Frühere Gemeinde | KapG der KG Hottenrode | Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Göttingen-Münden, Amtsbereich Münden | Patrozinium: kein mittelalterliches Patrozinium bekannt1 | KO: Calenberger KO von 1569

Orts- und Kirchengeschichte

Schriftlich ist das Dorf erstmals in Abt Reinhards Bericht über die Gründung des Klosters Reinhausen als Gandera belegt. Abt Reinhard verfasste den Text zwischen 1152/53 und 1156.2 Aus dem Jahr 1294 ist die Namensform Gandera Inferioris überliefert, 1318 die niederdeutsche Variante nederen Gandera.3 Als Lehen der Hzg. zu Braunschweig-Lüneburg besaß seinerzeit die Familie von Bodenhausen die Vogtei über das Dorf. Sie übte die Hoch- und Niedergerichtsbarkeit aus. Spätestens 1559 zählte Niedergandern zum Amt Friedland im welfischen Teilfsm. Calenberg-Göttingen („Kernlande Hannover“, 1692: Kfsm. Braunschweig-Lüneburg bzw. Kurhannover). Ende des 16. Jh. suchten sowohl die Lgft. Hessen-Kassel als auch Kurmainz landesherrlichen Rechte in Niedergandern zu erlangen, konnten sich jedoch nicht durchsetzen (formal verzichte Hessen-Kassel erst 1831).4 Seit 1735 war das Patrimonialgericht der Familie von Bodenhausen auf die Niedergerichtsbarkeit beschränkt. In französischer Zeit gehörte Niedergandern von 1807 bis 1813/14 zum Kgr. Westphalen (Kanton Friedland, Distrikt Göttingen, Leine-Departement). Ab 1815 zählte der Ort, nun im Kgr. Hannover, wieder zum Amt Friedland bzw. zum Patrimonialgericht der Familie von Bodenhausen (1839 aufgehoben). Das Amt Friedland ging 1859 im Amt Reinhausen auf. Mit der Annexion des Kgr. Hannover fiel Niedergandern 1866 an das Kgr. Preußen. Bei Einführung der Kreisverfassung 1885 kam der Ort zum Lkr. Göttingen (neugebildet 1973 und 2016). 1973 wurde Niedergandern nach Friedland eingemeindet. Zur Sozialstruktur schrieb das zuständige Pfarramt 1957: „Zwei Grundbesitzer (Adel), Zollbeamte, Kleinbauern und in der Mehrzahl Arbeiter.“5 Um 1810 lebten rund 120 Menschen in Niedergandern, 2024 knapp 110.

Kirchlich gehörte Niedergandern zum Kirchspiel Hottenrode. Angeblich ließ das Kloster Reinhausen, das in Niedergandern ein Vorwerk besaß, etwa in der ersten Hälfte des 16. Jh. „die Kirche des wüsten Dorfes Ludolfshausen abbrechen und in Niedergandern wieder aufbauen“.6 1511 ist eine capella in Niedergandern schriftlich belegt.7
Einzelheiten zur Reformation in Niedergandern sind nicht bekannt. Die luth. Lehre fasste wohl „seit Anfang der 40er Jahre des 16. Jahrhunderts“ in den Dörfern des Kirchspiels Hottenrode Fuß. Als erster ev. Pfarrer gilt P. Wilhelm Lochausen (amt. bis 1576).8 Die Kapelle in Niedergandern diente 1589 als Kornspeicher und die Familien des Dorfes gingen zum Gottesdienst in die Feldkirche Hottenrode.9 Dort befand sich auch der Friedhof. Seit Ende des 16. Jh. war das Pfarramt Reckershausen für Hottenrode und Niedergandern zuständig. Obwohl Hottenrode im 14. oder 15. Jh. wüstgefallen war, änderte sich an der rechtlichen Konstellation nichts: Hottenrode war Pfarrkirche (mater) und Niedergandern Tochtergemeinde (filia).
Um 1800 ließ Heinrich Bodo von Bodenhausen († 1807) eine neue Gutskapelle in Niedergandern errichten. Das Gebäude befindet sich bis heute im Besitz der Familie, dient der kleinen Gemeinde Niedergandern jedoch seit jeher als Gottesdienststätte. Anfang des 20. Jh. fand in der Kapelle an jedem Sonn- und Festtag ein Gottesdienst statt (1909).10
Aufgrund des Zuzugs Geflüchteter nach Ende des Zweiten Weltkriegs stieg die Zahl der Gemeindeglieder in Niedergandern von 50 im Jahr 1939 auf gut 200 im Jahr 1950 an.11 Bis 1968 war sie auf knapp 120 zurückgegangen.12 Seit 1958 befand sich das zuständige Pfarramt in Friedland.13 Da KapG Niedergandern und KG Hottenrode praktisch identisch seien, schlug KKV Göttingen-Süd 1981 vor, die „rechtlichen Verhältnisse den tatsächlichen Verhältnissen“ anzugleichen.14 Dementsprechend hob das Landeskirchenamt Hannover die KapG Niedergandern zum 1. Januar 1982 auf und gliederte sie in ihre Muttergemeinde Hottenrode ein. Gleichzeitig erhielt die Gemeinde den neuen Namen „Ev.-luth. KG Niedergandern-Hottenrode“.15

Umfang

Niedergandern und Gut Besenhausen.

Patronat

Familie von Bodenhausen.

Kapellenbau

Eigentum der Familie von Bodenhausen. Würfelförmiger Bau mit Pyramidendach (ziegelgedeckt), ausgerichtet nach Westen, erbaut um 1800. Verputztes Mauerwerk; Sockel, Ecklisenen sowie Fenster- und Portalgewände aus Buntsandsteinquadern. Zweigeschossige Fenstergliederung, unten hochrechteckige Sprossenfenster, oben etwa quadratische Sprossenfenster; nach Osten und Westen jeweils ein Rechteckportal mit Dreiecksgiebel und Freitreppe, über dem östlichen Hauptportal Wappentafel (von Bodenhausen, von der Wense, von Oheimb), über dem westlichen Nebenportal Inschrift: „1800 ist diese Capelle von Heinrich Bodo von Bodenhausen erbaut“. Im Innern flache Decke, etwa dreiviertelkreisförmige, hölzerne Emporenanlage, viertelkreisförmige Kanzelaltarwand, kreissegmentförmig angeordnetes, ansteigendes Gestühl („ein markanter amphitheaterähnlicher, gerundeter Zentralraum mit höhengestaffeltem Gestühl, das auf den Kanzelaltar ausgerichtet ist“16). 1993–2000 Innen- und Außensanierung.

Grablege

Unterhalb der Kirche Gruft der Familie von Bodenhausen, nicht mehr in Benutzung (1952).17

Turm

In der Mitte des Daches vierseitiger, verschieferter Dachreiter mit achtseitiger, geschlossener Laterne und geschwungener Haube, bekrönt mit Kugel, Wetterfahne („2000 v[on] B[odenhausen] 1798“) und Kreuz. An der Laterne vier rundbogige Schallfenster.

Vorgängerbau

1511 erwähnt, angeblich aus dem wüsten Dorf Ludolfshausen nach Niedergandern versetzt; diente seit Ende des 16. Jh. als Kornspeicher.18

Ausstattung

Konkave, klassizistische Kanzelaltarwand (um 1800, Gips), vier kannelierte Pilaster, Gebälk, auf dem Gebälk vier Pokale, in der Mitte polygonaler Kanzelkorb, an den Wandungen Rechteckfüllungen mit Marmorierung; Kanzel flankiert von zwei Christusgemälden (links: „Ich stehe vor der Tür und klopfe an“, rechts: „Ich bin der gute Hirte“); unterhalb der Kanzel hölzerner, kastenförmiger Altar mit Marmorierung und seitlichen Schranken, flankiert von rundbogigen Durchgängen. – Hölzerner, pfeilerförmiger Taufständer, farbig gefasst. – Hölzerne Namenstafel „Zum Gedenken an unsere Gefallenen“ (drei Namen 1914–18, 15 Namen 1939–45). – Hölzerner Dreisitz. – Kleines, wappenförmiges Gemälde „Gruß aus Großwaltersdorf“, mit Darstellung der dortigen Kirche.

Orgel

1811 Orgelneubau, ausgeführt von Johann Wilhelm Schmerbach II (Frieda), 12 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen. Vor 1868 Änderung der Disposition, George Schmerbach (Frieda). Zinnerne Prospektpfeifen während des Ersten Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgegeben (1917). Nach 1917 Änderung der Disposition. 1937 Umstimmung auf Normaltonhöhe, Wiegand Helfenbein (Gotha). Zustand 1944: angeblich 9 I/P, Zustand 1962: angeblich 12 I/P, davon ein Register vakant.19 1984/85 Restaurierung und Wiederherstellung der ursprünglichen Disposition, ausgeführt von Martin Haspelmath (Walsrode), 12 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen, vier Register rekonstruiert. 2014/15 Orgel Halbton tiefer gestimmt.

Geläut

Eine LG, g’’ (Bronze, Gj. um 1920).

Friedhof

Kirchlicher Friedhof bei der Feldkirche Hottenrode.

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

A 1 Nr. 9314 (Pfarroffizialsachen); B 2 G 9 B Nr. 468 (Orgel- und Glockenwesen); S 9 rep Nr. 1038 (Presseausschnittsammlung); S 11a Nr. 7764 (Findbuch PfA); S 11a Nr. 8140 (Findbuch EphA).

Kirchenbücher
Gut Besenhausen

Taufen: 1853–1909
Trauungen: 1853–1909
Begräbnisse: 1853–1909

Literatur & Links

A: Bielefeld, Orgeln im Umland, S. 122–124; Casemir/Ohainski/Udolph, Ortsnamen Lkr. Göttingen, S. 294–297; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 980; Eichenberg, KK Göttingen-Süd, S. 78–86; Franz, Maybaum & Tinney, Räume, S. 18–23; Ide & Maloku, Coworking-Spaces, S. 58–59 und S. 102–103; Lücke, Burgen und Gutshöfe, S. 110–116; Lufen, Denkmaltopographie Altkr. Duderstadt, S. 230–234; Pape, Haspelmath, S. 170–171.

B: Ulrich Hussong: Die Ersterwähnung von Gandern, Kirchgandern, Hohengandern und Niedergandern, in: Eichsfeld-Jahrbuch 23 (2015), S. 5–26; Karl Kayser: Der Kampf um die Kirche zu Hottenrode. 1597–1616. Ein Beitrag zur hannoverschen Kirchengeschichte. Vortrag gehalten im Göttinger Geschichtsverein, Göttingen 1894.

Internet: Denkmalatlas Niedersachsen: Kapelle; Wikipedia: Gutskapelle Niedergandern3d-raeume.de: 3-D-Modell der Kirche.


Fußnoten

  1. Hennecke/Krumwiede, Kirchen- und Altarpatrozinien I, S. 172.
  2. UB Reinhausen, Nr. 11. Aufgrund der Besitzkontinuität des Klosters Reinhausen kann Gandera hier auf Niedergandern bezogen werden; Hohengandern und Kirchgandern kommen nichtr in Frage, vgl. Casemir/Ohainski/Udolph, Ortsnamen Lkr. Göttingen, S. 295. Für weitere Belege und zum Ortsnamen vgl. ebd., S. 294 ff. Vgl. auch Hussong, bes. S. 22 f.
  3. 1294: UB Hilwartshausen, Nr. 91. 1318: Flentje/Henrichvark, Lehnbücher, S. 41, Nr. 128.
  4. Wolters, Friedland, S. 26 und S. 34 ff.
  5. LkAH, L 5c, unverz., Reckershausen, Visitation 1957.
  6. Lücke, Burgen und Gutshöfe, S. 115 (ohne Beleg).
  7. UB Reinhausen, Nr. 424.
  8. Kayser, S. 5, Zitat ebd., S. 6.
  9. Lücke, Burgen und Gutshöfe, S. 115.
  10. Ahlers, Pfarrbuch 1909, S. 324 f.
  11. LkAH, S 1 H III, Nr. 414, Bl. 25; LkAH, L 5c, unverz., Reckershausen, Visitation 1950.
  12. LkAH, L 5c, unverz., Friedland, Visitation 1968.
  13. KABl. 1958, S. 93.
  14. LKA, G 15/Niedergandern-Hottenrode Bd. I, (Schreiben des KKV Göttingen-Süd an LKA Hannover, 11.06.1981); Anlass war die Neubearbeitung des Gemeindeverzeichnisses der Landeskirche Hannovers.
  15. KABl. 1982, S. 13.
  16. Lufen, Denkmaltopographie Altkr. Duderstadt, S. 234.
  17. Lücke, Burgen und Gutshöfe, S. 116.
  18. UB Reinhausen, Nr. 424; Lücke, Burgen und Gutshöfe, S. 115; Lufen, Denkmaltopographie Altkr. Duderstadt, S. 236.
  19. LkAH, B 2 G 9 B, Nr. 468, Bl. 1 und 3 f.