Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Holzminden-Bodenwerder | Patrozinium: Erlöser (seit 1986) | KO: Braunschweigische KO von 1709

Orts- und Kirchengeschichte

Boffzen wird als Boffeshusun 826/876 in den Corveyer Traditionen genannt.1 Ein sich nach dem Ort nennendes corveysches Ministerialengeschlecht erscheint erstmals zwischen 1189 und 1205 und ist im 18. Jh. erloschen. 1299 schenkte Abt Heinrich von Corvey dem Konvent seines Klosters Güter und den Zehnten der villa Boffessen. Zu den Grundherren gehörten neben der Abtei Corvey im 15. Jh. auch das Kloster Helmarshausen. Die lehnsrechtlichen Beziehungen sind nicht sicher nachweisbar. Wohl spätestens mit dem Anfall der Herrschaft Everstein 1408 kam Boffzen unter die Herrschaft der Welfen. 1765 war die fürstliche Kammer Grundherr sämtlicher Höfe. Die Industrialisierung setzte in der zweiten Hälfte des 19. Jh. mit der Ansiedlung von Glashütten ein.

Kirche, Ansicht von Südosten, um 1953

Kirche, Ansicht von Südosten, um 1953

Die Kirche, zunächst vermutlich ein einfacher Holzbau, wurde wohl 860 als Eigenkirche des Klosters Corvey gegründet und ging später vom Bm. Paderborn zu Lehen. 1231 wird Boffzen erstmals als Pfarrort genannt. 1451 wirkte P. Engelhard Smedes in Boffzen. Die Reformation wurde 1542 nach der Besetzung des Fsm. Braunschweig-Wolfenbüttel durch die Truppen des Schmalkaldischen Bundes eingeführt. Als erster luth. Prediger wird Conrad Lüdemann (1542/51) genannt.2 Rekatholisierung nach der Rückkehr Hzg. Heinrichs des Jüngeren 1547. 1568 nach dem Regierungsantritt Hzg. Julius’ endgültige Durchsetzung der Reformation Der frühere Mönch Melchior Strickling wurde bei der Visitation von 1568 trotz seiner geringen Kenntnisse im Amt belassen.3 Vom Dreißigjährigen Krieg war Boffzen wegen des nahe liegenden Weserübergangs stark betroffen. 1646 wurde die Kirche teilweise verwüstet und das Pfarrhaus niedergebrannt. Die Zahl der Hofstellen sank von 67 vor dem Krieg auf nur noch 56 (1650).4 1664 wird erstmals in Schullehrer in Boffzen genannt, 1672 das erste bei der Kirche gelegene Schulhaus. Das mittelalterliche KGb wurde 1730/37 wegen Baufälligkeit abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt.

Kirche, Blick zum Altar, Foto: Ernst Witt, Hannover, Juni 1956

Kirche, Blick zum Altar, Foto: Ernst Witt, Hannover, Juni 1956

Von 1901 bis 1908 wirkte in P. Heinrich Emil Schomburg in Boffzen. P. Schomburg war ein bedeutender Förderer der Jugendbewegung in Braunschweig (ab 1908 als P. an St. Magni), Schriftleiter des Braunschweiger Sonntagsblatts, sowie als geistiger und geistlicher Führer der Linksliberalen innerhalb der braunschweigischen Landeskirche Mitglied der verfassunggebenden Synode und des Landeskirchentags. Ab 1917 gehörte er für die DDP auch dem braunschweigischen Landtag an.5 In Boffzen unterstützte P. Schomburg die ländliche Wohlfahrts- und Heimatpflege. In seiner Amtszeit erhielt die Filialgemeinde Fürstenberg (als KapG 1749 gegründet) 1901 eine eigene Kirche, wurde aber bis 1954 von Boffzen mitversorgt.
Von den in der Zeit des Nationalsozialismus amtierenden Geistlichen stand Kirchenrat Ernst Kellner (amt. 1916-1934) zeitweilig vielleicht den DC nahe. P. Wolff Hubertus Ihssen (amt. 1937-1952) war Mitglied des Pfarrernotbundes bzw. der BK. Kirche und Partei kooperierten anfangs noch. Jungmännerverein und Jungmädchenverein wurden 1934 in die HJ bzw. BDM eingegliedert. Der Kirchenkampf hinterließ insgesamt wenig Spuren. 1942 wurde die KG von der braunschweigischen in die hannoversche Landeskirche umgegliedert.
Zum 1. Oktober 2017 schloss sich die KG Boffzen mit den KG Lauenförde und Solling-Weser zur „Evangelisch-lutherischen Trinitatis-Gesamtkirchengemeinde Solling-Weser“ zusammen. Die drei KG bestehen als Ortskirchengemeinden weiter.6

Umfang

Boffzen, Brückfeld, Bahnhof Fürstenberg, Georgshütte, Otterbach, Rottmünde, Steinkrug und Texas.7 Mit dem 1. Juni 1954 wurde die KapG Fürstenberg aus dem Verband der KG Boffzen gelöst und verselbständigt.8 Die luth. Einwohner des Ortsteils Rottmünde wurde am 1. Dezember 1955 aus der KG Boffzen in die KG Fürstenberg umgegliedert.9

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Höxter der Diözese Paderborn.10 – 1569 zur Suptur. (Insp.) Holzminden der Generaldiözese Alfeld. Mit der Abtretung Alfelds an das Hochstift Hildesheim (1642) wurde die Generaldiözese aufgelöst. Im Zuge der Neuordnung der Aufsichtsbezirke wurde die Insp. Holzminden mit der Insp. Halle zur Generaldiözese Holzminden zusammengefasst. Der Sitz der Suptur. wurde später nach Bevern verlegt. 1692 Umgliederung von der Insp Bevern in die Insp. Stadtoldendorf. Später wieder zur Insp. Bevern, ab 1935 Propstei Holzminden. 1. Oktober 1942 von der braunschweigischen in die hannoversche Landeskirche (KK Holzminden, seit 1. Januar 1999 KK Holzminden-Bodenwerder).

Patronat

Der Bf. von Paderborn (1542 belegt). Vor 1568 auf den Landesherrn übergegangen.11

Kirchenbau

Fünfachsiger verputzter Saalbau aus Bruchstein mit dreiseitigem Chorschluss (1730/37). Kleiner Vorbau vor dem Westportal. Eindeckung mit Sollingplatten. Im Innern seit etwa 1900 durch ein verbrettertes Tonnengewölbe geschlossen. Westempore von 1860. 1955/56 Innenrenovierung mit Wiederherstellung der ursprünglich barocken Farbfassung durch den Kirchenmaler Nauwald. Weitere Renovierung 1999/2001, dabei teilweise Wiederherstellung der Deckenmalerei.

Turm

Gedrungener verschieferter Fachwerk-Giebelturm mit geschweifter Haube im Westen (dat. 1737).

Ausstattung

Barocke Kanzelaltarwand mit korinthischen Säulen und seitlichen Durchgängen (1736, finanziert durch eine Stiftung des Kriegs- und Domänenrats Redecker in Vlotho). – Glaskronleuchter der Glashütte Rottmünde (1858). – Ehrentafel für die Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkrieges in Form eines Osterbildes (1958).

Kirche, Blick zur Orgel, Foto: Ernst Witt, Hannover, Juni 1956

Kirche, Blick zur Orgel, Foto: Ernst Witt, Hannover, Juni 1956

Orgel

1748 Neubau (erste Orgel) durch die Orgelbauer Johann Christoph und Johann Heinrich Kohlen (Gottsbüren), 8 I/-, ursprünglich auf der Kanzelprieche aufgestellt. Um 1820 durch den Orgelbauer Anton Rode (Lüchtringen) um ein Pedal erweitert und auf eine neu errichtete Prieche gegenüber der Kanzel verlegt.12 Um 1850 Um- oder Neubau durch Conrad Balthasar Euler (Hofgeismar), 12 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen. Der 1952 verfügte Denkmalschutz wurde 1953 wieder aufgehoben.13 1956/58 Teilneubau durch die Firma Euler (Hofgeismar) unter Verwendung älterer Teile, 20 II/P (HW, BW), mechanische Traktur, Schleifladen. 2002 Neubau durch die Firma Elmar Krawinkel (Trendelburg) unter Übernahme der Hauptwerkswindlade und einiger Reg. der Orgel von 1850, 21 II/P (HW, NW), mechanische Traktur, Schleifladen.

Geläut

Drei LG, I: as’; II: ces’’; III: des’’ (alle Bronze, Gj. 1960, Gebrüder Rincker, Sinn). – Früherer Bestand: 1746 und 1785 wurden zwei ältere LG durch größere ersetzt (Guss von 1785 durch Johann Heinrich Wicke, Braunschweig). Zwei Glocken wurden im Ersten Weltkrieg bzw. 1920 abgegeben; zwei als Ersatz angeschaffte Stahlglocken des Bochumer Vereins (in fis und a) 1960 durch das heutige Dreiergeläut der Gebrüder Rincker ersetzt.

Weitere kirchliche Gebäude

1907/08 wurde mit Unterstützung des Glashüttenbesitzers Noelle das baufällige Pfarrhaus abgebrochen und durch einen Neubau (Pfarr- und Gemeindehaus) aus Wesersandstein ersetzt. Das älteste Pfarrwitwenhaus ist 1686 nachgewiesen. Nach seinem Verkauf an Israel Bernstein (1808) soll es zeitweilig als Synagoge gedient haben.14

Friedhof

In Trägerschaft der KG. Ursprünglich auf dem Kirchhof. Bei der Separation der Feldmark wurde eine neue Fläche an der Oberen Dorfstraße zwischen Boffzen und Fürstenberg als Begräbnisplatz ausgewiesen, die nach einigen Jahren den Bedürfnissen nicht mehr genügte und 1887 durch Zukauf einer Fläche erweitert wurde (1892 eingeweiht).15 1950 wurde der frühere Leichenwagenschuppen zu einer FKap umgebaut. Neubau einer FKap 1965 durch die politische Gemeinde unter Beteiligung der KG (Architekt: Dipl.-Ing. Hellmut Giers, Holzminden).

Landeskirchliches Archiv Hannover

D 48 (EphA Holzminden).

Literatur

A: Steinacker, BKD Kr. Holzminden, S. 33 f.; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 241; Kleinau, Ortsverzeichnis Land Braunschweig I, S. 81 f.
B: Chronik der Gemeinde Boffzen, hrsg. von der Gemeinde Boffzen, [Boffzen 2006]; Otto Ahrens: 1100 Jahre Boffzen, [Boffzen 1956]; Gerhard Kalberlah: H. E. Schomburg, Pfarrer und Reformer, in: JbGNK 63 (1965), S. 236-240; Wilhelm Rauls: Deensen, Braak und Schorborn, drei Dörfer vor dem Solling, Holzminden 1983.


Fußnoten

  1. Mönchslisten I, §§ 138 und 251; Mönchslisten II, S. 157 und 212. Vgl. auch Casemir/Ohainski, Niedersächsische Orte, S. 73.
  2. Seebaß/Freist, Pastoren, S. 34.
  3. Spanuth, Quellen, S. 282.
  4. Rauls, S. 99.
  5. Kalberlah.
  6. KABl. 2017, S. 133 ff.
  7. Kleinau, Ortsverzeichnis Land Braunschweig I, S. 81.
  8. KABl. 1954, S. 78.
  9. KABl. 1955, S. 120.
  10. Honselmann, Archidiakonatslisten, S. 252.
  11. Spanuth, Quellen, S. 282.
  12. LkAH, B 2 G 9 B/Boffzen (Johannes Schäfer, Bericht über die Orgel in der ev.-luth. Kirche zu Boffzen, KK Holzminden, 17.09.1954).
  13. LkAH, B 2 G 9 B/Boffzen (LKA an KV in Boffzen, 16.11.1952).
  14. Chronik, S. 143.
  15. LkAH, D 48 Spec. Boffzen, A.590.