Sprengel Stade, KK Wesermünde | Patrozinium: Maria1 | KO: Keine Kirchenordnung

Orts- und Kirchengeschichte
Mulsum (Wurster Nordseeküste), Kirche, Außenansicht

Kirche, Ansicht von Südosten, Foto: P. Greve, Jöllenbeck, 1979

Schriftlich ist Mulsum erstmals 1304 als Herkunftsname belegt: Henricus de Mulsen zählte zu den Mitunterzeichnern eines Vertrags zwischen dem Land Wursten und der Stadt Bremen.2 Der Ort gehörte zum Land Wursten (universitas terre wursacie, urkundete 1238 als Landesgemeinde, im späten Mittelalter „faktisch selbständig“).3 Im Jahr 1524 unterwarfen Truppen des Bremer Ebf. Christoph (amt. 1511–1558) das Land Wursten endgültig (9. August 1524 letzte militärische Auseinandersetzung: „Schlacht um den Mulsumer Kirchhof“; 1525 Stader Frieden).4 Als Vogteigericht Land Wursten gehörte die Region nun zum Erzstift Bremen, dem weltlichen Territorium der Bremer Erzbischöfe. Nach Ende des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) blieb das Gebiet der säkularisierten Hochstifte Bremen und Verden unter schwedischer Herrschaft (vereinigte Herzogtümer Bremen-Verden). Im Großen Nordischen Krieg (1700–1721) besetzte Dänemark 1712 die Hzm. Bremen und Verden und 1715 konnte das welfische Kfsm. Braunschweig-Lüneburg (Kurhannover) die beiden Territorien erwerben (1719 von Schweden gegen weitere Zahlung anerkannt). In französischer Zeit zählte Mulsum im Jahr 1810 kurzzeitig zum Kgr. Westphalen und kam dann zum Kaiserreich Frankreich (Département des Bouches du Weser, Arrondissement Bremerlehe, Kanton Dorum 1811–1814). Ab 1815 war Mulsum, nun im Kgr. Hannover, wieder Teil des Vogteigerichts des alten Landes Wursten zu Dorum (seit 1819 nebst Amt Nordholz), das 1852 als Amt Dorum neu verfasst wurde. Mit der Annexion des Kgr. Hannover fiel der Ort 1866 an das Kgr. Preußen. Bei Einführung der Kreisverfassung 1885 kam Mulsum zum Kr. Lehe, der 1932 im Lkr. Wesermünde aufging; dieser wiederum ging 1977 im neuen Lkr. Cuxhaven auf. Ab 1974 zählte Mulsum zur Samtgemeinde Land Wursten, seit 2015 ist das Dorf Ortsteil der Einheitsgemeinde Wurster Nordseeküste. Zur sozialen Situation in Mulsum schrieb der zuständige Pfarrer 1967: „Etwa 50 % der Bevölkerung sind in der Landwirtschaft tätig, zum Teil nebenerwerblich. […] 50 % der Berufstätigen arbeiten in Handwerks- und Industriebetrieben in Bremerhaven und Cuxhaven, besonders auf den Werften.“5 Um 1810 lebten rund 160 Menschen in Mulsum, 1910 gut 410, 1950 fast 630 und 2017 etwa 540.

Mulsum (Wurster Nordseeküste), Kirche, Außenansicht

Kirche, Ansicht von Nordosten, vor 1939

Das älteste Zeugnis der Kirchengeschichte Mulsums ist das Kirchengebäude selbst, das auf die Mitte des 13. Jh. zurückgeht. Bei archäologischen Untersuchungen konnten zudem Spuren eines Vorgängerbaus festgestellt werden: Es handelte sich mutmaßlich um einen Tuffsteinbau etwa aus dem 11./12. Jh.6 Möglicherweise hatte Mulsum vor dem Bau einer eigenen Kirche zum Kirchspiel Dorum gehört.7 Schriftlich ist das Kirchspiel Mulsum erstmals 1331 belegt: Eine Urkunde nennt Gherhardum plebanum in Mulsum als Priester (sacerdos).8 Gut ein Jahrhundert später ist 1432 mit Hermen van Mulsum, kerchere to Mulsum ein weiterer Pfarrer namentlich belegt.9 Etwa aus seiner Zeit stammen die Schnitzfiguren des Mulsumer Altars; älter ist der kleine Taufkessel, der im 14. Jh. gefertigt wurde. Um 1500 ließ das Kirchspiel Mulsum seine Kirche nach Westen verlängern und außerdem den Glockenturm errichten. Eine Urkunde aus dem Jahr 1517 überliefert die Namen sampte hilgemans […] to Mulszem (aller Kirchenältesten Mulsums): Frederick Hannecke, Campe Edes, Campe Hanneckes und Noyeke Luteke.10 Die Inschrift der 1520 gegossenen Glocke nennt den Pfarrer (kark here) Mulsums her johan lvdeke fockkes und die karckswaren (Kirchengeschworenen) frederick eibes, campe edes, hanneke lvdeke, harre johan siades und johan dvrldes. Zu einem Konflikt um die Besetzung der Pfarre in Mulsum kam es 1522, als der Hzg. Magnus I. von Sachsen-Lauenburg († 1543) den Magister Heinemann Thuer als neuen Pfarrer präsentierte, der Archidiakon von Hadeln und Wursten jedoch bereits P. Johann Hars eingesetzt hatte.11 In der Mulsumer St. Marien-Kirche bestanden überdies ein Vikariat (St. Nicolai) und eine Kommende (St. Maria Magdalena). Neben Taufe und Altar stammen auch Kanzel und Lettner aus vorref. Zeit.

Mulsum (Wurster Nordseeküste), Kirche, Lettner, Kanzel

Kirche, Blick in den Chorraum, Foto: P. Greve, Jöllenbeck, 1979

Im Zeitalter der Reformation regierte mit Ebf. Christoph von Braunschweig-Lüneburg (amt. 1502–1558) zunächst ein entschiedener Gegner der luth. Lehre im Stift Bremen (und gleichzeitig im Stift Verden). Trotzdem fasste der Protestantismus während seiner Regierungszeit Fuß in den Gemeinden des Erzstifts.12 Ebf. Christophs Bruder und Nachfolger in beiden Bistümern, Ebf. Georg (amt. 1558–1566), duldete den neuen Glauben. Der Bremer Ebf. Heinrich III. von Sachsen-Lauenburg (amt. 1567–1585) schließlich war Protestant, verfolgte jedoch eine vorsichtige Kirchenpolitik. Im Erzstift Bremen hat sich, zugespitzt formuliert, „eine allmähliche Reformation“ vollzogen, „die meistens auf Gemeindeebene begann“.13 Im Land Wursten finden sich erste Anzeichen der luth. Lehre in den Jahren um 1530.14 In der ersten Hälfte der 1550er Jahre erhielten die Wurster Kirchspiele ev. Prediger. Die Agenda Wursatorum ecclesiastica offte handbook unde ordeninge der hilligen kerken im lande to Wursten, von der nur die Vorrede abschriftlich überliefert ist, stammte wahrscheinlich aus dem Jahr 1574.15

Mulsum (Wurster Nordseeküste), Kirche, Altar

Kirche, Blick in den Chorraum, Foto: P. Greve, Jöllenbeck, um 1980

Als erster luth. Prediger in Mulsum gilt P. Bertram Schramm (amt. 1554–1565). Lückenlos bekannt ist die Reihe der Mulsumer Pastoren erst seit der zweiten Hälfte des 17. Jh. Die Kommende ging 1621 in der Vikarie auf, die dann 1687 wegfiel.16 Ab 1617 ließ die Gemeinde ihre Kirche schrittweise neugestalten: Im Nord- und im Südjoch des Lettners, wo in vorref. Zeit vermutlich die Nebenaltäre gestanden hatten, fand das Juratengestühl seinen Platz (1617)17; der aufgearbeitete Flügelaltar erhielt eine neue Bekrönung und eine Predella mit niederdeutschen Inschriften zum Abendmahl (1621/22), die Taufe bekam einen neuen Deckel (1622), den Kanzelkorb zierten nun Bibelverse (1622) und Spenden von Gemeindegliedern ermöglichten den Bau einer Orgel (1624). Ebenfalls in dieser Zeit entstanden die Tafelbilder mit den allegorischen Darstellungen der Tugenden Glaube, Klugheit, Gerechtigkeit, Mäßigkeit und Hoffnung (Fides, Prudentia, Justitia, Temperantia, Spes).18
Anfang des 20. Jh. zählte die KG Mulsum knapp 390 Gemeindeglieder.19 Von 1914 bis 1918, von 1920 bis 1925 und erneut von 1927 bis 1934 war die Pfarrstelle vakant. Während der NS-Zeit waren P. Gerhard Jantzen (amt. 1934–1942) und P. i. R. Johannes Gewecke (amt. 1942–1958, Privatdienstvertrag) in Mulsum tätig; sie versahen zeitweise die Nachbargemeinde Padingbüttel mit. Nach den Angaben im „Fragebogen zur Geschichte der Landeskirche von 1933 bis Kriegsende“ gehörten beide nicht zur NSDAP und zählten kirchenpolitisch zur Hannoverschen Bekenntnisgemeinschaft.20 Zum 1933 neu gewählten KV heißt es im Fragebogen: „Alle Kirchenvorsteher, die 1933–1945 im Amte waren (4 an der Zahl) waren auf dem Papier Mitglieder der NSDAP und wurden in der 1933 üblichen Weise naiv als DC in Anspruch genommen. Sie haben aber alle an den Bekenntnisversammlungen des Jahres 1934 in Hannover teilgenommen und später treu mit dem Pfarramt und Gemeinde zum Bekenntnis gestanden.“21
Aufgrund des Zuzugs Geflüchteter stieg die Zahl der Gemeindeglieder nach Ende des Zweiten Weltkriegs von 350 im Jahr 1939 auf fast 600 im Jahr 1949 an und sank bis 1961 wieder auf 450 ab.22 Mit P. Heinz Wohlers (amt. 1959–1965) erhielt Mulsum noch einmal einen eigenen Pfarrer; P. Wohlers versah gleichzeitig die zweite Pfarrstelle Dorum mit, auf die er 1965 wechselte und nun umgekehrt einen Versehungsauftrag für Mulsum erhielt. Alle zwei Wochen hielt er einen Gottesdienst in der St.-Marien-Kirche Mulsum.23

Mulsum (Wurster Nordseeküste), Kirche, Taufkessel mit Sockel und Deckel

Taufkessel, Foto: P. Greve, Jöllenbeck (?), um 1980

Zum 1. Januar 1969 wandelte das Landeskirchenamt Hannover die KG Mulsum in eine Kapellengemeinde um und gliederte sie in die KG Dorum ein, gleiches geschah mit der KG Padingbüttel. Die Pfarrstellen der beiden ehemaligen KG wurden mit der zweiten Pfarrstelle Dorum vereinigt.24 In den Unterlagen zur Visitation des KK Wesermünde-Nord 1976 schrieb Sup. Jobst-Heinrich Ubbelohde (amt. 1964–1982), dass die „Verbindung von Dorum mit Mulsum und Padingbüttel unbedingt verändert werden muß“, denn es habe „sich erwiesen, daß jede Aufhebung von selbständigen Gemeinden ein Übel ist“.25 Zum 1. Januar 1978 folgte das LKA Hannover der Empfehlung und erhob die KapG Mulsum wieder zur Kirchengemeinde („Ev.-luth. St.-Marien-KG Mulsum“), ebenso die KG Padingbüttel.26 Beide Gemeinden blieben pfarramtlich mit Dorum verbunden. Noch 1990 schrieb der Stader LSup., der Versuch, die „Kirchengemeinden zu Kapellengemeinden herabzustufen, hat einen richtigen Schock hinterlassen“.27
Im Jahr 1989 zog wieder ein Pastor in das Pfarrhaus Mulsum ein, der für die Gemeinden Mulsum und Padingbüttel sowie für die Urlauberseelsorge im Land Wursten zuständig war.28 Auf Wunsch der Gemeinden Mulsum und Padingbüttel hob das Landeskirchenamt Hannover zum 1. August 1990 die pfarramtliche Verbindung mit Dorum auf und richtete ein verbundenes Pfarramt Mulsum-Padingbüttel ein.29 Zur KG Mulsum zählten 1990 etwa 390 Gemeindeglieder (Padingbüttel: 500). Die Regelung hatte nur wenige Jahre Bestand und ab dem 1. Januar 1996 war Mulsum pfarramtlich mit Wremen und Misselwarden verbunden (Pfarrsitz in Wremen); Padingbüttel kam erneut zu Dorum.30
Seit 2023 gehört die KG Mulsum zum neu errichteten verbundenen Pfarramt der Nordregion im KK Wesermünde; das Pfarramt umfasst drei Pfarrstellen und ist für die neun Gemeinden Cappel, Dorum, Midlum, Misselwarden, Mulsum, Nordholz, Padingbüttel, Spieka und Wremen zuständig.

Umfang

Mulsum sowie Barlinghausen. Lewing und Wierde. Außerdem Sachsendingen (teilweise).

Aufsichtsbezirk

Wohl Archidiakonat Hadeln-Wursten der Erzdiözese Bremen (im Stader Copiar nicht erwähnt).31 – Seit der Gründung des Kons. Stade 1651/52 gehörte Mulsum zur Präpositur des Landes Wursten. Bei der Neuordnung der Aufsichtsbezirke in den Hzm. Bremen und Verden 1827 zur Insp. Land Wursten, 1924 KK Land Wursten. 1940 zum neuen KK Wesermünde-Nord.32 Seit dessen Fusion mit dem KK Wesermünde-Süd zählt Mulsum seit 1. Januar 2013 zum KK Wesermünde.33

Patronat

Der Archidiakon von Hadeln und Wursten. Patronat 1522 vom Hzg. von Sachsen-Lauenburg beansprucht.34 Später lag das Patronat beim Landesherrn (bis 1871).

Kirchenbau

Rechteckiger Saalbau mit eingezogenem, etwa quadratischem Chor, erbaut um 1250. Satteldächer (ziegelgedeckt). Feld- und Tuffsteinmauerwerk mit Backsteinausbesserungen. An den Seiten des Schiffs je drei hochgelegene, überwiegend leicht spitzbogige Fenster, östlich und westlich davon je ein weiteres Fenster; am Chor je ein Fenster nach Norden und Süden, dreiteilige, gestufte Fenstergruppe nach Osten (rund- und spitzbogig); rundbogige Portale nach Norden und Süden, am Chor Rechteckportal nach Süden. Im Innern flache Balkendecke im Schiff, Gewölbe mit Bandrippen im Chor; zwischen Chor und Schiff dreijochiger Lettner mit spitzbogigen Arkaden, Säulen und Bandrippengewölbe; Westempore. Chorgewölbe ornamental ausgemalt (1939 entdeckt, 1974–78 obere der drei festgestellten Malschichten freigelegt), Blattranken mit Äpfeln, die Vorhangmalerei in Laibungen des Nord- und Südfensters aus dem 18. Jh. Um 1500 Schiff nach Westen verlängert und Lettner erbaut. Um 1521 Ständerstabwand über dem Lettner erbaut (Dendrodatierung).35 1621 Neuausmalung. 1704 neue Dachdeckung (Holzschindeln). 1765 Dach mit Steinen gedeckt. In den 1860er und 1870er Jahren Kirchen- und Turmdach mit blauem Schiefer gedeckt. Ende 19. Jh. Westempore erbaut. 1970–80 Renovierung.

Mulsum (Wurster Nordseeküste), Kirche, Außenansicht, Turm

Turm, Ansicht von Westen, vor 1939

Turm

Vierseitiger Westturm, erbaut um 1500. Verkupferter Turmhelm mit vierseitigem Ansatz und geschwungenem Übergang zu achtseitig ausgezogener Spitze, bekrönt mit Kugel und Wetterhahn. Backsteinmauerwerk, unterhalb der Traufe umlaufende, korbbogige Blendarkaden mit hellverputzten Füllungen, darunter nach Norden und Süden je ein Uhrziffernblatt. Nach Westen drei rundbogige Schallfenster (eins oben, zwei darunter), nach Norden und Süden je ein rundbogiges Schallfenster. Nach Westen spitzbogiges Portal, seitlich darüber zwei Kreisblenden. Nach Westen geschmiedete Inschriften: „H E Probst G[ustav] W[ilhelm] E[yel]m[ann]“ und „1775. J. J. B. M. H. B.“. 1695 Turmuhr ausgebessert (Jakob Kruse). Wohl um 1750 neuer Turmhelm erbaut, gedeckt mit Holzschindeln. 1775 Turm erneuert. 1849 Turm nach Blitzeinschlag repariert. In den 1860er und 1870er Jahren Kirchen- und Turmdach mit blauem Schiefer gedeckt. 1905 neue Turmuhr (J. F. Weule, Bockenem). 1918 neue Schieferdeckung. 1964 statische Sicherung, Glocken aus den westlichen Schallfenstern herausgenommen und umgehängt in neuen Glockenstuhl. 1989 Sanierung Westwand (Treibmineralien).

Vorgängerbau

Wohl etwas schmalerer Bau aus Tuffsteinen, möglicherweise 11./12. Jh.36

Ausstattung
Mulsum (Wurster Nordseeküste), Kirche, Altarretabel

Altaraufsatz, Foto: P. Greve, Jöllenbeck, um 1980

Blockaltar (gemauerter Stipes aus Backsteinen, Mensa aus Sandstein). Flügelretabel mit 21 Schnitzfiguren, farbig gefasst (um 1430; 1621 überarbeitet und eine Figur ergänzt, Bildhauer Michael Ringkmacher, Otterndorf, Maler Jochim Clasen, Otterndorf), in der Mitte große Figur der gekrönten Maria mit Jesuskind und zwei kleinen Engeln, links und rechts acht kleinere Apostelfiguren, zweireihig angeordnet; in den Flügeln je sechs Figuren (weibliche Heilige, Apostel, Bischöfe), zweireihig angeordnet; Gemälde auf den Rückseiten der Seitenflügel zerstört; oberhalb des Schreins Aufsatz mit Karyatidhermen und Gebälk, im rundbogigen Feld Inschrift: „Anno Chris. 1621 by levendes tidt M Erici Friesen Pastorn, H. Nicolai Helmers vicary, Eibe Siatz vagt Kerk und dickswaren und Adicke Harr Wilkens Kerk und Dickswaren is disse Tafel Gott ho Ehren und dem Caspel Mulssumbs thom besteh uppet nie vorbetert wedderumb angelecht und renoverert worden“; über den Seitenflügeln Bekrönungen mit jeweils einer Gemäldekartusche (weibliche allegorische Figur); in der Predella Inschriften: „So offt ir von diesem Brot esset, Vnd von diesem kelch trincket, solt ir des Herrn todt verkündige[n] bis das er komet. 1622. Welcher nü vnwirdig von diesen brot isset, oder von dem kelch des Hern trincket, der ist schüldig an dem leib vndt Blüt des Herrn. 1722“; Retabel war möglicherweise seit der Reformation bis 1621 auf dem Kirchenboden eingelagert.37Hohe hölzerner Wandkanzel (Anf. 16. Jh.) mit Aufgang und Schalldeckel (1746 erneuert), farbig gefasst, polygonaler Kanzelkorb mit Rechteckfüllungen, schlanke Konsole unterhalb des Kanzelkorbs ruht auf Kragstein; an den Wandungen des Kanzelkorbs Blumenornamente (1746) bzw. Inschriften (1622): „Ihr seid meine Freude, so ihr thut, was ich euch gebiete. Joh. XV.14“ und „Höre mein Volck ich will unter dir zeugen Israel du solt mich hören Psalm LXXX“; an der Unterseite des Pults Inschrift: „Betet für uns Hebr. XIII.18“; am Baldachin Inschriften: „Wir predigen nicht uns selbst, sondern Christum Jesum, dass er sey der Herr. 2. Cor. IV. 5“ und „Herrliche Dinge werden in dir geprediget du Stadt Gottes, Sela Psalm LXXXVII. 3“; Kanzel 1622 und 1746 umgestaltet. – Bleierner Taufkessel (14. Jh.), glockenförmig, drei weibliche Trägerfiguren, am oberen Rand zwei weibliche Köpfe; achtseitiger, pyramidenförmiger Deckel (1622, Holz, farbig gefasst), Inschrift: „Es sey denn, daß jehmand geboren werde aus dem Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Joh 3[5] Anno 1622“; Kessel steht auf einem steinernen Sockel. – Hölzerne Kreuzigungsgruppe, farbig gefasst (erste Hälfte 16. Jh.). – Hölzerner Marienfigur (Anfang 16. Jh.), farbig gefasst, Mondsichelmadonna mit Strahlenkranz. – Zwei runde Sandsteinreliefs (um 1500), Madonna, Anna selbdritt; bis 1989 außen an der Westseite des Turms. – Fünf Gemälde (Anfang 17. Jh., Öl auf Holz, vielleicht Jochim Clasen, Otterndorf), Tugendfiguren (Fides, Prudentia, Justitia, Temperantia, Spes).38 – Gemälde (Anfang 17. Jh., Öl auf Holz), auferstandener Christus. – Zwei Inschriftentafeln: „Anno Christi 1624: Dem Allmechtigen Gott thon Ehre[n] Vndt dem Carspel Mulsen Thom besten iß diße Orgell gebuwet vndt angelecht worden bi lebendes tiden M. Erici Fresen Pastoris vndt H. Nicolai Helmeri vicarii, ock Eiiben Siates Vagets, Har Iohan Eiibes, Frederich Siade Harringes Karckgeswarn“, es folgt eine Liste der Spender.39 – Zwei hölzerne Chorstühle (um 1570), farbig gefasst, Pultgestühl, Front mit Roll- und Faltwerk. – Dreisitziger Chorstuhl (1590), Holz, farbig gefasst, mit Porträtmedaillons. – Juratengestühl (1617), Holz, farbig gefasst; Inschriften am Gesims (Majuskeln): „De 25 Psalm. Na dihrre for langet mi min Go tick hop vp di lat mi nicht tho Schanden werden dat sick muine Fiende nicht froven aver mi. 54 Psalm. Help mi Got dorch dinen Namen vnde schaffe mi Recht dorch dine Gewalt. M. H. B. Anno 1617“ und „Johannes am 3. Also hefft Godt de Welt gelefet dat he sinen einigen Sone gaf up dat alle de an ene geloven nicht forlaren werden svnder dat evig lefent hebben“; Gestühl stand bis 1970/80 im nördlichen und südlichen Joch des Lettners. – Östliche Prieche an der Nordwand (um 1700), am Gesims zwei Wappen „Sel. Hr. Landesvorstehers Eide Eibes“, „Sel. Fr. Imme Eibe, gebohrne Lübsen“. – Westliche Prieche an der Nordwand (um 1800). – Hölzerner Opferstock mit Eisenbeschlägen (wohl um 1600). – Grabplatte für die Eheleute Frers († 1615 und † 1617), mit Relief der Verstorbenen in Wurster Tracht.

Orgel

1624 Orgel erbaut, Orgelbauer unbekannt. 1895 Orgelneubau, ausgeführt von den Gebr. Peternell (Seligenthal), 15 II/P, mechanische Traktur, Kegelladen. 1957 Reparatur, Alfred Führer (Wilhelmshaven). 1982 Instandsetzung, Martin Haspelmath (Walsrode). 1991 bei Brand beschädigt. 1994 Instandsetzung, Martin Haspelmath (Walsrode). 2010 Instandsetzung, Bartelt Immer (Norden). Denkmalorgel.

Mulsum (Wurster Nordseeküste), Kirche, Glocke, Zeichnung

Glocke, fis’ (Bronze, Gj. 1520, Hinrich Kock), Zeichnung vor 1939

Geläut

Zwei LG, I: cis’ (Bronze, Gj. 1586, Brum Hemminckhusen, Lübeck), Inschriften (Majuskeln): „Mi heft dem ewigen waren Godt unde Hern dat Karspel Mulsum laten geten tho Eren. H[er] Johan Simers P[astor]. Har Johan Ibes Vaget. Anno 1586“, „D. godt v. M. Brvn Hemminck husen, Lydeke Tantes Adeke, Johann Hannick Siates, Ibe Hannick Johan Adekes, Tante Alverick Fredericks Karekswaren“ und „Lvdeke Adekes. Johan Fredrick Egges. Ide Ibes. Har Ibes[?] Achte. D. V. P. V. M. Har Willicks, Camp Lvbbes“, Bild: Kreuzigungsgruppe, Glocke im Zweiten Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgegeben (1942), nicht eingeschmolzen und seit November 1947 wieder in Mulsum, Glocke 1967 saniert (Firma Lachenmeyer, Nördlingen); II: fis’ (Bronze, Gj. 1520, Hinrich Kock), Inschrift (Minuskeln): „anno d[omi]ni m ccccc xx anna bin ick gheheten dat kaspel to mulsem heft mi gheten. in den namen Jesu christi ghoet hinrick kock mij bi tide des kark here her johan lvdeke fockkes vn karckswaren frederick eibes, campe edes, hanneke lvdeke, harre johan siades, johan dvrldes“, Bilder: Maria mit Kind sowie Anna selbdritt. – Früherer Bestand: Eine LG (Bronze, Gj. 1431), Inschrift: „Anno d[omi]ni m cccc xxxi factum est in honorem marie virginis in mulsum“ (Im Jahre des Herrn 1431 gefertigt in Mulsum zu Ehren der Jungfrau Maria); 1825 geborsten und später umgegossen zu einer neuen LG (Bronze, Gj. 1839, Johann Philipp Bartels III, Bremen), Inschrift: „Psalm 116. V. 1. Das ist mir lieb dasz der Herr…“, Psalm 50 V. 5 Versammelt mir…“, „Aus dem Metalle einer 1825 geborstenen Glocke vom Jahre 1431 ist diese Glocke 1839 als C. W. F. Mattfeld Pastor, H. T. D. Huszmann und GH. F. Carstens Kirchiuraten waren gegossen worden“, „Mulsum“ und „von Bartels in Bremen“. Glocke im Zweiten Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgegeben.40

Friedhof

Kirchlicher Friedhof bei der Kirche.

Weitere kirchliche Gebäude

Pfarrhaus (Bj. 1931).

Liste der Pastoren (bis 1940)
Mulsum (Wurster Nordseeküste), Kirche, Kanzel

Kanzel, vor 1939

1554–1565 Bertram Schramm. – 1565–1570 Dietrich Sartorius. – 1577–1586 Johann Siemers. – 1621, 1624, 1628 Magister Erich Frese.41 – 1629 Friedrich Philipp Clodius. – 1630–16.. Johann Leander. – 1649–16.. Clamer Knippenberg. – 16..–1674 Joachim Rudolphi. – 1675–1679 Magister Lüder Westing. – 1687–1713 Ernst Wolders. – 1715–1727 Johann Georg Krauchenberg. – 1728–1746 Peter Kolster. – 1746–1750 Johann Georg Meyer. – 1750–1783 Gustav Wilhelm Eylmann. – 1783–1802 Johann Ludwig Klefeker. – 1802–1817 Peter Christoph Krull. – 1817–1829 Johann Friedrich Goebel. – 1830–1846 Karl Wilhelm Ferdinand Mattfeld. – 1839–1844 Dietrich Georg Wilhelm von Horn (P. adj.). – 1847–1851 Christian Friedrich Büggel. – 1852–1884 Julius Friedrich Tolle. – 1884–1889 Karl Johann Friedrich Brokate. – 1891–1908 Jürgen Fittschen. – 1908–1914 Karl Friedrich Johann Leymann. – 1918–1920 Heinrich Friedrich Reinhold Hübbe. – 1925–1927 Bruno Benfey. – 1934–1942 Eibe August Gerhard Jantzen.

Vikariat St. Nicolai, Kommende St. Maria Magdalena: 1586 Johann Ibs.42 – Bis 1606 Lubertus Peeks (Preks).43 – 1606–1618 Hinrich Hepstedt. – 1621 Henning Frederichs. – 1621, 1624, 1629 Nikolaus Helmers.44 – 1639 Johann Rudolphi.45 – 1662 Magister Johann Münstermann. – 1679–1687 Hinrich Diekmann.

Angaben nach: Meyer, Pastoren II, S. 162–163 (mit Korrekturen)

Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)

A 2 Nr. 1024–1032 (Pfarroffizialsachen); A 6 Nr. 5764–5769 (Pfarrbestallungsakten); A 9 Nr. 2576Digitalisat, 2577Digitalisat, 2700Digitalisat, 2701Digitalisat (Visitationen); B 2 G 9 Nr. 2125–2127 (Baupflege und Bauwesen); G 9 B Nr. 448 (Orgel- und Glockenwesen); D 63 (EphA Wesermünde-Nord); L 5 g Nr. 157, 236, 912, 922 (LSuptur. Stade); S 09 rep Nr. 1718 (Presseausschnittsammlung); S 11a Nr. 8076 (Findbuch PfA).

Kirchenbücher

Taufen: ab 1697
Trauungen: ab 1715
Begräbnisse: ab 1715
Kommunikanten: ab 1715
Konfirmationen: ab 1784 (Lücken: 1807–1829)

Literatur & Links

A: 50 Jahre KK Wesermünde-Nord, S. 47–49; Böker, Denkmaltopographie Lkr. Cuxhaven, S. 249–250; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 961–962; Diederichs-Gottschalk, Kirchenumgestaltung, S. 165–201; Grote/van der Ploeg/Kellner, Wandmalerei, Katalogband, Nr. 196; Haiduck, Kirchenarchäologie, S. 210–212; Haiduck, Wursten, S. 62–69; Kiecker/Lehe, KD Kr. Lehe, S. 152–164; Körtge, Kirchenglocken, S. 193; Mithoff, Kunstdenkmale V, S. 67–68; Pape, Haspelmath, S. 162–164; Pratje, Bremen und Verden VII, S. 344–349 [Digitalisat]; Weiberg, Niederkirchenwesen, S. 123; Wiebalck, Kirche Wurstens, S. 128.

B: Matthias Dichter: Vertrautes Läuten seit 500 Jahren. 1520 wurde die Annenglocke von St. Marien in Mulsum gegossen, in: Niederdeutsches Heimatblatt 7/2020, Nr. 847, S. 1–2 [.pdf online]; Erika Friedrichs & Klaus Friedrichs: Das Familienbuch des Kirchspiels Mulsum. 1697 bis 1900, [Bremerhaven] 2001; Willy Klenck: Das Dorfbuch von Mulsum im Lande Wursten, Kreis Wesermünde in Niedersachsen (= Niedersächsische Ortssippenbücher 1; Deutsche Ortssippenbücher. Reihe A 16), Frankfurt am Main 1959; Gerd Schürmann: St. Marien-Kirche Mulsum. Kirchenführer, Bremen [um 2000].

Internet: Bildindex der Kunst & Architektur: Kirche und Ausstattung; Denkmalatlas Niedersachsen: Kirche, Kirchhof; Kirchwurt; Pfarrhaus; Nomine (Norddeutsche Orgelmusikkultur in Niedersachsen und Europa): Orgel; Wikipedia: St. Marien (Mulsum).

GND

1243766972, Ev.-luth. St. Marien-Kirchengemeinde Mulsum; 1243767421, Sankt Marien (Wurster Nordseeküste).

Weitere Bilder



Fußnoten

  1. Hennecke/Krumwiede, Kirchen- und Altarpatrozinien I, S. 46.
  2. Bremisches UB II, Nr. 37 [Digitalisat].
  3. UB Hamburg I, Nr. 514 [Digitalisat]; Dannenberg & Schulze, Geschichte II, S. 204 (Zitat).
  4. Lehe, Geschichte, S. 227 ff. und S. 244 ff.
  5. LkAH, L 5g, Nr. 236 (Visitation 1967).
  6. Haiduck, Kirchenarchäologie, S. 212.
  7. Lehe, Geschichte, S. 179.
  8. UB Neuenwalde, Nr. 37.
  9. UB Neuenwalde, Nr. 143. Bei anderen Nennungen ist nicht klar, ob Mulsum (Kutenholz) oder Mulsum (Wurster Nordseeküste) gemeint ist, siehe RG Online, RG II 00762, http://rg-online.dhi-roma.it/RG/2/762, RG Online, RG VI 03416, http://rg-online.dhi-roma.it/RG/6/3416 oder RG Online, RG IV 13055, http://rg-online.dhi-roma.it/RG/4/13055, 06.05.2025.
  10. UB Neuenwalde, Nr. 198.
  11. Kiecker/Lehe, KD Kr. Lehe, S. 153.
  12. Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 7,1, S. 7, resümiert: „beinahe das ganze Erzstift“ wurde lutherisch; Otte ist vorsichtiger und hält fest, es bleibt „für diese Jahre weiterhin schwierig zu beurteilen, ob der einzelne Prediger evangelisch predigte oder altgläubig“, da die Pfarrer – nicht zuletzt mit Blick auf Erhalt der eigenen Pfründe – mitunter „zweideutig“ agierten (Dannenberg/Otte, Reformation, S. 32). Für einen knappen Überblick zur Reformation im Erzstift Bremen vgl. Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 7,1, S. 7 ff. sowie die Beiträge in Dannenberg/Otte, Reformation.
  13. Dannenberg/Otte, Reformation, S. 38.
  14. Zur Reformation im Land Wursten: Wiebalck, Kirche Wurstens, S. 109 ff.; Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 7,1, S. 9 ff.
  15. Sehling, Kirchenordnungen 16. Jh. Bd. 7,1, S. 9 und 16 f.
  16. Diederichs-Gottschalk, Kirchenumgestaltung, S. 167.
  17. Diederichs-Gottschalk, Kirchenumgestaltung, S. 175 f.
  18. Diederichs-Gottschalk, Kirchenumgestaltung, S. 167 f.
  19. Ahlers, Pfarrbuch (1909), S. 184.
  20. LkAH, S 1 H III, Nr. 820, Bl. 16. Allgemein zum Fragebogen vgl. Kück, Ausgefüllt, S. 341 ff.
  21. LkAH, S 1 H III, Nr. 820, Bl. 16.
  22. LkAH, S 1 H III, Nr. 820, Bl. 16; LkAH, L 5g, Nr. 236 (Visitationen 1949 und 1961).
  23. LkAH, L 5g, Nr. 236 (Visitation 1967).
  24. KABl. 1969, S. 10.
  25. LkAH, L 5g, Nr. 157 (Visitation 1976).
  26. KABl. 1978, S. 4 f.
  27. LkAH, L 5g, unverz., Mulsum, Visitation 1989.
  28. 50 Jahre KK Wesermünde Nord, S. 49.
  29. KABl. 1990, S. 86; LkAH, L 5g, unverz., Padingbüttel, Visitation 1989.
  30. KABl. 1996, S. 30.
  31. Hodenberg, Stader Copiar, S. 54 [Digitalisat ].
  32. KABl. 1940, S. 54.
  33. KABl. 2012, S. 311 f.
  34. Kiecker/Lehe, KD Kr. Lehe, S. 152.
  35. Böker, Denkmaltopographie Lkr. Cuxhaven, S. 250.
  36. Haiduck, Wursten, S. 63 f.; Haiduck, Kirchenarchäologie, S. 212.
  37. Diederichs-Gottschalk, Kirchenumgestaltung, S. 178 ff.
  38. Diederichs-Gottschalk, Kirchenumgestaltung, S. 198 ff.
  39. Diederichs-Gottschalk, Kirchenumgestaltung, S. 196 ff.
  40. Schürmann, S. 5.
  41. NLA ST Rep. 5b Nr. 1447.
  42. Pratje, Bremen und Verden VII, S. 348 [Digitalisat].
  43. NLA ST Rep. 5b Nr. 4047; Pratje, Bremen und Verden VII, S. 348 [Digitalisat].
  44. NLA ST Rep. 5b Nr. 1449; Pratje, Bremen und Verden VII, S. 348 [Digitalisat].
  45. NLA ST Rep. 5b Nr. 4047.