Sprengel Stade, KK Wesermünde | Patrozinium: Dionysius | KO: Keine Kirchenordnung

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Orts- und Kirchengeschichte

Das Geestdorf Debstedt wird 1247 in einer Urkunde des Bremer Ebf. Gerhard II. erstmals erwähnt. Trotz der vergleichsweise späten Nennung ist es eine der ältesten Siedlungen der Region und entwickelte sich zum politischen Zentrum, Gerichts- und Marktort der gleichnamigen Börde, die die Ksp. Debstedt und Holßel umfasste. Die Börde Debstedt befand sich seit dem 12. Jh. im Besitz der Herren von Bederkesa, die wohl nach dem Sturz Heinrichs des Löwen die Reichsfreiheit erlangten. Im Laufe des 15. Jh. kam sie unter stadtbremische Herrschaft (Amt Bederkesa). 1654 wurde sie von den Schweden okkupiert (Stader Vergleich) und 1712 an Dänemark, 1715 an Kurhannover abgetreten. Die früher selbständige Gemeinde wurde 1974 Ortsteil der Gemeinde (1990: Stadt) Langen und ging mit dieser am 1. Januar 2015 in der Stadt Geestland auf.

Kirche, Ansicht von Südosten, vor 1912

Kirche, Ansicht von Südosten, vor 1912

Die erste Kirche, die bereits um 800 bestand und um 1200 durch einen Neubau ersetzt wurde, gilt als älteste des Geestbezirks der hohen Lieth und war Taufkirche für das gesamte westliche Land Hadeln. Geweiht war sie dem heiligen Dionysius, doch ist das Patrozinium nur in einer einzigen Schriftquelle, dem zwischen 1522 und 1526 angefertigten Güterregister des Klosters Neuenwalde belegt.1 Debstedt war Sitz eines Sendgerichts, das ursprünglich den gesamten Südteil der Hohen Lieth umfasste, noch vor der Reformation aber durch Ausgründungen verkleinert wurde. Insbesondere beklagte sich der Kirchherr Johannes 1335 bei Ebf. Borchard von Bremen, dass er durch die Gründung des Klosters Neuenwalde und die Ansiedlung von abhängigen Bauern auf dem Damm in seinen Parochialrechten und Einkünften erheblich beschnitten werde. Als Entschädigung erhielt er eine dauerhafte Verbesserung des Pfarreinkommens. Mit der Gründung der Kirche in Elmlohe schieden auch Drangstedt und Elmlohe aus dem Ksp. aus. Auch nach der Verselbständigung von Holßel, Neuenwalde und Elmlohe war das Ksp. Debstedt eines der größten und reichsten des nachmaligen Hzm. Bremen. Kirche und Pfarre verfügten über umfangreichen Landbesitz, der von Kirchenmeiern bewirtschaftet wurde. Der Pfarrer war auch nach der Reformation bis zur Ablösung der Meierdienste 1839 Grundherr und Gerichtsherr erster Instanz für die Debstedter Bauern.
Von den vorref. Geistlichen erscheinen 1335 Johannes2 und 1363 Thidericus rector ecclesie in Debbenstede.3 1378 tritt Friedrich Roder, kerchere tho Debstede, als Käufer von Gütern in Sievern und Holßel auf.4 1444 zeugt Hinrik Hoppe, kerchere to Debstede, in einer Urkunde.5 1522 starb der Pfarrer Peter Leßmann, für den von den Kirchengeschworenen noch 1525 eine Memorie nach kath. Ritus bestellt wurde. Unter stadtbremischem Einfluss setzte sich in den 1530er Jahren die Reformation durch. Offenbar war P. Carl Bureken/Burcken († 1555) der erste, der sich zur luth. Lehre bekannte. Das Jahr seiner Amtseinführung ist unbekannt. Spätestens ab 1534 wirkte er in Debstedt als verheirateter Pfarrer. Nachfolger wurde sein Sohn Johannes († 1569), dem dessen Schwager Hinrich Wedde (bis 1595) folgte. Zwischenzeitlich war der Bremer Domscholaster Johann Esch mit der Pfarre als Sinekure belehnt, ohne tatsächlich Dienst dort zu leisten. Wohl erst nach der Reformation wurde das Vikariat begründet, dessen Einkünfte im 16. Jh. wiederholt in bremischen Akten erwähnt wird. Als erster Amtsinhaber erscheint bis 1570 Dietrich Schneider (Sartorius). 1607 wurde das Vikariat aufgehoben.
In der zweiten Hälfte des 16. Jh. setzte sich, erneut ausgehend von der Stadt Bremen, in den bremischen Landgemeinden des Amts Bederkesa das ref. Bekenntnis durch. Johannes Rhederus, der zunächst in Ringstedt, ab 1596 in Debstedt amtierte, war wegen seiner ref. Lehre zuvor aus Mecklenburg vertrieben worden.6 Nach dem Tod des ref. P. und Seniors Matthäus Kraegelius († 1658), bekannt u. a. als Gegenspieler des Mystikers und Chiliasten Paul Felgenhauer7, der zu dieser Zeit im Amt Bederkesa wirkte, führte die schwedische Regierung in Stade 1659 wieder das luth. Bekenntnis ein und besetzte die Pfarrstelle mit dem Lutheraner Martin Didichius (auch Propst der Präpositur Bederkesa, amt. bis 1695).8

Debstedt, Ev.-Luth. St. Dionysius Kirche, Altar, vor 1912

Erste Nachrichten über eine Schule in Debstedt liegen aus der zweiten Hälfte des 16. Jh. vor. Ein Küster und Lehrer erscheint erstmals 1561/89 mit Hinrich Wilmes. 1597 wird ein Schulhaus erwähnt. Neubauten gegenüber dem Westeingang des Kirchhofs entstanden 1710 und 1873. Nach einem Brand (1912) errichtete die Gemeinde 1914 eine zweiklassige Schule mit Lehrerwohnung am Weg nach Sievern. Die Küster- und Schullehrerstelle war seit 1811 mit einem seminaristisch vorgebildeten Lehrer besetzt. 1926 wurden Kirchen und Schuldienst getrennt.9
Das Ksp. Debstedt und besonders die Dorfschaft Sievern zeigten in der ersten Hälfte des 19. Jh. eine starke Neigung zum Pietismus. 1844 ernannte das Konsistorium. Justus Alexander Saxer zum P.10 Saxer vertrat eine ausgleichende Haltung und sollte separatistischen Tendenzen entgegenwirken. Er erfreute sich auch unter den P. der Insp. eines hohen Ansehens, wurde 1847 auch zum Sup. der Insp. Bederkesa ernannt, war ab 1857 Konsistorialrat in Stade und von 1860 bis 1875 GSup. für Bremen-Verden. Das Sup.-Amt versah ab 1868 auch P. Adolph Wittkopf (amt. 1858–1888).

Kirche, Ansicht von Südosten, 1912

Kirche, Ansicht von Südosten, 1912

Nach dem Zweiten Weltkrieg galt Debstedt wegen der starken Unterschiede zwischen den einzelnen Gemeindeteilen (ländliche Orte einerseits und die Langen und Spaden in der Agglomeration von Bremerhaven andererseits) als besonders schwierig zu pastorierende Gemeinde. Das vier Kilometer vom Pfarrort entfernte Langen, mit fast 5.000 Gemeindegliedern die größte Landgemeinde des damaligen Kr. Wesermünde, erhielt ein eigenes Pfarr- und Gemeindehaus und wurde am 1. September 1953 Sitz der schon zum 1. Juni 1947 errichteten zweiten Pfarrstelle, auch im Hinblick auf die Ausweisung weiterer Siedlungsgebiete im Vorortbereich von Bremerhaven.11 Ebenso wurde mit dem 1. Juni 1960 eine weitere Pfarrstelle zur seelsorgerlichen Betreuung der ev.-luth. Einwohner der politischen Gemeinden Spaden und Laven errichtet12 und beide zu einer (zunächst noch mit Debstedt pfarramtlich verbundenen) KG vereinigt. Die KG Langen und Spaden wurden 1961 abgetrennt und verselbständigt.

Pfarrstellen

I: Vorref. – II: 1. Juni 194713; 1. Januar 1961 auf die neu errichtete KG Langen übergegangen.14 – III: 1. April 1960 für Spaden; 1. Januar 1961 auf die neu errichtete KG Spaden übergegangen.

Umfang

Debstedt war Tauf- und Sendkirche für die das westliche Land Hadeln. Im Laufe des Mittelalters wurden die Orte Holßel (1111), die Klostergemeinde Neuenwalde (1334) sowie Drangstedt und Elmlohe (1346, mit Drangstedt, Marschkamp, den Wüstungen Egevelt, Eeckhude und dem einstelligen Hof Nemühlen) von der Mutterkirche gelöst.15 Um 1534 hielten sich auch die Neuenwalder Dammleute wieder zur Kirche von Debstedt, weil sich dort der ev. GD bereits durchgesetzt hatte, während in Neuenwalde noch kath. gepredigt wurde. Die Verbindung wurde allerdings 1574 gelöst, als auch in Neuenwalde ev. GD stattfinden. Seither umfasste das Ksp. noch die Ortschaften Debstedt, Langen, Laven, Sievern, Spaden und Wehden. In Spaden befand sich (1937) eine kleine der politischen Gemeinde gehörige Kapelle (keine eigene KapG). Mit dem 1. Januar 1961 wurde die KG Langen abgetrennt und verselbständigt, mit dem 1. Mai 1961 auch Spaden und Laven (KG Spaden).

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Hadeln-Wursten der Erzdiözese Bremen. – Nach der Reformation unterstand Debstedt dem Rat der Stadt Bremen, der das Aufsichtsrecht durch zwei Visitatoren wahrnehmen ließ. Unter schwedischer Herrschaft ab 1651 zur Präpositur Bederkesa und mit der Neuordnung der Aufsichtsbezirke in den Hzm. Bremen und Verden am 1. Januar 1827 zur Insp. Bederkesa16; nach deren Aufhebung 1853 in die Insp. Lehe umgegliedert (Sitz in Debstedt, 1859 in Flögeln, 1868 wieder in Debstedt). 1888 wurde die Suptur. dauerhaft mit der Primariatpfarre in Lehe verbunden. 1924 erfolgte die Einführung der Kirchenkreisverfassung. 1. April 1940 KK Wesermünde-Nord. Seit 1. Januar 2013 KK Wesermünde.

Patronat

Die Besetzung der Pfarrstelle erfolgte vor der Reformation durch den Archidiakon, nach der Reformation durch den Rat der Stadt Bremen. Seit schwedischer Zeit (1648) übte der Landesherr das Patronatsrecht aus (bis 1871).

Kirchenbau
Kirche, Grundriss, nach 1913, Zeichnung von A. Sasse

Kirche, Grundriss, nach 1913, Zeichnung von A. Sasse

Rechteckiger Feldsteinsaal mit eingezogenem, rechteckigem Chor, in den ältesten Teilen aus dem 12. Jh./um 1200. Bei einem Dorfbrand wurde die Kirche am 13. Juli 1912 teilweise zerstört. Bei der Wiederherstellung nach Plänen von Alfred Sasse (Hannover) wurde das Schiff nach Norden und Westen erweitert. Auf der Südseite blieb der schlichte Charakter der alten Feldsteinkirche erhalten. Neueinweihung am 21. Dezember 1913. 1965/66 teilrenoviert. Der Innenraum ist von einer flachen bemalten Holzbalkendecke (1913) geschlossen, über dem Chor ein romanisches Kreuzgratgewölbe. Hölzerne Empore im Norden und Westen (1913).

Turm

Dachreiter auf dem Westende (wegen Baufälligkeit 1965 in den alten Formen erneuert). Die Glocken hängen in einem freistehenden Glockenhaus des Parallelmauertyps (aus Ziegelmauerwerk; errichtet um 1200/13. Jh.), der den Brand von 1912 weitgehend unbeschadet überstand.

Ausstattung

Die ältere Inneneinrichtung (darunter das Altargemälde, die alte Kanzel mit Holzschnitzereien und ein Juratenstuhl) wurde beim Brand 1912 vollständig zerstört. Neuer Altar und Kanzel in Neorenaissanceformen mit Jugendstilelementen. Altaraufsatz mit architektonischem Aufbau; im Hauptbild die Kreuzigung; flankiert von der Darstellung der Taufe Christi und des heiligen Abendmahls (1913). – Spätgotischer Bronzetaufkessel, gegossen 1498 von Gottfried Klinghe (Bremen)17, 1515 in der heutigen Form aufgestellt. Wurde beim Brand 1912 stark beschädigt und 1936 durch die Firma Otto Hägemann (Hannover) restauriert. Der zugehörige barocke Holzdeckel wurde beim Brand vernichtet. – Sandsteingrabplatte des P. Carl Bureken († 1555) in der Sakristei.

Orgel

1768 wurde eine Orgel durch den Orgelbauer Marcus Heinrich Petersen (Bederkesa) erbaut. 1861 nahm Johann Hinrich Röver einen Neu- oder Umbau vor (16 klingende Stimmen), der um 1906 abgebaut worden sein soll.18 Nach anderen Angaben wurde die Orgel beim Brand von 1912 zerstört. 1913 Neubau durch P. Furtwängler & Hammer (Hannover), 22 II/P, pneumatische Traktur, Taschenladen. 1970/71 Neubau durch die Firma Emil Hammer (Arnum), 14 II/P (HW, BW, im HW Rohrflöte 4’ und Waldflöte 2’ aus der Orgel von 1913), mechanische Traktur, Schleifladen.

Geläut

Zwei LG, I: d’ (Bronze, Gj. 1586, Adam und Salomon Lechtenow, Bremen); II: e’ (Friedensglocke, Bronze, Gj. 1961, Firma F. Otto, Bremen-Hemelingen). – Eine SG in f’’ (Bronze, Gj. 1638, Kolfe, Bremen). – Früherer Bestand: Eine LG (Bronze, Gj. 1711, Christoph Haupner, Stade) wurde im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen.

Weitere kirchliche Gebäude

Das alte Pfarrhaus brannte 1681 nieder (wobei auch sämtliche Kirchenbücher vernichtet wurden). Neubau u. a. 1892. – Das gegenüber dem Pfarrhaus gelegene Pfarrwitwenhaus wurde 1867 verkauft.

Friedhof

Auf dem Kirchhof. Eigentum der KG. Leichenhalle (Bj. 1969/70). – Kommunale Friedhöfe in Sievern und Wehden.

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 2 Nr. 393–407 (Kons. Stade, Pfarroffizialsachen); A 5 Nr. 578 (Spec. Landeskons.); A 6 Nr. 1659–1663 (Pfarrbestallungsakten); A 8 (CB); A 9 Nr. 2621 (Visitationen).

Literatur

A: 50 Jahre KK Wesermünde-Nord, S. 25; Böker, Denkmaltopographie Lkr. Cuxhaven, S. 222 f.; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 377 f.; Kiecker/Lehe, KD Kr. Lehe, S. 56–63.
B: Johannes Göhler: Aus der Geschichte des Kirchspiels Debstedt, Debstedt 1997; Eduard Rüther: Chronik von Debstedt, ein Heimatbuch für Dorf, Börde und Kirchspiel Debstedt (Kreis Wesermünde), Hamburg 1938.


Fußnoten

  1. Göhler, Aspekte, S. 33.
  2. UB Neuenwalde, Nr. 48; Regesten Ebf. Bremen II,2, Nr. 541.
  3. UB Neuenwalde, Nr. 89.
  4. UB Neuenwalde, Nr. 109.
  5. UB Neuenwalde, Nr. 149.
  6. Göhler, Wege, S. 239.
  7. Wolters, Briefe, S. 186–196; Wieden/Lokers, Lebensläufe II, S. 104–108.
  8. Rotermund, Das gelehrte Hannover I, S. 453.
  9. Hansen, Schulwesen, S. 148 f.
  10. LkAH, A 6, Nr. 1662 f.
  11. LkAH, L 5g, Nr. 164 (Visitation 1958, Beantwortung der Visitationsfragen I.1).
  12. KABl. 1960, S. 59 f.
  13. KABl. 1947, S. 26.
  14. KABl. 1961, S. 5.
  15. Göhler, Aspekte, S. 37.
  16. LkAH, S 8 d, 1826–1836 (Bekanntmachung des Königlichen Consistorii zu Stade die Superintendenturen und Kirchen-Commissionen betreffend, Stade, 19.10.1826).
  17. Greife, Klinghe, S. 6.
  18. Skiebe, Röver, S. 52.