Sprengel Lüneburg, KK Celle | KO: Lüneburger KO von 1643

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Orts- und Kirchengeschichte

Die Celler Neustadt entstand ab 1626/32 in der Regierungszeit Hzg. Christian des Älteren von Braunschweig und Lüneburg durch Verlegung der aus militärischen Gründen abgebrochenen Wohn- und Wirtschaftsgebäude vor dem Westerceller Tor. Weitergehende Planungen Hzg. Georg Wilhelms aus der zweiten Hälfte des 17. Jh., die auf die Anlage einer größeren Wohnsiedlung für Hofbedienstete abzielten, wurden nur in Ansätzen realisiert. Vielmehr entwickelte sich die Neustadt später zur Vorstadt der Tagelöhner und Kleinhandwerker. 1685 und 1862 führten Stadtbrände zu schweren Zerstörungen. Seit 1869 nach Celle eingemeindet, nahm besonders das Gebiet unmittelbar westlich der Bahnanlagen mit der Ansiedlung von Industrie- und Gewerbebetrieben (Gasanstalt, Güterbahnhof, Trüller-Werke) Ende des 19. Jh. einen raschen Aufschwung. 1875 erhielt die Neustadt eine eigene Schule (später mehrfach erweitert).
Das starke Bevölkerungswachstum, vor allem in den Stadtteilen Neustadt und Wietzenbruch, war 1903 Anlass für die Anstellung eines Hilfsgeistlichen an der Stadt-KG (Celle, Stadtkirche), der die seelsorgerliche Betreuung der Neustadt übernahm und bis 1907 zugleich mit der Gefängnisseelsorge betraut war. GD, Bibelstunden und Konfirmandenunterricht fanden bis zum Bau einer eigenen Kirche in der Schule und in der Kapelle des Zuchthauses statt. 1908/09 wurde die Neustädter Kirche errichtet und am 1. Oktober 1909 die Neustadt als selbständige Parochie von der Stadt-KG getrennt.1 Die Primariatpfarrstelle der Stadt-KG ging mit allen Rechten und Pflichten auf die neue Gemeinde über. Der bisherige Hilfsgeistliche Theodor Siers wurde erster P. der neuen Gemeinde.
P. Siers war ein Gegner der DC, während sein Nachfolger P. Theodor Tielking (amt.1935–1941) eher dem NS-Regime nahe stand. P. Arnold Meyer (ab 1940) galt als unpolitisch, war aber zunächst Mitglied der NSDAP, aus der er 1943 austrat.2
Zwischen den beiden Weltkriegen war im Gemeindeteil Wietzenbruch ein starkes Wachstum zu verzeichnen. 1937/38 gab es erste Überlegungen zur Abtrennung des dortigen Wohngebiets, das als sozialer Brennpunkt galt und in den folgenden Jahren zunächst zu einem Schwerpunkt volksmissionarischer Bemühungen durch die Hermannsburger Mission wurde. Mit dem 1. April 1939 wurde eine zweite Pfarrstelle eingerichtet3 und 1941 die Gemeinde auch formal in zwei Pfarramtsbezirke (Kernstadt Neustadt und Wietzenbruch) aufgeteilt. 1951 wurde die KG Celle-Wietzenbruch verselbständigt.4 1964 und 1975 trat die Neustädter KG Teile ihres Pfarrsprengels an die im Heesegebiet neu errichtete Paulus-KG (Celle, Paulus) ab.

Umfang

Ursprünglich die Celler Neustadt, das Heesegebiet und Teile von Wietzenbruch. Die Grenze bildete im Norden die Aller, im Osten die Bahnstrecke Hannover–Celle, im Süden der Weg bei Waldhof (ohne die Häuser am Weg selbst) sowie der Fuhsekanal und die Stadtgrenze im Wietzenbruch, im Westen der Adamsgraben bis zum Schnittpunkt mit dem Fuhsekanal und ab dort die Stadtgrenze bis zur Aller. Am 1. April 1951 wurde die Johannes-KG Celle-Wietzenbruch abgetrennt. Mit dem 1. Juli 1963 wurden die luth. Einwohner des Wohnplatzes Schäferei der politischen Gemeinde Boye aus der KG Groß Hehlen in die KG Celle-Neustadt umgepfarrt.5 Teile des Gemeindebezirks wurden am 1. Juli 1964 in die Paulus-KG überführt.6 Mit dem 1. Januar 1975 wurden die Grenzen zwischen den KG Celle-Neustadt und Paulus neu festgesetzt und der Bereich bis zum Lönsweg gleichfalls an die Paulus-KG abgetreten.7

Aufsichtsbezirk

Seit Gründung zur Insp. (1924: KK) Celle.

Patronat

Bürgermeister und Rat der Stadt Celle (bis 1921).

Kirchenbau

Neuromanische Backsteinkirche in Nord-Süd-Ausrichtung nach Entwürfen des Landeskonsistoriums. Einweihung 3. Oktober 1909. 1945 durch Luftangriffe beschädigt, 1972 im Innern grundlegend umgestaltet. Deckenbemalung mit Bogenbändern und Blattornamenten sowie den Symbolen der Trinität (Hand Gottes, Agnus Dei und Taube).

Fenster

Buntglasfenster in der Apsis, im Zweiten Weltkrieg beschädigt und bis 1946 restauriert.

Turm

Turmanbau südöstlich des Kirchenschiffs. Achtseitige Spitze über Seitengiebeln. Das Schieferdach des Turms wurde 1989 durch eine Kupfereindeckung ersetzt.

Ausstattung

Altaraufsatz, Kanzel, Taufe und Orgelprospekt der Originalausstattung stammen von Hofbildhauer Wilhelm Sagebiel (Braunschweig). Im Zuge der Renovierung von 1972 wurde der ursprüngliche Altar beseitigt und durch einen schlichten Tischaltar ersetzt. – Die Kanzel (mit Christusdarstellung und den vier Evangelistensymbolen) aus der Erbauungszeit der Kirche, ein Geschenk des Hzg. von Cumberland, sowie die hölzerne Taufe sind erhalten.

Orgel

1909 Neubau durch P. Furtwängler & Hammer (Hannover), 22 (davon 6 Transmissionen) II/P, pneumatische Traktur, Taschenladen. 1952 Umbau durch Emil Hammer (Hannover). 1979/80 Neubau (Bauabschnitt I) durch Firma Emil Hammer (Arnum), im Gehäuse von 1909, 8 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen. 1989 Vervollständigung auf 15 II/P (Bauabschnitt II).

Geläut

Drei LG, I: fis’; II: a’; III: h’ (alle Bronze, Gj. 1989, Alfred Bachert, Heilbronn). – Früherer Bestand: Die Gemeinde erhielt zur Einweihung der Kirche drei Bronzeglocken mit den Schlagtönen f’, a’ und c’’ der Firma J. J. Radler & Söhne (Hildesheim). Alle drei wurde 1917 für die Rüstungsproduktion eingeschmolzen. Ersatzglocken in g’, b’ und c’’ wurden 1920, wiederum bei Radler, gegossen. 1942 wurden die beiden größeren Glocken abgeliefert. Als Ersatz beschaffte die KG 1947 zwei Stahlglocken des Bochumer Vereins in fis’ und a’. 1989 erfolgte ein vollständiger Neuguss des Geläuts.

Weitere kirchliche Gebäude

Altes Pfarrhaus mit Konfirmandensaal und Küsterwohnung (Bj. 1911, 1982 abgerissen). – Neues Pfarrhaus, auf dem früheren Friedhofsgrundstück Gehrkengasse/Kirchhofweg (Bj. 1969, 2005 verkauft). – Küster- und Organistenhaus Auf dem Kampe 13 (Ankauf 1910, 1987 verkauft). – Neues Gemeindehaus (Bj. 1982).

Friedhof

Die Bewohner der Neustadt wurden ursprünglich auf dem Friedhof am Hehlentor beigesetzt. Der erste Friedhof für die Neustadt wurde im Pestjahr 1664 an der späteren Gehrkengasse/Kirchhofstraße angelegt und bis 1941 genutzt. Die FKap von 1681 ist 1862 niedergebrannt und wurde 1864 neu errichtet. Der alte Friedhof wurde 1960 entwidmet, die Kapelle 1975 abgebrochen. Bereits 1886 war ein neuer Begräbnisplatz an der Kuckuckstraße in Benutzung genommen worden (1941 aufgegeben, 1982 entwidmet). Die Friedhöfe befanden sich in Verwaltung des Magistrats der Stadt Celle Grund und Boden wurden nach Gründung der KG in kirchliches Eigentum überführt.

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 5 Nr. 147 (Spec. Landeskons.).

Literatur

A: Leenders, Entwicklung, S. 18 f.; Pape, Orgeln Celle, S. 99–103.
B: Mijndert Bertram: Christen, Kirchen und Gemeinden in Celle während der NS-Zeit – Fragmente eines Bildes, in: Kirche in Celle. Beiträge zur Kirchengeschichte, Celle 1992, S. 157–178; Christoph M. Glombek: Chronik der Kirchengemeinde Celle-Neustadt 1909 bis 2009. Pastoren, Küster, Missionare. Eine Kirchengemeinde zwischen Tradition und Integration, Celle, 2009.


Fußnoten

  1. KABl. 1909, S. 119.
  2. Bertram, S. 158 f.
  3. KABl. 1939, S. 51 f.
  4. KABl. 1951, S. 46.
  5. KABl. 1963, S. 81.
  6. KABl. 1964, S. 114 f.
  7. KABl. 1975, S. 6 f.