Sprengel Ostfriesland-Ems, KK Rhauderfehn | Patrozinium: Paulus | KO: Ostfriesische KO von 1716

Orts- und Kirchengeschichte

Filsum, auf dem Südrand eines Geestrückens nördlich des Jümmiger Hammrichs gelegen, erscheint schon Anfang des 10. Jh. als Fillisni in einem Reg. der Abtei Werden. Vermutlich befand sich an der Stelle der jetzigen Kirche bereits ein hölzerner Vorgängerbau. Ein weiterer Sakralbau (Kapelle) mit umgebendem Friedhof wurde 1996/97 bei archäologischen Grabungen im Bereich der heute als Alt- Filsum bezeichneten Gemarkung nachgewiesen. Die dortige Siedlung wurde mit zunehmender Vernässung des Jümmiger Hammrich aufgegeben und die Kirche abgetragen.
Die Parochie erscheint erstmals 1439 als Kerspel Filzum in den Schriftquellen.1 Als erster Pfarrer wird 1447 dominus Sybrandus in Phylzum curatus genannt.2 Die Liste der nachref. Geistlichen beginnt mit Uko (bis 1530), Nicolai (16. Jh.) und Georg Uphoff (1584, 1603).3 Erst mit Heinrich Giesekenius (amt. 1629-1644) setzt die durchgehend überlieferte Series pastorum ein. 1584 ist mit Rodolf Hardenberg auch erstmals der Inhaber der zweiten Pfarrstelle (Vikariat) belegt. Sie wurde 1733 in eine Schullehrerstelle umgewandelt. Ein Teil der im Jümmiger Hammrich gelegenen Vikariatsländereien wurde der Pfarrstelle zugeschlagen.
Nach dem Ersten Weltkrieg bildeten sich in der Gemeinde mehrere erweckliche Kreise und Gemeinschaften (in Lammertsfehn, später auch in Ammersum und Busboomsfehn), die der Landeskirche zum Teil kritisch begegneten. Die soziale Struktur war laut Visitationsbericht von 2001 noch „sehr stark von der Landwirtschaft geprägt“, wurde aber auch durch die zunehmende touristische Erschließung beeinflusst.4
Die St.-Paulus-Stiftung Filsum fördert seit 2011 die kirchliche Arbeit in der Gemeinde. Seit September 2013 ist die KG Filsum pfarramtlich mit der KG Potshausen verbunden.5

Pfarrstellen

I: Vorref. – II (Vikariat): Vor 1584 bis 1733.

Umfang

Die Dörfer Ammersum und Filsum; die Kolonien Busboomsfehn und Lammersfehn und die Höfe Oldehof und Spieker. 1938: die politische Gemeinden Filsum (mit Busboomsfehn und Stallbrüggerfehn), Lammertsfehn und Ammersum (ohne Brückenfehn) sowie die Wohnplätze Breiteweg (zur politischen Gemeinde Velde), Oldehoff, Neu-Oldehoff, Spieker und Klimpe (zur politischen Gemeinde Neuburg).

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Friesland (Propstei Leer) der Diözese Münster. – Unterstand von 1631 bis 1643 dem luth. Coetus in Aurich und ab 1643 unmittelbar dem dortigen Konsistorium. Nach Erlass der Insp.-Ordnung von 1766 zur Insp. des Amts Stickhausen (6. luth. Insp.)6, später 5. luth. Insp. in Ostfriesland, ab 1924 KK Potshausen (1. September 1974 umbenannt in KK Rhauderfehn).

Patronat

Genossenschaftspatronat der Gemeinde (Interessentenwahlrecht).

Kirchenbau

Langgestreckte, gotische Saalkirche auf rechteckigem Grundriss, mit ungegliederten Wänden aus Backstein, erbaut Mitte des 13. Jh. Der durch einen niedrigen Rundbogen vom Schiff abgetrennte Chor mit 5/8-Schluss entstand Ende des 15. oder im 16. Jh. an Stelle einer halbrunden Apsis. Das heutige Westportal stammt wohl aus dem 17. Jh. Der Innenraum wird von einer leicht gewölbten Flachdecke überspannt; 1976 erneuert und durch den Kirchenmaler Oetken (Delmenhorst) ausgemalt. Durchbruch zum Altarraum 1948/49 verbreitert. Kastengestühl mit Traljengittern und Knäufen (1687). Prieche mit durchbrochenen Ranken (18. Jh.). Westempore (um 1800). 1997/98 umfangreiche Renovierung; Sanierung des Chorraums 2008-10.

Turm

Vor der Südwestecke der Kirche ein freistehender Glockenstuhl des Parallelmauertyps (13. Jh.).

Ausstattung

Blockaltar mit gemauertem Stipes und Steinplatte; darauf ein Flügelaltar mit spätgotischen Flügeln (um 14607; Christi Geburt und Anbetung der Könige), wahrscheinlich nordniederländischer Herkunft. Die ursprünglichen Figuren des Schreins (vermutlich eine Mariendarstellung) sind verloren.8 An ihrer Stelle wurde 1650 zunächst ein Abendmahlsbild eingefügt, das 1858 durch eine plastische Kreuzigungsgruppe ersetzt wurde. Seit 1962 befindet sich dort wieder das Abendmahlsbild. Die Predella mit den vier Evangelisten wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg ergänzt. – Kanzel mit Reliefs der vier Evangelisten (datiert 1660) von Tönnies Mahler (Leer); auf dem Schalldeckel Christus oder Johannes der Täufer. Die Kanzel wurde 1961 von der Süd- an die Nordseite der Kirche verlegt. – Farbig gefasster, hölzerner Taufständer in Pokalform mit einem mit Fruchtgehängen und Akanthusblättern verziertem Deckel (zweite Hälfte 17. Jh.). – Zwei Kronleuchter aus Messing (1707, 1770). – Im Chorraum zwei Grabplatten des P. Lambertus Brunonis († 1649) und des Vogts Teye Focken Roling († 1664). – Gedenktafeln für die Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkriegs. – Osterleuchter aus Holz/Messing (um 1950).

Orgel

Auf der Westempore. 1878/79 Neubau durch Folkert Becker (Hannover), 18 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen. 1940 Änderung der Disposition. 1961/62 Neubau mit neuem Gehäuse durch Firma Alfred Führer (Wilhelmshaven), 16 II/P (HW, RP), mechanische Traktur, Schleifladen.

Geläut

Drei LG, I: d’ (Bronze, Gj. 1957, Gebrüder Rincker, Sinn); II: e’ (Bronze, Gj. 1773, M. Fremy-Heidefeldt, Stiekelkamperfehn oder Burhafe); III: g’ (Bronze, Gj. 1953, Gebrüder Rincker, Sinn). – Früherer Bestand: Laut Corpus bonorum, von 1858 waren damals zwei Glocken vorhanden9, später drei. Im Ersten und Zweiten Weltkrieg wurde jeweils eine Glocke zu Rüstungszwecken abgeliefert (kein Ersatz nach dem Ersten Weltkrieg). Das Geläut wurde erst 1953 bzw. 1957 wieder auf den heutigen Stand ergänzt.

Weitere kirchliche Gebäude

Für die Gemeindearbeit stand zunächst nur ein der Konfirmandensaal im Pfarrhaus zur Verfügung. 1992 erhielt die Gemeinde ein neues Gemeindehaus (St.-Paulus-Haus).

Friedhof

Bei der Kirche. Eigentum der KG.

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 5 Nr. 751 (Spec. Landeskons.); A 6 Nr. 2443-2445 (Pfarrbestallungsakten); A 8 (CB); A 12 d (GSuptur. Aurich).

Literatur

A: Aye/Kronenberg, Taufbecken, S. 111 f., Nr. 107; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 467; Kaufmann, Orgeln Ostfrieslands, S. 120; Meinz, Sakralbau Ostfriesland, S. 129; Mithoff, Kunstdenkmale VII, S. 91; Müller-Jürgens, Vasa sacra, S. 64.
B: Bernhard Haffke (Hg.): 750 Jahre St.-Paulus-Kirche in Filsum 1250-2000, Filsum 2000; Günther Robra: Der Filsumer Schnitzaltar und seine Herkunft, in: Ostfriesland. Mitteilungsblatt der Ostfriesischen Landschaft und der ostfriesischen Heimatvereine 4/1951, S. 1-5; Erhard Schulte: Die Familien der KG Filsum. Mit Ammersum, Busbooms- und Lammertsfehn sowie Stallbrüggerfeld (1716-1900), Aurich 1997.


Fußnoten

  1. Ostfriesisches UB I, Nr. 509
  2. Ostfriesisches UB I, Nr. 588.
  3. Meyer, Pastoren I, S. 285.
  4. LkAH, L 5i, Nr. 629.
  5. LKA, G 8/Potshausen Bd. I, Bl. 172.
  6. Smid, Ostfriesische Kirchengeschichte, S. 411 und 684; KABl. 1974, S. 253.
  7. Datiert nach Robra, Holzplastik, S. 4.
  8. Robra, Holzplastik, S. 26 f.
  9. LkAH, A 8/Filsum.