Frühere Gemeinde | KapG der KG Parensen | Sprengel Hildesheim-Göttingen, KK Göttingen-Münden, Amtsbereich Münden | Patrozinium: Johannes1 | KO: Calenberger KO von 1569
Orts- und Kirchengeschichte
Schriftlich ist der kleine Ort erstmals 1333 als to dem Luettekerode belegt.2 Das Dorf gehörte zum Herrschaftsbereich der Familie von Hardenberg, die ihre Besitztümer als Lehen der Ebf. von Mainz inne hatten (Burg Hardenberg seit 1357 im Pfandbesitz). Rechte und Besitz in Lütgenrode hatten die Hardenberger 1333 der Familie von Hanstein abgekauft. Eine frühe, eher stilisierte Ortsansicht ist auf einer Karte aus der zweiten Hälfte des 16. Jh. überliefert (um 1570, Lutkenroda).3 Territorial gehörte das Herrschaftsgebiet der Hardenberger seit 1607 zum welfischen Teilfsm. Calenberg-Göttingen („Kernlande Hannover“, 1692: Kfsm. Braunschweig-Lüneburg bzw. Kurhannover); die Gerichtsbarkeit lag bei der Familie von Hardenberg (Patrimonialgericht Hardenberg). In französischer Zeit gehörte Lütgenrode von 1807 bis 1813/14 zum Kgr. Westphalen (Kanton Nörten, Distrikt Göttingen, Leine-Departement). Seit 1815 zählte der Ort, nun im Kgr. Hannover, erneut zum restituierten Patrimonialgericht Hardenberg, später umgewandelt in das Königliche Gericht Hardenberg (1851: Amt). Das Amt Hardenberg ging 1852 im neuen Amt Nörten auf, das bereits 1859 in das Amt Northeim eingegliedert wurde. Mit der Annexion des Kgr. Hannover fiel Lütgenrode 1866 an das Kgr. Preußen. Bei Einführung der Kreisverfassung 1885 kam der Ort zum Lkr. Northeim (neugebildet 1974). 1974 wurde Lütgenrode in den Flecken Nörten-Hardenberg eingemeindet. Zur Sozialstruktur von Lütgenrode (und der Muttergemeinde Parensen) schrieb der Ortspastor 1968: „Die Gemeinde besteht vorwiegend aus Arbeitern und Handwerkern (viele Pendler). Ein großer Teil betreibt nebenberuflich etwas Landwirtschaft. Nur wenig Gewerbetreibende und Akademiker (in den letzten Jahren nur 1 Abiturient!).“4 Um 1810 lebten gut 270 Menschen in Lütgenrode und 2024 etwa 390.
Ältestes Zeugnis der Kirchengeschichte Lütgenrodes ist das Kapellengebäude, dessen älteste Teile (im Osten des Gebäudes) vermutlich auf die erste Hälfte des 14. Jh. zurückgehen. Kirchlich gehörte Lütgenrode wohl von Anfang an zur Parochie Nörten.5 Die Kapelle ist vermutlich 1486 teilweise zerstört und anscheinend erst in nachref. Zeit erneuert worden.6
Während der Reformation wandte sich das hardenbergische Dorf Lütgenroder anscheinend dem bereits luth. Kirchspiel Parensen im Fsm. Calenberg-Göttingen zu.7 Das formal weiterhin für die Kapelle zuständige Stift St. Peter in Nörten, das dem Erzbistum Mainz unterstand, verblieb beim alten Glauben. Das Mainzer Rad unter der Bauinschrift, die an den Wiederaufbau der Kapelle im Jahr 1592 erinnert, unterstreicht den mainzischen Anspruch. Auch nachdem der Westfälische Frieden die stiftischen Rechte bestätigt hatte, predigte und taufte der luth. Pfarrer aus Parensen gelegentlich in Lütgenrode.8 Laut einem Bericht aus dem Jahr 1720 predigte ein kath. „Geistlicher aus Nörten […] jährlich am Neujahrs- und am Kirchweihrage in Lütgenrode, wo die Zahl der Katholiken damals nur noch 14 betrug“.9 Der Nörtener Kanoniker und Geschichtsschreiber Johann Wolf (1743–1826) merkte 1799 an, die Stolgebühren für Taufen, Trauungen und Beerdigungen, die an den kath. Pfarrer zu zahlen waren, seien äußerst gering und die Lütgenroder hätten „nie Lust [gehabt], hoeher Stolgebuehren an Fremde zu bezahlen“. Daher nahm der kath. Pfarrer alle Amtshandlungen vor, „obgleich der ganze Ort, eine Haushaltung ausgenommen, Lutherisch ist“.10
Ab 1808 lag die Zuständigkeit für „die sämtlichen geistlichen Handlungen in Lütgenrode“ beim luth. Pfarramt Parensen. Ab 1815 gehörte die KapG Lütgenrode formal zum Kirchspiel Großenrode, die Gemeinde besuchte „des näheren Weges halber“ jedoch die Kirche in Marienstein, die pfarramtlich mit Parensen verbunden war (mater combinata).11 1904 pfarrte das Konsistorium Lütgenrode nach Marienstein um.12 In Lütgenrode fanden jährlich drei Gottesdienste statt: im Frühjahr, im Herbst und Ende August (1909).13 Nach Aufhebung der pfarramtlichen Verbindung von Marienstein und Parensen im Jahr 1930 blieb Lütgenrode bei Parensen.14 Mittlerweile fand zweimal im Monat ein Kapellengottesdienst in Lütgenrode statt.15
Aufgrund des Zuzugs Geflüchteter nach Ende des Zweiten Weltkriegs stieg die Zahl der Gemeindeglieder in Lütgenrode von knapp 270 im Jahr 1939 auf rund 460 im Jahr 1948 an.16 Gottesdienste hielt der Parenser Pfarrer weiterhin alle zwei Wochen, „außerdem an den Ersten Feiertagen der 3 großen christlichen Feste und an sonstigen Festtagen“.17 Nach der Visitation 1953 schrieb der Sup. des KK Göttingen-Nord: „Die Flüchtlinge haben für das gottesdienstliche Leben in beiden Orten eine Förderung gebracht“ – wobei die KapG Lütgenrode „schon immer kirchlicher als die Gemeinde Parensen“ gewesen sei.18 Zum 1. Januar 2009 fusionierte die KapG Lütgenrode mit ihrer Muttergemeinde Parensen, die ihren Namen gleichzeitig zu „Ev.-luth. KG Parensen-Lütgenrode“ änderte.19
Nachdem Bauschäden an der Kapelle festgestellt worden waren, gründete sich 2015 die „Arbeitsgemeinschaft zur Erhaltung der historischen St. Johannis Kapelle in Lütgenrode“.20 Nach einer provisorischen Sicherung der südlichen Chorwand 2017/18 finden in der Kapelle neben regelmäßigen Gottesdiensten während der Wintermonate Kulturveranstaltungen statt („Kulturkapelle“).
Kapellenbau
Rechteckiger Saalbau, im Kern mittelalterlich (älteste Teile vielleicht um 1300), wiederaufgebaut 1592. Satteldach mit Krüppelwalm im Osten. Bruchsteinmauerwerk mit Eckquaderung, Ostgiebel mit Ziegelbehang, Westgiebel verschiefert. An den Längsseiten je zwei Rechteckfenster, nach Westen Rechteckportal; an der Südseite Inschriftenstein: „Anno D[omi]ni M D XCII“ (Im Jahr des Herrn 1592), darunter Mainzer Rad.21 Im Innern flache Decke, Westempore. Im 14. Jh. etwa quadratischer Ostteil erbaut, ursprünglich doppelgeschossig.22 1484/86 Kapelle vermutlich beschädigt oder teilweise zerstört. 1592 Wiederaufbau (Bauinschrift) und vielleicht nach Westen hin vergrößert. Im 18. Jh. Fenster verändert. 2015 Bauschäden festgestellt. 2018 Südwand des Altarraums innen und außen abgestützt.
Turm
Über dem Westgiebel vierseitiger, verschieferter Dachreiter mit vierseitigem Pyramidenhelm, bekrönt mit Kugel, Wetterfahne und Kreuz. An allen Seiten des Dachreiters jeweils zwei Schallöffnungen.
Ausstattung
Kastenförmiger Holzaltar, weiß-grau gefasst. – Kreuzigungsgemälde vor der Altarwand. – Leicht erhöhte, hölzerne Kanzel, weiß-grau gefasst, polygonaler Kanzelkorb. – Sechsseitige, stelenförmige Holztaufe, weiß-grau gefasst.
Orgel
Kleinorgel, erbaut 1965 von Albrecht Frerichs (Göttingen), 5 I/aP, mechanische Traktur, Schleifladen.
Geläut
Eine LG, c’’ (Bronze, Gj. 1848, Carl Isermann, Ebergötzen).
Friedhof
Ehemaliger Friedhof bei der Kapelle. Neuer, kommunaler Friedhof am westlichen Ortsrand, in Trägerschaft des Fleckens Nörten-Hardenberg.
Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)
A 1 Nr. 8673 (Pfarroffizialsachen); B 2 G 9 Nr. 1997 (Baupflege und Bauwesen); E 5 Nr. 706 (Konsistorialbaumeister); S 2 Witt Nr. 04 (Fotosammlung); S 11a, Nr. 7352 (Findbuch PfA); S 11a Nr. 8140 (Findbuch EphA).
Kirchenbücher
In den Kirchenbücher von Parensen
Taufen: vor 1823 (Lücken: 1824–Aug. 1904)
Trauungen: vor 1823 (Lücken: 1824–Aug. 1904)
Begräbnisse: vor 1823 (Lücken: 1824–Aug. 1904)
Konfirmationen: 1758 (Lücken: 1792–1904)
In den Kirchenbüchern von Marienstein
Taufen: vor 1823
Trauungen: vor 1823
Begräbnisse: vor 1823
Konfirmationen: 1792–1904 (Lücken: 1801–1823, 1846–1848)
Beim kath. Pfarramt in Nörten
Taufen: vor 1823
Trauungen: vor 1823
Begräbnisse: vor 1823
In den Kirchenbüchern von Großenrode
Taufen: 1823–1904
Trauungen: 1823–1904
Begräbnisse: 1823–1904
Literatur & Links
A: Bielefeld, Orgeln im Umland, S. 227–228; Casemir/Menzel/Ohainski, Ortsnamen Lkr. Northeim, S. 248–249; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 911–912; Kämmerer/Lufen, Denkmaltopographie Lkr. Northeim, S. 196–197; Mithoff, Kunstdenkmale II, S. 125; Müller, Kapellen, S. 11–12.
B: Christine Busch: Lütgenrode: Ende einer 700jährigen Kapelle?, in: Südniedersachsen. Zeitschrift für regionale Forschung und Heimatpflege 45 (2017), S. 112–113; Heinrich Lücke: Lütgenrode, aus dem Nachlass hrsg. von Wilhelm Heinrich Grimm, in: Südniedersachsen. Zeitschrift für regionale Forschung und Heimatpflege 40 (2012), S. 15–18.
Internet: Denkmalatlas Niedersachsen: Kapelle, Kirchhof, Kirchenanlage.
Fußnoten
- Hennecke/Krumwiede, Kirchen- und Altarpatrozinien I, S. 159, und II, S. 74.
- Wolf, Hardenberg I, Urkunden, Nr. 52. Für weitere Belege und zum Ortsnamen vgl. Casemir/Menzel/Ohainski, Ortsnamen Lkr. Northeim, S. 248 f.
- NLA HA Kartensammlung Nr. 21 d/1 pg (mit Digitalisat), Datierung nach Pischke, Burg Harste, S. 51.
- LkAH, L 5c, unverz., Parensen, Visitation 1968.
- Wolf, Petersstift, S. 130 [Digitalisat], Lücke, S. 16.
- DI 96, Lkr. Northeim, Nr. 186 (Jörg H. Lampe, Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di096g017k0018608.
- Wolf, Petersstift, S. 147 [Digitalisat].
- Wolf, Petersstift, S. 240 [Digitalisat und ebd. Urkunden, Nr. 101 [Digitalisat].
- Lücke, S. 17.
- Alle Zitate: Wolf, Petersstift, S. 260 [Digitalisat].
- Lücke, S. 17.
- KABl. 1904, S. 40 f.
- Ahlers, Pfarrbuch 1909, S. 315.
- Nach Lücke, S. 17, wurde Lütgenrode 1924 von Marienstein nach Parensen umgepfarrt.
- Ahlers, Pfarrbuch 1930, S. 382.
- LkAH, S 1 H III, Nr. 413, Bl. 33; LkAH, L 5c, unverz., Parensen, Visitation 1948.
- LkAH, L 5c, unverz., Parensen, Visitation 1948.
- Bl. 33; LkAH, L 5c, unverz., Parensen, Visitation 1953.
- KABl. 2009, S. 61 f.
- Busch, S. 112 f.; siehe auch ag-kapelle-lütgenrode.de, 29.08.2025. Vgl. auch Busch, S. 112 f.
- DI 96, Lkr. Northeim, Nr. 186 (Jörg H. Lampe, Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di096g017k0018608.
- Kämmerer/Lufen, Denkmaltopographie Lkr. Northeim, S. 196; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 911 f.