Sprengel Osnabrück, KK Bramsche | Patrozinium: Georg | KO: Keine Kirchenordnung

Karte wird geladen, bitte warten...
Orts- und Kirchengeschichte

Die ehemalige Hansestadt Fürstenau entstand als Bürgersiedlung um die 1343/44 durch Bf. Gottfried von Arnsberg (1321-1349) zur Sicherung des Osnabrücker Nordlands errichtete gleichnamige Stiftsburg, die 1344 als Vorstenowe erstmals urkundlich erwähnt wird. Um 1360 erhielt sie ein Ratswahlprivileg, das 1402 erneuert wurde (Weichbildsrecht). Als wichtigste Festung, Mittelpunkt des gleichnamigen Amtes (um 1370-1885) und bevorzugte Residenz der Bischöfe nahm Fürstenau eine wichtige Stellung innerhalb des Hochstifts Osnabrück ein. Bf. Johannes IV. Gf. von Hoya (amt. 1553-1574) ließ die Burg als geschlossene Renaissanceanlage ausbauen. 1554 wurde es Mitglied des Hansebundes. Seit 1642 führte es die Bezeichnung Stadt. 1652 wurde es in das Kolleg der Städte des Osnabrücker Stiftslandtags aufgenommen. In zwei verheerenden Bränden 1606 und 1728 wurde die Stadt weitgehend zerstört. Zum Niedergang trug auch der Dreißigjährige Krieg bei, in dessen Verlauf die Festung mehrfach den Besitzer wechselte. Seither verlor sie zunehmend an Bedeutung und wurde auch als Residenz kaum noch genutzt.
Die Pfarrkirche St. Georg zu Fürstenau entstand wohl als Kapelle im Bereich der Stiftsburg. Die Kirchengründung geht vielleicht noch auf Gottfried von Arnsberg oder seinen unmittelbaren Nachfolger zurück. 1346 ist auf der Burg ein bischöflicher Kaplan nachgewiesen, 1406 ein in Fürstenau residierender Pfarrer, dem auch die Betreuung der Gemeinde Schwagstorf oblag. Schwagstorf wird noch 1625 als Kapelle von Fürstenau bezeichnet.
1516 wird in Fürstenau eine Schule genannt, deren Unterricht der jeweilige Vikar erteilte. 1543 führte Hermann Bonnus eine reformatorische KO für das Hochstift Osnabrück ein. Noch in der Regierungszeit des Fbf. Franz von Waldeck (1532-1553) wird in Fürstenau erstmals luth. gepredigt worden sein. Als erster luth. Geistlicher erscheint 1593 Johannes Veltkampius. Sein Nachfolger Bernhard von Borne (amt. ab 1604 oder 1608) wurde 1625 aus Fürstenau vertrieben und die Gemeinde rekatholisiert. Ebenso musste der 1606 auf Wunsch des Stadtrats ernannte luth. Vikar Balthasar Kreyenkamp 1625 die Stadt verlassen, doch gab es während des Dreißigjährigen Krieges je nach Besatzung noch mehrfach einen Bekenntniswechsel. Nach der Übergabe der Stadt an den schwedischen Heerführer Gf. von Königsmarck wurde 1647 nach zwölfjähriger Unterbrechung wieder luth. GD gefeiert. Auch der Magistrat war mehrheitlich luth. gesinnt. Gemäß Art. 21 der Capitulatio perpetua wurde die Pfarrstelle 1650 dauerhaft den Lutheranern zugewiesen, die Vikarie dagegen (obwohl im Normaljahr 1624 gleichfalls luth.) den Katholiken zugestanden.
Öffentliche GD nach altgläubigem Ritus wurden in Fürstenau verboten. Die kath. Einwohner waren zur Ausübung ihres Glaubens zunächst auf die Kapelle in Lütkeberge und die Kirche in Schwagstorf oder auf private Andachten im nichtöffentlichen Raum angewiesen. Soweit die Fbf. dem kath. Bekenntnis angehörten, stellten sie entgegen der Vereinbarung der Capitulatio perpetua einen Saal des Schlosses zur Verfügung. Insbesondere unter Bf. Franz Wilhelm von Wartenberg (1625-1661) erfuhren die Katholiken starken Zuspruch. Die zunehmende Einflussnahme und die Vornahme von Amtshandlungen durch einen Schwagstorfer Kaplan in Fürstenau. führten zu einem anhaltenden Konflikt, der erst 1787 durch einen Vergleich und der Einrichtung eines Simultaneums beigelegt wurde. Seit 1817 verfügt Fürstenau über eine selbständige kath. Pfarre. Während noch bis in die zweite Hälfte des 19. Jh. der Anteil der luth. Einwohner den der Katholiken überwog (1866: 568 Lutheraner, 357 Katholiken), kam es später zu einer Verschiebung zugunsten der letzteren. 1925 standen 1.230 Katholiken 1.036 luth. Einwohnern gegenüber (1950: 1.974 luth., 2.026 kath. Einwohner).1
Von den luth. P. sind besonders Jodocus Braunes (amt. 1678-1723) und Georg August Dunkel (amt. 1723-1763) zu nennen. Braunes war seit 1696 auch Mitglied des Konsistoriums in Osnabrück. Dunkel gab zwischen 1746 und 1754 eine Reihe von Predigtvorlagen-Sammlungen heraus.
Nach dem letzten Großen Brand in Fürstenau (1851) wurde das Pfarrhaus neu errichtet. Unter seinen Bewohnern ist P. Johann Friedrich Wilhelm Günther Lange (amt. 1869-1889) hervorzuheben, der von 1875 bis 1882 nationalliberales Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses für den Wahlkreis Bersenbrück-Wittlage war. P. Wilhelm Arning (amt. 1890-1929) gründete 1895 als diakonische Einrichtung ein ev. Krankenhaus, das 1980 zum Alten- und Pflegeheim umgebaut wurde (Pastor-Arning-Haus).
Durch den Zuzug von Ostflüchtlingen und Vertriebenen hat sich die Zahl der Gemeindeglieder nach dem Zweiten Weltkrieg etwa verdoppelt. In Voltlage wurde deshalb 1951 mit Unterstützung von Lutheranern aus den Vereinigten Staaten eine Diasporakapelle errichtet. Seit 1991 betreibt die KG einen KiGa.

Pfarrstellen

I: Vorref. – II: 1. Januar 1966 als Pfarrvikarstelle2, später volle Pfarrstelle; 1. Juli 1999 aufgehoben.3

Umfang

Die Stadt Fürstenau; die Bauerschaften Höne und Settrup (beide seit 1542, vorher zur Freren); die ev. Einwohner der Kirchspiele Schwagstorf und Voltlage und der Bauerschaften Döllinghausen, Engelern, Lechtrup, Ost- und Westerode und Plaggenschale (1823) Heute gehören zum Ksp. Fürstenau mit den Ortsteilen Hollenstede, Schwagstorf und Settrup sowie die politischen Gemeinden Merzen und Voltlage.

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat des Osnabrücker Domkantors. – Nach der Reformation unterstand die Kirche der Aufsicht des Amts Fürstenau. Eine Insp.-Einteilung (mit wechselndem Suptur.-Sitz) wurde im Fsm. Osnabrück erst 1821 eingeführt. Fürstenau kam zur 3. Insp., ab 1822 zur 4. Insp., dann 1867 wieder zur 3. Insp. (Bramsche), ab 1924 KK Bramsche.

Patronat

Der Archidiakon; nach 1803 der Landesherr (bis 1871).

Kirchenbau

Einschiffige spätgotische Bruchsteinsaalkirche mit zwei quadratischen, kreuzrippengewölbten Langhausjochen und gerade geschlossenem Chorjoch. Das Schiff wurde nach dem Brand von 1606 erneuert und vergrößert. Bis zum Bau des Turms befand sich der Glockenboden über dem Kirchenschiff. Sakristeianbau an der Nordseite des Chors. 1956 und 1992 renoviert.

Fenster

Die Kirche verfügt über Glasmalereien unterschiedlicher Stilepochen: Im Altarbereich ein figürliches Fenster mit Motiven aus dem Markusevangelium (Taufe Jesu nach Mk 1,9-11, und Auferweckung der Tochter des Jaïrus nach Mk 5,35-43; Stiftung der im 19. Jh. aus Settrup nach Amerika ausgewanderten Familie Timmer); „Bismarckfenster“ mit den Wappen der früheren deutschen Länder (1901, von Firma Henning & Andres, Hannover); zwei Buntglasfenster im Eingangsbereich des Turms (aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg); Lutherrose (über der Ausgangstür zum Marktplatz, 2011).

Turm

Gotisierender Westturm mit hoher kupfergedeckter Spitze und kleinen Fialtürmchen (1896/99). Die Turmhalle wurde Ende der 1950er Jahre zur Gedenkstätte für die Gefallenen der Weltkriege umgestaltet.

Ausstattung

Zweigeschossiges barockes Altarretabel (1695): Auf den beiden Altarbildern oben das ewige Gastmahl, unten eine Kreuzigungsgruppe mit Begleitfiguren auf einem gemalten Altartisch, umgeben von Porträtgestalten der damaligen Gemeinde. Der säulengerahmte Aufbau wird von lebensgroßen Apostelfiguren flankiert. Im Sprenggiebel eine Dreifaltigkeitsgruppe. Der Altaraufbau stammt von Georg Dollart (Münster), die beiden Altargemälde von Michael Wilhelm Meyer (Haselünne). – Barocke Kanzel von Tischlermeister Johan Helling, Fürstenau (1683). – Achteckige Sandsteintaufe in flacher Kelchform auf einem säulenartigen kannelierten Schaft (1695). – Chorgestühl und Emporen aus dem späten 17. Jh./um 1700. – Zwei Epitaphe für Otto von Langen (Anfang 17. Jh.) und Casparus von Wengen auf Eggermühlen und Stockum (1617). Außen an der Südseite der Kirche ein weiteres Epitaph aus der Familie von Langen (um 1580). – Porträts von P. Jodocus Braunes († 1723) und P. Georg August Dunkel († 1763). – „Kreuzesabnahme“ von Max Beckmann (1917, Leihgabe). – Eine an der Südseite des Westgiebels angebrachte Sonnenuhr gilt als die älteste des Osnabrücker Landes.

Orgel

Denkmalgeschützter Orgelprospekt aus der Zeit um 1640. 1793 Instandsetzung durch Just Hinrich Müller (Minden).4 Neubau nach 1899 durch Gebrüder Rohlfing (Osnabrück), 23 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen. 1929 Umbau. 1960 Neubau hinter dem historischen Prospekt durch Firma Alfred Führer (Wilhelmshaven), 23 II/P, mechanische Traktur, Schleifladen.

Geläut

Drei LG, I: cis’ (Bronze, Gj. 1826, M. Fremy und Andries Heero van Bergen); II: e’ (Bronze, Gj. 1949, F. Otto, Bremen-Hemelingen); III: fis’ (Bronze, Gj. 1949, F. Otto, Bremen-Hemelingen). – Früherer Bestand: Eine LG (sogenannte Bürgerglocke5) wurde 1630 wohl von einem lothringischen Meister auf dem Burghof zu Fürstenau aus einer älteren Glocke umgegossen und – nachdem sie 1763 gesprungen ist – 1764 durch Friedrich Moritz Rinker (Osnabrück) erneut umgegossen. Weiterer Umguss 1826 durch Fremy und van Bergen in Fürstenau zu LG I. Eine andere LG wurde 1732 und 1844 (durch Dubois, Münster) umgegossen. Zwei LG wurden wohl im Zweiten Weltkrieg zu Kriegszwecken abgeliefert.

Friedhof

Alter Friedhof an der Parkstraße; neuer Friedhof an der Haselünner Straße nordwestlich der Stadt (beide in Trägerschaft der Samtgemeinde Fürstenau).

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 3 Nr. 169-190 (Kons. Osnabrück, Pfarroffizialsachen); A 5 Nr. 101 (Spec. Landeskons.); A 6 Nr. 2535-2540 (Pfarrbestallungsakten); A 9 Nr. 2799 (Visitationen); D 10 Nr. 478-480 (Urkunden); D 106 (EphA Bramsche).

Quelle

Mitteilung von Pastorin Anke Kusche (Fürstenau) vom 27./28. April 2016.

Literatur

A: Aye/Kronenberg, Taufbecken, S. 113 f., Nr. 111; Dehio, Bremen/Niedersachsen, S. 481 f.; Nöldeke, KD Kr. Wittlage und Bersenbrück, S. 125-127; Weichsler, Hdb. Sprengel Osnabrück, S. 55 f.; Wrede, Ortsverzeichnis Fürstbistum Osnabrück I, S. 167.
B: 1608-2008. 400 Jahre St.-Georg-Kirche Fürstenau, [Fürstenau 2008]; Hermann Frommeyer: Die Stadt Fürstenau und ihre Bürgerschaft, Fürstenau i. Hann. 1952; August Schröder: Geschichte der Stadt Fürstenau, Quakenbrück 1951; August Schröder: Die Bürgerglocke der Stadt Fürstenau, in: Osnabrücker Land 1974, S. 35-37.


Fußnoten

  1. Schröder, Geschichte, S. 29.
  2. KABl. 1966, S. 12.
  3. KABl. 1999, S. 91.
  4. Dobelmann, Orgelbauer, S. 92.
  5. Schröder, Bürgerglocke, S. 35-37.