Sprengel Ostfriesland-Ems, KK Aurich | Patrozinium: Andreas (seit 1973)1 | KO: Ostfriesische KO von 1716

Orts- und Kirchengeschichte

In einer Beschreibung des Amtes Aurich aus dem Jahr 1735 bezeichnet Plaggenbörg eine Wüstung.2 Dieser Name ging auf die neue Moorkolonie über, die im Jahr 1777 von sechs Familien gegründet wurde, die Ende der 1730er Jahre die Pfalz verlassen und sich zunächst am Niederrhein angesiedelt hatten.3 Auch die benachbarten Moorkolonien Pfalzdorf (1803) und Dietrichsfeld (1830) entstanden als Pfälzerkolonien.4 Die drei Moordörfer gehörten zum Amt Aurich im Kgr. Preußen. In französischer Zeit zählten sie von 1807 bis 1810 zum Kgr. Holland und von 1810 bis 1813 zum Kaiserreich Frankreich (Département Ems-Oriental, Arrondissement Aurich, Kanton Aurich). Ab 1813 waren die Dörfer wieder preußisch und kamen 1815 zum Kgr. Hannover (Amt Aurich). 1972 wurden sie in die Stadt Aurich eingemeindet. Von 1900 bis 1969 besaß Plaggenburg einen Bahnhof (Kleinbahn „Jan Klein“, Leer–Aurich–Wittmund). Im Jahr 1786 lebten 55 Menschen in Plaggenburg, 1823 knapp 270, 1925 etwa 885, 1946 fast 1.190 und 2021 rund 1.445 (Dietrichsfeld: 1848 gut 155, 1925 etwa 465, 1946 fast 715, 2021 rund 785; Pfalzdorf: 1852 etwa 190, 2021 knapp 220).

Kirche, Ansicht von Nordosten, um 1955, Grafik

Kirche, Ansicht von Nordosten, um 1955, Grafik

Kirchlich gehörten die Pfälzer Siedlerfamilien der drei Moorkolonien Plaggenburg, Pfalzdorf und Dietrichsfeld zur Lamberti-KG Aurich.5 Mit dem Hilfsgeistlichen P. coll. Johann Harms Buß (amt. 1894–1895) erhielten die drei Dörfer Ende des 19. Jh. erstmals einen eigenen Prediger. Im Jahr 1899 gründete das Konsistorium Aurich für Dietrichsfeld, Pfalzdorf und Plaggenburg die KG Plaggenburg; die neue Gemeinde wählte einen eigenen KV, blieb jedoch vorerst mit der Lambertigemeinde verbunden. Den Vorsitz im KV hatte der erste Pastor an St. Lamberti inne, solange in Plaggenburg „eine selbständige Pfarr- oder Pfarrgehülfenstelle nicht errichtet ist“.6 Im Jahr 1904 konnten die Kirche und das westlich daran anschließende Pfarrhaus erbaut werden. Am Sonntag Jubilate feierte die Gemeinde, die seinerzeit etwa 950 Gemeindeglieder zählte, die Einweihung. Zur „Beschaffung der inneren Einrichtung der im Bau befindlichen Kapelle“ hatte das Konsistorium Aurich 1904 eine Beckenkollekte bewilligt.7 Mit der Einrichtung der eigenen Pfarrstelle zum 1. April 1930 trennte sich die KG Plaggenburg schließlich von ihrer Muttergemeinde St. Lamberti ab.8 Die neue Pfarrstelle übernahm der bisherige Hilfsgeistliche P. Otto Sierski (amt. 1925/30–1942). Im Jahr 1928 hatte er in der Gemeinde Plaggenburg einen Posaunenchor gegründet und einen Kirchenchor (1942 aufgelöst), in den 1930er Jahren bestand kurzzeitig auch ein Mandolinenkreis.9
Während der NS-Zeit schloss sich P. Sierski nach den Angaben im „Fragebogen zur Geschichte der Landeskirche von 1933 bis Kriegsende“ keiner der kirchenpolitischen Gruppierungen an und trat nicht in die NSDAP ein.10 Von den vier 1933 neugewählten Mitgliedern des KV gehörten zwei den DC an (einer 1938 amtsenthoben).11 In Pfalzdorf fanden einige Schulgottesdienst der DC statt („2-3 Mal“).12 Nach der Visitation 1938 beschrieb der Auricher Sup. die KG Plaggenburg als die „unkirchlichste Gemeinde des Kirchenkreises“.13
Die Zahl der Gemeindeglieder lag 1947 bei knapp 1.750.14 In der Nachkriegszeit lud P. Jakobus Raveling (amt. 1946–1976) zeitweise zu Gottesdiensten in den Schulen in Dietrichsfeld und Pfalzdorf ein; der Besuch hielt sich jedoch in Grenzen.15 Zudem fand in der Plaggenburger Kirche etwa alle zwei Wochen ein kath. Gottesdienst statt.16 Aufgrund von Neubauten und aufgrund der Umpfarrung des ehemaligen Gutsbezirks Meerhusen in die KG Plaggenburg vergrößerte sich die Gemeinde Ende der 1950er Jahre; die Zahl der Gemeindeglieder lag 1959 bei 2.020.17 1960 weihte die Gemeinde ein Gemeindehaus ein und nach der Visitation 1965 hielt der Sup. des KK Aurich fest: „Das kirchliche Leben nimmt zu.“18
Im Rahmen der Partnerschaft zwischen der hannoverschen und der sächsischen Landeskirche knüpfte die KG Plaggenburg Kontakte zur Kirchgemeinde Hammerunterwiesenthal im Erzgebirge.19 Nach der Renovierung der Kirche in den Jahren 1970 bis 1973 erhielt sie den Namen Andreaskirche.20 Ende der 1970er Jahre erweiterte sich die musikalische Arbeit der Gemeinde um einen Kirchenchor und einen Gitarrenkreis (beide 1979). Auf Initiative der KG Plaggenburg entstanden 1994 an der Pfälzerstraße insgesamt acht Seniorenwohnungen (Andreashörn); die Trägerschaft übernahm der neugegründete Diakonieverein.21

Umfang

Dietrichsfeld, Pfalzdorf und Plaggenburg. Seit 1958 auch der Gutsbezirk Meerhusen (bislang Lamberti-KG Aurich).22

Aufsichtsbezirk

Mit Gründung der KG 1899 zur 1. luth. Insp. in Ostfriesland (Aurich), seit 1924 KK Aurich.

Kirchenbau

Neugotischer Rechteckbau mit polygonaler Apsis, ausgerichtet nach Norden, erbaut 1904 (Johann Berger, Aurich). Im Westen schließt sich das Pfarrhaus an. Satteldach mit Schwan über dem Nordgiebel, Apsisdach nach Norden abgewalmt. Backsteinmauerwerk, Strebepfeiler. An der Ostseite des Schiffs vier Spitzbogenfenster, an der südlichen Giebelseite links und rechts des Turms je zwei hochliegende Spitzbogenfenster mit Kreisblende darüber, nördliche Giebelseite mit mehreren Blendnischen. An der Apsis Kreisfenster nach Osten und Westen sowie drei gestufte Spitzbogenfenster nach Norden. Im Innern trapezförmige, holzverschalte Decke im Schiff; zwischen Apsis und Schiff spitzer Triumphbogen mit Inschrift: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.“23; Südempore. 1970–73 Renovierung und Umgestaltung Innenraum (Dach erneuert, neue Fenster, Kirchenbänke durch Stühle ersetzt, neuer Altar, neue Kanzel, neuer Taufstein).

Fenster

Im Altarraum drei figürliche Spitzbogenfenster (um 1904, 1970/73 ausgebaut und größtenteils zerstört, 1984 ergänzt und wiedereingesetzt), im mittleren Kreismedaillon mit Christuskopf, ansonsten Weinranken. Im Altarraum zwei figürlich gestaltete Kreisfenster (1982, Firma Deppen, Osnabrück), Weinrebe, Ähre, Kelch und Oblate sowie Taube mit A und Ω. Im Schiff vier Buntglasfenster (2004, Entwurf: Gabriele Buismann, Plaggenburg; Ausführung: Peters, Paderborn), Durchzug durch das Rote Meer, Pfälzer Auswanderer begründen die Dörfer Plaggenburg, Pfalzdorf und Dietrichsfeld, spiralförmiger Weg mit Kreuz, Ostern; die vorherigen Fenster im Schiff hatte Max Herrmann (Oldenburg) 1972 gestaltet.

Turm

Querrechteckiger Südturm mit kupfergedecktem Satteldach und hohem, verkupferten Dachreiter, bekrönt mit Kugel und Kreuz. Im Glockengeschoss zwei spitzbogige Schallfenster nach Süden, je eines nach Westen und Osten; nach Süden Spitzbogennische mit Hauptportal, im Tympanon Christusmonogramm. 1972 Turm saniert (u. a. Spitze erneuert).

Ausstattung

Gemauerter Altarblock (1973, Max Herrmann, Oldenburg; Altarkreuz: Walter Arno, Seeth-Ekholt), mit umlaufendem Fries aus verformten Backsteinen. – Niedrige Kanzel mit gemauerter Brüstung (1973, Max Herrmann, Oldenburg, Kanzelaufsatz: Walter Arno, Seeth-Ekholt), mit umlaufendem Fries aus verformten Backsteinen. – Vierseitiger, gemauerter Taufstein (1973, Max Herrmann, Oldenburg, Taufschale: Walter Arno, Seeth-Ekholt), mit umlaufendem Fries aus verformten Backsteinen. – Hölzernes Buchpult, ursprünglich Taufständer (um 1904). – Zwei Tafeln: „Unsern 1914–1918 gefallenen Brüdern“ und „Ihren gefallenen Söhnen. Die Kirchengemeinde Plaggenburg 1939–1945“. – Ehemalige Ausstattung: Hölzerner Kastenaltar mit seitlichen Schranken.24 – Hohe Holzkanzel mit polygonem Kanzelkorb (um 1910).

Orgel

Orgelneubau 1906, ausgeführt von P. Furtwängler & Hammer (Hannover), 5 I/aP, pneumatische Traktur, Kegelladen (Opus 562).25 1954 Umbau und Änderung der Disposition, ausgeführt von Alfred Führer (Wilhelmshaven), pneumatische Traktur. 1983 Neubau des Orgelwerks, ausgeführt von Alfred Führer (Wilhelmshaven), 7 I/P, mechanische Traktur, Schleifladen; Gehäuse von 1905/06 erhalten.

Geläut

Zwei LG, I: gis’ (Bronze, Gj. 1922, Firma M & O Ohlsson, Lübeck); II: h’ (Bronze, Gj. 1966, Firma Rincker, Sinn); bis zur Anschaffung von LG II hatte die Kirche stets nur eine Glocke besessen.

Weitere kirchliche Gebäude

Pfarrhaus (Bj. 1904, baulich verbunden mit Kirche). – Gemeindehaus (Bj. 1960, 2006 erweitert).

Friedhof

Kirchlicher Friedhof in Plaggenburg, rund 100 Meter nördlich der Kirche, angelegt 1901, FKap (Bj. 1964), mit einer LG, h’’ (Bronze, Gj. 1965, Firma Rincker, Sinn).

Liste der Hilfsgeistlichen und Pastoren (bis 1940)

1894–1895 Johann Harms Buß. – 1895–1896 Wilko Heinrich Buß. – 1896–1901 Meint Janssen Gerjets. – 1901–1903 Otto Georg Wilhelm Messerschmid. – 1904–1907 Johannes Eberhard Bernhard Elster. – 1907–1910 Wilhelm Andreas Straten. – 1910–1913 Enno Gerhard Jannsen. – 1913–1920 Hermann Theodor Menz. – 1920–1925 Friedrich Wilhelm Müller. – 1925–1942 Otto Theodor Sierski, ab 1930 P.
Angaben nach: Meyer, Pastoren II, S. 274

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

A 5 Nr. 18, 21 (Spec. Landeskons.); A 12d Nr. 251, 385-1Digitalisat, 385-2Digitalisat, 385-3Digitalisat, 385-4Digitalisat (GSuptur. Aurich); D 80 (EphA Aurich); L 5i Nr. 42, 133, 270, 653 (LSuptur. Aurich); S 09 rep Nr. 1930 (Presseausschnittsammlung); S 11a Nr. 8131 (Findbuch PfA).

Kirchenbücher

Taufen: ab 1895
Trauungen: ab 1895
Begräbnisse: ab 1895
Kommunikanten: ab 1895
Konfirmationen: ab 1906

Literatur & Links

A: Orgelstadt Aurich, S. 69; Meyer, Pastoren II, S. 274; Otte/Rohde, Ostfriesland II, S. 498–499; Schoolmann, Kirchen, S. 113–116.
B: Anneus Buisman: Drei Dörfer – eine Kirche. Plaggenburg – Dietrichsfeld – Pfalzdorf. Fotobuch zum 100. Geburtstag der Andreas-Kirche, Aurich 2004; Dirk Hollander: 200 Jahre – Schule Plaggenburg, in: Pfälzer am Niederrhein. Heimatblätter für Geschichte, Brauchtum und Mundartpflege 10 (1977), S. 361–365; Gerd Rocker: Plaggenburg. Gründungs- und Entwicklungsgeschichte von 1777 bis 1803, in: Pfälzer am Niederrhein. Heimatblätter für Geschichte, Brauchtum und Mundartpflege 10 (1977), S. 326–358; Hinrich Schoolmann: Die ev.-luth. Andreaskirche zu Plaggenburg, in: Pfälzer am Niederrhein. Heimatblätter für Geschichte, Brauchtum und Mundartpflege 10 (1977), S. 359–361.
Internet: Historische Ortsdatenbank für Ostfriesland (https://bibliothek.ostfriesischelandschaft.de/hoo/): Ortsartikel Plaggenburg (.pdf), Ortsartikel Dietrichsfeld (.pdf).

GND

6122871-0, Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde (Plaggenburg)


Fußnoten

  1. Buisman, S. 31.
  2. HOO, Ortsartikel Plaggenburg (.pdf).
  3. Vgl. dazu Rocker, S. 326 ff.; Buisman, S. 6 ff. Ursprüngliches Ziel der pfälzischen Auswanderer war Amerika: „Nach Ausbruch des spanisch-englischen Seekrieges sperrten die Holländer ihre Grenzen und so blieb eine Gruppe Pfälzer, die auf dem Rhein in Richtung holländische Häfen unterwegs waren, vor der Grenze auf preußischem Boden am Niederrhein liegen.“ Sie siedelten sich bei Goch an, vgl. ebd., S. 22.
  4. HOO, Ortsartikel Dietrichsfeld (.pdf).
  5. Zum Folgenden: Schoolmann, S. 359 ff.
  6. KABl. 1899, S. 28 f.
  7. KABl. 1904, S. 14.
  8. KABl. 1930, S. 49.
  9. Buisman, S. 41 ff.
  10. LkAH, S 1 H III, Nr. 1011, Bl. 37r.
  11. LkAH, S 1 H III, Nr. 1011, Bl. 37v.
  12. LkAH, S 1 H III, Nr. 1011, Bl. 37r.
  13. LkAH, L 5i, Nr. 42 (Visitation 1938).
  14. LkAH, L 5i, Nr. 42 (Visitation 1947).
  15. LkAH, L 5i, Nr. 270 (Visitation 1959).
  16. LkAH, L 5i, Nr. 42 (Visitationen 1947 und 1953).
  17. LkAH, L 5i, Nr. 270 (Visitation 1959); KABl. 1958, S. 200.
  18. LkAH, L 5i, Nr. 270 (Visitation 1965).
  19. Buisman, S. 52. Allgemein: Cordes, Gemeindepartnerschaften, S. 38 ff.
  20. Schoolmann, S. 360.
  21. Buisman, S. 35.
  22. KABl. 1958, S. 200.
  23. Ursprünglich: „Kommt, denn es ist alles bereit“, später „Kommt, laßt uns anbeten und knien und niederfallen vor dem Herrn, der uns gemacht hat“, vgl. Buisman, S. 27 f.
  24. Abbildung: Buisman, S. 27.
  25. Pape/Schloetmann, Hammer, S. 116.