KapG der KG Bergkirchen (Ev.-Luth. Landeskirche Schaumburg-Lippe), Sprengel Hannover, KK Stolzenau-Loccum, Stiftsbezirk Loccum | Patrozinium: – | KO: Calenberger KO von 1569

Orts- und Kirchengeschichte

Urkundlich ist der Ort 1196 belegt, als Heinrich (V.) der Ältere von Braunschweig, Pfalzgraf bei Rhein, dem Kloster Loccum Land in Wincheslere übertrug.1 Seit 1225 kamen die Güter und Höfe in Winzlar nach und nach in den Besitz des Klosters.2 Winzlar zählte seit der zweiten Hälfte des 13. Jh. zum Gerichtsbezirk des Klosters Loccum (seit 1530 kaiserliches, freies Stift), die hohe Gerichtsbarkeit lag seit 1583 jedoch beim Amt Rehburg im welfischen Fsm. Calenberg (seit 1692 Kfsm. Braunschweig-Lüneburg bzw. „Kurhannover“).3 In französischer Zeit war Winzlar 1810 bis 1813/14 Teil des Kantons Rehburg im Distrikt Hannover des Aller Departements im Kgr. Westphalen. Danach gehörte der Ort, nun im Kgr. Hannover, zum Königlichen Gericht Loccum. 1852 kam dieses Gericht zum Amt Rehburg, welches wiederum 1859 im Amt Stolzenau aufging. Mit der Annexion des Kgr. Hannover fiel Winzlar 1866 an das Kgr. Preußen und kam bei Einführung der Kreisverfassung 1885 zum Kr. Stolzenau, der 1932 in den Kr. Nienburg/Weser eingegliedert wurde. 1974 wurde Winzlar in die Stadt Rehburg-Loccum eingemeindet. Um 1812 lebten gut 500 Menschen in Winzlar, 1895 knapp 660, 1950 rund 1.030 und 2019 gut 980 (Rehburg-Loccum: 10.265).

Kapelle, Blick zum Altar und zur Orgel, vor 1972

Kapelle, Blick zum Altar und zur Orgel, vor 1972

In einer Urkunde aus dem Jahr 1335 sind die parrochis Munchhusen et Winkesler belegt (Kirchspiele Münchhausen und Winzlar).4 Die Einwohner des vielleicht in der Hildesheimer Stiftsfehde (1519–1523) untergegangenen Dorfes Münchhausen siedelten sich vermutlich zum Teil auch in Winzlar an.5 Einzelheiten über Kirche und Gemeinde in vorref. Zeit sind nicht bekannt. Und auch der Beginn der pfarramtlichen Versorgung von Bergkirchen aus (Landeskirche Schaumburg-Lippe) lässt sich nicht mit Gewissheit bestimmen. Zumindest bestand die Verbindung schon 1588, als der Rehburger Amtmann sich erfolglos darum bemühte, das Dorf von Bergkirchen lösen und nach Rehburg umpfarren zu lassen.6
1740 errichteten die Winzlarer das bis heute erhaltene Kapellengebäude. Der Bergkirchener Pfarrer feierte hier dreimal im Jahr einen Abendmahlsgottesdienst, an den übrigen Sonntagen hielt der Winzlarer Lehrer einen Lesegottesdienst.7 1819 entschieden die Glieder der KapG Winzlar, an den bestehenden pfarramtlichen Verhältnissen festzuhalten und sich nicht nach Rehburg umpfarren zu lassen.8 Auf Wunsch der KapG Winzlar wurde 1901 ein monatlicher Gottesdienst eingerichtet, den Kandidaten aus dem Loccumer Predigerseminar übernahmen.9 Überlegungen in der zweiten Hälfte des 20. Jh., Bad Rehburg und die KapG Winzlar zu einer neuen KG zusammenzuschließen, blieben Theorie. Winzlar ist weiterhin Teil des Stiftsbezirks Loccum und der Landeskirche Hannovers, die pfarramtliche Versorgung obliegt jedoch der KG Bergkirchen in der Ev.-Luth. Landeskirche Schaumburg-Lippe. In den 1990er Jahren gehörten dem Winzlarer KapV der Bergkirchener Pfarrer als Vorsitzender an und der Loccumer Konventualstudiendirektor als geborenes Mitglied.10 Das Pfarramt Bergkirchen und das Kloster Loccum übernahmen pro Monat jeweils einen Gottesdienst in Winzlar. Anders als in den übrigen Gemeinden des Stiftsbezirks führt das Kloster Loccum in Winzlar keine Visitationen durch.11

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Wunstorf der Diözese Minden.12 – Nach der Reformation keine eigenständige Pfarre (KapG der KG Bergkirchen in Schaumburg-Lippe).

Kapellenbau

Rechteckiger Fachwerkbau mit kleinem Vorbau an westlicher Giebelseite, ausgerichtet nach Ostnordosten, erbaut 1740. Satteldach, nach Osten abgewalmt. Ziegelausfachung, an der Westseite des Vorbaus sechs kreuzförmig angeordnete Gefache verglast; westliches Giebeldreieck mit Pfannen behängt. Hochrechteckige Fenster an den Längsseiten (keine Fenster zwischen den fünf westlichen Ständern) und nach Osten; Portal am Vorbau und an der Südseite, darüber Inschrift: „Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnet. Anno 1740“ (Ps 26,8). Im Innern flache Decke mit seitlichen Vouten, Ostempore (Bereich unterhalb der Empore abgetrennt als Sakristei), Westempore. 1899 Renovierung. 1966 Sanierung. 1983/84 Sanierung (u. a. Vorbau errichtet, Dachreiter geschlossen, Außenputz und Verschalung des Westgiebels entfernt).

Turm

Im Westen vierseitiger, verschieferter Dachreiter mit vierseitigem Pyramidenhelm, bekrönt mit Kugel und Kreuz. Rechteckige Schallöffnungen mit horizontalen Lamellen.

Kapelle, Blick zum Altar und zur Orgel, nach 1973

Kapelle, Blick zum Altar und zur Orgel, nach 1973

Ausstattung

Schlichter, hölzerner Blockaltar. – Leicht erhöhte, hölzerne Kanzel, Wandungen des Kanzelkorbs ornamental bemalt, vor den Ecken Säulchen, an der Brüstung Inschrift: „Komm herein, du Gesegneter des Herrn! Warum stehst du draußen?“ (1 Mos 24,31). – Schlichter, hölzerner Taufständer. – An der Brüstung der Ostempore acht Gemälde mit Engelsdarstellungen. – Gemälde mit Abendmahlsdarstellung (barocke Bauernmalerei).

Orgel

Orgelneubau wohl 1862, vielleicht Eduard Meyer (Hannover), I/P, mehr als vier Register; aufgestellt auf der Ostempore über dem Altar. Orgelneubau 1972/73, Firma Hermann Hillebrand (Altwarmbüchen), 6 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen, ein Register der Vorgängerorgel wiederverwendet (Gedact 8’); Instrument aufgestellt auf der Ostempore über dem Altar.13 2008 Instandsetzung, ausgeführt von Orgelbau Jörg Bente (Suthfeld-Helsinghausen).

Geläut

Eine LG, fisʼʼ (Bronze, Gj. 15. Jh., Hans Meiger), frühgotische Form, Inschrift: Gießerzeichen.

Friedhof

Kirchlicher Friedhof bei der Kapelle, angelegt vor 1684, erweitert 2001.14

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

A 5 Nr. 594 (Spec. Landeskons.); E 5 Nr. 1159 (Konsistorialbaumeister); S 11a, Nr. 7964 (Findbuch PfA).

Literatur & Links

A: Dienwiebel, Ortsverzeichnis Hoya/Diepholz II, S. 556–557; Gade, Hoya und Diepholz II, S. 462–464; Peter, Kirchen, S. 23.
B: Konrad Droste: 800 Jahre Winzlar. Ortsgeschichte(n) zwischen Haarberg und Steinhuder Meer. 1196–1996, Rehburg-Loccum 1996.
Internet: Kapelle.


Fußnoten

  1. UB Loccum I, Nr. 24; Cal. UB III, Loccum, Nr. 26; Droste, S. 18 f.
  2. Gade, Hoya und Diepholz II, S. 463; Droste, S. 30 ff.
  3. Cal. UB III, Loccum, Nr. 964.
  4. UB Loccum I, Nr. 966; Cal. UB III, Loccum, Nr. 755.
  5. Droste, S. 34. Zur Geschichte der KapG Winzlar insgesamt vgl. ebd., S. 38 ff.
  6. Droste, S. 41. Die Erzählung, Winzlar sei erst nach Bergkirchen gewechselt, nachdem das Kloster Loccum die pfarramtliche Versorgung während eines Pestausbruchs im 17. oder 18. Jh. verweigert hatte (vgl. u. a. Peter, Kirchen, S. 23), trifft demnach nicht zu.
  7. Droste, S. 46. Abendmahlsgottesdienste fanden „am Freitag nach Ostern, am Freitag vor Weihnachten und zum Kirchweihfest am 24. August“ statt. Zur Schulgeschichte: ebd., S. 48 ff.
  8. Droste, S. 42: „Von nur 45 erschienenen Hauswirten stimmten 38 gegen und sieben für eine Umpfarrung nach Rehburg.“
  9. Droste, S. 42 und 47.
  10. Droste, S. 45.
  11. Droste, S. 44: „Auf vermeintlich alte Rechte wollte das Kloster 1988 mit der Ankündigung einer Kirchenvisitation zurückgreifen, was vom Bückeburger Konsistorium „mit Erstaunen“ vermerkt wurde und unterblieb.“
  12. Holscher, Bisthum Minden, S. 224.
  13. LKA, G 9 B/Winzlar Bd. I, Bl. 4 und 42 f.
  14. Droste, S. 46.