KapG der KG Prezelle | Sprengel Lüneburg, KK Lüchow-Dannenberg | Patrozinium: vielleicht Matthäus1 | KO: Lüneburger KO von 1643
Orts- und Kirchengeschichte
Der ehemalige Rundling, der heute „einem großen Haufendorf mit einem verwirrenden Wegenetz“ gleicht, ist urkundlich erstmals im Jahr 1342 als Lomiz belegt.2 Lomitz hatte zum Herrschaftsgebiet des Hauses Gartow gehört, bis Busso, Basilius und Hilmar von der Gartow das Dorf 1342 den Hzg. zu Braunschweig-Lüneburg überließen. Das Dorf zählte in der Folgezeit zum Amt Lüchow (Fsm. Lüneburg; 1591 Herrschaft Dannenberg, die ab 1636 zum Fsm. Wolfenbüttel gehörte3; ab 1671 erneut Fsm. Lüneburg), einige Dorfbewohner unterstanden jedoch dem adligen Gericht Grabow (Patrimonialgericht, Familie von Plato), einige wenige dem Gericht Gartow (Patrimonialgericht, seit 1438/41 Familie von Bülow). Nachdem die Familie von Bernstorff 1694 Haus Gartow und die dazugehörigen Besitzungen gekauft hatte, erwarb sie 1695 und 1698 auch das gesamte Dorf Lomitz.4 Es zählte nun zum adligen Gericht Gartow, das seit 1720 den Status eines geschlossenen Gerichts besaß.5 In französischer Zeit gehörte Lomitz von 1810 bis 1813 zum Kgr. Westphalen (Kanton Gartow im Distrikt Salzwedel des Departements Niederelbe, ab 1811 des Departements Elbe). Danach wurde, nun im Kgr. Hannover, das adlige Gericht Gartow zunächst restituiert und 1850 schließlich aufgehoben; es ging im Amt Gartow-Schnackenburg auf (1852: Amt Gartow). Mit der Annexion des Kgr. Hannover fiel Lomitz 1866 an das Kgr. Preußen. 1872 wurde das Amt Gartow in das Amt Lüchow eingegliedert und bei Einführung der Kreisverfassung 1885 kam Lomitz zum Kr. Lüchow, der 1932 im Lkr. Dannenberg aufging (1951: Lkr. Lüchow-Dannenberg). 1972 wurde das Dorf nach Prezelle eingemeindet (Samtgemeinde Gartow). Zur sozialen Struktur schrieb der Ortspfarrer 1950, in „Lomitz ist etwa gut die Hälfte Bauern, die anderen sind Forstarbeiter, die aber alle ein kleines Anwesen mit Landwirtschaft haben“.6 Um 1813 lebten knapp 255 Menschen in Lomitz, 1905 etwa 300, 1946 gut 375 und 2004 knapp 180.
Kirchlich gehörte Lomitz als filia zum Kirchspiel Prezelle. Zur vorref. Kirchengeschichte des Dorfes ist nichts bekannt. Zusammen mit der Muttergemeinde Prezelle wechselte Lomitz zur luth. Lehre. Im Lüneburger Pfründenregister von 1534 sowie in den Protokollen der Kirchenvisitationen 1543 und 1568 ist die Kapelle Lomitz nicht erwähnt.7 Das Patronat über die Kapelle liegt seit Ende des 17. Jh. bei der Familie von Bernstorff als Besitzerin des Hauses Gartow.
Nachweislich in der zweiten Hälfte des 18. Jh. hielt der Prezeller Pfarrer, der auch für die benachbarte KG Lanze zuständig war, alle 14 Tage einen Gottesdienst in Lomitz.8 An diesem Gottesdienstrhythmus hatte sich bis in die zweite Hälfte des 19. Jh. nichts geändert: In den Unterlagen zur Visitation 1855 schrieb P. Otto Münchmeyer (amt. 1851–1865), in der Kapelle Lomitz finde alle zwei Wochen ein „vollständiger Sonntagsgottesdienst“ statt sowie drei „außerordentliche Predigten am Brandtage, am Hagelfeiertage und am Tage Matthaei“.9 Der letztgenannte Gottesdienst mag ein Indiz für ein entsprechendes Patrozinium der Kapelle sein.
Da die alte Fachwerkkapelle baufällig war, beschloss die Gemeinde 1877 einen Neubau.10 Nach dem Abbruch des Kapellengebäudes begannen 1879 Bauarbeiten. Der Hannoveraner Konsistorialbaumeister Conrad Wilhelm Hase (1818–1902) hatte, wie auch einige Jahre später im benachbarten Lanze, die Pläne für den neugotischen Neubau entworfen. Am 1. Advent 1879 weihte die Gemeinde ihr neues Gotteshaus ein.11
Während der NS-Zeit hatte P. Eduard Rauterberg (amt. 1929–1947) das Pfarramt Prezelle-Lanze inne. In den Unterlagen zur Visitation 1938 schrieb er, die „Angriffe gegen die Kirche, die in Parteiversammlungen des vergangenen Winters vorgebracht wurden“, hätten neben Ablehnung auch „grossen Beifall gefunden“; besonders habe sich dies in Lomitz ausgewirkt. Zudem zeigten die dortigen, 1933 neu gewählten Kapellenvorsteher „mit einer Ausnahme wenig kirchliches Verständnis“.12 Der Gartower Sup merkte in seinem Bericht an: „Wenn keine Besserung dieser Kapellenvorsteher eintritt, müssen sie ihr Amt aufgeben“.13 Weiterhin hielt der Pfarrer alle zwei Wochen einen Gottesdienst in Lomitz.
Aufgrund des Zuzugs Geflüchteter nach Ende des Zweiten Weltkriegs stieg die Zahl der Familien in der KapG Lomitz von 49 im Jahr 1938 auf 85 im Jahr 1950 an, insgesamt zählt Lomitz seinerzeit etwa 340 Gemeindeglieder.14 Seit der zweiten Hälfte der 1960er Jahre fand in der Kapelle Lomitz nur noch einmal im Monat ein Gottesdienst statt.15
Umfang
Lomitz.
Patronat
Das Patronat ist an den Besitz des Hauses Gartow gebunden (dingliches Patronat), seit 1694 Familie von Bernstorff (vorher: ab 1438/41 Familie von Bülow).16 Nach Einrichtung der pfarramtlichen Verbindung zwischen den KG Lanze, Prezelle und Lemgow im Jahr 2007 ruhte das Patronat zeitweise.17
Kapellenbau
Neugotischer dreiachsiger Saalbau mit eingezogenem, polygonal geschlossenem Chor, erbaut 1879 (Architekt: Conrad Wilhelm Hase, Hannover).18 Satteldach über dem Schiff, Apsisdach nach Osten abgewalmt. Ziegelmauerwerk, gestufte Strebepfeiler an Schiff und Chor, Trauffriese, geböschter Sockel mit glasierten Ziegeln an der Oberseite. Am Schiff zweibahnige Spitzbogenfenster mit schlichtem Maßwerk, am Chor einbahnige, geböschte Fensterbänke in Fortsetzung des Sockels; in der Mittelachse der Südseite segmentbogiges Portal. Im Innern flache Holzdecke im Schiff, Kreuzrippengewölbe im Chor; spitzer Triumphbogen zwischen Chor und Schiff; Wände verputzt, Architekturelemente in Backsteinoptik; Westempore. 1959/60 Sanierung, u. a. statische Sicherung. 1981 Renovierung.
Turm
Vierseitiger, geschossweise verjüngter Westturm mit Zinnen, Ecktürmchen und vierseitigem, schiefergedecktem Pyramidenhelm, bekrönt mit Kugel und Wetterhahn. Ziegelmauerwerk, geböschte Gesimse aus glasierten Ziegeln, im Erdgeschoss Strebpfeiler an den Ecken. Im Glockengeschoss an jeder Seite zwei spitzbogige Schallöffnungen. Im Mittelgeschoss nach Norden, Süden und Westen je zwei hohe Spitzbogennischen mit einem kleinen Segmentbogenfenster und einer Kreisblende im Bogenfeld. Im Erdgeschoss kleine Spitzbogenfenster nach Norden und Süden, nach Westen Spitzbogennische mit Segmentbogenportal, darüber gekuppeltes Spitzbogenfenster (dreiteilig).
Vorgängerbau
Fachwerkbau, 1879 wegen Baufälligkeit abgetragen.19
Ausstattung
Blockaltar mit neugotischem Retabel, verziert mit Fialen, höhere Mittelnische mit Wimperg und Kruzifix, niedrigere Seitennischen mit Wimpergen und Reliefs (Kornähren, Kelch). – Erhöhte, gemauerte Kanzel mit rundem Kanzelkorb (1981), Wandung mit großen, ornamental verzierten Kacheln.
Orgel
1872 gebrauchtes Harmonium aus Prezelle erworben. 1908 Orgelneubau, ausgeführt von P. Furtwängler & Hammer (Hannover), 7 II/P, pneumatische Traktur, Taschenladen (Opus 635).20 1960 Instrument abgebaut; Neubaupläne aus finanziellen Gründen nicht verwirklicht.21 1970 Harmonium vorhanden.
Geläut
Eine LG, d’’ (Bronze, Gj. 1882, Firma Radler, Hildesheim), Inschriften: „Kommet, denn es ist alles bereit. Luc. 14.17“ und „Uns goss J. J. Radler u. Soehne in Hildesheim 1882“. – Früherer Bestand: Eine LG (Bronze), beim Guss des neuen Geläuts 1882 in Zahlung gegeben.22 Eine LG, b (Bronze, Gj. 1882, Firma Radler, Hildesheim), Inschrift: „Ehre sei Gott in der Höhe. Luc. 2.14“; Glocke im Ersten Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgegeben (1917). Eine neue LG (Bronze, Gj. 1924), Inschrift: „Im Weltkrieg verloren, bin neu ich geboren durch Liebe der Gemeinde, Gott geweiht, die Herzen zu stimmen auf die Ewigkeit“; Glocke im Zweiten Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgegeben (1940).
Heutiges Geläut anhören: #createsoundscape
Friedhof
Ehemaliger kirchlicher Friedhof bei der Kapelle, genutzt bis 1927, eingeebnet 1951. Neuer kirchlicher Friedhof am südlichen Ortsrand, angelegt 1927, FKap (Bj. 1972).
Landeskirchliches Archiv Hannover (LkAH)
A 1 Nr. 9221–9223 (Pfarroffizialsachen); D 79 (EphA Lüchow); S 09 rep Nr. 1953 (Presseausschnittsammlung); S 11a Nr. 7105 (Findbuch PfA).
Literatur & Links
A: Gemeindebuch KK Lüchow, S. 29–31; Behn, Wendland, S. 94–95; Jürries/Wachter, Wendland-Lexikon II, S. 66; Kelletat, Kirchen und Kapellen, S. 25; Manecke, Beschreibungen II, S. 169; Mithoff, Kunstdenkmale IV, S. 115; Sänger, Denkmaltopographie Lkr. Lüchow-Dannenberg, S. 170; Schmitz, Siedlungsnamen, S. 120.
B: Irmela von Baross, Gisela Klepper & Martin Haufe: 100 Jahre Kapelle Lomitz; Otto Puffahrt: Kurzgeschichte der Gartowischen Dörfer Nemitz, Krautze, Tobringen, Gedelitz, Prezelle, Lomitz. 1720– 1900 (Kreis Lüchow-Dannenberg), Lüneburg 2004, bes. S. 54–63; Otto Puffahrt (Hg.): Tauschvertrag v. Plato / v. Bernstorff vom 20. November 1698. Lomitz, Kl. Trebel, Nemitz, Gedelitz, Trabuhn (Faksimile-Ausgabe), Lüneburg 2013.
Internet: Bildindex der Kunst & Architektur: Kapelle und Ausstattung; Denkmalatlas Niedersachsen: Kapelle, Friedhof, Kirchenanlage.
GND
1214623247, Evangelische Kapelle Lomitz (Prezelle).
Website der Kirchengemeinde (18.02.2024)
Fußnoten
- Nach Hennecke/Krumwiede, Kirchen- und Altarpatrozinien I, S. 271, ist kein mittelalterliches Patrozinium bekannt. In den Unterlagen zur Visitation 1855 ist ein jährlicher Gottesdienst am „Tage Matthäei“ erwähnt, der ein entsprechendes Patrozinium vermuten lässt, LkAH, A 9, Nr. 1848 [Digitalisat, Aufnahme 37].
- Sudendorf, UB II, Nr. 4; Zitat: Sänger, Denkmaltopographie Lkr. Lüchow-Dannenberg, S. 170. Zum Ortsnamen und für weitere Belege vgl. Schmitz, Siedlungsnamen, S. 120.
- Jürries/Wachter, Wendland-Lexikon I, S. 209 f.
- Puffahrt, Beiträge, S. 21.
- Puffahrt, Beiträge, S. 9; Krieg, Amtsbezirke Fsm. Lüneburg, S. 72 f.
- LkAH, L 5e, unverz, Prezelle, Visitation 1950.
- Salfeld, Pfründenregister; Kayser, Kirchenvisitation; Lange, General-Kirchenvisitation.
- Manecke, Beschreibungen II, S. 169.
- LkAH, A 9, Nr. 1848 [Digitalisat, Aufnahme 37].
- Baross, Haufe & Klepper, S. 3.
- Baross, Haufe & Klepper, S. 6.
- LkAH, L 5e, unverz., Prezelle, Visitation 1938.
- LkAH, L 5e, unverz., Prezelle, Visitation 1938.
- LkAH, L 5e, unverz., Prezelle, Visitationen 1938 und 1950.
- LkAH, L 5e, unverz., Prezelle, Visitationen 1966, 1972 und 1978.
- Puffahrt, Gartow, S. 152 ff.
- KABl. 2007, S. 158.
- Siehe: https://glass-portal.hier-im-netz.de/cwhase/g-l/lomitz_kirche.htm, 07.08.2024.
- Baross, Haufe & Klepper, S. 3. Mithoff, Kunstdenkmale IV, S. 115; Behn, Wendland, S. 94.
- Pape/Schloetmann, Hammer, S. 120.
- Baross, Haufe & Klepper, S. 9.
- Zu den Glocken: Baross, Haufe & Klepper, S. 7 f.