Frühere Gemeinde | Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Göttingen-Münden, Amtsbereich Göttingen | Patrozinium: Frieden | KO: Calenberger KO von 1569
Orts- und Kirchengeschichte
Ab 1950 entstand im Nordwesten Göttingens mit der Gartenstadt auf dem Kleinen Hagen – später Hagenberg – eine neue Wohnsiedlung.1 1956 lebten hier etwa 3.000 Menschen. Der Ortspfarrer zählte sie vorwiegend zum Kleinbürgertum, „zu dem weitgehend auch die Arbeiter gerechnet werden müssen“. Charakteristisch sei zudem, dass die Gemeinde „zu 80 % aus Vertriebenen besteht, deren Landsmannschaften untereinander zusammenhalten“.2 Stärker als die Einheimischen seien sie kirchlich geprägt.3
Kirchlich bildete das Gebiet den nördlichen Teil des 1946 eingerichteten dritten Pfarrbezirks der St. Mariengemeinde. Die Pfarrstelle hatte P. Bruno Benfey (amt. 1946–1951) übernommen.4 Zum Gottesdienst versammelte sich die Gemeinde des Pfarrbezirks seit 1947 mindestens einmal im Monat auf dem Gelände des früheren Fliegerhorstes (Haus 94, später Haus 100).5 Monatliche erschien das Bezirksgemeindeblatt „Am Rande“.6 Die Gemeinde zählte 1950 etwa 5.000 Gemeindeglieder.
Nahe der Burgstelle der Königspfalz Grone entstand 1951 nach Entwürfen des Göttinger Architekten Diez Brandi (1901–1985) ein schlichtes Gemeindehaus mit Kirchsaal sowie Räumen für Kindergarten und Gemeindearbeit im Untergeschoss. Zum 1. Oktober 1951 schied der Pfarrbezirk aus der Mariengemeinde aus und machte sich als „Ev.-luth. Friedenskirchengemeinde Göttingen“ selbständig.7 Die neue Gemeinde übernahm von ihrer Muttergemeinde die mit P. Hans Helweg (amt. 1951–1974) besetzte zweite Pfarrstelle, P. Benfey blieb an St. Marien. Bereits zum 1. April 1954 verkleinerte sich die Friedensgemeinde: Für das Gebiet südlich des Hagenbergs errichtete das Landeskirchenamt Hannover die „Ev.-luth. Christus-KG Göttingen“; P. Helweg wechselte mit seiner Pfarrstelle zur Christusgemeinde, für die Friedensgemeinde wurde gleichzeitig eine neue geschaffen.8 Erster Inhaber war P. Gerhard Mercker (amt. 1952/54–1979, anfangs Hilfsgeistlicher). Bereits kurz nach ihrer Gründung hatte die Friedensgemeinde einen kirchlichen Kindergarten eröffnet und schnell gründete sich ein Kirchenchor. 1955 folgte ein Posaunenchor.
Der Kirchsaal war in den 1950er Jahren das einzige Zentrum der Wohnsiedlung Hagenberg: Gastwirtschaft oder Kino existierten nicht. Die kirchliche Arbeit berücksichtigte diese Situation und beschränkte sich nicht auf Gottesdienst, Konfirmandenunterricht und Bibelstunden. Vielmehr veranstaltete P. Mercker „des öfteren Gemeinde- und Ausspracheabende und bezieht auch den Film in seine Arbeit ein“ (Veranstaltungsreihe „Der Hagenberg trifft sich“).9 Die Zahl der Gemeindeglieder lag 1956 bei gut 2.550, 1962 bei 3.400.10 Im Rahmen der Partnerschaft zwischen der hannoverschen und der sächsischen Landeskirche unterhielt die Friedensgemeinde ab 1954 Kontakte zur St.-Nikolai-Thomas Kirchgemeinde Karl-Marx-Stadt (Chemnitz).11
Nach dem Bau des Pfarrhauses 1956 ergänzte die Gemeinde ihre Friedenskirche 1958 um einen freistehenden Glockenturm. In Trägerschaft eines von der KG gegründeten gemeinnützigen Vereins kam 1959 ein Studentenwohnheim hinzu (34 Betten). In den Semesterferien tagte hier die Gemeindeakademie, die im gleichen Jahr startete; die Veranstaltungen seien, wie P. Mercker 1962 schrieb, „ursprünglich als Bereicherung des Gemeindelebens gedacht“ gewesen, hätten „jetzt aber eine viel breitere Basis bekommen […]. Im Jahr werden 8 Tagungen durchgeführt, die allen Gemeindegliedern offenstehen“.12 Im Jahr 1966 eröffnete die Friedensgemeinde in einem weiteren Neubau eine Altenbegegnungsstätte (Stadtrand-Erholungsstätte „Haus der Begegnung“); Bauträger war wiederum der nun neu benannte „Gemeinnützige Verein zur Förderung des Studenten-Wohnheims sowie der Altentagesstätte ‚Haus der Begegnung‘ e. V.“.13 Das Gebäudeensemble neben der Friedenskirche trägt seit 2002 den Namen „Gerhard-Mercker-Begegnungszentrum“. Das ab 1961 erscheinende Gemeindeblatt „Der Hagenberg“ enthielt neben den kirchlichen Nachrichten auch die kommunalen; es trage „wesentlich dazu bei, das Gegeneinander von Bürgergemeinde und Christengemeinde zu überwinden und den Zusammenhalt in diesem Stadtteil zu stärken“.14 1966 führte die Gemeinde einen monatlichen Lektorengottesdienst ein, der „von der Gemeinde gern angenommen wurde“.15 Die vielfältige Gemeindearbeit in der Friedens-KG wurde in den 1970er Jahren von einem „sehr rührigen Helferinnenkreis getragen“.16
Mit dem Bau des Wohngebiets Holtenser Berg („Demonstrativbauvorhaben“17) im Norden der Gemeinde hatte 1968 ein weiterer Wachstumsschub eingesetzt (formal gehört das Gebiet bis 1985 zur KG Holtensen18). Im Jahr 1972 erhielt die Friedens-KG daher eine zweite Pfarrstelle, die als erster P. Dietrich Schreckenbach (amt. 1972–1973) übernahm, gefolgt von P. Harald Klemm (amt. 1974–1980); die Zahl der Gemeindeglieder erreichte 1974 rund 6.300.19 Die Friedensgemeinde richtete in der neuen Wohnsiedlung zunächst einen Kindergarten ein. 1974 eröffnete sie das „Kirchliche Kontaktzentrum Holtenser Berg“; an den Planungen waren auch die ref. Gemeinde und die kath. St.-Godehard-Gemeinde beteiligt, erstere übernahm zudem einen Teil der Baukosten.20 Zum 1. Juli 1987 schied der Pfarrbezirk Holtenser Berg aus der Friedens-KG aus; das Landeskirchenamt errichtete die eigenständige „Ev.-luth. Bethlehem-KG Göttingen“.21 Die neue Gemeinde übernahm einen Kindergarten und eine Pfarrstelle ihrer Muttergemeinde.
Die Gründung der Bethlehem-KG machte die Friedens-KG zur kleinsten KG des KK Göttingen-Stadt (1994: 1.420 Gemeindeglieder).22 In den 1990er Jahren verlegte die in Stadtakademie umbenannte Gemeindeakademie ihre Veranstaltungen aus dem Gemeindezentrum der Friedensgemeinde in den zentraler gelegenen Gemeindesaal der St.-Johannis-KG.
Im Jahr 2013 gehörte die Friedensgemeinde zu den Gründerinnen des „Ev.-luth. Kindertagesstättenverbandes Göttingen-West“; der Verband übernahm die Trägerschaft der ev. Kindertagesstätte der Gemeinde (2026 erweitert und umbenannt in „Ev.-luth. Kindertagesstättenverband Göttingen-Münden“).23 Zum 1. Januar 2023 schlossen sich die Friedens- und die Christusgemeinde wieder zusammen und gründeten gemeinsam die neue „Ev.-luth. Weststadt-KG Göttingen“.24
Pfarrstellen
I: 1951–1954 (übergegangen auf die Christus-KG. Neu errichtet 1954.25 – II: 1972–1987 (übergegangen auf die Bethlehem-KG).26
Umfang
Nordwestliche Teile der Stadt Göttingen: Hagenberg, bis 1954 auch Blümchenviertel (dann zur neuen Christus-KG), von 1985 bis 1987 auch Holtenser Berg (vorher KG Holtensen, aber versorgt von der Friedens-KG; nachher Bethlehem-KG.27
Aufsichtsbezirk
Bei Errichtung der KG 1951 zum KK Göttingen-Stadt. Ab 1. Januar 2001 KK Göttingen.28 Seit 1. Januar 2023 KK Göttingen-Münden, Amtsbereich Göttingen.29
Kirchenbau
Zeiteiliger, Schlichter Saalbau mit Gemeinderäumen im Untergeschoss, erbaut 1951 (Architekt: Diez Brandi, Göttingen). Asymmetrisches Satteldach. Ziegelmauerwerk. Rechteckfenster nach Norden, Fensterfläche nach Süden, kreuzförmiges Fenster nach Osten. Im Innern offener Dachstuhl, Altarnische, Westempore.
Fenster
Hinter dem Altar kreuzförmiges, farbiges Betonglasfenster (1966, Entwurf: Architekt Kimm, Braunschweig).
Turm
Nordöstlich der Kirche freistehender, querrechteckiger Turm im Flachdach, bekrönt mit Kreuz, erbaut 1958 (Architekt: Hans Hautsch, Göttingen). Ziegelmauerwerk. Im Glockengeschoss nach Norden, Süden und Westen hohes Betongitter mit Schallfenstern. Im Erdgeschoss offene Turmhalle mit Rundbogen nach Westen. 1999 Turmsanierung.
Ausstattung
Schlichter Altartisch mit hohem Kruzifix. – Ebenerdige, lesepultartige Kanzel aus Holz. – Wandteppich (Arche Noah).
Orgel
1952–56 Orgelneubau, ausgeführt von Paul Ott (Göttingen), 7 I/aP, mechanische Traktur, Schleifladen; Gehäuse und Prospekt entworfen von Wulf Knipping (Hagen), Brüstungsorgel, hinterspielig. 1973 erweitert auf 8 I/aP, Paul Ott (Göttingen). 2005/06 Orgelneubau, Werner Bosch (Niestetal), 18 II/P (HW, RP), mechanische Traktur, Schleifladen; Teile der Vorgängerorgel wiederverwendet (Gehäuse, Prospekt, Windlade).
Geläut
Drei LG, I: as’, Inschrift: „Christus ist unser Friede“; II: des’’, Inschrift: „ Friede sei in diesem Haus“; III: es’’, Inschrift: „Friede gegen jedermann“ (alle Bronze, Gj. 1963, Friedrich Wilhelm Schilling, Heidelberg). – Früherer Bestand: Eine LG, b’ (Bronze, Gj. 1746, Johann Christoph Dorling, Königsberg), Patenglocke aus Prawdinsk (Russland, bis 1946 Friedland in Ostpreußen).30 Eine LG, b’ (Bronze, Gj. 1925, Firma Radler, Hildesheim), aufgehängt in einem Glockengerüst vor der Kirche.31
Weitere kirchliche Gebäude
Pfarrhaus (Bj. 1955/56). – Gemeindezentrum mit Studentenwohnheim (Bj. 1958/59) und Altenbegegnungsstätte (Bj. 1965/66).
Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)
B 2 G 9 Nr. 997–998 (Baupflege und Bauwesen); S 09 rep Nr. 1136 (Presseausschnittsammlung).
Kirchenbücher
Taufen: ab 1952
Trauungen: ab 1952
Begräbnisse: ab 1952
Konfirmationen: ab 1952
Früher siehe Göttingen, St. Marien
Literatur & Links
A: Bielefeld, Orgeln, S. 93–96; Böhme, Denecke u. a., Göttingen, bes. III, S. 663–673; Engelhardt, Kirchen, S. 85.
B: Richard Engelhardt: Die vier evangelisch-lutherischen Kirchengemeinden in der Weststadt, in: 100 Jahre Göttingen und sein Museum. Texte und Materialien zur Ausstellung im Städtischen Museum und im Alten Rathaus, Göttingen 1989, S. 187–196; Gerhard Mercker: Es begann 1952… Eine evangelische Kirchengemeinde im gesellschaftlichen Wandel der Zeit, Göttingen 1986, ²2006.
Internet: Wikipedia: Friedenskirche (Göttingen); Wikimedia Commons: Friedenskirche (Göttingen).
Fußnoten
- Zum Wohnungsbau in Göttingen nach Ende des Zweiten Weltkriegs: Böhme, Denecke u. a., Göttingen III, S. 308 ff. Zur Friedensgemeinde vgl. Mercker, S. 7 ff.
- LkAH, L 5c, unverz., Göttingen, Frieden, Visitation 1956.
- Mercker, S. 14.
- Zu P. Benfey – bereits 1927–1937 Inhaber der zweiten Pfarrstelle an St. Marien und erneut 1951–1962 – vgl. Lindemann, Stellung, S. 104 ff., S. 310 ff., S. 346 ff., S. 792 ff.
- Engelhardt, S. 187.
- LkAH, L 5c, unverz., Göttingen, St. Marien, Visitation 1950.
- KABl. 1951, S. 117 f.
- KABl 1954, S. 29 f.
- LkAH, L 5c, unverz., Göttingen, Frieden, Visitation 1956; Mercker, S. 24 f. Vgl. auch ebd., S. 18: „Mir ging es um eine offene Gemeindearbeit, die sich nicht auf den traditionellen Rahmen der Gruppenarbeit beschränkte, kommunale Gemeindearbeit mit einbezog aber ihre Identität nicht verleugnete.“
- LkAH, L 5c, unverz., Göttingen, Frieden, Visitationen 1956 und 1962.
- Mercker, S. 48 ff. Allgemein: Cordes, Gemeindepartnerschaften, S. 38 ff.
- LkAH, L 5c, unverz., Göttingen, Frieden, Visitation 1962. Vgl. auch Mercker, S. 39 ff., S. 88 f. und S. 107 f.
- Mercker, S. 60 ff.
- LkAH, L 5c, unverz., Göttingen, Frieden, Visitation 1968; Mercker, S. 58 f.
- LkAH, L 5c, unverz., Göttingen, Frieden, Visitationen 1968 und 1974; Mercker, S. 74 f.
- LkAH, L 5c, unverz., Göttingen, Frieden, Visitation 1974.
- Böhme, Denecke u. a., Göttingen III, S. 310.
- KABl. 1985, S. 2.
- KABl. 1972, S. 7; LkAH, L 5c, unverz., Göttingen, Frieden, Visitation 1974.
- Mercker, S. 96.
- KABl. 1987, S. 95 f.
- LkAH, L 5c, unverz., Göttingen, Frieden, Visitation 1994.
- KABl. 2013, S. 49 ff.; KABl. 2025, S. 275.
- KABl. 2022, S. 171 f.
- KABl. 1951, S. 117 f.; KABl 1954, S. 29 f.
- KABl. 1972, S. 7; KABl. 1987, S. 95 f.
- KABl. 1985, S. 2; KABl. 1987, S. 95 f.
- KABl. 2000, S. 150 f.
- KABl. 2022, S. 189 ff.
- Hardege, Glockenneuerwerbungen, S. 38.
- LkAH, L 5c, unverz., Göttingen, Frieden, Visitation 1956.

