Sprengel Hannover, KK Grafschaft Schaumburg | Patrozinium: Johannes der Täufer (seit etwa 1965) | KO: Schaumburger KO von 1614

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Orts- und Kirchengeschichte

Fuhlen gilt seiner Ortslage nach als eine der ältesten Ansiedlungen des Wesertals, wird aber erst 1146 erstmals urkundlich erwähnt, als Papst Eugen III. dem Kloster Abdinghof in Paderborn u. a. Güter in Fuclon (Fuhlen) bestätigte.1 Es kam später unter schaumburgische Herrschaft und fiel bei der Teilung der Gft. 1647 als Teil der alten Vogtei Lachem an Hessen-Kassel (1867 preußische Provinz Hessen-Nassau, 1932 zur Provinz Hannover). Seit 1973 ist Fuhlen Ortsteil von Hessisch Oldendorf.
Die Johanniskirche ist vielleicht eine Gründung des Reichsstifts Herford, das in Fuhlen einen Hof in unmittelbarer Nachbarschaft von Kirche und Pfarre besaß.2 Um 1275 gelangte sie wohl im Tauschweg in den Besitz des Stifts Fischbeck, das seither auch Inhaber des Patronatsrechts ist. Als erster namentlich bekannter Geistlicher wird in der ersten Hälfte des 12. Jh. in Helmolds Slawenchronik Ludolf sacerdos de Feule genannt3, 1277 als Zeuge in einer Herforder Urkunde der Pleban Engelhard4, 1477 Heinrich Lodewiges, Kirchherr zu Vuwelen. Am Vorabend der Reformation war Fuhlen mit dem Kloster Hemeringen verbunden, dessen Propst zur Verrichtung der GD in Fuhlen einen Vizekuratus (Vikar) unterhielt.5 Das Kloster wurde 1555 aufgehoben und seine Güter der Universität Rinteln überwiesen. Am 24. August 1559 nahm die Gemeinde das luth. Bekenntnis an. Erster luth. Prediger war der bisher vom Kloster unterhaltene Vikar Rudolph Ludwig († 1586 oder 1603).
1924 wurde in der KG ein christlicher Jungmädchenverein gegründet, 1929 ein Frauenverein, 1932 die Frauenhilfe. Der ab 1938 amtierende P. Hermann Köhne war 1931 kurzzeitig Mitglied der NSDAP, wurde aber 1934 Mitglied der BK. Kirchenkampf und Krieg hatten auf das Gemeindeleben keine nachhaltigen Auswirkungen.
Die Kirche, deren mittelalterliches Patrozinium nicht bekannt ist, erhielt in den 1960er Jahren den Namen Johannes des Täufers. Seit 2013 ist sie als Radwegekirche ausgewiesen. Die Gemeindearbeit wird durch einen Förderverein unterstützt.

Umfang

Fuhlen, Friedrichshagen (Kolonie, ab 1781 entstanden), Heßlingen (KapG), Friedrichsburg (mit der Egestorfer Papiermühle), Rumbeck mit dem ehemalig Zollhaus und der Siedlung Ellern (1835). Ende des 18. Jh. kamen auch die Einwohner von Goldbeck nach Fuhlen zur Kommunion.6 Nach Fuhlen wurden auch die Siedlung Friedrichsburg (1779 angelegt) und die Kolonie Friedrichshagen (ab 1781) eingepfarrt, von Friedrichsdorf jedoch nicht der Hof Nr. 1, der als Nachfolger der ehemaligen Meierei Egestorf weiterhin dem hannoverschen Ksp. Hemeringen zugewiesen blieb.7 – In Rumbeck befand sich früher eine Kapelle, die 1791 wegen Baufälligkeit abgebrochen und nicht ersetzt wurde.

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Ohsen der Diözese Minden. – Mit dem Anfall an Kurhessen 1647 zur Diözese Rinteln/KK Schaumburg (Klasse Rinteln). 1. April 1937 Umgliederung in die Ev.-luth. Landeskirche Hannovers, KK Grafschaft Schaumburg.8

Patronat

Die Äbtissin des Stifts Fischbeck (vor 1398; bis heute).

Kirchenbau

Zweijochiger, gewölbter romanischer Saalbau aus unverputztem Bruchsteinmauerwerk mit gequaderten Ecken (laut inschriftlicher Datierung 1521 erneuert). Der gerade geschlossene Chor (Altarhaus) mit hölzernem Spiegelgewölbe wurde 1738-40 an Stelle der früheren halbrunden Apsis angebaut. Im Norden Sakristei- und Priechenanbau (18. Jh.). Innen hölzerne Emporeneinbauten mit Brustbildern von Propheten und Aposteln (bemalt 1582). Eine frühere Orgelprieche an der Südseite wurde Anfang der 1960er Jahre beseitigt. 1998/99 renoviert.

Fenster

In der Ostwand ein Auferstehungsfenster nach Entwurf von Günter Grohs (2009). Im Turm ein Buntglasfenster mit der Darstellung Johannes der Täufer (1960er Jahre).

Turm

Westturm auf quadratischem Grundriss (1150/1200) mit romanischen Schallluken und schlankem, ins Achteck überführtem Turmhelm, der 1621 nach der Brandzerstörung (Blitzschlag) neu aufgebaut wurde. Turmsanierung 1988 und 2007. Schiff und Turm sind mit Sollingplatten eingedeckt.

Grablege

An der Nordseite des Turms befand sich die Grabkammer des Rumbecker Vogts Wolrad Stirn (1689, nach 1963 entfernt).

Ausstattung

Schlichter Blockaltar. Ein spätgotischer Altarschrein (Marienaltar, Lübeck, um 1500/10) wurde 1883 von Verein für hessische Geschichte und Landeskunde erworben und befindet sich jetzt im Marburger Universitätsmuseum. – Kanzel mit Abbildung der vier Evangelisten (um 1582). – Achteckige Sandsteintaufe mit Apostelfries, am Schaft die vier Evangelistensymbole (Ende 16. Jh.).9 – Im Kirchgarten befinden sich ein Außenaltar (2009) und ein romanischer Taufstein (seit 2012).

Orgel

Bis 1722 auf der Südseite der Kirche; nachher auf der Ostempore über dem Altar. Neubau 1746/47, weiterer Neubau 1928 durch Firma Faber & Dienes (Salzhemmendorf), 12 II/P, pneumatische Traktur, Transmissionslade. 1963 Neubau auf der Westempore durch Hermann Hillebrand (Altwarmbüchen) hinter dem Prospekt von 1747, der hier wieder aufgebaut wurde; 14 II/P (HW, BW), mechanische Traktur, Schleifladen. 2006 Restaurierung und Teilumbau durch Christian Reinhold (Bernsdorf/ Chemnitz), 14 II/P, mechanische Traktur, Schleiflade.

Geläut

Zwei LG, I: g’; II: b’ (beide Bronze, Gj. 1955, Friedrich Wilhelm Schilling, Heidelberg). – Früherer Bestand: Zwei LG, I (Bronze, Gj. 1788, Johann Friedrich Altenburg, Sachsenhagen), 1943 zu Rüstungszwecken abgegeben); II (Bronze, Gj. 1868, Friedrich Dreyer, Linden/Hannover), 1917 abgegeben. Als Ersatz wurde 1921 eine Glocke von der Gemeinde Sommerfeld, Frankfurt (Oder) (vermutlich das heutige Lubsko in Polen) angekauft. Verbleib unklar, wohl ebenfalls Kriegsabgabe.

Weitere kirchliche Gebäude

Das Pfarrhaus wurde 1865 an der Stelle des Vorgängerbaus von 1561 errichtet. Die ehemalige Pfarrscheune (ebenfalls von 1561) ist als Gemeindehaus ausgebaut. – Modernes Gemeindehaus in Rumbeck.

Friedhof

In Trägerschaft der Stadt Hess. Oldendorf. Am westlichen Ortsrand (Kirchbreite). FKap (Bj. 1966).

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 13 (Kirchenverwaltung der Gft. Schaumburg); D 34a (EphA Rinteln).

Literatur

A: Bach, Kirchenstatistik, S. 499-501; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 483; Gmelin, Tafelmalerei, Kat.-Nr. 66; Mooyer, Gft. Schaumburg, S. 25 f.; Paulus, Nachrichten, S. 145-155; Siebern, BKD Kr. Schaumburg, S. 51-53.
B: Friedrich Kölling und Walter Maack: Fuhlen. Beiträge zur Geschichte des Dorfes, Rinteln (Weser) 1959.


Fußnoten

  1. Regesta Schaumburgensia, Nr. 27.
  2. Kölling/Maack, S. 14.
  3. MGH SS rer. Germ. 32, Kap. 43.
  4. UB Fischbeck I, Nr. 42.
  5. Paulus, Nachrichten, S. 145.
  6. Bach, Kirchenstatistik, S. 500.
  7. Bach, Kirchenstatistik, S. 499.
  8. KABl. 1937, S. 85-88.
  9. Mathies, Taufbecken, S. 123.