Frühere Gemeinde | Sprengel Hannover, KK Nienburg | Patrozinium: Johannes der Täufer | KO: Lüneburger KO von 1643

Orts- und Kirchengeschichte

Ort nördlich von Nienburg auf dem rechten Weserufer; war als Lehen der Mindener Kirche vielleicht schon im Besitz der Billunger, später jedenfalls der Welfen, die ihn in der ersten Hälfte des 13. Jh. als Afterlehen an die Wölper Gf. vergaben. Bis zur Verlegung nach Neustadt a. Rbge. war die Burg in Drakenburg Residenz der Gft. Wölpe. Nach deren Verkauf an Hzg. Otto den Strengen (1302) fiel das Lehen an die Welfen zurück, die es anschließend den Gf. von Hoya übertrugen.1 In der Mandelsloher Fehde (1380/81) wurde die Burg zerstört. Wohl im 15. Jh. ist sie endgültig untergegangen. Mit dem Erlöschen des Hoyaer Grafenhauses 1582 fiel Drakenburg zurück an die Welfen (Amt Nienburg). – In den Dünenfeldern bei Drakenburg fand am 23. Mai 1547 die entscheidende Schlacht zwischen dem kaiserlich-kath. Heer unter Hzg. Erich II. von Calenberg und den siegreichen Truppen des Schmalkaldischen Bundes unter Gf. Albrecht von Mansfeld statt, die die Position des Protestantismus in Norddeutschland absicherte.

Kirche, Ansicht von Südosten

Kirche, Ansicht von Südosten

Die ältesten Teile des auf einem Geestrücken gelegenen KGb werden auf das erste Drittel des 12. Jh. datiert. Der heutige Saalbau entstand wohl unter den Gf. von Wölpe in der zweiten Hälfte des 13. Jh., nachdem der Vorgängerbau in einem Konflikt zwischen dem Bf. von Minden/den Gf. von Wölpe und den Gf. von Hoya zerstört oder beschädigt worden war. Mit Johannes de hemedesen, canonicus drakenburgensis Nicolaus uicarius ibidem werden 1288 zwei Geistliche in Drakenburg genannt.2 1319 überließ Gerhardus plebanus in Drakenborg mit seinem Bruder Engelbert von Bruchtorf dem Kloster Schinna einen Hof und zwei Äcker zu Bruchtorf.3 Mit dem Pleban sind erstmals Parochialrechte nachgewiesen.4 1339 war Hermen von Drakenborgh Kirchherr. Er stiftete mehrere Benefizien und legte damit die Grundlage für die Prosperität des Pfarramts. 1378 stiftete Johann von Bützen, Rektor der Pfarrkirche in Drakenburg, mit dem Verdener Bürger Johann von Dörverden zwei Altäre in der Andreaskirche und Johanniskirche in Verden.5
An Pfründenstiftungen bestanden das Lehen Maria und Johannes Baptist (gestiftet 1320 durch den Drakenburger Burgmann Diederich von Bosse) und das Katharinenlehen (gestiftet durch denselben und durch seinen Bruder Eggert von Bosse 1363 noch vermehrt6). Mit dem Katharinenlehen wurde Anfang des 16. Jh. Johann von Ahlden belehnt, 1534 Erich Hake, ein Sohn des Kanzlers und Bürgermeisters zu Nienburg Johannes Hake.
Im ausgehenden 13. Jh. hat in Drakenburg wohl kurzzeitig ein Kollegiatstift bestanden, das 1288/89 belegt ist und entweder mit dem Übergang der Gft. Wölpe unter die Landeshoheit der Welfen (1302) eingegangen ist oder noch durch den Gf. Otto in das Stift Neustadt eingegliedert wurde.7
Die Einführung der Reformation in der Gft. Hoya erfolgte 1525 auf Betreiben des Gf. Jobst II. durch Adrian Buxschott, der 1526/27 auch in Drakenburg predigte. Erster luth. Geistlicher am Ort war wohl der Melanchthon-Schüler Johann Pollmann (Polemann), der 1548 und 1566 genannt wird.
Eine Schule wurde vermutlich 1568 durch Brun Rudolf von Bothmer gestiftet. Das Schulgebäude ist 1627 niedergebrannt und wurde 1660 neu errichtet (weiterer Neubau 1889).

Kirche, Blick in den Chorraum, vor 1961

Kirche, Blick in den Chorraum, vor 1961

Bedeutende P. waren Georg Christian Friedrich Gottlieb Wolckenhaar (amt. 1833-1853), ein Förderer des Schulwesens und der Mission (enger Kontakt mit Harms und Philipp Spitta), Ludwig Alexander Werner Bergmann (amt. 1854-1877, auch Dichter und Schriftsteller) sowie P. August Cordes (amt. 1877-1887), der 1879 eine Volksbücherei gründete. P. Ludwig Heuer (amt. 1888-1908) führte in Drakenburg das erste große Missionsfest durch.
Von 1929 bis 1945 war die Pfarre vakant. Die Gemeinde hatte um 1937 etwa 860 Gemeindeglieder mit einem hohen Anteil an Fabrikarbeitern und Eisenbahnbeamten, im Übrigen Guts- und Hofbesitzer, Ackerbürger, Handwerker, Kaufleute und Rentner.8 1945 wurde der Ostpfarrer Hermann Schiefferdecker mit der Versehung der Pfarrstelle beauftragt (bis 1952). Durch den Zuzug von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen hat sich die Zahl der Gemeindeglieder in dieser Zeit nahezu verdoppelt.
Drakenburg war seit 1. Januar 2009 mit der KG Heemsen pfarramtlich verbunden.9 Mit dem 1. Februar 2012 wurden beide zur KG Drakenburg-Heemsen vereinigt.10

Umfang

Der Flecken Drakenburg und das Vorwerk Ravenswiede.

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Lohe des Bm. Minden. – Nach der Reformation zur Insp. der Gft. Hoya, bei deren Teilung in den 1580er Jahren zur Insp. (1924: KK) Nienburg.

Patronat

Der Landesherr (bis 1871).

Kirchenbau
Kirche, Blick zur Westempore, Foto: Ernst Witt, Hannover, 1961

Kirche, Blick zur Westempore, Foto: Ernst Witt, Hannover, 1961

Dreijochige, ursprünglich vielleicht kreuzförmige, gotische Saalkirche aus Backsteinmauerwerk mit polygonalem Ostschluss. Die beiden westlichen Joche stammen von einem Bau aus der zweiten Hälfte des 13. Jh., Ostjoch und Chor wurden im 15. Jh. ergänzt. Eine mittelalterliche Gewölbemalerei (Majestas Domini), um 1960 restauriert. Die mittelalterliche Sakristei an der Nordseite wird im aufgehenden Mauerwerk des 12. Jh. zugerechnet. Im Dreißigjährigen Krieg (Belagerung von Drakenburg 1627) wurde die Kirche durch einen Brand beschädigt und 1645 wiederhergestellt. Brauthaus im Süden aus dem 18. Jh. Im Innenraum befindet sich an der Südseite die Prieche des ehemalige von Drebberschen Schlossguts, an der Nordseite die Prieche der Wesergüter. Bürgerprieche im Westteil der Kirche (1707). Innenrenovierung 1999.

Fenster

Zwei Buntglasfenster mit figürlichen Motiven nach Entwürfen des Malers Franz Lauterbach (Hannover): die Apostel Petrus, Paulus und Johannes, der Erzmärtyrer Stephanus sowie Abraham, Jesaja, David und Johannes der Täufer (gestiftet 1925 durch den zeitweilig in den USA lebenden Kirchenvorsteher Fritz Meyer und die Familie des nach San Francisco ausgewanderten Drakenburgers Friedrich Hillens).

Turm

Nach Norden aus der Achse verschobener Westturm unter einem ziegelgedeckten Zeltdach (1477).

Grablege

Die Familie von Behr (Besitzer des Schlossguts in Drakenburg) errichtete 1619 auf eigene Kosten ein Beinhaus an der Nordseite der Kirche. Die Gruft wurde aber erst durch die nachfolgenden von Drebber genutzt und ging nach 1880 in das alleinige Eigentum der KG über. Der oberirdische Bau wurde ab 1970 als Leichenkammer genutzt. – Unter der Kirche befindet sich ein Grabgewölbe der Familie von Oberg.

Ausstattung

Barocker Etagenaltar, gestiftet 1707 durch Lucia Beata von Drebber. Im Zentrum der Sündenfall (Der gefallene Adam) und der Gekreuzigte (Der erlöste Adam), flankiert von Zitaten aus dem NT. Im oberen Geschoss der Auferstandene (Der verherrlichte Adam). Als Bekrönung über einem Sprenggiebel der triumphierende Christus. Außen in zwei Etagen Standbilder der vier Evangelisten. – Barockkanzel mit den vier Evangelisten auf den Brüstungsfeldern (um 1650, farbige Fassung 1668). Schalldeckel von 1650, bekrönt durch den seine Jungen mit seinem Herzblut nährenden Pelikan. – Achteckige Sandsteintaufe, gestiftet 1647 durch den Burgmann Hartmann Johann von Bessel. Gelangte später in das Nienburger Museum, 1920 durch die KG zurückgekauft und nach Restaurierung wieder in der Kirche aufgestellt (Fuß und Schaft ergänzt). Neue Taufschale nach dem Zweiten Weltkrieg.11 – Epitaph für Brun Rudolf von Bothmer († 1596). – Grabplatten in Kirchenschiff und Chorraum, nach Einbau eines Holzfußbodens (1969) nur noch vier sichtbar. – Kronleuchter: Geweihleuchter (1653), Messingkronleuchter mit Widmung des Bürgermeisters Johann Schlink (1653); ein zweiter Messingkronleuchter, vor dem Ersten Weltkrieg durch die in die USA ausgewanderte Elsi Mohrmann gestiftet. – Taufkerzenständer von Wilhelm Schmädecke (Nienburg). – Weltkugelleuchter von Rolf Schwarzenberg (Steimbke). – Weitere Grabplatten u. a. an der Sakristei (außen) für Heinrich von Bothmer († 1605), an der Nordseite der Kirche Johann von der Decken († 1607), an der Turmsüdseite Major Johann Carl Fischer († 1759), an der Westseite der Kirche P. Hermann Gottlieb Orth († 1781).

Kirche, Blick zur Westempore, mit der Orgel an der Nordseite des Chorraumes

Kirche, Blick zur Westempore, mit der Orgel an der Nordseite des Chorraumes

Orgel

An der Nordseite des Chorraums. Die erste Orgel wurde um 1592/96 mit Hilfe einer Spende des Burgmanns Brun Rudolf von Bothmer erbaut und beim großen Stadtbrand 1627 zerstört. 1658/59 oder 1665 wurden Teile der bisher in der Martinskirche in Nienburg aufgestellten Orgel (1562 erbaut durch die Brüder Cornelis und Michael Slege aus Zwolle) nach Drakenburg verkauft. Überführung und Wiederaufbau wohl durch Harmen Kröger. 1843 Neubau mit fünfachsigem, klassizistischem Prospekt durch Hoforgelbauer Ernst Wilhelm Meyer & Söhne (Hannover), 10 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen. Aus der alten Orgel wurden vier Reg. übernommen. 1911 grundlegende Sanierung durch Orgelbaumeister Friedrich Becker (Hannover). 1917 Ausbau der Prospektpfeifen (ersetzt durch Zinkpfeifen). 1977/78 weitere Renovierung und Einbau von zwei zusätzlichen Reg. Denkmalorgel.12

Geläut

Zwei LG, I: f’; II: a’; beide (Bronze, Gj. 1643, Gottfried Baulard und Claus Gage, Lothringen). – Eine SG in b’’ (Eisen, Gj. 1917, J. F. Weule, Bockenem). – Früherer Bestand: Zwei ältere LG, deren größere auf das Jahr 1603 datiert war, wurden beim Brand des Kirchturms 1627 zerstört. Die Kirche verfügte früher außerdem über eine Betglocke außen am Turmhelm, gegossen nach 1547 zur Erinnerung an die Schlacht bei Drakenburg (Verbleib unbekannt).

Weitere kirchliche Gebäude

Das 1756 erbaute Pfarrhaus wurde 1962 abgerissen und durch einen Neubau ersetzt (1962). Das Pfarrwitwenaus (1720 erbaut, 1820 durch die KG erworben) war bereits 1888 verkauft worden ist aber erhalten. 1971 wurde neben der Kirche ein neues Gemeindehaus errichtet.

Friedhof

Ursprünglich bei der Kirche. 1853 Anlage eines neuen Friedhofs in kirchlichem Eigentum am Torgraben (Wörnstraße). FKap (Bj. 1974). – Weiterer Friedhof seit 1957 an der Tredde (kommunal, jetzt in Trägerschaft der Samtgemeinde Heemsen).

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 1 Nr. 2305-2326 (Pfarroffizialsachen); A 6 Nr. 1791-1801 (Pfarrbestallungsakten); A 9 Nr. 470-471 (Visitationen); B 18 Nr. 153 (Orgelsachverständiger); D 60 EphA Nienburg).

Literatur

A: Amt, Dorfkirchen, S. 15; Dienwiebel, Ortsverzeichnis Hoya/Diepholz I, S. 147; Gade, Hoya und Diepholz I, S. 296-312; Holscher, Bisthum Minden, S. 289-291; Heckmann, Kirchen und Kapellen, S. 18 f.
B: Bernd Ulrich Hucker: Drakenburg. Weserburg und Stiftsflecken, Residenz der Grafen von Wölpe (= Geschichte des Fleckens Drakenburg 2), Drakenburg 2000; Ehler True: Die altehrwürdige Sankt-Johannis-der-Täufer-Kirche im Wandel der Zeit (= Geschichte des Fleckens Drakenburg 3), Drakenburg 2006; Ehler True und Angelika Kroker: Das Drakenburger Schulwesen vom 16. bis zum 21. Jahrhundert (= Geschichte des Fleckens Drakenburg 4), Drakenburg 2012.


Fußnoten

  1. Hoyer UB I, Nr. 39 und 41.
  2. Hoyer UB III, Nr. 61.
  3. Hoyer UB VII, Nr. 76.
  4. Hodenberg, Diöcese Bremen I, S. 134.
  5. UB Verden II, Nr. 1044.
  6. Hoyer UB I, Nr. 181.
  7. Hucker, S. 115.
  8. LkAH, L 5a, Nr. 73 (Drakenburg, Visitation 1937).
  9. KABl. 2009, S. 136 f.
  10. KABl. 2012, S. 61-63.
  11. Mathies, Taufbecken, S. 120.
  12. Müller, Orgeldenkmalpflege, S. 73 und 104 f.