Sprengel Stade, KK Wesermünde | Patrozinium: Paulus | KO: Keine Kirchenordnung

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Orts- und Kirchengeschichte

Flögeln (seit 2015 Ortsteil der Stadt Geestland) liegt auf der Geest nordöstlich von Bremerhaven. Die Ortschaft, deren Besiedlung seit dem 11. Jh. nachweisbar ist, entstand wohl unter dem Einfluss des gleichnamigen welfischen Ministerialengeschlechts, das 1144 erstmals urkundlich genannt wird und verschiedene Verwaltungsfunktionen im Land Hadeln ausübte. Die Ritter von Flögeln waren mit der benachbarten Familie von Bederkesa verwandt. Nach dem Erlöschen des Geschlechts (1380) kam ihr Besitz 1381/1411 mit der Herrschaft Bederkesa in den Besitz der Stadt Bremen (Amt Bederkesa, seit 1654 schwedisch, 1712 dänisch, 1715 zu Kurhannover).
Den Kern der Siedlung bildete der Pfarrhof mit der dem heiligen Paulus geweihten Kirche. Das Ksp. wurde vor 1295 von Ringstedt abgetrennt. In diesem Jahr erscheint in Flögeln erstmals ein eigener Pfarrer. Eine Urkunde über den Stiftungsakt ist nicht überliefert, doch sind die Ritter von Flögeln sicher als Gründer anzusprechen. Am 22. Juli 1313 verpfändete der Ritter Marquard Stacke von Bederkesa den Pfarrern in Flögeln und Bederkesa vier Eimer Weizen jährlichen Zinses in Lehe für zehn Bremer Mark.1 Unter dem 25. März 1377 verkauften die Knappen und Brüder Erich und Dietrich von Bederkesa und von Elme dem Kloster Neuenwalde und dem Pfarrer zu Flögeln ihr Gut auf dem Büttel und in der Hörne zu Flögeln für zehn Mark.2 Das Geschlecht der von Flögeln ist bald nach 1376 erloschen. Sein letzter Vertreter, Hinrich von Flögeln, vermachte seinen Besitz der Kirche, die damit über eine der bestdotierten Pfründe des Archidiakonats Hadeln und Wursten verfügte. Der Pfarrherr, nunmehr selbst Inhaber eines Doppelhofs, übernahm die gutsherrlichen Aufgaben und fungierte als Grundherr für die Dorfbewohner, die zu umfangreichen Abgaben an Zinskorn, Zehnten und zur Leistung von Hofdiensten verpflichtet waren. Zu den Gütern und Gerechtsamen der Pfarre gehörten außerdem Streubesitz im Land Hadeln, mehrere Renten sowie das Fischereirecht auf dem Halen-See, längs der Aue, auf dem Flögeler See und in der Aue. Wegen der guten Ausstattung genehmigte der Bremer Ebf. Otto 1400 die Verlegung des Klosters Neuenwalde nach Flögeln.3 Die Pläne wurden aber nicht umgesetzt. Die Pfarrpfründe war unter bremischer Herrschaft meist im Besitz von Geistlichen aus dem adeligen Stand, darunter auch Angehörigen der Familie von der Lieth, und aus vornehmen Ratsfamilien.4 Erster bekannter Pfarrer war der in einer Bederkesaer Urkunde genannte plebanus Johannes (nachgewiesen 1295-1355). Der rector Gerhard/Gerd ist 1349 bis um 1377 bezeugt. 1433 nahmen Martin von der Lieth (der schon 1432 als kerchere to Vloghelinghe belegt ist5) und Conrad Benne (rector) einen Ämtertausch vor. 1438 wird Martin von der Lieth in einer Kaufurkunde erneut als Kirchherr genannt. Der Rat der Stadt Bremen präsentierte 1504 Dietrich Stenow (Kanoniker von St. Ansgarii) als Pfarrer für Flögeln, dem die Pfründe 1506 verliehen wurde. 1514 war Johann von Lieth Kirchherr. Unter Hinweis auf sein Obereigentum an den Kirchengütern vereinnahmte der Bremer Magistrat seit 1579 einen großen Teil der Erträge für sich selbst und zog namentlich das Zinskorn, die Haupteinnahme der Pfarre, ein.
Die Reformation drang in den stadtbremischen Landgemeinden bereits in den 1530er Jahren ein und galt bis 1533 als gesichert. 1534 erließ die Stadt Bremen für ihr Landgebiet eine reformatorische KO, die wohl auch für das Amt Bederkesa in Geltung trat. Der noch 1546/48 amtierende Dietrich Stenow (Stenouwe) gilt als erster luth. P. in Flögeln. Als Nachfolger präsentierten die von der Lieth als Patronatsherren den ihnen verwandten Arendt Behr, der zugleich die Vikarie innehatte.
Die mit einem seit 1324 belegten Marienaltar verbundene Vikarie war ebenfalls reich dotiert. Als Inhaber sind urkundlich belegt: Diedrich (1324), Martin von der Lieth (bis 1433), Conrad Benne (ab 1433), Gerhard Siemers (bis 1581) und Jost Behr (amt. 1581-1606). Die Vikarie war zuletzt Sinekure der Familie Behr und wurde nach dem Tod des Jost Behr (1606) aufgehoben. Ihre Einkünfte (bestehend aus einer Hofstelle mit Äckern und Wiesen sowie drei Meierhöfen) fielen an den Rat der Stadt Bremen.6
Mit dem in Marburg ausgebildeten Lorenz Rodebart wurde 1579 der erste ref. Prediger bestellt. Als das Amt im Stader Vergleich 1654 an Schweden fiel, wurde hinsichtlich des Bekenntnisstandes vereinbart, dass die amtierenden ref. Pfarrer auf Lebenszeit im Amt bleiben sollten. Die Wiederbesetzung nach Freiwerden der Pfarrstelle hingegen erfolgte durch die schwedische Regierung in Stade. Gegen den Widerstand der Gemeinde setzte sie 1659 Bernhard Havemann († 1691), einen Sohn des Stader GS, als luth. P. ein. Ein Unterstützungsgesuch der Gemeinde an den ref. Landgrafen Wilhelm von Hessen hatte keinen Erfolg.
Als erster Küster in Flögeln wird 1587 Herbert Würdemann genannt. Schulunterricht fand 1610 in der Küsterei statt. Seit dem 18. Jh. ist ein eigenes einklassiges Schulhaus an der Nordseite des Kirchhofs belegt (1794 und 1852 durch Neubauten ersetzt und 1895 um eine Klasse erweitert. 1951 an die Straße nach Bederkesa verlegt).7
Seit 1. Januar 1976 ist die KG Flögeln mit der KG Bederkesa pfarramtlich verbunden.8

Umfang

Die Dörfer Fickmühlen (ehemalig adeliger Hof der von der Lieth) und Flögeln sowie einige Häuser in Fahlenbruch, die früher zur politischen Gemeinde Flögeln gehörten und später zur politischen Gemeinde Hymendorf geschlagen wurden.

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Hadeln-Wursten der Erzdiözese Bremen. – Visitationen führte nach der Reformation der stadtbremische Sup. durch. Unter schwedischer Herrschaft kam Flögeln 1651 zur Präpositur Bederkesa und mit der Neuordnung der Aufsichtsbezirke in den Hzm. Bremen und Verden am 1. Januar 1827 zur Insp. Bederkesa, 1839 Insp. Lehe, deren Suptur.-Sitz von 1859 bis 1868 in Flögeln war. 1924 KK Lehe. 1. April 1940 KK Wesermünde-Nord. Seit 1. Januar 2013 KK Wesermünde.

Patronat

Ursprünglich die Ritter von Flögeln als Stifter der Kirche. Mit deren Aussterben 1380 die Herren von Bederkesa, die von Elme und der Hzg. von Sachsen.9 Nach einem Vergleich von 1512 wechselte das Präsentationsrecht zwischen den von der Lieth und dem Rat der Stadt Bremen, der schon vor der Reformation Anteil am Patronat hatte.10 Zwischen 1606 und 1609 erwarb die Stadt Bremen den von der Liethschen Anteil und hatte somit das alleinige Patronatsrecht. Seit 1654 der Kg. von Schweden als Landesherr/der Landesherr (bis 1871).

Kirchenbau

Das auf einer hohen Wurt gelegene romanische Kirchengebäude aus dem 13. Jh. bestand wohl aus Feld- und Tuffstein. An seiner Stelle wurde um 1500 wurde eine einschiffige Backsteinkapelle mit Chor und Westturm auf einem Feldsteinsockel errichtet. Sie bildet heute den Chorraum der Kirche. 1690 wurde wohl ein neues Kirchenschiff in Backstein oder Fachwerk angebaut und 1852/53 durch das jetzige neugotische Kirchenschiff aus rotem Backsteinmauerwerk ersetzt. Der dreiachsige Baukörper wird durch Stützen in drei Schiffe (1852/53) gegliedert). Sakristeianbau an der Nordseite des Chors (1905/06). Der Innenraum ist überwiegend schlicht gehalten. Im Chorraum befinden sich beiderseits des Altars Priechen (für P. und KV bzw. die Besitzer des Ritterguts Valenbrook; 1904/05), eine Orgelempore an der Westseite des Schiffs.

Fenster

In den Oberlichtern der Chorfenster befinden sich die Wappen des Gordt von der Lieth (1679), Claus Harmen Baltzer von der Lieth (1694) und der Familie Holthusen.

Turm

Gotisierender Westturm mit Pyramidendach (1905). Bekrönung mit Kugel, Kreuz und Hahn. Vor dem Bau des heutigen Turms hing das Geläut in einem freistehenden hölzernen Glockenträger (errichtet 1695, beim Neubau des Turms abgebrochen). Turmuhr: 1905 von E. Korfhage & Söhne (Buer).

Grablege

Die Kirche war Erbbegräbnis der von der Lieth auf Fickmühlen.

Ausstattung

Freistehender Stipes aus rotem Ziegelmauerwerk mit Sandsteinplatte. Zweigeschossiges Barockretabel mit heiligem Abendmahl und Grablegung (1690). – Barocke Kanzel mit Darstellung Christi und der vier Evangelisten (1690). – Von einer Rundsäule auf quadratischer Plinthe getragene Sandsteintaufe mit Messingschale; gestiftet 1698 von Alheit und Johann Wehrenberg – An der Nordwand eine dreiteilige Inschriftentafel mit den Zehn Geboten und dem Glaubensbekenntnis in niederdeutscher Sprache (ehemaliges Altarretabel aus ref. Zeit, bis 1968 noch an der Rückseite des heutigen Altars angebracht). – Figur des auferstandenen Christus, ursprünglich Bekrönung des Barockaltars, jetzt über der Sakristeitür. – An der Ostwand oberhalb des Trennbogens gegen den Chor Wandgemälde „Jesus segnet die Kinder in Flögeln“ von Heinrich Rüter aus Düsseldorf (Stiftung der Familie Lambert Leisewitz, Besitzer des Ritterguts Fickmühlen, 1907). – Gedenktafeln für die Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkriegs an der Südwand. – Holzskulptur „Eins und eins wird eins“ von Manfred Pluskwa (Bad Bederkesa). – Grabplatten im Chorraum, darunter die des P. Martin Matthaei († 1728)

Orgel

Laut Corpus bonorum von 1793 war damals noch keine Orgel vorhanden. 1901 Neubau durch P. Furtwängler & Hammer (Hannover), 11 II/P, pneumatische Traktur, Kegelladen, neugotischer Prospekt. 1996 Überholung durch Christoph Greve (Bülten).

Geläut

Drei LG, I: b’ (Bronze, Gj. 1953, Gebrüder Rincker, Sinn); II: c’’ (Bronze, Gj. 1889, F. Otto, Bremen-Hemelingen; Umguss aus einer älteren Glocke); III: es’’ (Bronze, Gj. 1953, Gebrüder Rincker, Sinn).

Weitere kirchliche Gebäude

Pfarrhaus (Bj. 1820). – Pfarrscheune/Gemeindesaal.

Friedhof

Eigentum der KG. Ursprünglich um die Kirche, 1905 an den Kirchweg vor dem westlichen Ortsausgang verlegt. FKap (Bj. 1970).

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 2 Nr. 502-514 (Kons. Stade, Pfarroffizialsachen); A 5 Nr. 577 (Spec. Landeskons.); A 6 Nr. 2483-2489 (Pfarrbestallungsakten); A 8 (CB); A 9 Nr. 2636 (Visitationen); D 63 (EphA Wesermünde-Nord).

Literatur

A: 50 Jahre KK Wesermünde-Nord, S. 34-37; Aye/Kronenberg, Taufbecken, S. 112, Nr. 108; Böker, Denkmaltopographie Lkr. Cuxhaven, S. 190-192; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 473; Diederichs-Gottschalk, Schriftaltäre, S. 254-260; Hansen, Schulwesen, S. 156-158; Kiecker/Lehe, KD Kr. Lehe, S. 97-101; Weiberg, Niederkirchenwesen, S. 103-106.
B: Eduard Rüther und Georg Holthusen: Chronik von Flögeln, Otterndorf 1952.


Fußnoten

  1. UB Bremerhaven I, Nr. 35.
  2. UB Neuenwalde, Nr. 108.
  3. UB Neuenwalde, Nr. 133.
  4. Weiberg, Niederkirchenwesen, S. 105.
  5. UB Neuenwalde, Nr. 143.
  6. Vgl. LkAH, A 8/Flögeln (Corpus bonorum 1793).
  7. Hansen, Schulwesen, S. 156.
  8. KABl. 1976, S. 10.
  9. Allmers, Geschichte Bederkesa, S. 159.
  10. Kiecker/von Lehe, Kr. Lehe, S. 98.