Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Harzer Land | Patrozinium: Michaelis | KO: Lüneburger KO von 1643

Orts- und Kirchengeschichte

Schriftlich ist Lonau erstmals 1260 als Wald- bzw. Flussname belegt: silvam nostram Lodenowe et Stenowe, nominibus fluminum sic vocatam.1 Die gleichnamige Siedlung entstand, als hier Ende des 16. Jh. eine Eisenhütte angelegt wurde. Der Ort gliedert sich in die drei Teile Mariental (Norden), Kirchtal (Osten) und Unterdorf (Süden) Lonau gehörte zum welfischen Fsm. Grubenhagen.2 Nach Aussterben der Grubenhagener Linie der Welfen fiel ihr Territorium 1596 an das Fsm. Braunschweig, 1617 an das Fsm. Lüneburg und 1665 an das Fsm. Calenberg-Göttingen (1692: Kfsm. Braunschweig-Lüneburg bzw. Kurhannover). Ebenso wie die benachbarten Hütten Sieber und Königshof gehörte Lonau hinsichtlich der niederen Gerichtsbarkeit „nicht unter des Amtmans sondern hiesigen Oberförsters Inspection“ (1670).3 Lonau zählte also nicht zum Amt Herzberg, sondern vielmehr zum Berg- und Forstamt Clausthal (Einseitiger Harz).4 In französischer Zeit war Lonau von 1807 bis 1813/14 Teil des Kantons Andreasberg im Distrikt Osterode des Harzdepartements im Kgr. Westphalen. Danach kam der Ort, nun im Kgr. Hannover, wieder zum Bergamt Clausthal. Ab 1842 zählte Lonau zum Amt Sankt Andreasberg, das 1859 im Amt Zellerfeld aufging. Mit der Annexion des Kgr. Hannover fiel Lonau 1866 an das Kgr. Preußen. Seit Einführung der Kreisverfassung 1885 gehörte Lonau zum Lkr. Zellerfeld, nach dessen Auflösung 1972 zum Lkr. Osterode (2016 aufgegangen im neuen Lkr. Göttingen). 1972 wurde Lonau in die Stadt Osterode eingemeindet. Die Eisenverhüttung in der Lonauer Hütte endete 1753.5 Zur Sozialstruktur der Gemeinde heißt es im Bericht zur Visitation 1968: „Lonau ist eine Waldarbeitergemeinde, deren Bewohner durch Kurgastbetrieb zu einigem Wohlstand gekommen sind (und deshalb zum allergrößten Teil Landwirtschaft und Viehhaltung nicht mehr nötig haben.“6 Im Jahr 1743 lebten gut 270 Menschen in Lonau, um 1810 rund 130, 1946 gut 670 und 2021 etwa 290 (nur Hauptwohnsitz).

Ort Lonau mit Kirche, Ansicht von Nordwesten, Luftbild, um 1953

Ort Lonau mit Kirche, Ansicht von Nordwesten, Luftbild, um 1953

Kirchlich gehörte Lonau zunächst zur Gemeinde Herzberg. Eine eigene Gemeinde soll seit 1621 bestehen.7 Im ältesten Corpus bonorum des Kirchspiels Herzberg aus dem Jahr 1670 ist Lonau als Tochtergemeinde (filia) genannt, ebenso wie die Eisenhütten Sieber und Königshof.8 Die Lonauer kämen zum sonntäglichen Gottesdienst nach Herzberg. „Werden auch, so jemand von ihnen, nach Gotteß willen stirbet, auf hiesigem Gottesacker, rechts der Capellen, begraben.“ Eine eigene, hölzerne Kirche wurde im Jahr 1698 im Mittelpunkt der drei Ortsteile errichtet. Der Bau beherbergte neben Gottesdienst- und Schulsaal auch die Küster- und Lehrerwohnung.9 Am 15. Sonntag nach Trinitatis 1698 (7. September) weihte die Gemeinde die neue „Schul-Kirche“ ein; sie erhielt den Namen „S. Michael“.10 Der Hüttenherr Heinrich Christoph Keydel stiftete der Kapellengemeinde 1701 eine Abendmahlskanne.11 Ein Vertrag zwischen der Lonauer Gemeinde, dem Hüttenwerk und dem Pfarramt Herzberg regelte seit 1733 den Gottesdienstrhythmus: Der Herzberger Pastor hielt sechsmal im Jahr einen Abendmahlsgottesdienst in Lonau.12 Ein separates Schulgebäude wurde 1840 erbaut. Die heutige Backsteinkirche wurde 1883 nach Plänen des Hannoveraner Konsistorialbaumeisters Conrad Wilhelm Hase (1818–1902) errichtet. Mit Einrichtung der zweiten Pfarrstelle im Kirchspiel Herzberg übertrug das Konsistorium 1891 die Versorgung Lonaus – gegen den Willen der Gemeinde – dem Inhaber der neuen Stelle.13
Seit der wachsenden Bedeutung des Kurbetriebs im 20. Jh. und wegen der steigenden Zahl der Gäste waren während der Sommermonate regelmäßig Kurprediger in Lonau tätig. Ab 1955 gehörte die KapG Lonau zum Bezirk der neu eingerichteten dritten Pfarrstelle der Gemeinde Herzberg. Zum 1. April 1960 wandelte das LKA die bisheriger Kapellengemeinde in eine Kirchengemeinde um; Lonau erhielt allerdings keine eigene Pfarrstelle, sondern blieb pfarramtlich mit Herzberg verbunden.14 Mit dieser Umwandlung war der Status der Gemeinde geklärt, der „bisher strittig“ gewesen war.15
Mit Gründung der Christusgemeinde Herzberg im Norden der Stadt ging die pfarramtliche Verbindung mit Lonau 1965 auf diese neue Gemeinde über.16 2019 wurde der Pfarrverbund um die KG Sieber erweitert. Die drei Gemeinden gehören zur Region Herzberg-Hattorf des KK Herzberg.

Umfang

Lonau

Aufsichtsbezirk

Mit Gründung der eigenständigen KG 1960 zum KK Herzberg. Seit 1. Januar 2013 KK Harzer Land.17

Kirchenbau

Vierachsiger, neugotischer Backsteinbau mit eingezogenem Polygonchor und Sakristeianbau an Südseite des Chors, erbaut 1883 (Architekt: Conrad Wilhelm Hase, Hannover).18 Satteldach, Dach des Chors nach Osten abgewalmt. Strebepfeiler an Chor und Schiff. Am Schiff breite Spitzbogenfenster mit schlichtem Backsteinmaßwerk, am Chor schmalere. Im Innern Tonnengewölbe im Schiff, Kreuzrippengewölbe im Chor; Westempore. 1889 Reparatur. 1950–54 Sanierung (u. a. Dachumbau, Kanzel umgesetzt). 1966–68 Innenrenovierung (u. a. Bänke durch Stühle ersetzt).

Fenster

Abstrakte Buntglasfenster im Chor (1968).

Kirche, Ansicht von Nordwesten, Zeichnung

Kirche, Ansicht von Nordwesten, Zeichnung

Turm

Schmaler Westturm, flankiert von zwei abgerundeten Treppentürmen. Vierseitiger Pyramidenhelm, bekrönt mit Kugel und Wetterhahn. Im Glockengeschoss an jeder Seite ein spitzbogiges Schallfenster. Westfassade mit Uhrziffernblatt unterhalb der Glockenstube, dreiteiligem Spitzbogenfenster und flachbogigem Hauptportal in Spitzbogennische zwischen zwei Strebepfeilern.

Vorgängerbau

Holzbau, 38 Fuß lang, 32 Fuß breit. Gottesdienst- und Schulsaal, Küster- und Lehrerwohnung, eingeweiht 1698. 1742 Kirchsaal vergrößert. 1883 abgebrochen.

Ausstattung

Schlichter Altartisch aus roten Sandsteinblöcken (1966). – Schlichte, leicht erhöhte Holzkanzel (1883, in den 1950er Jahren verändert). – Neoromanischer Taufstein (19. Jh.), rundes Becken, vierseitiger Schaft mit Ecksäulchen und Reliefs, vierseitiger Fuß; Leihgabe des Klosters Amelungsborn. – Antependium (um 1883), auf Rahmen aufgezogen; in der Mitte Mandorla mit Kreuz und den Buchstaben „JHS“, umgeben von vier Rundmedaillons mit den Symbolen der vier Evangelisten, beschriftet mit „Sanct Marcus“, „Sanct Matthaeus“, „Sanct Lucas“ und „Sanct Iohannes“.

Orgel

1847 Orgel angeschafft (möglicherweise gebraucht), erste Sammlung schon 1738.19 1884/85 Orgelneubau für die neue Kirche, ausgeführt von Louis Krell (Duderstadt), 14 II/P, mechanische Traktur, Kegelladen. 1917 zinnerne Prospektpfeifen zu Rüstungszwecken abgegeben, später durch Zinkpfeifen ersetzt (seit 1983 wieder Zinnpfeifen). 1966 Reparatur und Änderung der Disposition, Rudolf Janke (Bovenden). 1983 Reparatur und Änderung der Disposition, Rudolf Janke (Bovenden). 2012 Instandsetzung und Dispositionsänderung, Werner Bosch (Kassel), 14 II/P, mechanische Traktur, Kegelladen. Denkmalorgel.

Geläut

Eine LG, d’’ (Bronze, Gj. 1754, Johann Heinrich Christoph Weidemann, Hannover), Inschrift: „Ioh Hein Christ Weidemann Hannover Anno 1754“. Bis zum Bau der neuen Kirche 1883 hing die Glocke in einem hölzernen Glockenstuhl neben der Kirche.20

Weitere kirchliche Gebäude

Küsterhaus (Bj. 1840).

Friedhof

Kirchlicher Friedhof am Südrand des Dorfes, erweitert 1960, FKap (Bj. 1959).

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 1 Nr. 10339–10432 (Pfarroffizialsachen); A 4 Nr. 67–69 (Pfarroffizialsachen); A 5 Nr. 503 (Spec. Landeskons.); D 98 (EphA Herzberg); S 11a Nr. 7023 (Findbuch PfA).

Kirchenbücher

Taufen: 1721–1744 (Lücken: 1723, 1724, 1726, 1728, 1729, 1734, 1735, 1737–1743)
Trauungen: 1721–1812 (Lücken: 1722, 1724, 1727–1730, 1740, 1750, 1751, 1757, 1761, 1773, 1777, 1796, 1798, 1803, 1804, 1810, 1811)
Beerdigungen: 1720–1813 (Lücken: 1809, 1812)
Konfirmationen: 1814–1853
Im Übrigen im Kirchenbuch der Mutterkirche Herzberg.

Literatur

A: Gemeindebuch KK Herzberg, S. 11–13; Kirchen KK Herzberg, S. 22; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 865; Ohainski/Udolph, Ortsnamen Lkr. Osterode, S. 103–105.
B: Festschrift zum 100 (285)jährigen Bestehen der S. Michaelis-Kirche, hrsg. vom Ev.-Luth.-Kirchenvorstand in Lonau, Lonau 1983; Hans-Heinrich Hillegeist: „Zur Ehre Gottes verehret“. Die Abendmahlsgeräte der Kirchen von Sieber und Lonau, Stiftungen der ehemaligen Hüttenherren, in: HbllHarzRd 59 (2003), S. 97–104; Hans-Heinrich Hillegeist: Die Geschichte der Lonauerhammerhütte bei Herzberg, Harz. Ein Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte der Eisenverhüttung und Eisenverarbeitung im Südharz, Göttingen 1977; Walter Hetzer, Ulrich Mattke & Hans-Ludwig Meise: Herzberg am Harz. Vergangenheit und Gegenwart, Herzberg am Harz 1974, bes. S. 28–29 und S. 70–71; Hermann Kleinschmidt: Chronik des Fleckens Herzberg am Harz, neu bearbeitet und bis zur Gegenwart fortgeführt von August Eisfeldt, Herzberg am Harz ²1929 [online].

GND

5307877-9, Evangelisch-Lutherische Gemeinde der Michaelis-Kirche (Lonau); 7664141-7, Sankt Michaelis (Lonau)


Fußnoten

  1. Max, Grubenhagen II, Urkundenbuch Nr. 16. Vgl. auch ebd., Nr. 17. Insgesamt: Ohainski/Udolph, Ortsnamen Lkr. Osterode, S. 103 ff.
  2. Für einen knappen Überblick zur Geschichte des Fsm. Grubenhagen vgl. Pischke, Grubenhagen, S. 143 ff., zum Territorium ebd., S. 151 ff., zum Namen ebd., S. 161 ff.
  3. LkAH, A 8 Nr. 177, S. 2.
  4. Schmidt, Südharz, S. 8.
  5. Hillegeist, Lonauerhammerhütte, S. 103 ff.
  6. LkAH, L 5c, unverz., Herzberg, Christus, Visitation 1968.
  7. 100 (285) Jahre, S. 16. Die Jahreszahl wird in einem Schreiben des KapV an das Konsistorium aus dem Jahr 1891 genannt.
  8. LkAH, A 8 Nr. 177, S. 2. Das folgende Zitat ebd.
  9. Gemeindebuch KK Herzberg, S. 11; 100 (285) Jahre, S. 13.
  10. 100 (285) Jahre, S. 37. Ebd., S. 11, ist der 29. September (Michaelistag) als Weihedatum genannt.
  11. Hillegeist, „Zur Ehre Gottes verehret“, S. 101.
  12. 100 (285) Jahre, S. 12.
  13. 100 (285) Jahre, S. 16 f.
  14. KABl. 1960, S. 63 f.
  15. LkAH, L 5c, unverz., Herzberg, St. Nicolai, Visitation 1961.
  16. KABl. 1965, S. 4 f.
  17. KABl. 2012, S. 344 f.
  18. Siehe http://glass-portal.privat.t-online.de/cwhase/g-l/lonau_kirche.htm, 29.04.2022.
  19. 100 (285) Jahre, S. 13, und S. 22 ff.
  20. Kirchen KK Herzberg, S. 22.