Sprengel Stade, KK Stade | Patrozinium: Martin | KO: Keine Kirchenordnung

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Orts- und Kirchengeschichte

Estebrügge (seit 1972 Ortsteil der Einheitsgemeinde Jork) entstand wohl Anfang des 12. Jh. als Gründung holländischer Siedler und erscheint erstmals 1196 in der Stiftungsurkunde des Alten Klosters zu Buxtehude. Ein Hof in Estebrügge kam 1258 durch Schenkung in den Besitz des Klosters Scharnebeck.1 1286 übereignete Bf. Conrad demselben auch den Zehnten aus Estebrügge. Das Dorf war Teil des Alten Landes, das sich seit dem Mittelalter weitgehend selbst verwaltete. Die Landesherrschaft lag beim Erzstift Bremen und ging nach dem Dreißigjährigen Krieg an Schweden über, nach der dänischen Besetzung (ab 1712) 1715 an Kurhannover. Bis ins 19. Jh. verfügte die Gemeinde über die einzige Brücke über die Este unterhalb von Buxtehude und war als Kreuzung überregionaler Handelswege zeitweilig ein bevorzugter Handelsplatz.
Um 1200 wird ein sacerdos de Eskete als Urkundenzeuge genannt.2 1221 genehmigte das Domkapitel zu Verden die Unterordnung der Kirche zu Hollenstedt sowie der vier Altländer Kirchen in Zesterfleth (Borstel), Estebrügge, Jork und Lo (Mittelnkirchen) unter das Andreasstift in Verden. Zugleich schenkte Bf. Iso dem von ihm gegründeten Stift den Zehnten aus den genannten vier Ksp.3 1237 bestätigte Papst Gregor IX. Propst und Kapitel von St. Andreas in Verden den Besitz der Kirche.4 1305 errichteten die Testamentsvollstrecker des Johann von der Lühe zu dessen Jahresgedächtnis eine Stiftung aus Ländereien in parochia Eschete in e aparte, qua est ecclesia constituta.5 1389 wurde die Kirche von Estebrügge durch Bf. Johannes von Verden mit Zustimmung des Propstes von St. Andreas dem Kloster St. Laurentii in Buxtehude (Altkloster) inkorporiert.6
Als erster namentlich bekannter Geistlicher tritt der sacerdos Ludolf 1263 als Urkundenzeuge auf.7 Um 1314/32 erscheint der Pfarrherr Dietrich Plump (plebanus in Esschete) in Scharnebecker und Verdener Urkunden8; 1388 Friedrich Corrigiatoris (rector)9; 1400 her Albert10, derselbe noch 1417 als perpetuus vicarius.11 Als erster ev. P. wird Johann von Schwoll/Zwolle geführt, der 1557 von Estebrügge nach Apensen berufen wurde.12 In der Schwedenzeit (wohl 1650) wurde eine zweite Pfarrstelle eingerichtet. Die P. Matthias Röver (amt. 1689-1732) und Friedrich Ernst Krumhard (amt. 1710/33-1753) waren an 1727 bzw. 1749 auch Propst der altländischen Präpositur.
Die KG setzte sich noch bis um 1900 überwiegend aus Bauern, Schiffern und Handwerkern zusammen13, zu denen später auch zunehmend Werftarbeiter traten. In der ersten Hälfte des 20. Jh. machte sich die Nähe zu Hamburg bemerkbar. Durch das Groß-Hamburg-Gesetz wurden der Gemeindeteil Cranz 1937 Stadtteil von Hamburg. Eine Umgliederung in die nordelbische Kirche lehnten die Einwohner jedoch strikt ab, zumal Cranz mit seinen etwa 1.000 Gemeindegliedern als der kirchlich aktivste Teil der KG galt. Ende der 1970er Jahre wurden auch GD in der dortigen Schule angeboten, später für Cranz ein eigenes Gemeindehaus (St.-Martins-Haus) errichtet.
Zur Unterstützung der Gemeindearbeit besteht seit 1997 der Förderverein „Uns’ Kark“.

Pfarrstellen

I: Vorref., 1. Juni 2000 aufgehoben.14 – II: Errichtet um 1650; ab 1933 vakant. Wiederbesetzung Anfang der 1970er Jahre. Seit 1. Juni 2000 einzige Pfarrstelle.

Umfang

Die Ortschaften Cranz, Estebrügge, Finkenreich, Hinterstraße, Große und Kleine Hove, am Kirchhofe, Ostmoorende, am Steinwege, Wellenstraße (mit dem Landgut Mönchhof), Westmoorende; Leeswig (mit Seltenfriede); Rübke und das Landgut Esteburg.

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Hollenstedt der Diözese Verden. – Unter schwedischer Herrschaft kam Estebrügge zur Altländischen Präpositur. Durch Neuordnung der Aufsichtsbezirke in den Hzm. Bremen und Verden ab 1. Januar 1827 zur Insp. (1924: KK) Altes Land (1. Oktober 1958 mit dem KK Stade zum KK Stade-Altes Land vereinigt, 1. Januar 1976 umbenannt in KK Stade).

Patronat

Der Propst des St.-Andreas-Stifts in Verden, ab 1389 das Alte Kloster in Buxtehude. Später der Landesherr (bis 1871).

Kirchenbau

An der Stelle der heutigen St.-Martini-Kirche auf einer Wurt inmitten des ehemaligen Friedhofs befand sich zunächst nur eine Holzkirche, die Mitte des 15. Jh. durch einen Fachwerkbau ersetzt wurde. Ende des 17. Jh. wurde das abgängige Schiff abgebrochen und 1700/02 aus Eigenmitteln der Gemeinde der heutige Kirchenbau errichtet. Fünfachsiger Backsteinbau mit bemalter Segmenttonnendecke aus Holz. Die Fundamente gehen noch auf den Vorgängerbau aus dem 15. Jh. zurück. Über dem kleinen Portal eine (beschädigte) Figur des heiligen Martin von Tours. Große, rundbogige Fenster mit gusseiserner Sprosseneinteilung (wohl von 1868). Zweigeschossige Westempore; Priechen (Gut Esteburg, Gut Hove und Gf. tho Aspem) an der nördlichen Langseite (1638, 1701). Auf der unteren Empore befindet sich gesonderter Kirchenstuhl für die Herren von Behr auf dem Münchehof. Die Brettertonne war ursprünglich mit biblischen Szenen ausgemalt; heutige Bemalung (Sternenhimmel mit begleitender Architekturmalerei, Engelsfiguren und Schriftkartuschen) von 1868 (1990-92 restauriert). Grundlegende Renovierungen 1966/67 und 1987-92.

Turm

Ein Turm mit Uhrwerk ist 1582 belegt. Der heutige hölzerne Glockenturm an der Westseite des Kirchenschiffs wurde um 1640/41 durch den Zimmermann Gerd von der Born errichtet und 1700 und 1743 erneuert. Der durch Absacken der Stände in der Mitte der Westwand in sich um 36 Grad gedrehte Pyramidenhelm wurde 1873 an Stelle der früheren Holzschindeleindeckung neu verschiefert; seit Sanierung 1987-92 wieder Eindeckung mit Eichenholzschindeln. Wetterfahne von 1807.

Grablege

Elf Begräbnisplätze in der Kirche, u. a. für die Prediger und die Familie von Schulte. Nach der Verfüllung der Grüfte (1824-26) fanden Beisetzungen nur noch auf dem Friedhof statt.

Ausstattung

Altar, Kanzel, Taufe und Gestühl wurden aus dem Vorgängerbau übernommen; die restliche Ausstattung überwiegend einheitlich aus den Jahren 1700/02. – Barockes Altarretabel (1657, gestiftet durch Clawes Rypen und Peter Bruns). In der Predella die Einsetzung des heiligen Abendmahls, im Hauptbild die Geißelung Christi, darüber die Kreuzigung. Beiderseits reich geschnitztes Knorpelwerk und sieben weibliche Figuren als Allegorie der christlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung sowie der vier Kardinaltugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Mäßigkeit und Stärke. – Barocke Kanzel von J. Tamke, Buxtehude (1656) mit der Darstellung der vier Evangelisten mit ihren Symbolen; Schalldeckel mit Puttenverzierung. – Bronzetaufkessel auf vier Trägerfiguren, mit figürlichen Reliefs (von Meister Eglert, dat. 1345); sechseckiger barocker Deckel, gestiftet durch Hille Pelke Fresen, Witwe des Godhard von Brobergen auf Gut Hove (1656). – Beiderseits des Altars Pastorenporträts von M. Friedrich Ernst Krumhardt (erster P. 1733-1753) und M. Johann Christoph Döler (zweiter P. 1672-1675). – An den Emporenbrüstungen Bilder aus dem Leben Jesu von dem Hamburger Maler Schnibbe (1768). – Kruzifix (um 1460) – Sechs barocke Epitaphien früherer P. in Estebrügge. – Armenblock von 1650.

Orgel

1677 erstmals nachgewiesen. 1702 Neubau auf der oberen Empore durch Arp Schnitger, 34 II/P (HW, BW). Reparaturen durch Nicolaus Helm (1734), Gabriel von Hein (1768) und Georg Wilhelm (1818). 1906 Neubau des Werks durch Gebrüder Rohlfing (Osnabrück), pneumatische Traktur. Gehäuse und stumme Prospektpfeifen blieben erhalten. 1917 Ausbau der Prospektpfeifen (1930 durch Zinkpfeifen ersetzt). 1958/59 Neubau durch Firma Emanuel Kemper & Sohn (Lübeck) unter Erhalt des barocken Prospekts, 34 II/P (HW, BW), mechanische Traktur, Schleifladen. 1999 Instandsetzung durch Claus Sebastian (Geesthacht). Der Prospekt steht unter Denkmalschutz.

Geläut

Drei LG, I: c’ (Eisenhartguss, Gj. 1950, Weule, Bockenem); II: d’ (Bronze, Gj. 1662, Hermann Benningk, Hamburg); III: e’ (Bronze, Gj. 1662, Hermann Benningk, Hamburg; Umguss aus einer älteren Glocke). – Zwei SG in f’’ und a’’ (Bronze, Gj. 1990, Glockengießerei Bachert, Heilbronn). – Früherer Bestand: Eine große Glocke (Gj. 1616, Hans Nuesel, Hamburg) wurde 1912 umgegossen und 1917 zu Rüstungszwecken abgeliefert; ebenso (im Zweiten Weltkrieg) eine LG von 1931 und eine von Hans von Domme (Hamburg?) gegossene Stundenglocke von 1577. Zwei SG in d’’ und fis’’ (beide Eisenguss) wurden 1990 ersetzt.

Weitere kirchliche Gebäude

Das bisherige Organistenhaus wurde für die Wiederbesetzung der zweiten Pfarrstelle Anfang der 1970er Jahre zum zweiten Pfarrhaus umgebaut. Bereits 1963/64 war für die erste Pfarrstelle ein neues Pfarrhaus mit Gemeindesaal errichtet worden.

Friedhof

Eigentum der KG. Ursprünglich bei der Kirche. 1870 westlich der Kirchenwurt neu angelegt. Mit Torhaus (Bj. 1927, zugleich Gedenkstätte für die Gefallenen der beiden Weltkriege) und FKap (Bj. 1968).

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 2 Nr. 466-479 (Kons. Stade, Pfarroffizialsachen); A 5 Nr. 16 (Spec. Landeskons.); A 6 Nr. 2348-2358 (Pfarrbestallungsakten); A 9 Nr. 2630-2631 (Visitationen).

Literatur

A: Albrecht, Denkmaltopographie Lkr. Stade, S. 206-209; Golon/Kröncke, Orgeln, S. 72; Küster/Tegtmeyer, Orgelreichtum, S. 28; Merz, Generalkirchenvisitation, S. 95-99; Siemens, Altes Land, S. 309-313.
B: Die St. Martini Kirche zu Estebrügge, [Estebrügge 2002]; Margret Barvels-Hein: Estebrügge – ein Ort der Schiffer, Handwerker und Gasthäuser, in: Jahrbuch des Altländer Archivs 2012, S. 43-48; Friedrich Gerdes: Chronik des Kirchspiels an der Este (= Rotenburger Schriften 9), Rotenburg/Wümme [1969].


Fußnoten

  1. Benecke, Kloster Scharnebeck, S. 13.
  2. UB Hamburg I, Nr. 323.
  3. UB Verden I, Nr. 254; Jarecki, Verdener Andreasstift, S. 8.
  4. Schwarz, Papsturkunden, Nr. 270.
  5. Hodenberg, Verden II, S. 185.
  6. UB Verden III, Nr. 127; vgl. auch Schwarz, Papsturkunden, Nr. 1108.
  7. UB Verden I, Nr. 489.
  8. UB Altes Land II, Nr. 662 und 922.
  9. UB Verden III, Nr. 115.
  10. Siemens, Altes Land, S. 310.
  11. UB Verden III, Nr. 807.
  12. Meyer, Pastoren I, S. 277.
  13. Barvels-Hein, S. 43-48.
  14. KABl. 2000, S. 124.