik, S. 244–245; Weichsler, Hdb. Sprengel Osnabrück, S. 28; Wrede, Ortsverzeichnis Fürstbistum Osnabrück II, S. 118.
B: 30 Jahre Thomaskirche. Festschrift zum Jubiläum, hrsg. vom Ev.-luth. Pfarramt Thomaskirche Osnabrück, Osnabrück 1995; Matthäuskirche Osnabrück. Festschrift zur Einweihung der evangelisch-lutherischen Matthäuskirche Osnabrück, hrsg. vom Kirchenvorstand der Ev.-luth. Matthäus-Kirchengemeinde Osnabrück, Osnabrück 1960; Rüdiger Wormuth: Thomas-Kirche, Osnabrück – Umbau und Erweiterung, in: Baukonstruktionslehre, hrsg. von Klaus Dierks & Rüdiger Wormuth, Neuwied ⁷2012, S. 838–842.

GND

1027986161, Ev.-Luth. Thomasgemeinde Osnabrück


Fußnoten

  1. Wrede, Ortsverzeichnis Fürstbistum Osnabrück II, S. 110.
  2. LkAH, L 5f, Nr. 301 (Visitation 1970).
  3. KABl. 1966, S. 7.
  4. Matthäuskirche, S. 17.
  5. Insgesamt hatten 48 Architektinnen und Architekten einen Entwurf eingereicht, LkAH, B 2 G 9/Osnabrück, Thomas Bd. I, Bl. 34a ff.
  6. Eine knappe Übersicht zur Planungs- und Bauphase 1960–64, die manche Meinungsverschiedenheit zwischen Gemeinde und Landeskirchenamt andeutet, in: LkAH, L 5f, Nr. 27 (Visitation 1964).
  7. LkAH, L 5f, Nr. 301 (Visitation 1970).
  8. LkAH, B 2 G 9/Osnabrück, Thomas Bd. II, Bl. 223.
  9. 30 Jahre, S. 25 ff.
  10. Wormuth, S. 838.
  11. KABl. 2017, S. 178 f.
  12. Wormuth, S. 838: „Das flach-kegelmantelförmige Dach wird von unterspannten Zwillingsbindern auf eingespannten Giebelstützen aus Brettschichtholz getragen. Es entfaltet sich fächerförmig in einem durch den Goldenen Schnitt proportionierten Rhythmus. Die raumabschließenden Wände folgen frei der Dachkontur. Das Dach überdeckt weitflächig auch die Nahtstellen zwischen Alt- und Neubau.“ Für verschiedene Abb. und Konstruktionszeichnungen vgl. ebd., S. 839 ff.