Sprengel Lüneburg, KK Celle | Patrozinium: – | KO: Lüneburger KO von 1643

Karte wird geladen, bitte warten...
Orts- und Kirchengeschichte

Der Regierungsantritt Hzg. Georg Wilhelms, der 1665 von Hannover nach Celle übersiedelte, brachte eine starke Ausweitung der Hofhaltung im Celler Schloss mit sich. Für Hofbedienstete und Soldaten wurde ab den 1670er Jahren vor dem Westerceller Tor zwischen Schlossbezirk, Aller und Fuhse neuer Wohnraum geschaffen. Nach 1690 wurde ein Friedhof angelegt und dort 1710/20 eine Fachwerkkapelle errichtet. Bereits 1695 war auf Veranlassung Georg Wilhelms eine Schule gegründet worden. Da sich in der Stadtkirche (Celle, Stadtkirche), zu deren Parochialbezirk die Vorstadt gehörte, allmählich ein spürbarer Platzmangel zeigte, gab es ab 1718 wiederholt Eingaben wegen der Errichtung einer eigenen KG und der Bestellung eines Predigers für die Allervorstadt. Die Regierung versagte dem wegen fehlender Finanzmittel zunächst ihre Zustimmung. Eine Stiftung der aus einem wohlhabenden Celler Kaufmannsgeschlecht stammende Witwe Lucia Elisabeth Wehrenberg, geb. Herber, verwitwete Praetorius († 1749) ermöglichte schließlich die Errichtung der Prediger- und Küsterstelle sowie die Ausstattung der 1751 zur Kirche erweiterten Kapelle. Der Bau des Pfarrhauses folgte 1752 (1971 abgebrochen). Erster P. wurde der bisherige Feldprediger Carl Friedrich Kaiser († 1779). 1783 gründete P. Christian Wichmann ein Erziehungsinstitut. 1794 erhielt die KG ein umfangreiches Vermächtnis des dänischen Konferenzrats Detlev Conrad Gf. von Reventlow, der 1772 als Oberhofmeister der Kgn. Caroline Mathilde nach Celle kam und dort 1794 starb.
Neuenhäusen entwickelte sich zu einer bevorzugten Wohngegend. Der sozialen Zusammensetzung der Gemeinde entsprechend (Adel, althannoversche Beamte, Handwerker) galt die KG auch nach 1866 als ausgesprochen welfisch gesinnt.
Der Kirchenkampf wirkte sich nur wenig auf das Gemeindeleben aus. Zwei KV-Mitglieder, die den DC angehörten, gewannen kaum Einfluss. Die Zusammenarbeit zwischen KV und den P. war im Übrigen gut. P. Hermann Crome (amt. 1889–1933) war Mitglied der BK, sein Nachfolger Wilhelm Voigt (ab 1933) deren Vertrauensmann für den KK Celle.1 Auch viele Gemeindeglieder gehörten der BK an. Voigt taufte noch im August 1935 eine Jüdin mit ihren beiden Töchtern und sah sich dafür scharfen Angriffen in der NS-Presse ausgesetzt.
1965 gründet P. Gerhard Schwaegermann mit Unterstützung des Vereins für Innere Mission das Haus der Altenbegegnung. Zur Förderung der kirchlichen und diakonischen Arbeit wurde 2011 die Ev. Stiftung Neuenhäusen ins Leben gerufen.

Umfang

Die Parochie umfasste Anfangs etwa 100 der 309 vor dem Westerceller Tor gelegenen Häuser sowie die Ansiedlung Altenhäusen. Im 19. Jh. wurde sie um einige Höfe im Wietzer Bruch mit dem 1838 durch die Familie von Anderten angelegten Gut Andertenhäusen, 1831 um die Moorkolonie Adelheidsdorf erweitert.2 Die Gemeindeglieder aus Wietzenbruch wurden bereits 1940 in den neu errichteten Gemeindebezirk Neustadt II umgepfarrt, die luth. Einwohner von Adelheidsdorf mit dem 1. Januar 1960 in die neu gegründete KG Westercelle.3 Teile des Gemeindebezirks gingen am 1. April 1964 in die neu errichtete Kreuz-KG (Celle, Kreuz) ein.4 Mit dem 1. Juli 1977 wurden die süd-/südwestlich der Fuhse wohnhaften Gemeindeglieder gleichfalls in die Kreuz-KG umgepfarrt.5 Mit rund 1000 Gemeindegliedern ist die Neuenhäuser KG heute die kleinste Gemeinde des KK Celle.

Aufsichtsbezirk

Seit Gründung zur Insp. (1924: KK) Celle.

Patronat

Der Landesherr (bis 1871).

Kirchenbau

Ursprünglich barocker Fachwerkbau (1710/51). In den 1850er und 1860er Jahren nach Plänen von Conrad Wilhelm Hase zur fünfachsigen, gotisierenden Saalkirche in Ziegelmauerwerk umgebaut. Der Innenraum wird durch eine u-förmige Empore in drei flachgedeckte Schiffe gegliedert. 1910 Innenrenovierung (Schablonenausmalung; nach dem Zweiten Weltkrieg beseitigt). Bei einem Bombenangriff auf Bahnhof und Gaswerk wurden Kirche und Gemeindehaus im April 1945 in Mitleidenschaft gezogen. Die GD wurden teilweise in die Stadtkirche verlegt. Eine erste grundlegende Erneuerung der Kirche erfolgte aus Anlass des 200jährigen Jubiläums 1951/52 unter der Leitung von Dr. Sommer (AfBuK). Aus finanziellen Gründen konnte erst 1964 die Neugestaltung des Innenraums vorgenommen werden (u. a. die kriegszerstörten Fenster der Ostwand geschlossen und die Decke des Mittelschiffs abgehängt; Neugestaltung des Altarbereichs).

Fenster

Buntglasfenster, gestiftet 1910 durch die städtischen Kollegien. Davon eins an der Nordseite noch erhalten („Eins aber ist not“ nach Lk 10,38–42). In der Turmhalle ein Fenster mit dem Petrus-Hahn.

Turm

Das Geläut befand sich ursprünglich in einem (später abgebrochenen) Glockenhaus auf dem Friedhof. 1866 erhielt die Kirche einen neugotischen Glockenturm (Baumeister Heyer, Celle). Der ursprünglich massiv gemauerte Helm musste wegen Bauschäden bereits 1891/92 abgenommen werden und wurde durch eine verschieferte, seit 1977 kupfergedeckte achtseitige Spitze mit Seitengiebeln und Ecktürmchen ersetzt.

Ausstattung

Die Kirche erhielt 1751 einen barocken Kanzelaltar, der im Zuge der Umgestaltung durch Conrad Wilhelm Hase einem neugotischen Retabel weichen musste. 1964–1969 wurden Altar (Tischaltar aus Osterwalder Sandstein), Taufe (1969, aus Obernkirchener Sandstein und Bronze) sowie das Lesepult (1969) von Karlheinz Hoffmann neu geschaffen. Von Hoffmann stammt auch das Kruzifix an der Wand hinter dem Altar (1964). – Vom alten Kanzelaltar ist der farbig gefasste Kanzelkorb erhalten (jetzt seitlich aufgestellt) sowie die spätbarocken Apostelfiguren (um 1750) auf Konsolen an den Emporenbrüstungen. Ein Kruzifix des Barockaltars befindet sich jetzt im Leichenraum der neben der Kirche gelegenen Kapelle. – Aus dem neugotischen Altar wurde das ehemalige Altarbild „Christus am Kreuz“ von Gustav Adolf Schmidt (Celle) restauriert und wieder in der Kirche aufgehängt. – Wanddenkmal/Gefallenenehrung mit kämpfendem Engel von Erich Klahn (1948). – Grabstein der Catarina Marlena Heinen († 1747, sogenannter Kinderstein). – In der Südwand der Turmhalle Grabplatte der Eheleute Praetorius-Wehrenberg (um 1749).

Orgel

1756/57 Neubau durch Johann Georg Stein des Älteren (Uelzen), 9/aP, mechanische Traktur, Schleifladen. 1829/30 abgebaut und nach Knesebeck verkauft (später nach Steinhorst, wo das Gehäuse noch erhalten ist). 1829/30 Neubau durch Heinrich Lohstöter (Celle-Blumlage), 18 II/P (HW, OW), mechanische Traktur, Schleifladen. 1910 Neubau durch P. Furtwängler & Hammer (Hannover) hinter dem Prospekt von Lohstöter, 26 (davon 2 Transmissionen), II/P, pneumatische Traktur, Taschenladen. 1917 Ausbau der Prospektpfeifen. 1929 Reinigung und Einbau neuer Prospektpfeifen durch P. Furtwängler & Hammer (Hannover). 1952 Instandsetzung und Änderung der Disposition durch Firma Herm. Hillebrand, 24 (davon 2 Transmissionen) II/P, pneumatische Traktur, Taschenladen. 1983 Neubau durch Jürgen Ahrend (Leer-Loga) hinter dem historischen Prospekt, 17½ II/P, mechanische Traktur, Schleifladen. Beim Neubau wurde auch Pfeifenmaterial von 1829/30 und 1910 wieder verwendet. Einweihung 31. Juli 1983. – Eine weitere Orgel in der Sakristei/Taufkapelle/FKap: 1966 Neubau durch Firma Schmidt & Thiemann (Hannover), 3 I/–, mechanische Traktur, Schleifladen.

Geläut

Drei LG, I: f’ (Bronze, Gj. 1961, Friedrich Wilhelm Schilling, Heidelberg); II: g’ (Bronze, Gj. 1927, Gebrüder Rincker, Sinn); III: b’ (Bronze, Gj. 1961, Friedrich Wilhelm Schilling, Heidelberg). – Eine SG: c’’’ (Bronze, 20. Jh.). – Früherer Bestand: 1753 wurde durch den Bauern Baltzer Albrecht Hornbostel aus Altenhäusen eine Glocke gestiftet und durch den Celler Stückgießer Johann Meyer gegossen (aufgehängt in einem hölzernen Glockenträger). Sie wurde 1893 eingeschmolzen, als für die Gemeinde unter finanzieller Beteiligung des Hzg. von Cumberland bei der Firma Radler (Hildesheim) zwei neue Glocken beschafft wurden. Eine Glocke aus der Stiftung des Hzg. wurde 1917 zu Rüstungszwecken abgeliefert, die andere im Zweiten Weltkrieg. Eine Glocke war 1927 als Ersatz für die im Ersten Weltkrieg abgelieferte Glocke gegossen worden. Sie blieb erhalten.

Weitere kirchliche Gebäude

1897 übereignete die Kommune der KG das alte Schulhaus (jetzt Küsterhaus, ältestes Haus im Besitz der Gemeinde). 1900 wurde ein Konfirmandensaal errichtet. 1930 erwarb die Gemeinde das Gemeindehaus Breite Straße 22.

Friedhof

In Trägerschaft der KG. Der Friedhof wurde 1689 angelegt und im 18. Jh. mehrfach erweitert. Das Eigentum wurde 1897 durch den Magistrat der KG übertragen. Weitere Erweiterung 1936. FKap (Bj. 1963, Architekt: Wolf Dieter Wockenfuß; Altarkreuz und Leuchter aus Bronzeguss von Karlheinz Hoffmann, 1962; Glasfenster, Lesepult, Antependien und Taufe von Hubert Distler, 1962). Das kulturhistorisch bedeutende sogenannte Adelsfeld, auf dem Angehörige des Hofs, Beamte, Militärpersonen, wohlhabende Bürger und geistliche Würdenträger beigesetzt wurden, gilt mit seinen 163 gemauerten Grüften als größtes geschlossenes Plattengräberfeld in Norddeutschland (Instandsetzung ab 2007).

Landeskirchliches Archiv Hannover

A 1 Nr. 1785–1795 (Pfarroffizialsachen); A 9 Nr. 384–387 (Visitationen).

Literatur

A: Leenders, Entwicklung, S. 15–17; Mithoff, Kirchen und Kapellen Lüneburg, S. 369; Pape, Orgeln Celle, S. 40–45 und 93–103.
B: Mijndert Bertram: Christen, Kirchen und Gemeinden in Celle während der NS-Zeit – Fragmente eines Bildes, in: Kirche in Celle. Beiträge zur Kirchengeschichte, Celle 1992, S. 157–178; Andreas Flick u. a.: Die Westerceller Vorstadt. Celles barocke Stadterweiterung. Geschichte und Bauten, Celle 2010; G. J. Meyer: Zur Geschichte der Neuenhäuser Kirche vor Celle, Celle 1851; Carla Meyer-Rasch: Neuenhäuser Kirche, Pfarre und Friedhof in zwei Jahrhunderten, 1751–1951, Celle 1952; F. R. Sänger: Der Neuenhäuser Friedhof in Celle, in: Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen 4/1993, S. 149–151; Gerhard Schwaegermann: Celle Neuenhäusen. Ein Leitfaden durch Geschichte und Gegenwart, Celle 1983; Andreas Ströbl und Dana Vick: Das Adelsfeld auf dem Neuenhäuser Friedhof in Celle, in: Archäologie in Niedersachsen 15 (2012), S. 145–148.


Fußnoten

  1. Bertram, S. 158 und 163.
  2. Meyer, S. 34.
  3. KABl. 1959, S. 165.
  4. KABl. 1964, S. 61.
  5. KABl. 1977, S. 110.