Sprengel Ostfriesland-Ems, KK Aurich | Patrozinium: Johannes der Täufer | KO: Ostfriesische KO von 1716

Orts- und Kirchengeschichte

Das heutige Dorf Engerhafe entstand im 12./13. Jh. im Zuge der planmäßigen bäuerlichen Siedlungstätigkeit (Reihendorf) am Geestrand des Brookmerlandes, doch ist eine kontinuierliche Besiedlung des Platzes wohl seit dem frühen Mittelalter anzunehmen.1 Das erste KGb war eine (möglicherweise an der Stelle eines älteren Heiligtums errichtete) Holzkirche auf einer östlich des Dorfs gelegenen Kirchenwarft, die nach Brandzerstörung um 1220 oder um 1260 durch einen Massivbau ersetzt wurde. Für den Bau zeichnete vielleicht eine Bauerngenossenschaft verantwortlich. Die urkundliche Ersterwähnung findet sich im Sühnevertrag zwischen Bf. Otto II. von Münster und den Brokmannen vom 10. Februar 1250, in dem unter den sechs Sendkirchen die ecclesia Butae genannt wird2 (Buta-ē = jenseits des Flusses Ehe). Als erster bekannter Geistlicher erscheint 1387 Embeco, rector in Butaee.3 Weitere namentlich bekannte Amtsträger waren Almer4 (um 1406, zugleich Hofkaplan, Kanzler und Bevollmächtigter der Häuptlinge Keno und Ocko tom Brook), Hilmer (um 1432/35)5, Goedke (kerkher, 1450)6 und Urto (um 1478). Die Einführung der Reformation dürfte auf die 1530er Jahre zu datieren sein. Als erster luth. P. wird Remet/Rembertus Ubkens geführt (amt. 1536-1555). Seit dem 16. Jh. gliederte sich die Parochie in zeitweilig bis zu drei Pastoreien: die Westerpastorei (die älteste) umfasste Engerhafe, Fehnhusen und einige Höfe von Oldeborg; die übrigen Teile des Ksp. gehörten zur Osterpastorei (ab 1803 nicht mehr besetzt). Eine dritte Pastorei bestand bis um 1600. Mit der endgültigen Spaltung Ostfrieslands in einen ref. und einen luth. Teil (1583) schuf der Auricher Hofprediger Johannes Ligarius die als „Engerhafer Liturgie“ bekannt gewordene neue luth. Liturgie, die in der Gemeinde Engerhafe noch bis 1901 in Gebrauch war. Von Bedeutung waren unter den P. Hector Adrian Janssen (amt. 1688-1692, nachher Stiftsprediger in Basse und P. in Oldenburg, Verfasser theologischer Schriften7) und Heinrich Schmidt (Smid), 1715-1728 Inhaber der zweiten Pfarrstelle, der mit seinem Traktat Examen communicandorum (1716) einen Pietismusstreit auslöste.8
Zur Zeit des Kirchenkampfs gehörte P. Schomerus der BK an. Die Pfarrstelle war in den 1940er Jahren vorübergehend vakant. Mit dem in Posen ordinierten P. Kuhnert (Versehung der Pfarrstelle ab 1946, amt. als P. 1948-1956) kam nach dem Krieg ein Ostpfarrer nach Engerhafe Die Integration von rund 500 Heimatvertriebenen brachte für die Gemeinde einen nachhaltigen Wandel mit sich. Vorübergehend lebten im Bereich der politischen Gemeinde auch rund 250 vertriebene Katholiken, denen die ev. Kirche zur Mitnutzung eingeräumt wurde. Ihre Zahl ging allerdings bis Mitte der 1950er Jahre wieder stark zurück und betrug 1960 noch etwa 15 Personen.9
Von historischer Bedeutung ist das auf das 13./14. Jh. datierte alte Pfarrhaus der Westerpastorei, das als das älteste Steinhaus zwischen Weser und Groningen gilt und möglicherweise Sitz der Häuptlingsfamilie tom Brook war. Im ersten Drittel des 16. Jh. wurden Teile davon erneuert. Während der Pfarrvakanz wurde das Gebäude 1942 durch die Organisation Todt beschlagnahmt. Im Pfarrgarten wurden Baracken für beim Bau von Luftschutzbunkern in Emden eingesetzte Zwangsarbeiter errichtet. Von Oktober bis Dezember 1944 war Engerhafe offiziell Nebenlager des KZ Neuengamme (sogenanntes KZ Engerhafe) und das Pfarrhaus Sitz der Kommandantur. 2009 wurde das Gebäude als Pfarrhaus aufgegeben und an anderer Stelle ein Neubau errichtet. Im alten Steinhaus, das weiterhin Eigentum der KG ist, wurde eine vorläufige Gedenkstätte für das KZ-Außenlager Engerhafe eingerichtet. Das Pfarrhaus der Osterpastorei wurde 1896 an den Gesamtarmenverband Engerhafe veräußert und später abgebrochen.

Pfarrstellen

I: Vorref. – II: 1554/55 nachgewiesen; ab 1807 vakant und mit dem 1. August 1896 aufgehoben.

Umfang

Die Dörfer Engerhafe, Oldeborg und Fehnhusen; die Kolonien Hinter den Oldeborger Äckern, Moorhusen und Münkeboe; die Engerhafer Marsch (mit den Höfen Amerland, Beer, Groß und Klein Heikeland sowie Hoogelücht). Mit dem 1. August 1896 wurden die Kolonien Münkeboe und Moorhusen ausgepfarrt, zur selbständigen KG Münkeboe-Moorhusen vereinigt und eine Pfarrstelle errichtet, die mit der zweiten Pfarrstelle zu Engerhafe vereinigt wurde.10 1948 umfasste die KG noch die politischen Gemeinden Engerhafe, Fehnhusen, Oldeborg und Upende.11

Aufsichtsbezirk

Archidiakonat Friesland (Propstei Hinte) der Diözese Münster, 1250 mit dem Brokmerland dem bischöflichen Offizial unterstellt.12 – Von 1631 bis 1643 unterstand Engerhafe dem luth. Coetus in Aurich und ab 1643 unmittelbar dem luth. Konsistorium ebd. Nach Erlass der Insp.-Ordnung von 1766 kam es zur 2. luth. Insp. in Ostfriesland. Im Juli 1868 wurde es in die 1. luth. Insp. umgegliedert (Insp. Aurich, ab 1924 KK Aurich).

Patronat

Genossenschaftspatronat der Gemeinde (Interessentenwahlrecht).

Kirchenbau

Ursprünglich spätromanische Backsteinsaalkirche mit halbrunder Apsis, um 1260/70 im frühgotischen Stil nach Westen auf fünf quadratisch überwölbte Joche erweitert. Um 1775 stürzten die Gewölbe ein und wurden durch eine Holzdecke ersetzt. Möglicherweise ging der Schaden noch auf die Weihnachtsflut von 1717 zurück, die zu einer Aufweichung und Absenkung des Untergrunds geführt hatte.13 1806 wurde das Schiff im Westen um ein Joch verkürzt und die Ostapsis abgebrochen. Bei einer grundlegenden Instandsetzung wurde 1908/09 im Osten ein weiteres Joch abgetragen und an der Südseite neben dem Altarraum eine Sakristei angebaut. Die Holzdecke wurde wieder durch ein Kreuzrippengewölbe ersetzt. 1949 wurde das kriegsbeschädigte Dach saniert. 1966 wurden die Außenmauern durch das Einziehen von Betonrahmen gesichert.

Turm

Das Geläut befindet sich in einem niedrigen, freistehenden, walmdachgedeckten Glockenturm aus rotem Backstein nordwestlich der Kirche (13. Jh.)

Ausstattung

Massiver, verputzter Altarunterbau mit Mensa aus Sandstein, darauf ein barockes Retabel mit bemaltem Schnitzwerk, 1694/98 von Hinrich Cröpelin (Esens). In der Predella Geburt Christi und Anbetung der Hirten; auf dem Hauptbild das heilige Abendmahl, darüber Kreuzigung und Auferstehung; als Bekrönung der triumphierende Christus. – Kanzel im Stil der Spätrenaissance/des Frühbarock; auf den Seiten die vier Evangelisten, auf dem Schalldeckel Engel mit ausgebreiteten Flügeln, bekrönt von einer Christusfigur. Der Künstler ist unbekannt (wohl niederländisch, nach italienischen Vorbildern). Stifter waren der Rentmeister und Kirchenvorsteher Noa von Petkum und seine Frau Anna Stammler, 1636. – Bronzetaufe in Form eines glockenförmigen Kessels auf vier hohen Stützen mit Darstellung der vier Evangelisten; in der Hauptzone die Bilder der zwölf Apostel, der Gekreuzigte mit Maria und Johannes sowie Maria mit dem Kinde (1646). Die Taufe wurde von den lothringischen Bronzegießern Claudius Voillo und Gottfried Boulard als Ersatz für ein 1623 von den Söldnern des Gf. Mansfeld geraubtes Taufbecken gegossen. Darüber befindet sich ein pyramidenförmiger, hölzerner Deckel mit der Darstellung der Taufe Christi, der vier Evangelisten und des Heiligen Geists als Taube (von Hinrich Julfs aus Wittmund, gestiftet von Hepke Meines zur Erinnerung an ihren verstorbenen Mann Tjarek Ulderichs, 1665).14 – Gemälde vom Einzug Jesu in Jerusalem (17. Jh.). – Mehrere Grabsteine.

Orgel

Ein Organist in Engerhafe wird erstmals 1550 im Rechnungsbuch der Gfn. Anna erwähnt. 1552-55 finden sich in den Kirchenrechnungen Ausgaben für Meester Johann de Orgelmaker; 1556/57 für den Orgelmacher Ocko. 1594 Reparatur durch Meister Ulrich, 1621/22 durch Johannes Millensis (Jever). Weitere Instandsetzung 1671/72 durch J. Pauly und 1715 durch J. Kayser. 1774/75 Neubau mit neuem Gehäuse und dem heute noch erhaltenen Rokokoprospekt durch Hinrich Just Müller (Wittmund), 13 II/aP (HW, BW). 1791 kleinere Reparatur durch Hinrich Janssen de Vries (Oldeborg). Die ursprünglich auf dem Lettner aufgestellte Orgel wurde nach Abbruch des Chors 1868 unter Veränderung der Disposition auf die Westempore verlegt und durch Gebrüder Rohlfs (Esens) um ein selbständiges Pedal mit drei Reg. auf 15 II/P erweitert. 1906 weitere Änderung der Disposition. 1908/09 Neubau des Werks durch P. Furtwängler & Hammer (Hannover), 20 II/P, pneumatische Traktur. 1971/73 Neubau des Werks durch Hermann Hillebrand (Altwarmbüchen), 9 (14) II/aP, mechanische Traktur, Schleifladen; BW ist vakant (2013).15

Geläut

Zwei LG, I: d’ (Bronze, Gj. 1872, J. H. Bartels, Hildesheim); II: f’ (Bronze, Gj. 1796, J. George Krieger, Breslau; Patenglocke aus Kreuzberg/Schlesien16). – Früherer Bestand: 1553 sind drei, 1593 nur noch zwei Glocken nachgewiesen, von denen die kleinere 1613, die größere 1698 und 1734 (durch Wilhelm Fremy) umgegossen wurde. Die 1735 bereits wieder beschädigte große Glocke wurde 1743 durch den Glockengießer Ihnke Inkes Heidefeld (Loppersum) erneut umgegossen. Nach 1870 erfolgte ein Neuguss durch Mammeus Fremy (Reepsholt). Als auch diese Glocke schadhaft war, goss die Firma J. H. Bartels (Hildesheim) zwei neue Glocken, von denen die größere 1917 zu Kriegszwecken abgeliefert wurde. Eine 1932 beschaffte Ersatzglocke der Firma Radler (Hildesheim) wurde 1942 ebenfalls abgeliefert und im Februar 1945 eingeschmolzen. Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt die Gemeinde die Patenglocke aus der Kirche von Kreuzberg/Schlesien.

Friedhof

Ein christlicher Begräbnisplatz ist schon aus der Zeit vor dem Bau der Steinkirche archäologisch nachgewiesen.17 Der Friedhof befindet sich nach wie vor auf dem Kirchhof und wurde 1938 das Grundstück der abgebrochenen Organistenwohnung erweitert.18 Eigentum der KG.

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 5 Nr. 26-27 u. 31 (Spec. Landeskons.); A 6 Nr. 2277-2278 (Pfarrbestallungsakten); A 8 (CB); A 12 d (GSuptur. Aurich); D 80 (EphA Aurich).

Literatur

A: Haiduck, Kirchenarchäologie, S. 152-155; Kaufmann, Orgeln Ostfrieslands, S. 114 f.; Kiesow, Architekturführer Ostfriesland, S. 216; Schoolmann, Altkreis Aurich, S. 55-61; Meinz, Sakralbau Ostfriesland, S. 127; Mithoff, Kunstdenkmale VII, S. 82 f.; Müller-Jürgens, Vasa sacra, S. 61.
B: Dirk Freimuth (Bearb.): 750 Jahre St. Johannes der Täufer Kirche Engerhafe, Engerhafe 2000; Theodor Klugkist: Siedlungsgeschichte des Dorfes Engerhafe, in: Friesisches Jahrbuch 1976, S. 20-40; Karl-Heinrich Marschalleck: Die Grabung in der ev.-luth. Kirche zu Engerhafe, Landkreis Aurich, in: Niedersächsische Denkmalpflege 6 (1970), S. 56-61; Manfred Meinz: Die Kirche zu Engerhafe, [Aurich 1962]; Robert Noah: Kirche Engerhafe, [Aurich 1989].


Fußnoten

  1. Theodor Klugkist: Siedlungsgeschichte des Dorfes Engerhafe, in: Friesisches Jahrbuch 1976, S. 20-40.
  2. Ostfriesisches UB I, Nr. 24.
  3. Ostfriesisches UB I, Nr. 157.
  4. Ostfriesisches UB I, Nr. 200.
  5. Ostfriesisches UB I, Nr. 404 u. 443.
  6. Ostfriesisches UB I, Nr. 630.
  7. Reershemius, Predigerdenkmal, S. 191 f.
  8. Smid, Ostfriesische Kirchengeschichte, S. 367.
  9. LkAH, L 5i, Nr. 239 (Visitation 1960).
  10. KABl. 1896, S. 54.
  11. LkAH, L 5i, Nr. 9
  12. Smid, Ostfriesische Kirchengeschichte, S. 43.
  13. Kiesow, Architekturführer Ostfriesland, S. 216.
  14. Mathies, Taufbecken, S. 121 f.
  15. LKA, G 9 B/Engerhafe (Visitation 2013).
  16. Poettgen, Glockengießer, S. 39.
  17. Marschalleck, S. 59.
  18. LkAH, D 80, Spec. Engerhafe 590.