Sprengel Stade, KK Verden | Patrozinium: Cosmas und Damian | KO: Lüneburger KO von 1643

Orts- und Kirchengeschichte

In Bereich der Gemeinde Dörverden im Aller-Weser-Dreieck überschnitten sich seit dem 13. Jh. Rechte und Ansprüche der Welfen, der Gf. von Hoya und der Bf. von Verden. Der 1972 eingemeindete Ortsteil Barme wurde 1244 durch den Hzg. zu Braunschweig und Lüneburg dem Verdener Domkapitel zu Lehen gegeben. 1282 übertrug der Askanier Albrecht von Sachsen Bf. Konrad von Verden u. a. das Obereigentum der Gografschaft Dörverden, doch blieben die Verhältnisse der Gf. von Hoya und des Bf. bezüglich des Gerichts unklar und wurde erst in einem Vergleich von 1575 zugunsten des Bm. entschieden.1 Das Stift Verden besaß am Ort zudem mehrere Güter und Gefälle, darunter sechs vogtpflichtige und fünf sonstige Höfe. 1360 hatten auch die Gf. von Hoya in Dörverden Rechte Besitzungen und Einkünfte. Zwischen 1277 und 1564 ist ein nach Dörverden benanntes Adelsgeschlecht belegt, das einerseits in der Gft. Hoya begütert war, andererseits im Dienst der Verdener Kirche stand. Nach der Säkularisierung des Bm. im Westfälischen Frieden fiel Dörverden 1648 zunächst unter schwedische Herrschaft, 1679 an das Hzm. Braunschweig-Lüneburg.

Kirche, Ansicht von Südosten, vor 1908

Kirche Dörverden, Ansicht von Südosten, vor 1908

Wohl schon früh gab es in Dörverden eine nicht lokalisierte hölzerne Taufkirche. Im 10. Jh. (in dieser Zeit endet die Belegung des südlich des Dorfes gelegenen Hammbuschfriedhofs) muss die Kirche ihren heutigen Standort bezogen haben. Auch dieser Bau war zunächst aus Holz und wurde im 13. Jh. durch einen Massivbau ersetzt. Die Ersterwähnung der Kirche wird auf die die Zeit um 1340 (in ecclesiam Doruerden) datiert.2 Der von Möhlmann für den. 5. September 1316 angeführte Beleg3 bezieht sich auf Daverden. Bis zur Auflösung des Verdener Domkapitels (1650) gehörte die Pfarre zu den Tischpfründen des Verdener Bf.
Das KGb wurde im 15. Jh. vergrößert. 1544 wurde der Ort Dörverden durch die Ritter Rode und Wrisberg niedergebrannt, die Kirche jedoch verschont. Zu ihrer Ausstattung gehörten in vorref. Zeit zwei Nebenaltäre (Severus und Maria; nach anderen Angaben der Hochaltar dem heilige Severus und die Nebenaltäre Nikolaus und Maria geweiht4), die im Zuge der Reformation beseitigt wurden. Reformatorische Tendenzen setzten in der Region um Dörverden ab 1525 mit der Berufung des Reformators Adrian Buxschott nach Nienburg ein. Für das Verdener Stiftsgebiet blieb die Durchführung unter Bf. Christoph zwar noch verschlossen. Doch setzte sich nach seinem Tod die neue Lehre beschleunigt durch. In diese Zeit (um 1560) fällt wohl auch die Reformierung der Dörverdener Kirche, die sich im Wesentlichen unter den P. Arnold Dunker (amt. 1560-1599) und Christoph Schulze (amt. 1599-1616) vollzogen haben dürfte.5 Doch nennt Bestmann als ersten luth. Geistlichen schon Nicolaus Hoege (amt. 1529-1560). 1631 wurde eine Ksp.-Schule gegründet. 1671 erfolgte die Neuordnung des Kirchstuhlregisters.

Kirche, Blick zum Altar, Foto: Ernst Witt, Hannover, Juli 1964

Kirche Dörverden, Blick zum Altar, Foto: Ernst Witt, Hannover, Juli 1964

1910 wurde in der Gemeinde ein Posaunenchor gegründet, der Kirchenchor 1937. P. Knop (amt. 1928-1935) hielt sich anfänglich zu den DC, war aber zuletzt Mitglied der BK, ebenso wie sein Nachfolger P. Dietrich Renner (amt. 1935-1955), in dessen Amtszeit sich eine BK-Gruppe konstituierte und einige BK-GD mit guter Beteiligung stattfanden. Von nachhaltiger Bedeutung waren sie jedoch nicht. Als P. Renner sich in einer Predigt öffentlich zum AT bekannte und sich gegen neuheidnische und kirchenfeindliche Tendenzen in der NSDAP wandte, wurde er durch den Ortsgruppenleiter beim Rassepolitischen Amt der Gauleitung Hannover denunziert.6
Die Gemeinde hatte 1952 etwa 4.400 Gemeindeglieder, von denen rund 2.430 im Pfarrort Dörverden lebten, die übrigen in den Außendörfern. Vertreten waren neben Landwirten auch viele Fabrikarbeiter und einige Fabrikanten und Unternehmer. Bis 1970 stieg die Zahl der Gemeindeglieder auf 5.850 an, was damals noch fast 96 Prozent der Gesamteinwohnerzahl entsprach. Unter den Außendörfern war von diesem Zuwachs vor allem Barme betroffen. Mit der Unterbringung von Munitionsarbeitern der Eibia GmbH (Anlage Weser, 1937/39) und der Anlage der Niedersachsenkaserne (1958/59, 2003 aufgegeben) auf dem gleichen Areal hatte sich die bisher dörfliche Struktur des Orts stark verändert. Auf dem Bundeswehrstandort waren zeitweilig bis zu 4.000 Soldaten stationiert. Ihre Betreuung erfolgte arbeitsteilig durch den Ortspfarrer und durch den ev. Militärpfarrer in Verden. Barme erhielt ein eigenes KGb (St. Georg, eingeweiht am 1. Oktober 1967). 1969 war die KG auch Träger des dortigen KiGa. 1970 wurde es Sitz der neu geschaffenen zweiten Pfarrstelle. Seit 1979 bestand eine engere Zusammenarbeit mit dem ev. Standortpfarrer Mit der Schließung des Bundeswehrstandorts (2003) setzte eine rückläufige Entwicklung ein. Die Kirche in Barme wurde aufgegeben und 2007 an eine ev. Freikirche (Baptisten) übergeben.
Seit 1985 besteht eine Partnerschaft der KG Dörverden mit der ev.-luth. KG Oscarsberg in KwaZulu-Natal (Südafrika).

Pfarrstellen

I: Vorref. – II: 1. Januar 1970.7

Umfang

Im Mittelalter gehörten zur Parochie Barme, Diensthop, Hassel, Hülsen, Westen, Dörverden, Stedorf, Geestefeld sowie die links der Weser gelegenen Ortschaften Ober- und Niederboyen. 1231 kam das Gut Westen zum Kollegiatstift St. Andreas in Verden (Verden, Andreas). 1264 wurde die KG Hassel verselbständigt. 1823 umfasste die KG Dörverden die Dörfer Barme, Dörverden, Drübber, Geestefeld und Stedorf, den Hof Borstel; ferner die Dörfer Diensthop und Oberboyen sowie die Höfe Lohof und Niederboyen.

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat des Verdener Dompropstes. – 1680 zur Insp. Nienburg; bei deren Teilung 1747 zur Insp. (1924: KK) Hoya. 1. September 1929 in den KK Verden umgegliedert.8

Patronat

1316 der Ebf. von Bremen. Später gehörte die Kirche zum Tafellehen des Bf. von Verden, der das Besetzungsrecht dem Domdechanten übertrug.9 Nach der Aufhebung des Bm. Verden im Westfälischen Frieden der Landesherr (bis 1871).

Kirchenbau – Cosmae-und-Damiani-Kirche in Dörverden
Kirche, Grundriss, vor 1908

Kirche Dörverden, Grundriss, vor 1908

Ursprünglich einschiffiger Bau aus Portasandstein (zweite Hälfte des 13. Jh.), 1452-54 um zwei Joche in Backstein nach Osten erweitert. Sockel und Eckverzahnungen des Erweiterungsbaus aus Sandstein. 1766 Anbau einer Sakristei an der Seite des Chors und Abbruch des Brauthauses an der Nordseite des Schiffs. 1972/73 (u. a. Beseitigung der Seitenemporen) und 1989 umfangreiche Innenrenovierungen.

Turm

Der durch einen Blitzschlag beschädigte alte Glockenturm wurde 1877/78 durch einen gotisierenden Backsteinneubau nach Entwurf von Conrad Wilhelm Hase ersetzt.

Fenster

Mehrere Buntglasfenster, darunter im Schiff zwei Fenster von Heinz Lilienthal (Bremen) mit der Taufe Christi und dem heiligen Abendmahl (1973); im Altarbereich vier Fenster von Hermann Lindner (Stralsund): an der Nordseite die Verkündigung an die Hirten und Krippenszene, an der Südseite Kreuzigung und Auferstehung (1994).

Grablege

An der Südseite des Schiffs war seit 1728 das Erbbegräbnis der Familie von Ramdohr (Besitzer des eingepfarrten Guts Drübber) angebaut. Später abgebrochen.

Ausstattung

Barockaltar (1750), aus der Werkstatt des Bildhauers Arendt Meyer (Verden), später mit der Rokoko-Kanzel zu einem Kanzelaltar vereint. Bei der Renovierung von 1972/73 wurden Altar und Kanzel wieder getrennt und die Kanzel durch das ursprüngliche Altarbild (Kreuzigung) ersetzt. – Taufstein (13. [Dehio] oder 15. Jh., 1909 auf einem Hof wieder entdeckt und wieder in Gebrauch genommen). – Holzkruzifix von Günther Holzheimer (1995).

Kirche, Blick zur Orgel, vor 1963

Kirche Dörverden, Blick zur Orgel, vor 1963

Orgel

Die erste Orgel war während des Baus der Domorgel in Verden als Interimsinstrument dort aufgestellt worden und wurde später durch den Orgelbauer Schulze (Paulinzella) angekauft. Sie kam 1849 nach Dörverden (10 I/P) und wurde 1895 durch P. Furtwängler & Hammer (Hannover) instandgesetzt. Neubau 1967/68 durch Hans Wolf (Verden) nach Disposition von KMD Alfred Hoppe, 16 II/P (HW, BW), mechanische Traktur, Schleifladen. Einweihung 21. Juli 1968.10 2011/12 Renovierung und Änderung der Disposition durch Gebrüder Hillebrand (Altwarmbüchen), 17 II/P.

Geläut

Drei LG, I: fis’ (Bronze, um 1300; vielleicht auch späterer Umguss in alter Form); II: a’ (Bronze, Gj. 1928, Gebrüder Radler, Hildesheim); III: h’ (Bronze, Gj. 2000, Firma Petit & Gebrüder Edelbrock, Gescher). – Früherer Bestand: Der Altbestand vor dem Ersten Weltkrieg umfasste die heutige LG I, eine Betglocke von 1764 oder 1769 (Gießerei Ziegner, Walsrode) und eine LG von 1836 oder 1838 (L. Kovatsay, Walsrode). Die beiden letzteren wurden 1917 eingeschmolzen. Zwei 1928 gegossene Ersatzglocken von Gebrüder Radler (Hildesheim) wurden im Zweiten Weltkrieg ebenfalls abgeliefert, eine davon jedoch 1947 an die Gemeinde zurückgegeben.

Kirchenbau – Georgskirche in Barme

Ziegelverblendbau mit einem Aufriss von Betonwabensteinen an der Südseite (1968). Betonempore.

Fenster

Im Chorraum bleiverglaste Fensterbänder im Mauerwerk; im Kirchenschiff verglaste Betonwaben.

Turm

Turm aus Sichtbeton mit nachträglicher Rotsteinverblendung; zwei Mauerwangen mit oberer Glockenstube (1971).

Ausstattung

Altar aus einem massiven Natursteinblock. An der Altarwand ein als Schriftbild in Bronze gegossenes Kruzifix (nach der Aufgabe der Kirche nach Dörverden übernommen). – Taufe aus massivem Steinblock mit einer Kupferschale.

Orgel

1967 Neubau durch Firma Hermann Hillebrand (Altwarmbüchen), 4 I/-, mechanische Traktur, Schleiflade.

Geläut

Zwei LG, I: b’ (Bronze, Gj. 1967); II: des’’ (Bronze, Gj. 1971).

Weitere kirchliche Gebäude

Das Pfarrhaus war 1740 abgängig und wurde durch ein strohgedecktes Wohnstallhaus ersetzt. Modernes Wohnhaus von 1931. – Pfarrwitwenhaus (Ende 17. Jh.), nach Brandzerstörung 1777 erneuert (Fachwerkhaus) und 1956 an die Kreissparkasse Verden verkauft11 (1959 abgerissen). – Alte Küsterei (Bj. 1817, nach Brand 1840 neu errichtet), bis 1905 auch als Schulhaus genutzt; später zum Gemeindesaal umgebaut.

Friedhof

Der Kirchhof wurde 1865 wegen Überfüllung als Begräbnisplatz aufgegeben und auf ehemalige Küsterländereien vor der Winterschen Mühle ein neuer Friedhof eingerichtet, der sich nach wie vor in kirchlicher Verwaltung befindet (an der Großen Straße). 1967 wurde zusätzlich der (kommunale) Waldfriedhof in Benutzung genommen.12

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 1 Nr. 2282-2304 (Pfarroffizialsachen); A 9 Nr. 463 (Visitationen).

Literatur

A: Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 392; Gade, Grafschaften Hoya und Diepholz I, S. 292-296.
B: Die Großgemeinde Dörverden und die Nachbargemeinden Barme-Diensthop, Kreis Verden (Aller), o. O. 1965; Walter Bredthauer: Die Einheitsgemeinde Dörverden. Beiträge zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte im Aller-Weser-Dreieck, [Dörverden] 1976; Walter Bredthauer: Urkundenbuch der Einheitsgemeinde Dörverden, o. O. 1985; Walter Bredthauer: Die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Dörverden, in: Heimatkalender für den Landkreis Verden 1986, S. 88-95; Werner Rengstorf, Helmut Lohmann: Das Buch über die Gemeinde Dörverden, [Dörverden 2005].


Fußnoten

  1. Pfannkuche, Geschichte, S. 293 f.
  2. Hoyer UB I, Heft IV (Hoyer Lehne), S. 29.
  3. Regesten Ebf. Bremen II,1, Nr. 118.
  4. Bredthauer, Einheitsgemeinde Dörverden, S. 105.
  5. Bredthauer, Einheitsgemeinde Dörverden, S. 108.
  6. Lindemann, Stellung, S. 673-675.
  7. KABl. 1970, S. 13.
  8. KABl. 1929, S. 70.
  9. Pfannkuche, Geschichte, S. 296: Angaben zur Visitation von 1585.
  10. Topp, Orgelbau Lkr. Verden II, S. 181-183.
  11. LkAH, L 5g, Nr. 159 (Visitation 1958, VIII. Bestand und Verwaltung des kirchlichen Vermögens).
  12. Bredthauer, Urkundenbuch, S. 129.