Frühere Gemeinde | Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Göttingen-Münden, Amtsbereich Göttingen | Patrozinium: Thomas | KO: Calenberger KO von 1569

Orts- und Kirchengeschichte

Im Jahr 1961 begann südwestlich der Göttinger Altstadt die Bebauung des Leinebergs, gelegen zwischen der Leine und der Bahnstrecke Göttingen–Kassel. Im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus entstanden hier 1.200 Wohneinheiten für etwa 4.000 Menschen.1 Im Bericht zur Visitation 1971 heißt es: „Ein verhältnismäßig großer Teil der Gemeindeglieder stammt aus dem Osten. Es handelt sich um auffallend viele kinderreiche Familien.“2 Der geographisch sehr geschlossene Stadtteil setzte sich Ende der 1980er Jahre aus zwei Bereichen zusammen: „Hochhäuser und Wohnblöcke kennzeichnen den einen, Eigentumsreihenhäuser im Bungalowstil den anderen“.3
Kirchliche gehörte das neue Wohngebiet zunächst zur Christus-KG Göttingen. Gottesdienste fanden in der Leinebergschule statt. Bereits 1962 beschloss der Gesamtverband Göttingen, dass die zu erbauende Kirche auf dem Leineberg den Namen „Martin-Luther-Kirche“ tragen sollte. Nachdem allerdings die alt-luth. Gemeinde ihr Gemeindehaus „Martin-Luther-Haus“ genannt hatte, machte er seine Entscheidung rückgängig.4 Eine „Abstimmung unter den evangelischen Bewohnern im Mai 1963“ brachte eine „beträchtliche Mehrheit“ für den Namen Thomaskirche.5 Der Göttinger Architekt Jochen Brandi (1933–2005) entwarf einen Sechseckbau mit hohem, pyramidenförmigem Dach und freistehendem Glockenturm. Als erster Bauabschnitt entstand 1967 ein Gemeindesaal, ein schlichter Rechteckbau mit Flachdach.
Zum 1. Januar 1968 errichtete das Landeskirchenamt die eigenständige „Ev.-luth. Thomas-KG Göttingen“; sie zählte knapp 2.980 Gemeindeglieder.6 Die neugeschaffene Pfarrstelle der Gemeinde übernahm P. Richard Engelhardt (amt. 1968–1976), der seit November 1967 als Pastor der Landeskirche auf dem Leineberg tätig war. In den folgenden Jahren ließ die Gemeinde Pfarrhaus, Gemeinderäume und Mitarbeiterwohnung errichten, die sich mit dem Gemeindesaal um einen atriumartigen Innenhof gruppierten. Die Kirchbaupläne stellte die Gemeinde zugunsten eines Kindergartens zurück (eröffnet 1972, vorher provisorisch). 1970 hatte der KV formuliert: „Wir wissen nicht, wie wir heute angesichts der Zerrissenheit durch Ideologien, konfessionelle Streitigkeiten und politische Lage, wie wir angesichts der Kriege und der Not in den meisten Ländern dieser Welt einen nur dem Gottesdienst vorbehaltenen Raum bauen können.“7
Für verschiedene Arbeitsbereiche – Soziales, Öffentlichkeit, Kindergarten, Jugendarbeit, Bau, Personal – richtete die Thomasgemeinde Ausschüsse ein, die „jeweils mit einigen Mitgliedern des Kirchenvorstandes, aber auch mit anderen Gemeindegliedern, die sachlich interessiert sind, besetzt“ waren.8 Dies habe „auch der Gemeinde Form gegeben“ resümierte der Sup. des KK Göttingen-Stadt nach der ersten Visitation 1971. Zudem hielt er fest: „Der Gottesdienst hat in dieser Gemeinde nicht eine isolierte Stellung, sondern ist sozusagen in das gesellige Leben der Gemeinde mit eingeschaltet“.9
Ebenfalls 1972 ging die Lukas-KG, Anstaltsgemeinde für das Niedersächsische Landeskrankenhaus und das Landesjugendheim, in der Thomasgemeinde auf. In diesem Zusammenhang erhielt die Thomasgemeinde eine zweite Pfarrstelle.10 Erster Inhaber war P. Jürgen Bartholdi (amt. 1972–1974); er wechselte 1975 als Pfarrer der Landeskirche auf eine neu eingerichtete Seelsorgestelle am Landeskrankenhaus. Im Bericht zur Visitation 1977 heißt es, die Integration von Lukas- und Thomasgemeinde sei nicht gelungen: „Die Gemeinden leben im wesentlichen nebeneinander her“.11 Die zweite Pfarrstelle der Thomasgemeinde blieb seit 1979 vakant.
Auch Ende der 1980er Jahre blieb das Fehlen eines Kirchengebäudes spürbar: „Es ist für eine Gemeinde einfach schlimm, wenn Gemeindeglieder auch nach 25 Jahren noch sich woandershin wenden, wenn sie einmal eine ‚richtige Kirche‘ wünschen, so bei Trauungen, auch für Konfirmationen und zu Weihnachten“, schrieb der Sup. des KK Göttingen-Stadt nach der Visitation 1989.12 Ende Oktober 1993 schließlich legte die Gemeinde den Grundstein für den Kirchenbau, im Dezember 1994 feierte sie die Einweihung ihrer neuen Thomaskirche. Die gleichzeitig angeschafften Glocken blieben vorerst im Vorraum stehen, bis die Gemeinde 1999 vor der Kirche einen offenen Glockenträger errichten ließ. 2007 wandelte der Kirchenkreis die Pfarrstelle in eine halbe Stelle um.
Im Jahr 2009 gründete sich auf Initiative der fünf Göttinger Innenstadtgemeinden St. Albani, St. Jacobi, St. Johannis, St. Marien und Thomas die Tobiasbruderschaft; sie trägt dazu bei, dass Verstorbene ohne Angehörige oder eigene Mittel würdig bestattet werden.13 2013 richtete das Landeskirchenamt eine pfarramtliche Verbindung zwischen St. Marien und Thomas ein. Im Jahr 2014 trat die Thomasgemeinde dem „Ev.-luth. Kindertagesstättenverband Göttingen-West“ bei; der Verband übernahm die Trägerschaft der gemeindeeigenen Kindertagesstätte (2026 erweitert und umbenannt in „Ev.-luth. Kindertagesstättenverband Göttingen-Münden“).14
Seit 2021 gehört die Thomasgemeinde zum „Ev.-luth. KGV Göttingen-Innenstadt“, der außerdem St. Albani, St. Jacobi, St. Johannis und St. Marien umfasst.15 Der Verband fördert die inhaltliche, personelle und finanzielle Kooperation der fünf Gemeinden und ist u. a. Träger der Tobiasbruderschaft sowie Herausgeber des Magazins „Kirche für die Stadt“. 2024 zählte die Thomas-KG knapp 880 Gemeindeglieder.
Zum 1. Januar 2026 schlossen sich die fünf Gemeinden des KGV Göttingen-Innenstadt zusammen und gründeten gemeinsam die „Ev.-luth. KG Göttingen-Mitte“.16

Pfarrstellen

I: 1968. – II: 1972–2013 (seit 1979 vakant, 2013 als dauervakante Pfarrstelle aufgehoben).17

Umfang

Südwestliche Teile der Stadt Göttingen (Leineberg). Seit 1972 auch die ehemalige Anstaltsgemeinde Lukas am Niedersächsischen Landeskrankenhaus.18

Aufsichtsbezirk

Mit Errichtung der KG 1968 zum KK Göttingen-Stadt. Ab 1. Januar 2001 KK Göttingen.19 Seit 1. Januar 2023 KK Göttingen-Münden, Amtsbereich Göttingen.20

Kirchenbau

Zweiteiliger Kirchsaal: nach Südosten rechtwinklig und niedriger, nach Nordwesten halbrund und höher, erbaut 1993/94 (Entwurf: Mathias Rüger, Büro Brandi + Partner, Göttingen). Nach Südosten schließt sich der 1967 erbaute Gemeindesaal an, nach Südwesten der verglaste Eingangsbereich. Begrünte Flachdächer, über dem Halbrund nach Nordwesten abfallend. Horizontales Oberlichtband nach Südosten, am Halbrund vertikales Fensterband nach Nordwesten. An der Ostseite halbrunder Anbau mit Oberlicht (Taufkapelle). Im Innern holzverschalte Decke im Halbrund.

Turm

Westlich der Kirche freistehendes, dreigeschossiges Stahlgerüst mit flachem Pyramidendach, bekrönt mit Kreuz, erbaut 1999. Glockenstube offen.

Ausstattung

Kastenförmiger Holzaltar (1994). – Hölzernes Wandkreuz (1994). – Lesepultartige Holzkanzel (1994). – Kubische Holztaufe (1994).

Orgel

Elektronium der Firma Ahlborn, erbaut um 1969, 13 I/P; 1996 noch vorhanden.

Geläut

Zwei LG, I: c’’, Inschrift: „O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort. Jer. 23,29“, II: es’’, Inschrift: „Einweihung der Thomaskirche 4.12.1994“ (beide Bronze, Gj. 1994, Firma Rincker, Sinn).

Weitere kirchliche Gebäude

Pfarrhaus mit Gemeinderäumen (Bj. 1970). – Gemeindesaal (Bj. 1967, Fertighaus Fabrikat Algomarik). – Kindergarten (Bj. 1972).

Friedhof

Im Norden des Gemeindegebiets liegt der kommunale Stadtfriedhof Göttingen.

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

B 2 G 9 Nr. 1024–1026 (Baupflege und Bauwesen); S 09 rep Nr. 1131 (Presseausschnittsammlung).

Literatur

A: Bielefeld, Orgeln, S. 252; Engelhardt, Kirchen, S. 94.

B: Richard Engelhardt: Die vier evangelisch-lutherischen Kirchengemeinden in der Weststadt, in: 100 Jahre Göttingen und sein Museum. Texte und Materialien zur Ausstellung im Städtischen Museum und im Alten Rathaus, Göttingen 1989, S. 187–196.


Fußnoten

  1. Böhme, Denecke u. a., Göttingen III, S. 310.
  2. LkAH, L 5c, unverz., Göttingen, Thomas, Visitation 1971.
  3. LkAH, L 5c, unverz., Göttingen, Thomas, Visitation 1989.
  4. LkAH, B 2 G 1, unverz., Göttingen, Thomas Bd. I, Bl. 1 ff.
  5. LkAH, B 2 G 1, unverz., Göttingen, Thomas Bd. I, Bl. 9a.
  6. KABl. 1968, S. 3 f.; LkAH, L 5c, unverz., Göttingen, Thomas, Visitation 1977.
  7. Zit. bei Engelhardt, Kirchen, S. 94.
  8. LkAH, L 5c, unverz., Göttingen, Thomas, Visitation 1971.
  9. LkAH, L 5c, unverz., Göttingen, Thomas, Visitation 1971.
  10. KABl. 1972, S. 121f.; Engelhardt, S. 193.
  11. LkAH, L 5c, unverz., Göttingen, Thomas, Visitation 1977.
  12. LkAH, L 5c, unverz., Göttingen, Thomas, Visitation 1989.
  13. Siehe https://tobiasbruderschaft.wir-e.de, 16.05.2025.
  14. KABl. 2014, S. 178 f.; KABl. 2025, S. 275.
  15. KABl. 2020, S. 205 ff.
  16. KABl. 2026, S. 24 ff. Der KGV wurde gleichzeitig aufgehoben.
  17. KABl. 1972, S. 121 f.; KABl. 2010, S. 156 ff. (Kirchengesetz zur Änderung des Finanzausgleichsgesetzes (FAG) und anderer Kirchengesetze, Art. 6).
  18. KABl. 1972, S. 121 f.
  19. KABl. 2000, S. 150 f.
  20. KABl. 2022, S. 189 ff.